Person of Interest 3x23

Das passiert in der Person of Interest-Folge Deus Ex Machina:
Der Stromausfall in New York hält an. Während Shaw (Sarah Shahi) sich auf den Weg macht, um Root (Amy Acker) bei der Infiltration einer Decima-Serverfarm zu helfen, suchen Reese (Jim Caviezel) und Hersh (Boris McGiver) nach einer Möglichkeit, Finch (Michael Emerson) und die anderen Angeklagten zu finden. Vigilance hat für den Schauprozess gegen Finch, Control (Camryn Manheim), Greer (John Nolan), Garrison (John Doman) und Rivera (Joseph Melendez) nicht nur einen Gerichtssaal improvisiert, sondern - inmitten der Stromausfall-Wirren - auch Jury und Journalisten (als Publikum) qua Entführung zusammengestellt. Als Live-Stream wird der Prozess zudem in alle Welt übertragen.
Collier (Leslie Odom Jr.) will klären, wer ultimativ die Verantwortung für das Northern-Lights-Überwachungsprogramm trägt. Er versucht, dem Verfahren den größtmöglichen Anstrich von „Rechtsstaatlichkeit“ und Fairness zu geben. Gleichzeitig wird jedoch sehr schnell klar, dass er jeden über den Haufen schießt, der nicht mit dem Gericht kooperiert. Als es so aussieht, als ob auch Control hingerichtet werden soll, entschließt sich Harold, ein Geständnis abzulegen...
Holy Shit
Noch etwa eine Viertelstunde, nachdem ich Deus Ex Machina gesehen hatte, konnte ich nichts anderes tun oder sagen, außer ständig „Holy Shit. Holy Shit! HOLY SHIT!“ vor mich herzusagen.
Evolution
Person of Interest hat in den vergangenen drei Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: eine Serie, die anfangs kaum mehr als ein - gut gemachtes - Procedural zu sein schien, ist heute eine der komplexesten und spannendsten Serien, die das US-Fernsehen zu bieten hat. Dabei hat sich Person of Interest von Staffel zu Staffel kontinuierlich gesteigert. Wieder und wieder hat sich die Serie selbst übertroffen; hat den Bewertungsmaßstab verschoben, was als eine exzellente Folge zu gelten hat. Deus Ex Machine, das Finale der dritten Staffel, hebt die Serie, so viel sei schon jetzt gesagt, erneut auf eine völlig neue Ebene.
Plot driven
Kritiker könnten sicherlich einwenden, dass Person of Interest seine Komplexität mehr aus dem Plot als aus den Charakteren bezieht. Und dass genau darin ein Merkmal liegt, worin sich die Serie immer noch von den oft gefeierten Kabelserien unterscheidet. Auf diesen Punkt wurde hier vor ein paar Wochen in einem Review-Kommentar hingewiesen. Und er ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Er spielt auf jeden Fall eine Rolle bei der permanenten Nicht-Berücksichtigung der Serie im Hinblick auf Fernsehpreise (oder auch nur deren Nominierung).
Person of Interest verfügt zwar über sehr ausgefeilte, lebendige Figuren. Diese stehen aber ganz klar nicht so sehr im Mittelpunkt wie in manchen Kabel-Charakterdramen (etwa Mad Men). Person of Interest ist im Kern eine plotgetriebene Actionserie, was ihr allerdings nicht im Mindesten zum Nachteil gereicht. Und ihr auch nicht als ein Nachteil ausgelegt werden sollte.
Relevanz
Das, was an dem Stoff am meisten fasziniert, ist seine überragende thematische Relevanz. Person of Interest handelt von der Welt nach 9/11; von einer Welt, in der Terror-Angst/Paranoia und digitale Revolution, in der Big Business und Big Data aufeinander treffen - und den Menschen in eine höchst beunruhigende Lage versetzen. Eine weitere Demütigung in einer ganzen Reihe von Demütigungen für unser Selbstverständnis.
Kopernikus hat gezeigt, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind. Freud hat gezeigt, dass wir noch nicht mal unbedingt „Herren im eigenen Haus“ (sprich: in unserem Oberstübchen) sind. Person of Interest zeigt, dass sich die freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung, in der wir bislang zu leben glaubten, mehr und mehr als Trugbild erweist. Wir werden auf Schritt und Tritt überwacht. Die Regierungen, die eigentlich uns gegenüber rechenschaftspflichtig sein sollten, belügen und betrügen uns. Geheimdienste und Wirtschaftsunternehmen verselbstständigen sich, scheinbar losgelöst von jeder gesetzlichen Grundlage und rechtlichen Verantwortbarkeit.
„Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass das hier eine Demokratie ist...!“ (Greer), „Du bist kein freier Mann mehr, Harold, Du bist nur noch eine Nummer...“ (Root).
