Person of Interest 5x02

Person of Interest 5x02

Der Reboot der Maschine geht mit zahlreichen Bugs einher. Einige davon haben höchst amüsante, andere dagegen recht dramatische Folgen. Plötzlich hält die Maschine Harold und seine Freunde für eine Bedrohung und leitet Gegenmaßnahmen ein.

Noch sehen Harold und Root für die Maschine wie gewohnt aus... / (c) CBS
Noch sehen Harold und Root für die Maschine wie gewohnt aus... / (c) CBS

Das passiert in der Person of Interest-Folge SNAFU:

Die Maschine läuft zwar wieder; für Harold (Michael Emerson) und Root (Amy Acker) gibt es aber noch allerhand Bugs zu beseitigen. So tut sich die Maschine etwa mit der Gesichtserkennung noch etwas schwer. Während Reese (Jim Caviezel) ungeduldig auf neue Nummern wartet, arbeiten Harold und Root nahezu rund um die Uhr daran, die Maschine wieder in ihren gewohnten Zustand zu versetzen. Das Problem, dass ihr nach wie vor Rechenleistung fehlt, ist relativ leicht zu beheben: Harold und John überfallen ein Lagerhaus und lassen einen leistungsfähigen Computer mitgehen.

Andere Probleme sind schon deutlich kniffliger zu lösen: So hat die Maschine Schwierigkeiten, mit der gewohnten Treffsicherheit Zusammenhänge herzustellen. Selbst, als sie wieder Nummern liefert, sind einige Fehlschläge dabei: So stellt sich ein vermeintlicher Bombenleger als 14-jähriger Junge heraus, der mit einer telefonischen Drohung einem Mathetest an seiner Schule entgehen wollte. Und sogar der Unterschied zwischen Realität und Fiktion ist etwas, das der Maschine noch nicht so ganz klar ist. Das muss jedenfalls Fusco (Kevin Chapman) feststellen, als eine Nummer ihn an ein Theater führt, wo offenbar ein Kriminalstück aufgeführt und lediglich „die Schauspielkunst ermordet“ wird.

Als Harold die Maschine wieder mit der Fähigkeit zur Kontextualisierung ausstatten will und dazu einen Testlauf mit den Profilen von John, Root und ihm selbst startet, hat dies fatale Konsequenzen. Ausgestattet mit den Überwachungsbildern der Vergangenheit, aber ohne Sinn für eine Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sieht die Maschine alle zweifelhaften bis kriminellen Dinge, welche die drei Menschen begangen haben, und stuft sie als „Bedrohungen“ ein. Harold und Root wissen zunächst gar nicht, wie ihnen geschieht, als sie von der Maschine im U-Bahn-Waggon eingeschlossen werden.

Noch schlimmer trifft es John: Er will einer vermeintlichen Touristin (Paige Patterson) helfen, deren Nummer ihm die Maschine gegeben hat. Tatsächlich stellt sich die Frau jedoch als Attentäterin heraus, die es auf ihn abgesehen hat. Der erste Verdacht richtet sich auf Samaritan. Tatsächlich ist die Killerin jedoch von jemand oder von etwas ganz anderem auf John angesetzt worden...

Comedy

Ist die vorangegangene Folge B.S.O.D. ein hochgradig spannender, actiongeladener Thriller gewesen, so schlägt Person of Interest mit SNAFU besonders in der ersten Hälfte wesentlich leichtere Töne an. Hin und wieder hat die Serie auch in der Vergangenheit gerne mal einen Ausflug ins Komödiantische unternommen. SNAFU toppt in dieser Hinsicht allerdings so ziemlich alles.

Root im Pyjama, Root in ihren Flausch-Pantoffeln, Root, die ihrem Mitbewohner Harold erst mal einen Klaps auf den Po gibt, als er verspricht, einige Besorgungen für sie zu erledigen (sie selbst kann, so lange die Maschine sie nicht mit den rotierenden Profilen versorgt, das Untergrundversteck nicht verlassen). Reese, der sich über Harolds „gewagte Modeentscheidungen“ wundert, als er auf der Einkaufsliste schwarzen Nagellack entdeckt; Harold, der Reese nach einem etwas gezwungenen Fist Bump einen „Angeber“ schimpft, weil diesem das Hantieren mit dem Einbruchswerkzeug sehr viel müheloser von der Hand geht. Die ersten zehn Minuten von SNAFU geben einen guten Eindruck davon, wie Person of Interest als Sitcom aussehen würde.

