Person of Interest 3x20

Das passiert in der Person of Interest-Folge Death Benefit:
Nach dem Leak der Northern Lights-Dokumente durch Vigilance überschlagen sich die US-Medien mit Berichten über das geheime Überwachungsprogramm der Regierung. Genau in diesem Moment tritt Greer (John Nolan) an Senator Garrison (John Doman) heran - und bietet ihm ein neues Überwachungssystem an, welches Decima Technologies entwickelt habe. Ein System, dessen Funktionalität nicht durch die ethischen Bedenken seines Schöpfers eingeschränkt sei. Der Senator ist interessiert. Er glaubt jedoch, dass er - angesichts der Northern Lights-Enthüllungen - nicht die nötige politische Unterstützung dafür finden wird. Greer versichert ihm dagegen, dass oppositionelle Meinungen kein Problem sein werden.
Zur gleichen Zeit erhalten Finch (Michael Emerson) und Reese (Jim Caviezel) eine neue Nummer. Während Root (Amy Acker) sich Shaw (Sarah Shahi) „ausleiht“, um eine relevante Nummer zu bearbeiten, kümmern sich die Herren um den Kongressabgeordneten McCourt (John Heard). Dieser ist öffentlich als ein Kritiker der staatlichen Überwachung bekannt. Finch glaubt, dass dem Politiker genau deshalb durch Decima Gefahr drohen könnte. Reese fingiert einen Zwischenfall, um als vermeintlicher Secret-Service-Agent in das Sicherheitsteam des Abgeordneten aufgenommen zu werden. Unglücklicherweise fliegt sein Cover jedoch schon bald auf, was ihn dazu veranlasst, extreme Maßnahmen zu ergreifen. Um McCourt weiterhin zu beschützen, kidnappt er den Politiker kurzentschlossen...
Großes Drama
Wenn es eine Konstante in Person of Interest gibt, dann ist es diese: die Serie findet immer neue Wege, den Zuschauer zu verblüffen. Gerade dann, wenn man glaubt, dass sie eigentlich gar nicht mehr besser werden könnte, setzt die Serie noch einen drauf.
Die Szene, in der dem Team Machine klar wird, dass McCourt weder Opfer noch Täter im herkömmlichen Sinne ist, sondern dass die Maschine ihnen de facto einen Mordauftrag erteilt hat, gehört wahrscheinlich zu den stärksten Momenten der Serie überhaupt. Drama speist sich, wie bereits verschiedentlich angemerkt, daraus, dass eine Erzählung ihre Figuren vor schwierige, ja unmögliche Entscheidungen stellt. Genau das ist es, was Person of Interest immer wieder so meisterlich gelingt - und woraus die Serie einen nicht geringen Teil ihrer Spannung bezieht.
Das Dilemma
Finch weiß genau, welche Bedrohung von Samaritan ausgeht. Am Anfang hat er es selbst beschrieben: Sollte Samaritan an den Start gehen, dann droht ihnen allen der Tod. Gleichzeitig ist der Gedanke, deshalb einen Mord zu begehen beziehungsweise dabei ein Komplize zu sein, etwas, das für den durch und durch moralisch integeren Denker, absolut unerträglich ist. Die Frage, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen, treibt einen Keil in das Team Machine. Reese und Shaw haben naturgemäß weniger Bedenken, wenn es um das Beenden von Menschenleben geht. Reese macht dabei auch ein sehr gutes Argument geltend: Ist es nicht das Gleiche wie bei der Terroristenjagd? Gilt nicht auch hier der Grundsatz „Wir opfern einen, um viele zu retten“?
Die Szene ist nicht nur bemerkenswert wegen des moralischen Dilemmas, vor das sie die Figuren stellt, sondern auch deshalb, weil sie auch sonst sehr viel über die Figuren verrät. Shaw (die sich selbst einer veränderten Einstellung zum Töten bewusst ist) vertraut der Maschine. Reese vertraut Finch. Doch Finch scheint weder der Maschine noch sich selbst mehr zu vertrauen. Dass seine eigene Kreation, die er zum Schutz von Menschen geschaffen hat, nun implizit den Tod eines Menschen verlangt, stellt für ihn alles, woran er seit dem 11. September 2001 gearbeitet hat, in Frage.
Die Krise
Es ist kaum in Worte zu fassen, wie bitter das Ende von Death Benefit ist. Obwohl Reese und Shaw letztlich ihm vertraut und McCourt nicht getötet haben (und trotz der Opfer, die sie gebracht haben; immerhin wird Shaw auf der Flucht verwundet), kehrt Finch nicht nur der Maschine, sondern auch seinen Mitstreitern den Rücken. Das ist zutiefst enttäuschend und im Grunde unbegreiflich. Schließlich sollte man meinen, dass das Team gerade jetzt zusammenhalten müsste, wo es sich doch seiner größten Bedrohung (durch Samaritan) gegenübersieht.
