Person of Interest 4x11

Das passiert in der Person of Interest-Folge If-Then-Else:
Samaritan beginnt mit der Attacke auf die Weltwirtschaft. Der Super-Computer hat sich in die Rechner der Wall Street gehackt - und lässt die Börsenkurse Achterbahn fahren. Die Maschine hat sich auf ein entsprechendes Szenario jedoch vorbereitet. Das einzige Problem: Um den Schutzmechanismus gegen den Samaritan-Angriff zu installieren, muss das Team Machine in das Gebäude der New Yorker Börse eindringen. Harold (Michael Emerson), John (Jim Caviezel), Lionel (Kevin Chapman) und Root (Amy Acker) gelingt das auch relativ problemlos. Schnell entdecken sie jedoch, dass Samaritan dort für sie eine Falle aufgestellt hat. Mehr denn je sind sie auf die Hilfe der Maschine angewiesen. Die Frage ist nur: Kann Harolds Erfindung einen Weg für sie finden, der nicht mit ihrem Tod endet?
Shaw (Sarah Shahi) ist unterdessen in der U-Bahn unterwegs. Um einen dringend benötigten Code aufzutreiben, soll sie Kontakt mit einem Wachmann aufnehmen, der auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz an der Wall Street ist. Unterwegs kommt es jedoch zu einem Problem: ein Mann, der sein gesamtes Vermögen an der Börse verloren hat, kettet sich mit einer Bombenweste an den Broker, der ihn ruiniert hat...
Die Midseason-Tradition
Es ist mittlerweile fast schon so etwas wie eine Tradition, dass Person of Interest jeweils zur Midseason eine besonders dramatische Wendung vollzieht. In Staffel 1 ist Reese fast von der CIA erwischt worden (Number Crunch). In Staffel 2 wird er schließlich tatsächlich vom FBI geschnappt (Shadow Box / Prisoner's Dilemma). In Staffel 3 entschieden die Produzenten, dass es nicht genug sei, die Figuren zur Staffelmitte einfach nur in große Gefahr zu bringen. Sie wollten zeigen, dass den Figuren tatsächlich etwas passieren kann. Siehe den Tod von Detective Carter in The Crossing.
Der Midseason-Dreiteiler der vierten Staffel wurde von den Fans der Serie mit entsprechend hoher Nervosität erwartet. Würde die Serie erneut eine Figur aus dem Cast ausscheiden lassen? Die Promotion rund um If-Then-Else tat alles, um genau diese Erwartung zu nähren. Dass einer aus dem Team sterben würde. Dies geschah mit so viel Nachdruck, dass sich zumindest im Rezensenten die umgekehrte Erwartungshaltung breitzumachen begann: dass es zwar knapp werden würde, am Ende aber alle lebend davonkommen.
Hoffnung
Auch die Episode selbst tat alles, um diese Hoffnung zu untermauern. Als Harold erschossen wird, ist das natürlich ein riesiger Schock. Um so größer ist aber natürlich die Erleichterung, als sich das Geschehen als eine Simulation der Maschine herausstellt. Gleich mehrfach sehen wir in If-Then-Else, wie unsere Hauptfiguren in ausweglose Situationen geraten oder sogar sterben. Nachdem man als Zuschauer jedoch einmal den Dreh heraus hat, dass dies die „Rashomon“-Folge von Person of Interest ist, setzt eine graduelle Entspannung ein. Die Maschine ist dabei, ein Szenario zu finden, in dem alles glatt geht. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass dem am Ende tatsächlich so sein wird.
Humor
In der dritten Simulation machen sich die Autoren sogar einen Spaß daraus, die Simulation offen als Simulation hervortreten zu lassen, etwa als Fusco Root einen Kuss gibt („Warum hast Du das getan?“ / „Ist doch nur eine Simulation...“) und die Maschine die Figuren in Statthaltern auf Metaebene sprechen lässt („Genervter Versuch, Subtext zu parieren.“ / „Offenkundige Anmache.“), was zugleich eine wunderbar augenzwinkernde Dekonstruktion von Serien-Dialogen ist. Der entscheidende Punkt ist: mit dem comic relief an genau diesem Punkt der Erzählung trägt die Episode weiter dazu bei, den Zuschauer in Sicherheit zu wiegen. Ach was, das wird schon gut ausgehen!
Spätestens mit Harolds „Wer die Welt als Schachspiel betrachtet, hat es verdient zu verlieren“-Rede, mit der er in den Rückblenden der Maschine den gleichmäßigen Wert menschlichen Lebens zu verdeutlichen sucht, war zumindest der Rezensent davon überzeugt, dass es am Ende einen Dreh geben würde, der das Überleben aller Hauptfiguren garantiert.
Spiel mit den Erwartungen
Man kommt nicht umhin, sich vor dem großen und bewunderswerten Genie der Macher von Person of Interest zu verneigen, denen es gelungen ist, im Vorfeld eine Erwartungshaltung zu wecken (dass eine Figur stirbt), diese Erwartungshaltung dann in der Episode selbst um 180 Grad zu drehen (Team Machine schafft es) - und die Erfüllung der ursprünglichen Erwartung, dass eine Figur stirbt, am Ende als völlige Überraschung, ja Schock über das Publikum hereinbrechen zu lassen.
