Person of Interest 4x10

Das passiert in der Person of Interest-Folge The Cold War:
Reese (Jim Caviezel) rückt aus, um sich einer neuen Nummer anzunehmen: eine Ehefrau, die von ihrem Mann misshandelt wird - und deshalb ihren Gatten umbringen will. Doch bevor Reese eingreifen kann (oder überhaupt nur begreift, was vor sich geht), ist Lambert (Julian Ovenden) zur Stelle und kümmert sich - auf seine Weise - um die Situation. Samaritan manipuliert die elektronische Insulin-Pumpe des gewalttätigen Ehemanns und befördert ihn auf diese Weise ins Jenseits, ohne dass sich die Frau die Hände schmutzig machen musste.
Das Team Samaritan kümmert sich auf einmal auch um die irrelevanten Nummern, weshalb das Team Machine unvermittelt vor der Beschäftigungslosigkeit steht. Shaw (Sarah Shahi) denkt sogar schon über Urlaub nach. Doch Finch (Michael Emerson) ahnt, dass hinter dem Eingreifen Samaritans mehr steckt. Denn genau so unvermittelt stürzt der Super-Computer die Stadt von einem auf den anderen Moment ins Chaos, indem Samaritan nicht der Polizei, sondern den Verbrechern hilft. Das alles dient nur einem Zweck: Die Aufmerksamkeit der Maschine zu erregen. Samaritan will in direkten Kontakt mit seinem Opponenten treten...
Trilogie
The Cold War ist von CBS als Auftaktepisode einer Trilogie angekündigt worden. Für das Team Machine verheißt das nichts Gutes. Die letzte Trilogie - in Staffel 3 - hat einem Mitglied das Leben gekostet. Nun ließe sich sicherlich argumentieren, dass die Macher von Person of Interest doch nicht zweimal hintereinander an der gleichen Stelle - dem Midseason-Dreiteiler - eine Figur aus der Serie ausscheiden lassen werden. Andererseits könnte es natürlich genau der Schachzug der Autoren sein, dass damit niemand ernsthaft rechnen wird.
So oder so verspricht The Cold War, dass es in den kommenden Folgen hoch hergehen wird. Dabei fungiert die Folge primär als eine Exposition, die uns die Einsätze vor Augen führt, um die es in dieser Auseinandersetzung der „Götter“ geht.
Himmel und Hölle
Wir sehen das verführerische Zwangs-Paradies, welches Samaritan den Menschen bietet: eine Welt, in der Ruhe, Ordnung und (vermeintliche) Gerechtigkeit herrschen, aber auf Kosten unserer Autonomie. Eine Welt, in der die Menschen nur einen Zweck zu erfüllen haben: Informationen zu erzeugen, welche von Samaritan prozessiert werden können. Das ist das „Lebensblut“ des Computers. Wir sehen auch, welches Chaos und welche Zerstörung ein übelmeinender Super-Rechner in einer vollständig vernetzten Welt verursachen kann. Und das nicht nur begrenzt auf New York. Am Ende schickt sich Samaritan an, die Computer der Wall Street zu hacken - und eine neue Weltwirtschaftskrise auszulösen (als ob der Kapitalismus dazu nicht schon allein in der Lage wäre...), um die Menschheit dadurch noch fester in den Griff zu nehmen.
Es ist eine wahrhaft epische Geschichte, welche Person of Interest hier erzählt - mit Einsätzen, wie sie höher kaum sein könnten.
Lieber Gott?
Dabei lebt The Cold War allerdings gar nicht mal so sehr von den Spannungsmomenten, sondern vielmehr von der intellektuellen Auseinandersetzung, wie sie insbesondere von Harold und Sameen ausgetragen wird. Die im Raume stehende Frage lautet dabei: Ist diese neue Welt, in der die künstliche Intelligenz die Herrschaft übernimmt, überhaupt etwas Schlechtes?
Harold argumentiert, dass die Maschinen niemals in der Lage sein werden, unsere Moral abzubilden - aus dem einfachen Grund, weil sie keine Menschen sind. Das ist eine Aussage, die sicherlich Widerspruch hervorrufen wird. Mögen die Verhaltensregeln, die unser Denken und Handeln bestimmen (= unsere Moral), auch noch so komplex sein, handelt es sich dabei doch um Informationen, die prinzipiell auch ein Computer verarbeiten können müsste.
