Person of Interest 5x10

Person of Interest 5x10

Kurz vor dem Serienfinale feiert Person of Interest ein rundes Jubiläum: The Day the World Went Away ist die 100. Folge der Serie. In jeder nur denkbaren Hinsicht ist sie ein gigantischer Wendepunkt für das Team Machine und dessen Kampf gegen Samaritan.

Shaw (Sarah Shahi, l.) im Feuergefecht mit den Samaritan-Agenten. / (c) CBS
Shaw (Sarah Shahi, l.) im Feuergefecht mit den Samaritan-Agenten. / (c) CBS

Das passiert in der Person of Interest-Folge The Day the World Went Away:

Harold Finch (Michael Emerson) ist ein Mensch. Und Menschen machen Fehler. Um mit der Maschine zu sprechen beziehungsweise ihr seine Gedanken darzulegen, setzt sich Harold in ein Straßencafé - im Blickfeld einer Überwachungskamera. Woran er nicht gedacht hat: Vor zehn Jahren hat er Grace in genau dieses Café ausgeführt und ist damals offenbar ein Stammkunde gewesen. Jedenfalls erinnert sich nicht nur die Serviererin an ihn. Auch Samaritan stellt die entsprechenden Verbindungen her. Ein Besuch im falschen Café reicht aus - und schon weiß der Super-Computer, dass sich hinter dem unscheinbaren Professor Whistler in Wahrheit Harold Finch verbirgt.

Reese (Jim Caviezel) und Fusco (Kevin Chapman) erhalten unterdessen einen Anruf von der Maschine mit einer neuen Nummer. Es ist die von Harold. Ein Team von Samaritan-Agenten taucht an der Uni auf, an der Professor Whistler lehrt. Zum Glück sind jedoch Root (Amy Acker) und Reese rechtzeitig zur Stelle, um Harold zu retten. Gemeinsam zieht sich das gesamte Team Machine in das Safe House zurück, das aktuell als Versteck von Elias (Enrico Colantoni) dient.

Root kann kaum fassen, dass Harold die Maschine wieder in ein „geschlossenes System“ verwandelt hat. So sei der Kampf gegen Samaritan nicht zu gewinnen. Sie offenbart ihm jedoch, dass sie vorher noch eine Änderung an der Maschine vorgenommen hat: ein Programm, welches der Maschine die Befähigung gibt, in die Offensive zu gehen. Es kann jedoch nur von Harold aktiviert werden. Es ist seine Entscheidung.

Die muss er schneller treffen als gedacht. Denn Samaritan hat auch das Safe House aufgespürt. Während Root und Shaw (Sarah Shahi) die Angreifer beschäftigt halten, bringt Elias seinen Freund Harold in Sicherheit. Als Versteck wählt er die heruntergekommenen Hochhäuser, in denen sich Reese seinerzeit mit einem gewissen Charlie Burton verschanzt hatte (Witness). Elias hat dafür sogar eigens einen Waffenstillstand zwischen den lokalen Gangs ausgehandelt - was sich jedoch bald als ein weiterer Fehler herausstellt, da die ungewohnte Ruhe von Samaritan sogleich als Anomalie begriffen wird.

Reese und Fusco statten unterdessen dem Büro von Temporäre Lösungen einen Besuch ab. Bei mehreren Samaritan-Agenten hatten sie Visitenkarten gefunden, welche sie als Mitarbeiter dieser Firma ausweisen. Als die beiden jedoch das Management sprechen wollen, um Einblick ins Beschäftigtenverzeichnis zu erhalten, werden sie sehr schnell unter Feuer genommen.

Elias und seine Leute tun alles in ihrer Macht stehende, um Harold vor den heranrückenden Samaritan-Agenten zu beschützen. Am Ende sind sie jedoch unterlegen. Harold muss mitansehen, wie Elias vor seinen Augen erschossen wird. Er selbst wird von den Samaritan-Leuten gefangen genommen und zu Greer (John Nolan) gebracht. Dieser erklärt ihm, dass Samaritan ihn braucht - und dass er eines Tages aus freien Stücken für Samaritan arbeiten werde. Vorher will Greer ihn jedoch auf eine Reise schicken.

