Pretty Little Liars 1x22

Eines vorweg: Pretty Little Liars ist der Inbegriff einer Guilty-Pleasure-Serie. Wenn man einen Moment zuviel ĂŒber die Stimmigkeit der Handlung nachdenkt, droht das ganze sogenannte Murder-Mystery wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Doch als Serienjunkies sind wir zum GlĂŒck auch in der Lage, uns gelegentlich einfach nur berieseln zu lassen und Fernsehunterhaltung zu genieĂen, selbst wenn es mit Dingen wie Logik hakt oder uns Dinge penetrant unter die Nase gerieben werden.
Damit kommen wir zu For Whom the Bell Tolls, dem zwar nicht herausragenden, aber soliden Finale der ersten Staffel, dem vorerst letzten Synchronlesewettbewerb. Nach einer ereignislosen ersten HĂ€lfte passierte einiges Schlag auf Schlag.
Emily (Shay Mitchell), Hanna (Ashley Benson), Spencer (Troian Bellisario) und Aria (Lucy Hale) halten mit dem von Allison versteckten Video wieder einmal eine rauchende Pistole in der Hand, die sie jedoch lieber instrumentalisieren anstatt sie zur Polizei zu bringen. Es entlarvt Ian (Ryan Merriman) endgĂŒltig als Spanner. Viel interessanter - und verstörender - ist jedoch etwas anderes, was auf dem Video zu sehen ist: wie Jenna (Tammin Sursok) ihren Stiefbruder Toby (Keegan Allen) zum Sex erpresste. Man schĂŒttelt sich einmal und ist froh, dass die MĂ€dchen den Laptop schnell wieder zuklappen.
Mit dem neuen Wissen fĂŒhlen die Liars Jenna auf den Zahn, aber erst nachdem Spencer - die einzige Proaktive in dieser Bande von kleinen Feiglingen - sie ĂŒberredet, in die Offensive zu gehen. Und es lohnt sich, denn das Video entpuppt sich als Allisons Versicherung, um The Jenna Thing zu vertuschen - und Jenna aus der Stadt zu jagen. Erst bei Allisons Beerdigung tauchte diese wieder auf, ein Jahr also nach Allis Verschwinden. Jenna dĂŒrfte damit als Mörderin ausscheiden.
Ian hingegen scheint verdĂ€chtiger denn je, und so entschlieĂt sich das Quartett in dieser Episode, ihn mit einem Trick zu ĂŒberfĂŒhren. Per anonymer SMS erpressen die MĂ€dchen ihn, um dann ihrerseits ein Filmchen zu drehen, das ihn entlarvt. Nur dass der Plan schief geht - wie bislang eigentlich jedes Mal, wenn die vier etwas ach so Cleveres ausheckten. Nicht nur A, sondern auch Ian und Jenna scheinen den Freundinnen immer einen Schritt voraus zu sein.
Anders als uns die Autoren mit ihren zusammengeschnittenen Szenen zunĂ€chst weismachen wollen, stecken die beiden jedoch nicht unter einer Decke. Unter der ist gar kein Platz, da dort neben Jenna bereits Officer Garrett Reynolds (Yani Gellman) liegt. Derselbe, der in der vorherigen Folge Ezra (Ian Harding) auf den Zahn fĂŒhlte und den MĂ€dchen versprach, er sei auf ihrer Seite.
Es kommt etwas unvermittelt daher, dass der gerade erst eingefĂŒhrte Character Garrett so tief in die Leben aller verstrickt wird. Doch die Autoren scheinen die Handlung so zu drehen, dass sich damit in der nĂ€chsten Staffel rechtfertigen lĂ€sst, warum die Liars nicht endlich bei der Polizei reinen Tisch machen.
Denselben Effekt hat auch die finale Szene: In einer erwartbaren Wendung taucht Ian statt mit einem Koffer voller Geld bei Hanna, Aria und Emily im Wald in der Kirche auf, wo er Spencer ĂŒberfĂ€llt. Die Gute hat damals bei „Scream“ wohl nicht aufgepasst, als die Grundprinzipien eines jeden Horrorfilms erklĂ€rt wurden, und rennt erst einmal die Treppen zum Glockenturm rauf, wo sie Ian vollkommen ausgeliefert ist. Am Telefon hören die anderen mit an, wie Ian (mehr oder weniger) gesteht und Spencer maltrĂ€tiert. Gerade als er sie in die Tiefe stĂŒrzen will, taucht eine Gestalt - vermutlich A - aus dem Nichts auf und macht Ian scheinbar ein Ende.
Nur ist dessen Leiche plötzlich verschwunden, als die Polizei in der Kirche ankommt, und die Freundinnen stehen wieder einmal wie LĂŒgnerinnen da. Lebt Ian noch oder hat A ihn bloĂ verschwinden lassen? Hoffen wir, dass es letzteres ist, denn diese Serie kann wahrlich nicht noch einen Kapuzenpulli-tragenden Anonymous gebrauchen, der den Hauptfiguren im Schatten auflauert.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Eifersucht werfen
Nebenbei vergisst „Pretty Little Liars“ nicht das private Teenie-Drama: WĂ€hrend Spencer und Toby sich als Ruhepol zwischen all den Paaren erweisen, spielt der plötzlich wieder auftauchende Lucas (Brendan Robinson) Amor und holt Caleb (Tyler Blackburn) zurĂŒck nach Rosewood. Das Happy End mit Hanna wird aber fĂŒr die nächste Staffel aufgespart. Emily hat ganz andere Probleme, und damit meine ich nicht, dass sie schon angesichts einer schnöden E-Mail-Zeile ihrer neuen Angebeteten kichert wie ein kleines MĂ€dchen, obwohl sie auch an ihren BeziehungsfĂ€higkeiten definitiv noch arbeiten muss. Nein, ihre Mutter will obendrein mit ihr die Stadt verlassen, was sich nicht so recht in diese Episode fĂŒgen will.

