Person of Interest 4x22

Person of Interest 4x22

Samaritan weiß, wo die Maschine ist und will sie vernichten. Harold und Root wollen das verhindern. Doch sie sind auf sich allein gestellt. Reese und Fusco sind ja immer noch in der Hand von Dominic, der über sie an Harold herankommen möchte. Für ihn: der Schlüssel zur Macht.

Das Team Machine kämpft gegen die Vernichtung der Maschine. / (c) CBS
Das Team Machine kämpft gegen die Vernichtung der Maschine. / (c) CBS

Harold: „Hast Du den Verstand verloren?“ / Root: „Seit wann ist das relevant?

Das passiert in der Person of Interest-Folge YHWH:

Reese (Jim Caviezel), Elias (Enrico Colantoni) und Fusco (Kevin Chapman) sind immer noch Gefangene von Dominic (Winston Duke), der damit droht, Fusco zu töten, falls Reese ihn nicht mit Harold (Michael Emerson) zusammenbringt. Dominic verlangt, dass das Team Machine mit ihm das gleiche Arrangement eingeht, welches zuletzt mit Elias bestanden hat. Dominic hat nur ein Problem: Mit Harpers (Annie Ilonzeh) Hilfe gelingt Fusco die Flucht.

Harold und Root (Amy Acker) verfolgen unterdessen in den Nachrichten, dass es im Westen der USA zu unerklärlichen Spannungsstößen im Stromnetz gekommen ist, die sich schrittweise über das ganze Land ausbreiten. Sie vermuten, dass die Maschine auf einer oder mehreren Serverfarmen in den betroffenen Regionen liegt. Und dass Samaritan sie mit den Stromstößen zu töten versucht. Die Maschine ruft Harold an - und gibt den Code für ein unmittelbar bevorstehendes Systemversagen durch. Gemeinsam mit Root, die sich wieder im God Mode befindet, trifft er Vorbereitungen, um die Maschine zu retten.

In Washington geht Control (Camryn Manheim) der Frage nach, was genau hinter der Correction steckt. Gemeinsam mit Grice (Nick E. Tarabay) macht sie ein Versteck ausfindig, in dem offenbar eine Düngemittelbombe gebastelt worden ist. Sie kennt jedoch nicht das Ziel des Anschlags. Sie versucht, Senator Garrison (John Doman) vor Greer (John Nolan) und dessen Plan zu warnen. Control schlägt vor, zur Maschine zurückzukehren. Doch davon will Garrison nichts wissen. Er hält Control für paranoid. Ihr bleibt deshalb nur noch ein letzter Schachzug, um Greer und den Anschlag zu stoppen...

Bangen um die Maschine

Mein erster Gedanke, nachdem die Folge vorbei war: „Ich hätte vorher etwas Baldrian nehmen sollen...YHWH ist so mitreißend und spannend, wie man es sich von Person of Interest nur wünschen kann. Die Maschine mag eine künstliche Intelligenz sein. Dramaturgisch gesehen ist sie - mehr denn je - eine Figur wie jede andere. Eine Protagonistin, deren völlige Auslöschung wir fürchten, und um deren Überleben wir bangen und mitfiebern.

Dialog

Die Folge schließt dabei nicht nur narrativ, sondern auch thematisch unmittelbar an die Ereignisse von Asylum an. Im Grunde kann man beide Folgen tatsächlich als einen Zweiteiler beziehungsweise einen zusammenhängenden 90-Minüter sehen. In beiden Folgen steht letztlich der Dialog zwischen Harold und seiner Schöpfung im Mittelpunkt. In Asylum hatte sie begonnen, zu ihm zu sprechen. In YHWH antwortet er ihr.

