Preacher 1x06

In der sechsten Episode von Preacher gibt es einige Antworten, die uns die Macher schuldig waren und die im Comic an einer ganz anderen Stelle und in einem ganz anderen Kontext erfolgen. Dennoch dürfte die Folge Sundowner bei vielen Zuschauern allein durch die erste Viertelstunde schon die beste seit dem Piloten sein.
Durch Fiore (Tom Brooke) und DeBlanc (Anatol Yusef) erfahren wir nämlich, was da von Jesse Custer (Dominic Cooper) Besitz ergriffen hat. Nein, es ist nicht Gott, das haben wir auch schon in der vorherigen Episode vernommen. Aber was dann? Die Antwort lautet Genesis und es ist die Brut eines Engels und eines Dämonen, die ein Kind miteinander gezeugt haben. Laut beiden ist es das mächtigste Wesen überhaupt und sie sind die Wächter darüber. Dennoch gelang die Flucht und die Verschmelzung mit dem Priester. So viele Antworten wie in diesen ersten Minuten gab es in den Folgen zuvor noch lange nicht. Immerhin sind wir nun etwas schlauer und nach vielen Antworten gibt es auch reichlich Action.
Denn die beiden Himmelsagenten sind nicht die einzigen, die es darauf abgesehen haben, auch eine Seraphim hat Interesse, Genesis in die Finger zu kriegen, wird jedoch von dem Trio mit aller Kraft abgehalten. Die Angreiferin sieht zunächst wie eine ganz normale Frau aus, entpuppt sich jedoch bald als knallharte und mit Wiederauferstehungskräften ausgestattete Kreatur aus dem Himmel (sie ist Mitglied der Angels of the First Order).
Für den direkten Draht zu Gott, braucht man übrigens auch „Angel Hands“, also wird die Apparatur kurzerhand zerstört und der Kampf im Hotelzimmer ausgetragen. Es gilt, das Geheimnis rund um Genesis zu bewahren, doch dazu hat Jesse wenig Lust. Dafür wirft er sich zusammen mit den beiden in den Kampf, der neue Extreme präsentiert. Aufgrund der Unsterblichkeit von drei der vier Beteiligten verwandelt sich das Zimmer bald in ein Schlachtfeld, in dem sich die Leichen der Himmelsagenten türmen, da diese nicht einfach verschwinden, sondern liegen bleiben. Das Geheimnis dabei ist, den Gegner nicht zu töten, sondern ihn irgendwie unschädlich zu machen und zu fesseln, denn sonst respawned dieser wie ein Videospielcharakter fast an Ort und Stelle. Anders herum gilt es, Teamarbeit zu leisten, denn der blonde Gegner ist ein äußerst fähiger Widersacher.
Die Situation erinnert ein wenig an den Kampf der Protagonisten aus Filmen von Edgar Wright. Denn hier wird alles, was geht, als Waffe umfunktioniert (beispielsweise ein Bügeleisen). Zufällig kommt auch Cassidy (Joseph Gilgun) dazu und glaubt zu helfen, als er die Gegnerin umbringt, während sie nur versuchen, sie kampfunfähig zu machen. Also noch einmal für einige Runden und weitere leblose Körper in die Arena, bis es schließlich doch noch gelingt.

Die Wahl, aus dem Kampf herauszuzoomen und nur die Geräusche für sich sprechen zu lassen, hat etwas von einem Live-Action-Cartoon, ist aber ziemlich amüsant. Denn irgendwann erreicht man auch einen Sättigungspunkt, wo man die Kämpfe nur noch schwer toppen kann. Nach getaner Arbeit weigert sich Jesse, seine Gabe herauszurücken und benutzt sie, um seine beiden himmlischen Kampfgefährten auf Distanz zu halten. Er meint, dass Gott sich Genesis selbst holen solle. Doch noch geben sie nicht auf und haben wohl noch ein Ass im Ärmel. Vielleicht jemanden, den wir schon öfter gesehen haben?
Im Anschluss gibt es noch eine kleine „Pulp Fiction“-Referenz, als es darum geht, die blutige Kleidung zu reinigen. Das ist ein kleines Augenzwinkern an die Einflüsse, die ab und an in der Serie nicht zu leugnen sind, wobei Tarantino und Comicschöpfer Garth Ennis parallel wirkten, als „Preacher“ entstand. Außerdem erfährt Cassidy ein paar Infos zu den Tattoos des Geistlichen, wovon eins eine Tulpe aka Tulip ist. Während das andere von einer alten Frau stammt, die wir im Verlauf der Serie wohl noch zu sehen bekommen werden (Stichwort Marie L'Angelle)...
Eugenes neue Welt