Dazu kommt es allerdings nicht, weil Root und Shaw ihrerseits rechtzeitig zur Stelle sind, um Harold im Zuge eines lang anhaltenden Feuergefechts aus den Händen von Samaritan zu befreien. Root gelingt mit Harold zwar die Flucht vor den Samaritan-Kräften, sie selbst wird dabei jedoch schwer verwundet. Harold gerät in den Gewahrsam der Polizei. Dort kommt man schnell auf den Trichter, welcher Fisch da ins Netz gegangen ist. Über seine Fingerabdrücke wird sogar der Zusammenhang zu seinen Taten als Hacker - bis zurück in die 70er Jahre - hergestellt, was das FBI in Gestalt von Agent Roberts (Geoff Pierson, Castle) auf den Plan ruft.

Angesichts der erlittenen Verluste ist Harold nun bereit, seine selbstauferlegten Regeln über den Haufen zu werfen. An Samaritan gerichtet hat er eine unmissverständliche Botschaft: „I will kill you...

Tränen

Nach dem ersten Anschauen von The Day the World Went Away saß ich einfach nur fassungslos und offenen Mundes vor dem Bildschirm. Erst nach dem zweiten Betrachten konnte ich überhaupt damit anfangen, das Geschehen zu verarbeiten. Das war auch der Moment, als die Tränen flossen. Anders als am Ende von Sotto Voce waren es diesmal jedoch keine Freudentränen, sondern Tränen des Schmerzes über die Verluste, die das Team Machine in dieser Folge erlitten hat.

Es hatte sich zwar schon abgezeichnet. Wer auch nur grob die Interviews zur Kenntnis genommen hat, welche die Produzenten im Vorfeld der fünften Staffel gegeben haben, der konnte bereits erahnen, dass nicht alle Teammitglieder den Kampf gegen Samaritan überleben würden. Trotzdem: Als es dann tatsächlich passiert ist, da wollte ich es zunächst nicht wahrhaben. So oft hatte die Staffel - und auch The Day the World Went Away - das Thema Simulationen behandelt, dass ich mich zunächst noch an die Hoffnung geklammert habe: Vielleicht ist das alles nicht real... Vielleicht ist das nur eine weitere Simulation...

Endgültig

Nun, in The Day the World Went Away, haben wir gelernt, dass sich auch das, was wir Leben und Realität nennen, als eine Art Simulation begreifen lässt. Anders als die computergenerierten Simulationen, welche Shaw durchlaufen hat, lässt sich die Simulation namens Leben allerdings nicht beliebig oft wiederholen. Ihre Resultate sind endgültig. Das ist diesmal wohl auch der Tod von Elias.

Nachdem die Produzenten am Ende von YHWH noch nach der Devise verfahren sind, dass niemand in einer Serie wirklich tot ist, sofern man ihn nicht definitiv als Leiche gesehen hat, stellen sie in The Day the World Went Away durch den Kopfschuss sicher, dass es diesmal keinerlei Zweifel geben kann. Selbiges gilt für Root, die regungslos und mit sprichwörtlicher Leichenblässe auf dem Behandlungstisch liegt, die Augen noch geöffnet, aber vollkommen leblos.

Spektakulärer Wendepunkt

The Day the World Went Away ist die 100. Folge von Person of Interest. Diese Gelegenheit wird von Serienmachern gerne benutzt, um den Fans eine Episode zu servieren, welche aus dem üblichen Rahmen heraussticht. Die Besonderheit von Person of Interest besteht natürlich darin, dass die 100. Folge so kurz vor dem Finale der Serie (Folge 103) liegt - und damit zwangsläufig in dessen Schatten steht. Die Produzenten von Person of Interest haben aus dieser Situation das Beste gemacht, indem sie The Day the World Went Away zum zentralen Wendepunkt der fünften Staffel, ja in gewisser Weise sogar der gesamten Serie erheben.

Es ist eine Folge, welche das Team Machine in selten dagewesener Weise unter Druck setzt. Harolds Tarnidentität ist aufgeflogen. Samaritan stürmt heran. Ein Schusswechsel folgt auf den nächsten. Dreh- und Angelpunkt der Folge ist ein Set Piece, welches fraglos die bislang aufwendigste Actionsequenz der gesamten Serie darstellt. Es wäre auch ein guter Werbespot für BMW, um zu zeigen, wie viel ein Auto dieser Marke aushält... Eigentlich hatte sich Jonathan Nolan nach eigenem Bekunden die Sequenz für einen „Bourne“-Film aufheben wollen, befand dann jedoch, dass sich Amy Acker diese Szene für ihren Abschied verdient hat.