Unterdessen verliert Aria durch ihre EifersĂŒchteleien wieder allen Respekt beim Publikum. Als sich ihre Figur gerade reif genug verhĂ€lt, um eine Beziehung mit einem Ă€lteren Mann glaubhaft zu machen, taucht Ezras (Ian Harding) Ex-Verlobte auf und weckt die Teeniezicke in Aria. Dank Jobwechsel dĂŒrfte die Heimlichtuerei, die sich mittlerweile totgelaufen hat, in der nĂ€chsten Staffel also von einem Liebesdreieck abgelöst werden.
In bester „Pretty Little Liars“-Manier wirft das Staffelfinale mehr neue Fragen auf als beantwortet werden. Nun wissen wir zwar, dass Jenna nicht fĂŒr Allisons Tod verantwortlich ist, aber trotz seines Semi-GestĂ€ndnisses scheint auch Ian nicht der TĂ€ter zu sein. Er behauptet, es sei ein Unfall gewesen, dass Allison gestĂŒrzt sei. Doch sowohl das Obduktionsergebnis als auch das Video aus dem Wald widersprechen dem.
Meine Theorie: Spencers Schwester ist die Mörderin. Sie folgte Ian in jener Nacht, fand heraus, was zwischen ihm und Allison lief und nahm die Sache selbst in die Hand. Sagte er nicht sogar kurz vor seinem vermuteten Ableben „Melissa would want me to take care of this. She'll understand.“? Und wenn man Torrey DeVitto engagiert, dann tut man das in dem Wissen, wie schön soapig sie in One Tree Hill zwischen nettem NachbarsmĂ€dchen und Psychopathin hin- und herwechselte. Dass sie in For Whom the Bell Tolls angefahren wurde und damit kurzzeitig aus dem Spiel war, wirkt in diesem Licht wie ein Ablenkungsmanöver.

Wer ist denn nun A?
All die MutmaĂungen darĂŒber, wer Allison auf dem Gewissen hat, bringt die Antwort auf eine andere Frage jedoch kein StĂŒck nĂ€her: Wer ist A? Wie erwartet, erfahren wir dies im Staffelfinale nicht, auch wenn das Auftauchen von Mr. Kapuzenpullover Noel (Brant Daugherty) vor der Kirche die Spekulationen wieder anheizen dĂŒrfte. Das BuchstabenrĂ€tsel ist die Mother von Pretty Little Liars. ABC Family wĂŒrde der Serie wohl den Geldhahn abdrehen, wĂŒrde sie die Quote an Simultan-SMS-Vorlesen-und-entsetzt-Gucken nicht mehr erreichen.
„It's not over until I say it is. Sleep tight while you still can, bitches“, verabschiedet sich das Phantom am Ende der Folge, nachdem es mutmaĂlich erst Spencer das Leben rettete und dann Ians Leiche verschwinden lieĂ. As Vorsprung scheint eher gröĂer als kleiner zu werden, was zwar eine gewisse Spannung garantiert und einen netten Cliffhanger abgibt, aber so langsam doch selbst fĂŒr eine Guilty-Pleasure-Serie unrealistisch wird.
Vielleicht sollten die MĂ€dchen mal anfangen, ihre Zimmer ernsthaft nach Kameras und ihre Telefone nach Wanzen abzusuchen. Oder bei der Fringe-Division anfragen, ob A ein gesuchter Gedankenleser ist.
Verfasser: Carolin Neumann am Dienstag, 22. MĂ€rz 2011(Pretty Little Liars 1x22)
Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 1x22
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?