Ich bin Du und Du bist Ich

Ein Geschenk der Comedy-Götter ist dabei natürlich vor allem das Durcheinander in der Gesichtserkennung der Maschine, was den Darstellern ausgiebig Gelegenheit gibt, einmal in die Rollen ihrer Kollegen zu schlüpfen - was für das Publikum ein Riesenspaß ist, den Schauspielern aber wohl durchaus ein gewisses Maß an Nervosität bereitet hat. Jedenfalls twitterte Amy Acker: „Ich denke, wir alle hatten die Befürchtung, dass wir Freunde verlieren, als wir uns gegenseitig imitieren mussten.

Meine persönlichen Favoriten: Fusco als Root („Hi there, pretty!“) und Reese als Fusco. Einfach köstlich!

Wieviel Spaß ist erlaubt?

Gerade um Comicverfilmungen gibt es ja aktuell einige Diskussionen, ob Filme wie „Batman v Superman: Dawn of Justice“ zu düster geraten sind und dabei den Spaß an der Sache vergessen haben. Person of Interest - auch gewissermaßen eine Comicserie oder wie ein Leser geschrieben hat: „Batman ohne Kostüme und Firlefanz“ - kann man diesen Vorwurf ganz sicher nicht machen. Die Macher der Serie wissen ganz genau, wie wichtig Momente der Entspannung in der Dramaturgie sind. Außerdem sind solche humorvollen Einschübe auch noch in anderer Hinsicht von Bedeutung: Gibt man dem Publikum Gelegenheit, mit den Figuren zu lachen, wird automatisch die emotionale Bindung der Zuschauer an besagte Figuren verstärkt, was uns dann wiederum in den spannenden Momenten viel intensiver mit ihnen mitfiebern lässt.

Eingeschlossen

Die zweite Hälfte von SNAFU ist etwas ernsthafter gehalten. Spannung kommt dabei vor allem in den Szenen auf, in denen Harold und Root im U-Bahn-Waggon gefangen sind und von der Maschine als „Bedrohung“ markiert werden. Dass Reese mit einer einzelnen Attentäterin fertig werden wird, davon kann man als Zuschauer ausgehen. Die Szenen dienen neben der Action, die sie in die Handlung einbringen, vor allem dazu, uns einmal vor Augen zu führen, was geschähe, wenn sich die Maschine gegen unsere Hauptfiguren wenden würde.

Die Gelegenheit dazu ist günstig: Es macht absolut Sinn, dass die Maschine nach der Tortur, die sie durchstanden hat - komprimiert, in einen Koffer gesperrt und schließlich auf einen Cluster Playstations aufgespielt -, erst mal einige Bugs zu überwinden hat - manche davon mit äußerst komischer, andere mit recht dramatischer Konsequenz. Es gehört, wie wir sehen, nicht viel dazu, und unsere geschätzte Maschine geht genau so mörderisch gegen Team Machine vor, wie es Samaritan tut.

Reflektion

Zugleich enthält die Folge auch einen sehr interessanten philosophischen Kern: Denn sie zeigt nachdrücklich, welche Komplexität sich hinter moralischem Handeln verbirgt. Anfangs hatte Harold die Maschine im Einzelnen gelehrt: Diese und jene Handlungen sind gut, diese und jene aber sind böse. Jetzt wendet die Maschine genau dieses Schema an - und hält auf einmal Harold und seine Freunde für böse. 62 Personen, für deren Tötung oder Verschwinden John verantwortlich ist, sind natürlich auch schon eine ziemlich heftige Hausnummer!

Am Beispiel der tatsächlichen oder angedrohten Morde, welche Root verübt hat, exerzieren Harold und Root derweil die verschiedenen Rationalisierungen durch, welche hinter ihrer moralischen Bewertung von Roots Handeln stecken („Das war vor vielen Jahren, sie hat sich inzwischen geändert...“, „Es gab besondere Umstände...“) und welche ganz ähnlich die Wahrnehmung des Publikums anleiten.

Root

Bei ihren ersten Auftritten in der ersten Staffel ist Root unzweifelhaft böse gewesen und von uns entsprechend als Antagonistin wahrgenommen worden. In dem Maße, wie sich Root unter dem Einfluss der Maschine verändert hat, hat sich auch ihre Bewertung durch den Zuschauer geändert. Und aus der Antagonistin ist eine Protagonistin geworden, mit der wir mitfiebern.