Doch offenbar kann Harold nicht mehr. John hatte seinen Zusammenbruch, seine persönliche Sinnkrise unmittelbar nach Carters (Taraji P. Henson) Tod. Jetzt, im denkbar schlechtesten Moment, trifft es Harold. Anzeichen dafür, dass sich unter der Oberfläche etwas zusammenbraut, gab es in der Vergangenheit durchaus zuvor. Seine gespaltene Haltung zur Maschine (die etwa in seinem Gespräch mit Arthur (Saul Rubinek) in Aletheia zum Ausdruck kaum) oder auch Roots Bemerkung in Root Path, dass sich die Maschine wegen Harolds Schlaflosigkeit Sorgen mache, gehören dazu. Finch ist sehr gut darin, seine Gefühle zu verbergen. Doch das gelingt auch ihm nur bis zu einem gewissen Punkt.
Glanzleistung
Unbedingt Erwähnung finden muss im Zusammenhang mit Death Benefit und der oben erwähnten Szene die schauspielerische Leistung von Michael Emerson, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Weil die Serie mehr plot als character driven ist, werden die Emmy-Juroren wohl auch in diesem Jahr Michael Emerson nicht zur Kenntnis nehmen. Da sollte man sich keine Illusionen machen. Sein unglaublich intensives wie nuanciertes Spiel gerade in der Diskussion mit Shaw und Reese macht jedoch einmal mehr deutlich, dass hier einer der besten Schauspieler des US-Fernsehens vor der Kamera steht.
Kein Stereotyp
Positiv hervorzuheben ist auch die Person of Interest: McCourt ist nicht einfach nur irgendein korrupter Politiker, der als austauschbares Stereotyp daherkommt, sondern wird in der kurzen Zeit, die der Episode zur Verfügung steht, als eine höchst schillernde und vielschichtige Figur gezeichnet. Er ist nicht einfach bloß korrupt, sondern folgt bei seinem Tun offenbar einem ganz eigenen Kodex. Als Harold ihn - unter dem Druck der Zeit und der absehbaren Konsequenzen - recht plump zu bestechen versucht, da scheint McCourt, vorzüglich gespielt von John Heard, sogar genuin beleidigt.
Auch im Hinblick auf die Überwachungsthematik macht die Episode hier auf eine (vor allem in den USA) relevante Komplikation aufmerksam: Nicht jeder, der gegen Überwachung ist, ist aus den gleichen Gründen dagegen. McCourt hat prinzipiell überhaupt keine Einwände gegen den Überwachungsstaat, solange es nur nicht die (unfähige) Regierung ist, die ihn betreibt.
Decima und Vigilance
Sehr interessant ist die Vermutung von Finch und Reese, dass es zwischen dem Vigilance-Leak und den Samaritan-Aktivitäten von Decima einen Zusammenhang geben könnte, was Death Benefit durchaus nahe zu legen scheint: Immerhin ist es doch sehr interessant, dass Decima genau in dem Augenblick bei der Regierung vorstellig wird, in dem ihr Northern Lights durch die Enthüllungen weggebrochen ist. Es ist also sehr gut vorstellbar, dass Decima auf die ein oder andere Weise Vigilance lenkt (was auch erklären würde, warum die Terroristen stets so gut informiert sind).
Katzengejammer
Zwei Kritikpunkte an der Episode müssen ebenfalls erwähnt werden. Ein kleinerer und ein größerer. Der kleine Kritikpunkt wäre: Es ist doch recht erstaunlich, wie leger Reese und Shaw am Anfang den Koffer mit der einen Million Dollar einfach mal so herumliegen lassen. Harold hat's ja! Was macht da schon eine Million mehr oder weniger?
Der größere Kritikpunkt ist die Musikauswahl am Ende. Für gewöhnlich ist gerade die Auswahl der (Abschluss-) Songs eine der großen Stärken von Person of Interest. In Death Benefit leider nicht. Grundsätzlich ist ja gegen den Einsatz kontrapunktischer Musik nichts zu sagen. „Medicine“ von Daughter ist jedoch einfach ein Stück weit zu kontrapunktisch. Der Song ist zu ätherisch und in einer zu hohen Stimmlage. Dadurch ist die emotionale Spreizung zwischen Szene und Musik einfach zu groß. Zumindest mir ging es so, dass mich die Musik eher abgelenkt und damit auch dem Cliffhanger - dem Beta-Test von Samaritan - einen Großteil seiner dramatischen Kraft genommen hat.
Selbst „Katzengejammer“ (Reese) / „Verdi“ (Finch) wäre da eine bessere Wahl gewesen!
Fazit
Mit Death Benefit liefert Person of Interest wieder einmal ganz großes Kino ab! Eine spannende und in jeder Hinsicht mitreißende Episode, welche den Zuschauer am Ende mit den allergrößten Befürchtungen zurücklässt: Das Team Machine zerrissen, Samaritan online und auf der Suche nach Harold Finch. Das Staffelfinale rückt ersichtlich näher. Die Spannung könnte kaum größer sein!
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 16. April 2014(Person of Interest 3x20)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 3x20
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