Person of Interest 3x19

Person of Interest 3x19

Reese und Shaw verschlägt es an eine High School. Finch und Fusco begeben sich im Kampf mit Vigilance nach Washington. Und Root hat viel Spaß an ihrer neuen Rolle als vermeintliche FBI-Agentin. Most Likely to... entertain.

Shaw (Sarah Shahi, r.) wagt ein Tänzchen mit der Person of Interest (Nestor Carbonell, l.). / (c) CBS
Shaw (Sarah Shahi, r.) wagt ein Tänzchen mit der Person of Interest (Nestor Carbonell, l.). / (c) CBS

Das passiert in der Person of Interest-Folge Most Likely to...:

I've killed lots of people, but my friends keep telling me it's wrong...“ (Shaw hat Freunde und benennt sie auch als solche!)

Reese (Jim Caviezel) und Shaw (Sarah Shahi) kümmern sich um eine neue Nummer, eine Bundesangestellte aus Washington, die in New York zu Besuch ist. Sie können jedoch nicht verhindern, dass die Frau von einem als Taxifahrer posierenden Attentäter in die Luft gesprengt wird. Finch (Michael Emerson) findet heraus, dass Vigilance hinter der Tat steckt. Er und Fusco (Kevin Chapman) fahren in die Bundeshauptstadt, um zu ermitteln, warum Vigilance die Frau aufs Korn genommen hat. Der Anschlag löst auch bei Control (Camryn Manheim) und US-Senator Garrison (John Doman, Borgia) Nervosität aus.

Während sich Finch und Fusco auf den Road Trip nach Washington begeben, sind Reese und Shaw in einem Vorort New Yorks der nächsten Nummer auf der Spur. Matthew Reed (Nestor Carbonell, Lost) ist ein erfolgreicher Staatsanwalt aus Manhattan, der das 20-jährige Klassentreffen seines High-School-Jahrgangs besucht. Unter seinen ehemaligen Mitschülern ist Matthew alles andere als wohlgelitten. Viele glauben, dass er hinter dem Tod seiner damaligen Freundin steckt. Ein Unbekannter versucht die Anwesenden auf nachdrückliche Weise an das Schicksal des bedauernswerten Mädchens zu erinnern. Wird er versuchen, Matthew aus Rache zu ermorden?

Spiel mit den Erwartungen

Vor allem in der ersten Staffel hat sich Person of Interest dadurch ausgezeichnet, dass die Zuschauer nie sicher sein konnten, ob die Person of Interest Opfer oder Täter ist. Bevor sich das Spiel mit dieser Frage abnutzen konnte, hat die Serie davon ein Stück weit Abstand genommen. Die Nummern der vergangenen Wochen und Monate waren zumeist durchweg Opfer. In einem der vergangenen Reviews hatte es mir schon fast in den Fingern gejuckt, dazu etwas kritisch anzumerken. Doch da durchbricht die Serie mit Most Likely to... das neue Muster auch schon wieder. Und das gleich in doppelter Hinsicht.

Tödliche Überraschung

Zunächst einmal natürlich dadurch, dass Shaw und Reese am Anfang scheitern. Sie können nicht verhindern, dass eine Person of Interest vor ihren Augen stirbt. Das dürfte den beiden eine wertvolle Lehre sein: Sie hätten die Frau zwar auch nicht retten können, wenn sie darauf verzichtet hätten, erst einmal die Münze zu werfen. Doch ist der Vorfall auf jeden Fall ein wichtiger Reminder, den Job nicht auf die all zu leichte Schulter zu nehmen. Auch ein Fall, der zunächst einfach und nach Routine ausschaut, kann gravierende, ja tödliche Konsequenzen haben. Bei dieser Gelegenheit wird auch der Zuschauer aufgerüttelt: Nein, nicht jede Person of Interest wird von Reese und Shaw gerettet werden!

Darüber hinaus ist es natürlich schön, dass sich mal wieder ein potenzielles Opfer als potenzieller Täter herausstellt. Dass Matthew nicht der Mörder seiner ehemaligen Freundin gewesen ist, war zwar abzusehen, nicht jedoch, dass er selbst es ist, der Rache zu nehmen versucht. Das ist sehr schön gelöst.

Der Flirt

Ebenso wie der kleine Flirt, der sich zwischen Matthew und Shaw anbahnt. Vor allem, weil es eben nicht mehr ist als ein Flirt. Sie küssen sich noch nicht einmal. Das wäre für Shaw auch völlig unangemessen.