Mitten in einer Verfolgungsjagd schaltet Root den Tempomat ein und legt durchs Schiebedach auf den sie verfolgenden SUV an. Während sie ihr eigenes Auto mit dem Absatz ihres Schuhs lenkt, versetzt sie ihrem Gegner mehrere platzierte Schüsse in den Motorblock, woraufhin sich zunächst die Motorhaube des SUVs verabschiedet, bevor dieser mit einem anderen Auto kollidiert und sich - explodierend - überschlägt. Hey, die Stunt-Leute von Person of Interest können also tatsächlich auch noch etwas anderes als das ewig gleiche T-Bone-ing!

Larger than life

Darüber, dass die Action maßlos übertrieben ist, jedenfalls wenn man irgendeine Form von Realismus als Maßstab zu Grunde legt, brauchen wir uns wohl nicht zu unterhalten. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Actionszenen in The Day the World Went Away großen Spaß machen - und natürlich genau das sind, was diese Episode braucht. Die Serie verabschiedet sich nicht nur von einer, sondern gleich von zwei zentralen Figuren, denen die Herzen der Fans gehört haben. Die Folge muss überlebensgroß daherkommen, was die Spannung, Dramatik und Action angeht, um dem Tod von Elias und Root ausreichend Gewicht zu geben.

Die beiden konnten unmöglich in einer „kleinen“, noch nicht einmal in einer „normalen“ Folge sterben. Die einzige Folge, in welcher der Tod dieser beiden Giganten des PoI-Universums dramaturgisch eingebettet werden konnte, war eine, die alles auf den Kopf stellt. Alles in die Luft sprengt. Und zwar nicht nur pyrotechnisch, sondern auch erzählerisch.

Metamorphose

Der Schlüsselmoment von The Day the World Went Away in dramaturgischer Hinsicht ist keine Actionszene, sondern ganz im Gegenteil: Harolds Monolog im Polizeigewahrsam. Diese Rede ist nicht nur das Bewerbungsvideo, welches Michael Emerson in einer besseren und gerechteren Welt mindestens eine Emmy-Nominierung garantieren würde, sondern auch das, worum es in der ganzen Folge eigentlich geht: Harolds Metamorphose zum Kämpfer. Der Moment, den Elias vor einigen Folgen in der ihm eigenen Metaphorik als das Überlaufen des Topfs beschrieben hat. Das Brodeln unter der ruhigen Oberfläche.

Eine Frage, die seit Beginn der fünften Staffel immer wieder aufgetaucht ist (auch in den Kommentaren unserer Leser), lautete: Warum tut das Team Machine nicht mehr, um gegen Samaritan zu kämpfen? Warum legen sie sich keine Strategie zurecht? Warum nutzen sie nicht alle ihre Ressourcen, einschließlich der Möglichkeiten, die sich aus dem offenen System ergeben? The Day the World Went Away gibt darauf die Antwort: Harold.

Schluss mit den Regeln

Die Folge zeigt, dass es zwei zentrale Gründe dafür gibt, warum das Team Machine bislang bestenfalls halbherzig gegen Samaritan gekämpft hat: Zum einen sind da die Regeln, die sich Harold selbst auferlegt hat, was den Umgang mit der Maschine angeht. Er hält gar nichts von Menschen und Organisationen, die ihre Regeln frei nach Gusto ihren jeweiligen Zielen anpassen. Sein Verweis auf einige für ihn offenbar sehr prägende Skandale der 60er und 70er Jahre macht dies überaus deutlich und auch ein Stück weit nachvollziehbar, so unbegreiflich gerade zu Beginn der Folge seine Entscheidung ist, die Maschine wieder in ein geschlossenes System zu verwandeln (hier wären sicherlich ein paar zusätzliche Folgen gut gewesen, um dieser Entscheidung den nötigen Vorlauf zu geben; so erscheint es doch etwas sehr abrupt).

Zum anderen - das wurde in der Vergangenheit bereits immer wieder angedeutet, kommt aber vor allem in The Day the World Went Away zum Vorschein - steckt in Harold schon eine Art Defätist. Er ist der festen Überzeugung, dass der Kampf gegen Samaritan ohnehin bereits verloren ist. Das günstigste Szenario, auf das er hofft, besteht darin, dass seine Freunde aus der Sache lebend herauskommen (und das Team auf dem Weg vielleicht der ein oder anderen Nummer helfen kann). Einen echten Sieg gegen Samaritan hält er für ausgeschlossen. Die Simulationen haben ja ebenfalls gezeigt, dass die Maschine gegen Samaritan keine Chance hat. Wenn die Maschine, die millionenfach intelligenter ist als er, keinen Weg sieht - warum also irgendeinen Plan fassen?