Die Zeit, in der Menschen und Umstände sich verändern, ist dabei ein ganz entscheidender Faktor in der Bewertung, den die Maschine auf Grund ihres Bugs zunächst nicht berücksichtigt und deshalb zu ganz anderen Schlüssen kommt. Immerhin: Mit Verweis auf die vielen Menschen, denen das Team Machine geholfen hat und mit dem Versprechen, das Beste zu tun, was sie können, bringt Harold die Maschine dazu, eine (moralische) Neubewertung vorzunehmen, die ihm wieder Admin-Zugang verschafft.

Freunde

Noch einmal zum Stichwort Veränderung: Bemerkenswert ist auch und insbesondere, wie sich parallel zu der Veränderung von Root auch eine Veränderung in ihrem Verhältnis zu Harold ergeben hat. Wir erinnern uns: Unmittelbar nach seiner Entführung (zu Beginn der zweiten Staffel) war Harold durch Root geradezu traumatisiert; in der dritten Staffel hielt er sie in einem Käfig gefangen.

In SNAFU sind sie nicht nur Mitbewohner. Root vertraut Harold ihr Leben an, als sie sich in Narkose begibt, um zu verhindern, dass die Maschine über das Ohr-Implantat Druck auf sie ausüben kann. Umgekehrt lässt Harold sie aber auch wissen, dass, wenn er sich zwischen der Maschine (hier im Gegensatz zu B.S.O.D. wieder als „It“/„Es“ bezeichnet) und Root entscheiden müsste... Der Satz bleibt unvollendet, aber die Bedeutung scheint klar: Er würde Root den Vorzug vor seinem eigenen Geschöpf geben.

Ein Streitpunkt zwischen Harold und Root in SNAFU ist die Frage, ob die Maschine ein offenes System bleiben oder doch wieder verschlossen werden soll. Harold fürchtet die Möglichkeiten des Missbrauchs. Doch Root überzeugt ihn schließlich, dass sie zumindest vorübergehend in der Lage sein müssen, der Maschine gezielte Fragen zu stellen. Es dürfte den Kampf gegen Samaritan zumindest erleichtern, wenn sie von der Maschine nicht nur Nummern erhalten.

Darüber, dass Harold in dieser Frage nachgibt, staunt Root selbst nicht schlecht. Aber es passt durchaus zu dem Eindruck, den wir in den letzten zweiten Folgen von ihm gewonnen haben: Er zeigt sich als jemand, der seine eigenen Entscheidungen hinterfragt und dabei Fehler und Irrtümer einräumt. Dies schwächt Harold als Figur nicht, sondern lässt ihn im Gegenteil reflektierter und intellektuell brillanter denn je erscheinen.

Rekrut

Apropos Nummern: Geschickt mischt die Folge unter den Wust von fehlerhaften Nummern eine, für die Reese vielleicht doch lieber etwas mehr Geduld aufgebracht hätte. Auch wenn die Gefahr durch Samaritan in SNAFU ein wenig in den Hintergrund tritt: vergessen ist sie nicht. Ein ehemaliger Häftling namens Jeffrey Blackwell (Joshua Close, Fargo) schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er schließlich von einer Agentur angeworben wird. Bereits das musikalische Samaritan-Thema im Hintergrund verheißt nichts Gutes.

Und tatsächlich: Samaritan fasst Blackwell buchstäblich ins Auge - und zwar als Rekruten. Darüber hinaus sorgt noch etwas anderes dafür, dass sich einem in dieser Schlussszene die Nackenhaare aufstellen, und zwar die Worte, mit denen er empfangen wird: Er brauche eine Aufgabe, oder genauer gesagt einen Job... Im Piloten sagt Harold genau diese Worte zu Reese. Wird Blackwell der „Reese“ der Gegenseite? Man darf gespannt sein, welche Rolle diese Figur noch spielen wird.

Fazit

SNAFU ist ein sehr kurioser, nichtsdestotrotz sehr gelungener und vor allem höchst unterhaltsamer Mix aus ausgelassener Comedy und bemerkenswert vielschichtiger philosophischer Reflexion. Die Folge glänzt durch ebenso amüsante wie zu Herzen gehende Figuren- und Team-Momente (das Picknick im Park am Ende der Folge!). Und sie führt auch noch einen möglichen neuen Gegenspieler ein. Mehr kann man sich in 45 Minuten kaum wünschen.

Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 10. Mai 2016
Episode
Staffel 5, Episode 2
(Person of Interest 5x02)
Deutscher Titel der Episode
Motive der Moral
Titel der Episode im Original
SNAFU
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 9. Mai 2016 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 8. August 2016
Regisseur
Chris Fisher

Schauspieler in der Episode Person of Interest 5x02

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