Eugene (Ian Colletti) erlebt derweil die Veränderungen durch Jesses Eingreifen am eigenen Leib. Plötzlich meiden die Mitschüler ihn nicht mehr und laden ihn gar zur Freizeitbeschäftigung nach der Schule ein. Dort nehmen die Jungs einen unheimlichen kleinen Tunnel in Augenschein und lassen dort ein paar Feuerwerkskörper hochgehen. Eugene findet das schön, möchte aber insgeheim sein altes Leben wieder, denn er glaubt, dass der Priester ihn auf unehrenhafte und sündige Weise geholfen hat. Er fordert gar, dass er die Hilfe zurücknehmen soll.
Jesse findet das jedoch undankbar und glaubt, dass er der ganzen Stadt aus der Misere helfen kann (wenn er nur wüsste, was er teilweise schon angerichtet hat). Als er genug von Eugenes Opposition und Widerworten hat, befiehlt er ihm, zur Hölle zu fahren. Tatsächlich passiert etwas mit dem Jungen, doch was genau, können wir momentan nur erahnen. Denn es wirkt so, als verschwinde er tatsächlich wie vom Erdboden verschluckt und nur das Programmheft bliebe übrig. Das würde mit der Anmerkung der beiden Genesis-Wächter zusammenpassen, die die Gabe als übermächtig beschrieben haben. War es das für Arseface?
Jesse's Girls
Die fleißige Emily (Lucy Griffiths) wird von der Krankheit ihrer Tochter aus der Bahn geworfen, die natürlich bemuttert werden möchte. Da passt es ihr nicht in den Kram, dass Tulip (Ruth Negga) versucht, ihr Revier zu markieren und Jesse für sich zu beanspruchen. Nebenbei macht sie noch das „Art Thing“ der Kinder kaputt. Emily lässt sich das nicht gefallen und konfrontiert sie. Schnell bereut Tulip ihre Handlung und bietet an, es wieder geradezubiegen. Sicherlich auch mit der Intention, mehr über die alleinerziehende Mutter, Kirchenmanagerin und Kellnerin zu erfahren.
Man sieht den Neid in Tulips Augen - auch wenn sie alleinerziehend ist, genau so ein Leben scheint sie sich ab und an zu wünschen. Darum kommen sich beide Frauen auch schnell näher, während Tulip anbietet, sich um die Tochter zu kümmern, damit Emily Kirchenarbeiten machen kann, kriegt sie den Deal erst, als sie es andersherum strukturiert. Nebenbei kommt heraus, dass Tulip wohl auch mal ein Kind hatte, was auch erklären würde, warum sie sich so hilfsbereit zeigt. Dass sie ganz gut mit Kindern kann, haben wir ja schon im Piloten gesehen.
Emily freut sich jedenfalls, die Kirchenaufgaben zumindest temporär abzugeben und erklärt ihr detailliert, was sie machen soll. Dies führt dazu, dass sich ihre Wege mit denen Cassidys kreuzen und beide begreifen, dass Jesse ein verbindendes Glied darstellt, wobei Tulip Cassidy klar an der langen Leine hält und ihr Schäferstündchen wohl schnell für einen Fehler hält.
You don't have to go home but you can't pray here

Bürgermeister Miles (Ricky Mabe) steckt in einem ganz anderen Dilemma. Er hat bezeugt, wie ein anscheinend geläuterter Odin Quincannon (Jackie Earle Haley) die Damen und Herren von der Konkurrenz von Green Acres auf brutale Weise erschossen hat und muss das nun ausbügeln. Dabei fragt er sich, ob er geständig sein soll, was aber ihn als Nächstes in die Schussbahn rücken würde, oder ob er den Fleisch- und Energiemagnaten deckt, so aber sündigt und das Monster füttert. Jesses Rat ist, dass er für Anweisungen beten soll, doch ob das in einem Fall hilfreich ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn irgendwie wäre das wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Im Endeffekt entschließt sich Miles dafür, einen Unfall vorzutäuschen, bei dem die Leichen durch Feuer entstellt werden und so seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Fragt sich nur für wie lange...
Kurzer Comicexkurs - Spoiler möglich
Zufälligerweise habe ich kürzlich die Comicvorlage wieder zurate gezogen und dabei auch den Teil rund um die Entstehung von Genesis gelesen, der dort an einer gänzlich anderen, späteren Stelle erklärt wird und dann auch von einer anderen Figur als in der Serie. Dabei merkt man wieder, wie sehr sich die Autoren von der Vorlage entfernt haben und ihre eigenen Wege gehen.
Gleichzeitig ist mir aufgefallen, wie viel extremer, expliziter und krasser die Comicvorlage doch ist. Auch im Vergleich zu einer Folge, die solch eine heftige Eröffnungssequenz bietet. Wenn in den künftigen Staffeln auch nur ein Drittel der Ereignisse der Comicreihe auf den Bildschirm gebracht werden, wäre ich beim aktuellen Tempo und der generellen Ausrichtung der TV-Serie doch sehr überrascht - manche Inhalte sind selbst fürs Kabelfernsehen eben doch noch zu derb. Seit kurzem steht fest, dass es mit einer diesmal 13-teiligen zweiten Staffel weitergehen wird, womit man nun noch mehr Zeit hätte, einige Dinge aus den Comics unterzubringen.
Fazit

Starker Auftakt, etwas mäandernde Mitte und zwei durchaus interessante Entwicklungen am Ende machen die Folge Sundowner zu einem überdurchschnittlich guten Kapitel der Preacher-Saga. Einige Antworten rund um „Genesis“ befriedigen ungeduldige Zuschauer, während es wieder ein paar Teaser für die Comicfreunde gibt und wir gemeinsam mit Jesse weiterhin die Grenzen seiner Kraft ausloten.
Mir scheint es, als wolle man diese zuerst ein Stück weit definieren, ehe man bereit ist, Annville und deren Einwohner hinter sich zu lassen und auf den großen Roadtrip zu gehen, der der Vorlage viel seiner Spannung und Einzigartigkeit gegeben hat. Nach aktueller Lage dürfte es also Odin sein, der in Staffel eins als großer Widersacher herhalten muss. Hier sind uns die Autoren die Antwort darauf schuldig, warum er sich der Macht um Genesis entziehen kann.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 4. Juli 2016(Preacher 1x06)
Schauspieler in der Episode Preacher 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?