Notiz an mich selbst für den Jahresrückblick 2015: mit If-Then-Else haben wir schon nach wenigen Tagen im neuen Jahr einen würdigen Anwärter auf den Titel Beste Episode gefunden. Und das nicht nur wegen des bemerkenswerten Spiels mit den Zuschauererwartungen. Durch die „Rashomon“-Konstruktion ist es die bislang am außergewöhnlichsten strukturierte Folge der Serie, der es trotzdem - fast unbemerkt -. gelingt, auch noch einen Fall-der-Woche (der Mann mit der Bombenweste) einzuflechten. Das ist ein Level an Kunstfertigkeit, welches einem als Kritiker den allerhöchsten Respekt abnötigt!
Shaw
Und natürlich haben wir auch schon einen Kandidaten für die Kategorie Traurigster Moment. Ganz ehrlich: es fällt mir im Augenblick noch etwas schwer, mich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Dass Shaw, diese schier unerschöpfliche Quelle sarkastischer Sprüche und heißeste Ein-Frau-Armee unter der Sonne, nicht mehr da sein soll, lässt den Zuschauer noch Minuten nach der Episode einfach nur fassungslos auf den leeren Bildschirm starren. Was ist da gerade passiert? Das kann doch gar nicht sein!
Auch hier erweist sich If-Then-Else als sagenhaft kunstvoll konzipiert. Die unterschiedlichen Simulationen erlauben uns, wie in einer Art Zeitraffer die Charakterentwicklung von Shaw nachzuvollziehen. Am Anfang stand die Killerin, die ohne viel zu Fackeln ihren Gegnern die Birne wegpustet hat. Am Ende sehen wir eine Shaw, die - ohne ihre eigene Waffe zu ziehen - in der Lage ist, eine Krisensituation durch Kommunikation und die Anwendung sozialer Fertigkeiten zu lösen. Selten zuvor haben wir Shaw mit so viel Warmherzigkeit in ihrem Ausdruck gesehen. Eindrucksvoll unterstreicht If-Then-Else die Entwicklung, die Shaw vollzogen hat.
Shoot
Das gilt natürlich auch und insbesondere für ihre Beziehung zu Root. In einer der Simulationen bezeichnet sie sich selbst zwar als Soziopathin. Aber wir wissen, dass das nicht stimmt. Sie hat sehr wohl Gefühle. Das sieht sogar die Maschine - und stellt sich vor, dass Shaw über kurz oder lang eine Paarbeziehung mit Root ins Auge fassen würde. Während ihrer glorreichen letzten Schießerei, die sie Seite an Seite mit Root austrägt, sagt Shaw zwar, dass sie - trotz aller Qualitäten Roots, die sie offenkundig zu schätzen weiß - nicht zusammenpassen. Bevor sie sich für ihre Freunde opfert, da verabschiedet sie sich jedoch von Root mit einem Kuss. Es ist der bislang sichtbarste Ausdruck dafür, dass sie etwas für die „reformierte Killerin“ empfindet.
Shaw stirbt durch die Hände der eiskalten Martine (Cara Buono), die dadurch auf der Hass-Skala der Person of Interest-Fans ganz weit nach oben schnellen dürfte. Aber immerhin stirbt sie als Opfer für ihre Freunde, damit diese sich in Sicherheit bringen können. Bereits zuvor hatte sich Reese für Finch in die Schusslinie geworfen. Eindrucksvoller ließe sich die Hingabe, welche im Team Machine herrscht, kaum illustrieren. Wenn es einen Trost gibt, den man aus If-Then-Else ziehen kann, dann wohl diesen.
Kein Nerv
Über die Frage, ob die Maschine hier gegen Harolds Diktum verstoßen oder sich eben gerade genau daran gehalten hat (indem es die Mitglieder von Team Machine nicht gegenüber dem Rest der Welt als wichtiger angesehen hat), wird an anderer Stelle zu diskutieren sein. Nach philosophischen Erörterungen steht wohl nur den wenigsten Zuschauern jetzt gerade der Sinn.
Fazit
If-Then-Else ist eine in jeder Hinsicht - vor allem aber erzählerisch und visuell (die Zeitlupen!) - beeindruckende Episode, welche den Zuschauer nach einem kunstvollen Spiel mit seinen Erwartungen restlos am Boden zerstört zurücklässt.
Sameen...
Vorsicht: nächste Seite möglicher Spoiler!
Nächste Woche
Oder gibt es doch noch Hoffnung? Ist Shaw etwa gar nicht tot? Der Trailer zu Control-Alt-Delete scheint dies anzudeuten, so unwahrscheinlich dies angesichts des Endes von If-Then-Else auch ist.
Die Achterbahn der Gefühle und Erwartungen geht weiter... (Diskussionen darüber in den Kommentaren bitte nach Möglichkeit als Spoiler maskieren)
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 7. Januar 2015(Person of Interest 4x11)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 4x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?