Und hinter allem tut sich die albtraumhafte Vision einer aufsteigenden künstlichen Intelligenz auf, die uns die ultimative Demütigung zufügt: Nur noch Statisten in einem Schauspiel „griechischer Götter“ zu sein, die unser Schicksal kontrollieren.
Zeus
BTW: Erinnert sich noch jemand an den allerersten Auftritt von Mr. Greer, als er in Dead Reckoning mit der verwundeten Kara Stanton (Annie Parisse) spricht - und dabei bereits das Bild von den alten und den neuen griechischen Göttern bemüht? Wir hatten ihn, weil sein wirklicher Name damals noch nicht bekannt war, daraufhin sogar eine Zeit lang in den Reviews Zeus genannt. Das sind Augenblicke, in denen man sich wirklich vor den Autoren von Person of Interest verbeugen muss! Selbst die kleinste Kleinigkeit scheint minutiös vorausgeplant (oder wird zumindest nicht vergessen). Chapeau!
Komplexität
Doch zurück zur Relevanz: Person of Interest nimmt diesen geradezu monströsen Themenkomplex voller gesellschaftlicher und philosophischer Implikationen und macht daraus eine mitreißende Actionserie. Ja, Person of Interest ist gerade deshalb so mitreißend, weil die Serie ihr Thema in dessen Vielschichtigkeit belässt. Weil sie die Vielzahl und Vielgestalt der Akteure und Interessen und Verflechtungen berücksichtigt. Genau deshalb ist die Welt von Person of Interest eine Welt, die einen so hohen Wiedererkennungswert besitzt.
Das ist es, was den Prozess, der im Mittelpunkt von Deus Ex Machina steht, so spannend macht: hier werden die Konflikte behandelt, die unsere westliche Zivilisation derzeit beschäftigen. Hier wird die Problematik von Sicherheit vs. Freiheit nochmals auf die Spitze getrieben.
Und im Zuge dessen gewinnen wiederum auch die Figuren an Komplexität: Control ist, wie wir schon in A House Divided, vermuten durften, nicht einfach nur ein generischer Bösewicht; sie hat den 11. September unmittelbar am eigenen Leib erfahren. Das ist der Grund für ihre Haltung. Auch produziert die unbedingte Treue zu ihrem Land ganz unterschiedliche Resultate: war es in Aletheia der Antrieb dafür, Root zu foltern, ist es in Deus Ex Machina ihre Motivation dafür, Finch nicht ans Messer zu liefern. Die Figuren in Person of Interest sind weit davon entfernt, einfach nur schwarz oder weiß zu sein.
Tragische Gestalt
Das gilt auch für Collier, der weit mehr ist als nur ein stereotyper Terrorist. Kam er - vor allem wegen seiner Eigenschaft, sich in brenzligen Situationen sehr schnell zurückzuziehen - über weite Teile der Staffel als eine weniger starke Figur herüber, so gewinnt er in den beiden letzten Folgen deutlich an Statur. Was natürlich nicht zuletzt mit den Rückblenden zusammenhängt, die seine schrittweise Radikalisierung dokumentieren. Mehr denn je stürzt uns seine Figur in einen Konflikt. Denn nicht wenigen Zuschauern wird es ja so ähnlich gehen wie Finch in Most Likely To...: Eigentlich sympathisieren wir mit den Anliegen, die Collier vertritt. Nur seine Methoden und sein blinder Eifer stören uns.
In gewisser Hinsicht ist Collier die tragische Gestalt der dritten Staffel von Person of Interest: ein Mann, der mit durchaus edlen Motiven zur (Protest-) Tat geschritten ist, dann aber nicht erkannt hat, dass er ein Instrument für das genaue Gegenteil seiner Anliegen ist.
Den Teufel an die Wand malen
Vigilance ist underwandert. Nicht nur vom FBI, das aktiv an der Radikalisierung der Gruppe mitarbeitet (Person of Interest greift hier den wohldokumentierten Fakt auf, dass sich verdeckte Ermittler in Protestgruppen bisweilen als agent provocateur betätigen). Sondern auch von Decima, das die Gruppe überhaupt erst ins Leben gerufen hat - als eine neue Terrorbedrohung, welche den nötigen Bedarf für eine weitere „Waffe der Massenüberwachung“ schafft. Damit erübrigt sich natürlich die Kritik aus dem vergangenen Review, dass Decima dem Kidnapping von Greer nicht genug Widerstand entgegengesetzt hat. Das alles gehörte schließlich zu Greers Masterplan!