Der Tod zweier Freunde, die beide gestorben sind, um ihn zu beschützen, ändert seine Haltung jedoch grundlegend. Der Tag, an dem die Welt vergangen ist, ist der Tag, an dem er sich entschließt, von nun an wirklich alles zu tun, was notwendig ist, um Samaritan zu stoppen. Wie das aussieht, davon bekommen wir am Ende der Folge einen ersten Vorgeschmack: Um selbst aus dem Gefängnis zu entkommen, nehmen Harold und die Maschine die Flucht von 600 weiteren Gefangenen in Kauf. Ja, der Harold am Ende von The Day the World Went Away ist ein gänzlich anderer als der, welcher aus seinen Prinzipien heraus all die Jahre über stets mit „angezogener Handbremse“ gefahren ist.

Für ihn als Figur ist The Day the World Went Away der entscheidende Wendepunkt. Er hat zwei Freunde verloren - und er will nicht tatenlos zusehen, wie er noch weitere Freunde verliert. Aber auch die Maschine hat sich verändert. Im Stillen hat Harold stets gehofft, dass sie von sich aus die Initiative ergreift: Dass sie sich selbst die Mittel gegen Samaritan an die Hand gibt. Dass sie sich selbst einen Namen, sich selbst eine Stimme gibt. Letzteres geschieht schließlich auch. Mit dem Tod ihres analogen Interfaces beschließt die Maschine, fortan mit der Stimme von Root zu sprechen.

Leben nach dem Tod

Auf die philosophisch-theologischen Implikationen, die das mit sich bringt, kann ich im Rahmen dieses Reviews gar nicht im Detail eingehen. Es sei deshalb nur am Rande angemerkt, wie absolut atemberaubend die Tatsache ist, dass es Person of Interest in einer Folge, die ohnehin bereits dicht gepackt war, geschafft hat, mühelos (und zum Teil sogar inmitten der Actionszenen!) Reflektionen über die Natur des Universums, die menschliche Existenz und ein Leben nach dem Tod im Gedächtnis einer künstlichen Intelligenz einzuflechten.

Damit hat Person of Interest seinen Status als eine der intelligentesten und vielschichtigsten Actionserien weiter zementiert. Und sichergestellt, dass ich die Folge mindestens noch ein drittes und wahrscheinlich auch ein viertes und fünftes Mal anschauen muss.

Die kleinen Momente

Nicht vergessen werden dürfen außerdem die vielen kleinen Momente, welche die Episode auszeichnen: Der Augenblick, in dem Root gesteht, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl hat, irgendwo dazuzugehören - begleitet von der im Nachhinein umso rührenderen Geste des Fingerverschränkens mit Shaw.

Oder auch die Herzlichkeit, mit der Elias Harold begegnet - und bis zum bitteren Ende nicht von dessen Seite weicht. Er will ihm sogar noch eine Puttanesca kochen. Die Autoren beweisen hier ein sehr gutes Gedächtnis, indem sie Elias' bereits in Endgame zur Schau gestelltes Interesse am Kochen wieder aufgreifen. Es sind Kleinigkeiten, welche die Figuren von Person of Interest und ihre Welt so reichhaltig und lebendig erscheinen lassen.

Natürlich gäbe es auch Dinge an The Day the World Went Away zu kritisieren. Etwa die Leichtfertigkeit, mit der die FBI-Beamten am Ende Harold unbeaufsichtigt in der Nähe des Telefons stehen lassen und noch nicht einmal den Kopf wenden als selbiges klingelt. Okay, da musste offenbar ein Weg her, Harold mit der Maschine in Kontakt zu bringen, koste es plausibilitätstechnisch, was es wolle. Das sind jedoch nur minimale Schönheitsfehler einer ansonsten überwältigenden Episode.

Fazit

Wow! Zu mehr reicht die Energie beim Fazit gerade nicht mehr aus. Muss die Folge gleich noch mal sehen...

Auf der Flucht: Harold (Michael Emerson; l.) und Elias (Enrico Colantoni; r.). © CBS
Auf der Flucht: Harold (Michael Emerson; l.) und Elias (Enrico Colantoni; r.). © CBS
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 1. Juni 2016
Episode
Staffel 5, Episode 10
(Person of Interest 5x10)
Deutscher Titel der Episode
Sterben gibt es nicht umsonst
Titel der Episode im Original
The Day the World Went Away
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 31. Mai 2016 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 3. Oktober 2016
Regisseur
Fred Toye

Schauspieler in der Episode Person of Interest 5x10

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