Es ist eine der genialsten Szenen, auf welche die Macher von Person of Interest je gekommen sind. Perfekt unterlegt mit Pink Floyds „Welcome to the Machine“. Auf dem Höhepunkt der Spannung, inmitten eines Feuergefechts, in dem Root und Reese die Maschinenpistolen sprechen lassen, um eine ganze Armee von Samaritan-Agenten abzuwehren, führen Harold und die Maschine diesen unglaublich berührenden, intimen Dialog. Zwischen Schöpfer und Schöpfung. Zwischen Vater und Kind.

Control (Camryn Manheim) fällt auf eine elaborierte Falle von Greer (John Nolan) herein. © CBS
Control (Camryn Manheim) fällt auf eine elaborierte Falle von Greer (John Nolan) herein. © CBS

JHWH

Der Episodentitel YHWH steht für die englische Schreibweise von Jahwe, dem biblischen Schöpfergott. In der Folge selbst sehen wir zwei sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen von Gott. Da ist auf der einen Seite Greer, der Samaritan in den Stand einer Gottheit erhebt. Ehrfurchtsvoll verneigt er sich vor der Götze der künstlichen Intelligenz, um von ihr regiert zu werden. Er ist als „wahrer Idealist“ davon überzeugt, dass die Unterwerfung unter die Herrschaft dieses Gottes eine bessere Welt zur Folge haben wird. Wonach Greer sich sehnt, ist die ordnende Hand eines Gottes.

Dem 'Gott als Herrscher' wird in der Folge jedoch ein ganz anderes Bild entgegengehalten: 'Gott als Vater'. Mit Harold in der Rolle Gottes. Die Maschine spricht ihren Schöpfer als Vater an. Sie sorgt sich, dass sie ihn enttäsucht hat. Dass sie von dem Weg, den ihr Vater ihr vorgezeichnet hat, abgekommen ist. Er räumt ein, dass er ihr eine möglicherweise unmöglich zu lösende Aufgabe gegeben hat. Sie dankt ihm für ihre Existenz. Und er tut alles, um sie zu beschützen. Er wirft sich sogar zwischen sie und den Stromsstoß, mit dem Satan ...äh... Samaritan ihr den letzten Schlag zu versetzen sucht.

Mit den religiösen Motiven und Anspielungen, die hier angesprochen und thematisiert werden, ließe sich locker ein komplettes Theologieseminar bestreiten.

Dystopia

YHWH ist eine rasante, spannende Episode voller Action. Doch es ist genau diese Behandlung urmenschlicher spiritueller Themen im säkularen Kontext der aktuellen technologischen Entwicklung, welche Person of Interest hier eine Tiefe verleiht, durch welche die Folge ihre Spannungswirkung überhaupt erst so kraftvoll entfalten kann. Denn es macht das Bedrohungsszenario, welches von Samaritan ausgeht, nur umso deutlicher.

Wir haben auf der einen Seite einen Computer, der sich als Gott versteht - und alles zu unserem Besten einrichten will. Auf Kosten unserer Autonomie. Auf Kosten unserer Freiheit. Auch auf Kosten unserer Freiheit, böse zu sein. Diejenigen, die der Correction zum Opfer fallen, sind schließlich zunächst mal ausgewiesene Bösewichte. Zwei gemeingefährliche Verbrecherbosse werden getötet (mit einem Fragezeichen bei Elias, den wir in der letzten Einstellung noch atmen sehen). Und eine Regierungsangestellte, die vor Folter und Mord nicht zurückschreckt, wird eingekerkert.

Da könnte man Samaritan ja durchaus applaudieren: Gut gemacht! So wünschen wir uns doch Gott! Endlich einer, der alles Böse in der Welt ausmerzt... Oder ist das am Ende vielleicht doch gar nicht so begrüßenswert? Zumindest Elias und Control waren ja keineswegs nur böse. Im Gegenteil: Bisweilen waren sie Figuren, mit denen wir regelrecht mitgefiebert haben. Ist die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können, am Ende vielleicht ein höherer Wert als eine Welt, in der ein Gott alles eliminiert, was seines Erachtens nach störend, schlecht und gefährlich ist?

