Preacher 2x11

© zenenfoto aus der „Preacher“-Episode „Backdoors“ / (c) AMC
Die Autoren der Serie Preacher machen es sich nicht leicht. Backdoors ist wieder eine Episode, die wahrscheinlich gerne besser wäre, als sie im Endeffekt ist. Ambitionierte Inhalte aus der Comicvorlage werden eingeführt, bisweilen unsagbar viel Zeit mit Wiederholungen verplempert und oftmals ein Schritt nach vorne, aber direkt wieder zwei zurück gemacht.
What's your name?
Der Prolog der Episode blickt diesmal in Jesses Kindheit, besser gesagt auf die Zeit, kurz nach dem Tod seines Vaters. Jesse wird von seiner sadistischen Großmutter (Julie Oliver-Touchstone) in eine Holzkiste gesperrt und im Sumpf versenkt, bis er seinem alten Namen Custer abschwört und den seiner Oma annimmt: l'Angell. Offenbar stammt daher die Idee, den Saint of Killers im Sumpf zu versenken, weil dieses Kindheitstrauma verständlicherweise eines der schlimmste seines Lebens ist.

Später erfahren wir, dass diese Tortur funktioniert. Welche andere Wahl bleibt dem Jungen aber auch? Der Tod in der Kiste?
Die Geschichte rund um das Leben bei beziehungsweise die Rückkehr zu seiner Großmutter nimmt in den Comics einige Ausgaben ein und ich würde gerne sehen, ob auch die Serie sich damit noch beschäftigen wird. Einige der Figuren aus ihrem Dunstkreis nehmen in der Hauptcomicreihe und der einen oder anderen Miniserie nämlich prominente Rollen ein.
Aktuell gibt es noch keine Bestätigung für eine dritte Staffel, weswegen ich mich frage, ob es bei Rogen, Goldberg und Co einen Plan gibt, sollte es zum abrupten Ende kommen. Immerhin sind es mehr als 70 Hefte, die adaptiert werden wollen... Wobei man es damit ja nicht so eng sieht und Figurendebüts, wie bei Odin Quincannon und Herr Starr (Pip Torrens) frei hin- und herschiebt, andere Dinge, wie den Grail offenbar strafft, während man meint, Hitler (Noah Taylor) zu einer wichtigen Figur erheben zu müssen. Aber dazu an gegebener Stelle mehr.
Wo ist der Saint?
Weil Tulip (Ruth Negga) inzwischen herausgefunden hat, dass Jesse (Dominic Cooper) sie bezüglich des Killers angelogen hat, wird das Auto, in welchem er im Sumpf versenkt wurde, geborgen. Das regt Tulip nachvollziehbarerweise tierisch auf, da diese deswegen in jüngster Vergangenheit durch die PTBS-Hölle gegangen ist. Wegen seines Gewissens und dem Vorfall mit Eugene (Ian Colletti) konnte er nicht mit ansehen, dass noch eine Seele in die Hölle verbannt wird. Er ist überzeugt, dass der Killer-Cowboy nicht fliehen kann - doch: Was ist, wenn er gar nicht da ist?
Dafür hat nämlich der Grail gesorgt und das Auto wohl schlichtweg ausgetauscht und den Saint of Killer versteckt. Davon ahnt unser Trio aber natürlich nichts und sorgt sich nun, wo der Feind stecken könnte. Dabei geht man sich beinahe an die Gurgel, denn Tulip fragt, warum Jesse die Suche nach Gott so wichtig und er so selbstsüchtig ist. Dabei hat sie Recht: Cassidy und sie würden alles für Jesse tun. Egal, ob es nun zum Beispiel der Roadtrip ist, wobei ein gemeingefährlicher Cowboy mehrfach versucht hat sie umzubringen, während Jesse sein Ding durchzieht.
Tulip hat aber auch ihre Ehe, die sie vor Jesse geheim hält. An Cassidy nervt Jesse außerdem wohl, was er mit seinem Sohn Denis getan hat, dabei bringt ihn ein kläffender Hund auf die Idee, dass der Hundemensch aus der ersten Episode der Staffel womöglich Gott gewesen sein könnte. Eine Bestätigung für diese Vermutung gibt die Folge jedoch nicht her.
The Grail sucht den Super-Gott
Starrs Plan bleibt bestehen: Er will den unfähigen Trottelmessias Humperdoo gegen Jesse austauschen, auch wenn der noch nicht zustimmt, woran ersterer aber noch arbeitet. Als Jesse ihn mit Genesis fragt, ob der Hundemensch Gott gewesen ist, kann er ihm das nicht sagen, weil er es offenbar nicht weiß.
Der kann allerdings verstehen, dass man sich als Schöpfer von allem irgendwann mal zurückziehen möchte. Was Jesse eigentlich genau von Gott will, ist uns bislang als Zuschauer tatsächlich nicht klar. Starr meint, dass er Vergebung möchte und kann diese These belegen. Denn über die Grail-Ressourcen hat er Aufnahmen von Jesses gesammelten Gebeten auftreiben können, die er ihm vorspielt.
Es ist eine ellenlange Liste von Sünden, für die Jesse um Vergebung bittet. Von Raub, über Körperverletzung, bis hin zu Mord ist alles dabei, was man sich vorstellen kann. Es ist paradox, dass ein so wütender und gewaltbereiter Mann wie Jesse sich also seinen Beruf ausgesucht hat. Doch seine größte Verfehlung, die ihm auf der Seele lastet, ist der Tod seines Vaters, für den er sich die Schuld gibt, auch weil er irgendwann unter dem Druck der Großmutter eingebrochen war.
Herr Starr könnte Recht haben, aber überzeugt ist Jesse nicht - im Gegenteil, er veranlasst seinen Gegenüber durch seine Fähigkeit, sich die Aufnahmen in den Allerwertesten zu schieben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Ablehnen der Zusammenarbeit sorgt dann dafür, dass Starr Jesse den Krieg erklärt und den Saint of Killer freilässt, wobei man sich nicht darauf verlassen sollte, dass er nach der Pfeife von irgendwem tanzen wird.
Hell is for Hitler