Die Sache mit der Moral
Die Schwierigkeit dabei ist natürlich, dass unsere Moral sich aus einer komplizierten Gemengelage zusammensetzt: Da sind zum einen unsere Emotionen, die unser Verhalten als Evolvierte Psychologische Mechanismen (EPM) anleiten. Diese sind über Jahrmillionen hinweg zum Zweck der Überlebenssicherung entstanden. Sie bilden kein in sich widerspruchsfreies System, sondern eher einen situativ zum Einsatz kommenden Werkzeugkasten. Zum anderen sind da Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alte kulturelle Normen und Traditionen, die (in einem individuell verschiedenen Ausmaß) das kognitive Management unserer emotionalen Impulse dirigieren - und kaum vorhersagbaren Prozessen des historischen Wandels unterliegen.
Vielleicht hat Harold also doch Recht. Möglicherweise ist menschliche Moral so eng an unser neuronales Betriebssystem geknüpft, dass kein anderer Computer (vorerst jedenfalls) in der Lage sein wird, die Dynamik moralischer Bewertungs- und Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen. Diese kleinen Nuancen, die in einer vermeintlich identischen Situation zu einer völlig anderen (moralischen) Schlussfolgerung führen.
Das ist offenkundig eine Diskussion, die den Rahmen eines Episodenreviews sprengt. Bemerkenswert ist zunächst einmal vor allem, dass Person of Interest - als eine TV-Serie, die sich an ein Millionenpublikum richtet - diese Diskussion führt und Überlegungen dieser Art anregt.
Damien
Höhepunkt von The Cold War ist natürlich das direkte Gespräch zwischen der Maschine und Samaritan, welches vermittelt durch die Avatare Root (Amy Acker) und Gabriel (Oakes Fegley) stattfindet. Das ist zunächst mal ein sehr gutes Stilmittel, um etwas zu visualisieren, was sich sonst nur schwer visualisieren ließe (die Kommunikation zwischen zwei Computern). Sehr gelungen ist auch die Wahl des Samaritan-Avatars. Dafür einen kleinen Jungen zu nehmen, gibt der Szene etwas Unheimliches.
Gleichzeitig ist die Szene allerdings auch nicht ganz unproblematisch. Ein bisschen gestört habe ich mich vor allem an der Tatsache, dass der Junge nicht nur so agiert wie jemand, der einen Knopf im Ohr hat und das wiedergibt, was ihm die Stimme sagt, sondern so, als wäre er quasi ganz und gar von Samaritan besessen. Das war - für mich zumindest - ein bisschen zu viel des Guten. Zumal auch die Dialoge - dafür, dass dort zwei Computer miteinander sprechen - etwas zu... menschlich klingen. Sätze wie „You were never meant to be in this world“ sind für einen Computer überraschend schwülstig formuliert (da hätte man jetzt vielleicht eher etwas in Richtung „You were a danger to my function“ erwartet).
Nie mehr kalter Krieg?
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Rückblenden ins Jahr 1973. Grundsätzlich ist es eine ja eine sehr schöne (und auch visuell interessant umgesetzte) Idee zu zeigen, wie aus Greer (jung: Emrhys Cooper, alt: John Nolan) jener desillusionierte Spion geworden, der sich schließlich einer gänzlich neuen Weltordnung verpflichtet. Der junge Greer prophezeit, dass die Grenzziehungen des kalten Kriegs eines Tages bedeutungslos sein werden. Das sind Sätze, die gerade in diesen Tagen, wo wir an der Schwelle eines neuen kalten Kriegs stehen, natürlich etwas seltsam klingen.
Eine der großen Stärken von Person of Interest war und ist es, dass sich die Serie auf dem Hintergrund des NSA-Skandals ungemein aktuell und gegenwärtig anfühlt. Die Territorialkonflikte sind deshalb aber nicht verschwunden - und gehören nach wie vor zur Komplexität des Weltgeschehens. Ihre Rolle zu unterschätzen, ist etwas, das Person of Interest gerade auf dem Hintergrund der Ukraine-Krise nun etwas weniger aktuell und gegenwärtig ausschauen lässt.
Fazit
Eine intellektuell höchst anregende Folge, welche - die geringfügigen Mängel mal beiseite - die Bühne für ein spannendes und episches Geschehen bereitet. Wird die Maschine vor Samaritan kapitulieren, um das Team Machine vor der Vernichtung zu bewahren? Werden alle Mitglieder das Ende des Dreiteilers erleben? Fragen über Fragen. Und noch so lange hin bis zur nächsten Folge.
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 17. Dezember 2014Person of Interest 4x10 Trailer
(Person of Interest 4x10)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 4x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?