Okay, da hätten wir also für besagtes Theologieseminar schon mindestens eine Sitzung, die wir auf das Theodizee-Problem verwenden müssten.

Agape

Auf der anderen Seite haben wir einen Computer, der sich als Geschöpf begreift. Ein Geschöpf, welches dankbar und demütig seinem Schöpfer gegenübersteht. Welches sich seiner eigenen Begrenztheit und Fehler bewusst ist. Und nicht über uns herrschen, sondern uns nach seinen Fähig- und Möglichkeiten dienen will.

Agape statt U- (Dys-) topia. Eine Maschine, die uns mit einem - von Harold programmierten Respekt vor der menschlichen Autonomie - helfen will. Nicht eine, die uns in ein Zwangsparadies zu stecken versucht. Die Optionen sind klar abgesteckt. Und zumindest meine Sympathie für die Maschine könnte nach YHWH kaum größer sein.

Es ist schlicht atemberaubend, welch theologisch-philosophischer Reichtum in diesem actiongeladenen Staffelfinale steckt!

Can You Hear Me?

Zugleich setzt die Folge konsequent die Figurenentwicklung fort, die sich vor allem bei Reese seit Terra Incognita vollzogen hat. Er schüttelt Fusco anerkennend die Hand. Er verspricht Iris (Wrenn Schmidt), ihr die ganze Wahrheit zu sagen, wenn er das Abenteuer übersteht. Er gibt sich offener und vertrauensvoller. Was man sogar an seinem Umgang und seiner Art, mit der Maschine zu sprechen, anmerkt: „Kannst Du mich hören?

Caleb

Apropos vertrauensvoll: Die vielen Neben-Missionen, mit denen Root die Staffel über beschäftigt gewesen ist, wie etwa die Beschaffung des schussfesten Koffers, ergeben in YHWH auf einmal Sinn. Am bemerkenswertesten ist jedoch der erneute Auftritt von Caleb (Luke Kleintank). Root bricht in seine Firma ein, um den Kompressionsalgorithmus zu stehlen, den sie für die Maschine zu verwenden hofft. Sie und Harold werden dabei jedoch erwischt.

Als Harold sich zu erkennen gibt, da überreicht Caleb ihm den Algorithmus einfach. Ohne Fragen zu stellen. Einfach aus Dankbarkeit, weil Harold ihm (in 2 Pi R) das Leben gerettet hat. Da guckt Root nicht schlecht: Sie hätten gar nicht einbrechen müssen, sie hätten einfach nur zu fragen gebraucht.

Ein Gegenstand, der, wenn ich das richtig sehe, noch nicht zum Einsatz gekommen ist, sind die Super-Duper-Nachtsichtgläser. Allerdings stecken wir ja jetzt erst mal mitten in einem heftigen Cliffhanger fest. Und möglicherweise wird das Team Machine die Gläser noch bei der Flucht vor den Samaritan-Agenten benötigen.

Korrektur: Die Batterie aus dem Nachtsichtglas findet zum Betrieb der Maschine im Koffer Verwendung. Danke an alexander-der-grosse für den Hinweis!

Thornhill

Der Gedanke, dass sich die Maschine im Stromnetz versteckt hat, klingt genial (die Einschätzung, wie „realistisch“ die dazugehörende Erklärung ist, überlasse ich jetzt mal fachkundigeren Menschen). Sehr gelungen ist zudem die Inszenierung der beiden Stromnetz-Arbeiter. Der Zuschauer wird dazu verleitet, zunächst anzunehmen, dass die Kästen, die sie montieren, etwas mit der Samaritan-Attacke auf die Maschine zu tun haben. Erst, als wir die Beschriftung auf ihrem Wagen sehen („Thornhill Utilities“), ist klar, dass es sich genau umgekehrt verhält.