Auch wenn man - spätestens nach der geheimnisvollen SMS an Collier in A House Divided - davon ausgehen konnte, dass hinter Vigilance noch mehr steckt als bislang bekannt, so ist die Enthüllung in Deus Ex Machina trotzdem ein atemberaubender Wendepunkt. Welcher unmittelbar zum nächsten überleitet: die US-Regierung stellt Decima nun bereitwillig alle Datenfeeds zur Verfügung; Samaritan kann online gehen. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Game Changer
Das Ende der Folge ist von einer niederschmetternden Wucht, perfekt akzentuiert von Radioheads „Exit Music (for a film)“ als Abschlusssong. Samaritan startet die minutiöse und Greer jederzeit zugängliche Überwachung von uns allen. Seine neue Weltordnung ist im Begriff, sich zu manifestieren.

Unsere Helden sind zum Abschuss freigegeben. Sie müssen die Konsequenzen von Finchs moralischer Rechtschaffenheit in Death Benefit (als er sich gegen die Ermordung des Abgeordneten aussprach) tragen - und selbst in den Untergrund gehen. Mit neuen Identitäten. Jeder für sich allein.
Es ist ein Game Changer von einem Ausmaß, wie wir es noch nicht in Person of Interest gesehen haben. Wenn die Serie im Herbst auf die US-Bildschirme zurückkehrt, dann wird es in mancherlei Hinsicht eine andere Serie sein: die Bibliothek fällt als Operationsbasis weg. Und unsere Figuren werden sich erst einmal von diesem kapitalen Rückschlag erholen müssen. Doch, wie sagt die Maschine so schön: „Selbst wenn der schlimmste Fall eingetreten ist, bleibt immer noch eine Sache in Pandoras Büchse übrig: Hoffnung.“
Am Boden
Ja, das ist richtig. Trotzdem kann einem das Ende regelrecht das Herz brechen. Wie Shaw und Root, Finch und Reese sich noch einen letzten Blick zuwerfen, bevor sie voneinander scheiden, das lässt den Zuschauer am Boden zerstört zurück. Was natürlich im Umkehrschluss auch ein Beweis dafür ist, wie sehr uns diese Figuren ans Herz gewachsen sind. Person of Interest stellt die Charaktere vielleicht nicht so in den Mittelpunkt wie es andere Dramaserien tun. Trotzdem sind die Figuren natürlich das, was uns überhaupt erst mit der Geschichte mitgehen lässt.
Wir fiebern mit Finch mit, während er vor dem Vigilance-Gericht steht; wir genießen die kleinen Anspielungen zwischen Root und Shaw (; wir werden im Gespräch zwischen Reese und Fusco (Kevin Chapman) daran erinnert, dass letzterer ja immer noch nicht von der Maschine (und damit im Grunde vom dem ganzen Handlungsstrang) weiß. Und wir freuen uns, dass Bear wieder da ist. Nach seiner Abwesenheit in den vergangenen Episoden bekommt er in Deus Ex Machina richtig gut zu tun: egal ob im Straßenkampf gegen Vigilance-Mitglieder oder zum Pistolen-Apportieren.
Heldentod
Eine besondere Würdigung verdient außerdem Hersh. Er ist anfangs vor allem an den heiteren Momenten der Episode beteiligt, etwa durch seine unkonventionelle Methode, für Shaw ein Fahrrad zu beschaffen. Er und Reese und Shaw geben außerdem ein köstliches Team ab: das Terminator-Trio. Wie ein Terminator, so gestaltet sich auch Hershs grandioser Abschied. Er wird von mehreren Kugeln getroffen; eine davon sogar aus nächster Nähe. Trotzdem kämpft er wie ein Berserker weiter. Unbeirrt versucht er, die Explosion der Bombe zu verhindern. Einzig mehrere Tonnen Sprengstoff sind in der Lage, ihn zu töten.
Der fiese Bösewicht Hersh - in Deus Ex Machina stirbt er den tragischen Hedentod. Auch das ist für die Serie und ihren Wendungsreichtum sehr kennzeichnend.
Fazit
Herzklopfen. Mit Deus Ex Machina liefert Person of Interest ein außergewöhnlich spannendes und bewegendes Stück Fernsehen ab, welches den Zuschauer noch Minuten, ja Stunden im Anschluss gefesselt hält. Komplexes Erzählen im Fernsehen kann viele Gestalten annehmen. Die Macher von Person of Interest haben eine Form gefunden, welche die Verarbeitung einer Fülle zeitgeschichtlich höchst relevanter Themen in einer fingernägelkauend spannenden Actionserie erlaubt.
So niederschmetternd das Finale der dritten Staffel für den Zuschauer auch ist, so ist es doch zugleich ein Garant dafür, dass es mit der Serie spannend weitergeht.
Wenn doch nur schon Herbst wäre...
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 14. Mai 2014(Person of Interest 3x23)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 3x23
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?