In der Hölle wird weiter nach demjenigen gesucht, der dort nicht hingehört. Eine Prozedur, die Tyler meistert, Eugene aber vor Probleme stellen könnte. Also zwingen sie Hitler dazu, ihnen zu helfen. Doch zunächst muss aus unerklärlichen Gründen noch einmal das komplette Hitler-Szenario wiederholt werden, das durch Eugene und Tyler als Zaungäste ergänzt wird und immer ein paar neue Details liefert, am Ende aber auf Kritik an seiner Kunst, dem Verlassenwerden und dem Wegessen eines Pflaumenkuchens durch einen Juden heruntergebrochen wird.
Bereits zum dritten Mal meinen die Serienmacher, dass sie eine bereits bekannte Szene in voller Länge wiederholen müssen (zuvor hatten wir das bei der Hintergrundstory des Saint of Killers und bei Eugenes Verwandlung zu Arseface) und erneut frage ich mich, was das soll.
Rekontextualisieren ist ja schön und gut - aber dann gleich noch mal fast genau das Gleiche zeigen? Ich habe selten so viel Redundanz in einer Serie gesehen. Sind es Kostensparmaßnahmen? Denn auf einer narrativen Ebene ergibt das Ganze keinen Sinn, außer, wenn man glaubt, dass die Zuschauer nur sporadisch dabei sind. Für mich ist das zudem eine große Zeitverschwendung, denn die Höllenstoryline und die Involvierung von Hitler hat mir noch nicht sonderlich zugesagt. Die Vorlage birgt so viele interessante Figuren und Antagonisten und dann muss man sich einer viel zu überstrapazierten Figur widmen und ihr so viel Screentime schenken, mit der verfehlten Intention, sie sympathisch erscheinen zu lassen.
Während Tyler Hitler für das Gesehene aufzieht, hat Eugene Mitleid mit ihm und möchte seine Fluchthilfe durch die Hintertür wahrnehmen - und gemeinsam fliehen sie durch das Loch ins Ungewisse.
Zauberwaffen

Apropos verschwendete Zeit: Cassidy (Joseph Gilgun) hat in dieser Episode eigentlich rein gar nichts zu tun. Tulips Geschichte rund um die mysteriösen Waffen des Saints, die sich weder abfeuern noch schmelzen lassen, ist zwar durchaus interessant, weil sie für ein „WtF“-Gefühl sorgt und die Interaktion mit Jenny/Featherstone in meinen Augen zu den Höhepunkten gehört. Aber das kann den Gesamteindruck dieser Episode auch nicht retten.
Jennys Drohungen gegen den Metallschmelzer jedenfalls haben es in sich. Ich mag, wie sie zwischen Unschuld vom Lande und bedrohlicher Powerfrau innerhalb weniger Sekunden umschaltet. Tatsächlich befände ich - bei aller Liebe zu Ruth Negga - die Featherstone-Darstellerin Julie Ann Emery auch für keine schlechte Tulip, die mit der richtigen Perücke auch optisch recht nah am Comic wäre... Negga ist eine tolle Darstellerin, die Arbeit der Autoren lässt in Staffel zwei bei ihr aber stark zu wünschen übrig.
Fazit
Die Episode Backdoors ist für mich eines der bisherigen Lowlights der Serie. Die fahrlässige Verschwendung von Zeit, das verschenkte Potential von Figuren und das Fehlen von Over-the-Top-Action, frustrieren mich aktuell. Gerade in Bezug auf die Action oder die „WtF“-Momente hat die Serie in der Vergangenheit bewiesen, dass hier mehr zu holen ist. Damit möchte ich nicht für einen inflationären Gebrauch davon plädieren, aber gerne ein oder zwei Szenen pro Folge oder alle zwei Folgen. Ich denke nicht, dass das zu viel verlangt ist.
Ein enormes Problem ist einfach, dass der Kern der Serie, das zentrale Trio, momentan nicht stattfindet, sondern jeder sein eigenes Süppchen kocht. Vielleicht soll das genau der Plan vom Grail sein, sie zu trennen und so schwach zu machen, aber dadurch verlieren die Einzelspieler tatsächlich ihre Motivation, ihren Drive und auch ihre spannenden Facetten.
Vielleicht kriegt die Serie noch die Kurve, bevor es ins Staffelfinale geht. Zwei Chancen dazu hat sie noch.
Trailer zur Episode On Your Knees (2x12) der US-Serie Preacher:
Verfasser: Adam Arndt am Dienstag, 29. August 2017Preacher 2x11 Trailer
(Preacher 2x11)
Schauspieler in der Episode Preacher 2x11
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