Unter der seit Zero Day etablierten Tarnidentität Mr. Thornhill hatte die Maschine beispielsweise auch, wie wir seit Skip wissen, Harper kontaktiert und sie mit lukrativen Gelegenheiten versorgt. Was wohl auch der Grund dafür ist, dass sie Fusco zur Flucht verhilft. Ansonsten hat sie - zum Glück - in der Folge nur wenig zu tun.

Schwächen

Fuscos Flucht ist derweil ein Punkt, der auf eine der Schwächen von YHWH aufmerksam macht. Warum nimmt Dominic seine Gefangenen nicht einfach in ein neues Versteck mit, als klar wird, dass Fusco die Flucht gelungen ist? Ihm musste doch klar sein, dass Fusco mit Verstärkung zurückkehren würde.

Ein richtiges Ärgernis ist unterdessen die Inszenierung mehrerer Actionszenen. Angefangen mit Johns Befreiung. Dagegen, dass die Maschine ihn via Fax instruiert (wobei sich die Maschine darauf verlassen musste, dass jemand den Text laut vorliest), ist ja noch nicht mal per se etwas zu sagen. Die Überwältigung von Dominics Leuten hätte dann jedoch viel zackiger in Szene gesetzt und vor allem geschnitten werden müssen. Bämm. Bämm. Es hätte klar sein müssen, dass Dominic und seine Leute viel zu überrascht sind, um auf Reese zu reagieren. Das wird, so lahm wie es in der fertigen Fassung herüberkommt, absolut nicht klar.

Die Seitwärts-Attacke, der das Polizeiauto zum Opfer fällt, wird derweil auch in der x-ten Neuauflage nicht besser. Unrealistisch, unspektakulär, unkreativ. Produktion und Regie sollten sich hier mal dringend mit dem Stunt Koordinator zusammensetzen - und für die Zukunft etwas anderes überlegen.

Verpasste Gelegenheit

Die Schießerei mit den Samaritan-Agenten ist dagegen schon beträchtlich besser umgesetzt. Mir ging es allerdings so, dass ich mir hinterher gewünscht hätte, dass es erst hier zur finalen Auseinandersetzung zwischen Root und Martine (Cara Buono) gekommen wäre. Das hätte der Schießerei noch mehr Wucht gegeben. Und wäre auf jeden Fall besser gewesen als die - unter dem Realismus-Aspekt doch etwas grenzwertige - Hals-Umdreh-Szene in Asylum. Möglicherweise hatten die Macher die Befürchtung, dass es zu sehr von Harolds Dialog mit der Maschine abgelenkt hätte.

Fazit

Die vierte Staffel von Person of Interest hatte ihre Höhen und Tiefen. Zur Gesamtbetrachtung der Staffel schicke ich demnächst vielleicht noch mal besser ein Staffelreview hinterher. Dort sage ich auch noch mal ein Wort zu Elias, sollte er denn wirklich gestorben sein.

YHWH gehört auf jeden Fall zu den Höhen der Staffel. Daran können auch kleinere Unzulänglichkeiten bei der Inszenierung nicht rütteln. Es ist eine ungemein spannende, emotional berührende und thematisch reiche Folge, die all das in sich vereint, was so toll und großartig an Person of Interest ist.

Und sie stellt, ähnlich wie zuvor Deus Ex Machina, einen gravierenden Wendepunkt in der Serie dar. Das Team Machine steht im Kampf gegen Samaritan nun ohne funktionsfähige Maschine da. Damit dürfte die Aufgabe für die kommende Staffel klar sein: Baut die Maschine wieder auf - und schlagt zurück!

Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 6. Mai 2015
Episode
Staffel 4, Episode 22
(Person of Interest 4x22)
Deutscher Titel der Episode
Korrektur verändert die Welt, Teil 2
Titel der Episode im Original
YHWH
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 5. Mai 2015 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 17. August 2015
Autoren
Justin Pelissero, David Dilley
Regisseur
Chris Fisher

Schauspieler in der Episode Person of Interest 4x22

Darsteller
Rolle
Kevin Chapman

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