Für ihre Figur ist es schon ein großer Schritt, dass sie sich Matthew gegenüber aufgeschlossen, ja geradezu freundlich verhält. Es ist von der ersten Szene bei der Registrierung an klar, dass er ihr gefällt. Das allein ist schon recht bemerkenswert. So ähnlich wie anfangs bei Reese und Zoe (Paige Turco, ach, wann kommt sie wieder?) lassen die Autoren (in der aktuellen Folge: Melissa Scrivner Love und Denise Thé) schon die Funken sprühen, sie gehen aber nicht zu weit; sie belassen es beim Flirt - und beweisen dadurch mehr Sinn für Erotik als die meisten ihrer Kollegen in anderen Serien.

Verstrickung

Der Fall-der-Woche wird gleich auf doppelte Weise mit dem Vigilance-/Maschine-Plot verwoben. Zum einen durch die Ermittlungen von Finch und Fusco, die in einer weiteren Begegnung mit Collier (Leslie Odom, Jr.) münden. Zum anderen dadurch, dass Vigilance Reese und Shaw ins Visier nimmt, während diese noch mit dem Fall-der-Woche beschäftigt sind - und auf einmal mit beiden Problemen zu jonglieren haben. Das ist gut für die Spannung, sorgt für einige schöne Actionszenen (Johns „Scary-Ninja-Fight“ in der Küche, die große Schießerei im Chemieraum) und natürlich Roots köstliche „Ups, sorry, dass ich Euch die Killer auf den Hals geschickt habe“-Entschuldigung.

High School Reunion

Überhaupt zeichnet sich Most Likely to... natürlich vor allem dadurch aus, wie meisterhaft die Episode die Genres Actionthriller und Komödie miteinander balanciert. Reese und Shaw auf einem High-School-Klassentreffen - das ist ja schon an sich ein nahezu unerschöpflicher Quell des Amüsements! Angefangen bei Shaws Empörung darüber, welch ehemals unansehnliches Mauerblümchen sie mimen soll, bis hin zu den zahlreichen Ohrfeigen, die der ahnungslose Reese für die Promiskuität seines realen Vorbilds kassiert.

Darüber hinaus macht insbesondere der Road-Trip-Aspekt in beiden Handlungssträngen großen Spaß. Allein Reese und Shaw beim Auspacken ihrer Koffer zu beobachten (eine Zahnbürste versus ein Dutzend Schießeisen), ist schon ein Erlebnis! Nicht minder spaßig ist die Verzweiflung von Finch über die Musik- („AC/DC oder Dixie Chicks?“) und Hotel-Auswahl seines Reisebegleiters Fusco.

#ff

Finch und Fusco sind zwei Figuren, die eher selten miteinander interagieren - und meiner Erinnerung nach noch nie eine gemeinsame Storyline hatten. Dabei geben sie zusammen ein höchst formidables Team ab. Fusco protestiert schon gar nicht mehr, als Finch wieder mal mit einem sehr gewagten Pläne um die Ecke kommt - „Beim FBI einbrechen? Ja, klar, sicher doch...“.

Vigilance

In anderer Hinsicht denkwürdig ist auch das bereits erwähnte Treffen mit Collier. Der am Ende natürlich wieder das einzige Vigilance-Mitglied ist, dem die Flucht gelingt. Also ernsthaft: Wie gelingt es ihm überhaupt noch, seine Mitstreiter davon zu überzeugen, auf gemeinsame Missionen mit ihm zu gehen? Nun gut, man mag ihm vorwerfen, dass er stets sehr schnell das Hasenpanier ergreift. Andererseits gewinnt er in Most Likely to... aber an Statur: Jedenfalls hat er genau durchschaut, was Finch und sein Team tun - und was das im Umkehrschluss für die Existenz eines Systems zur massenhaften Überwachung bedeutet. Dumm ist Collier also keineswegs.

Und er kann in Most Likely to... erstmals seit langer Zeit wieder einen greifbaren Erfolg verbuchen: Vigilance leakt geheime Dokumente, die das Projekt Northern Lights betreffen, wodurch die Politik öffentlich unter Druck gerät. Dies hat die vorläufige Beendigung von Controls Anti-Terror-Operation zur Folge, wodurch sich die Maschine gezwungen sieht, Root aka FBI-Agentin Augusta King mit der Bearbeitung der relevanten Nummern zu beauftragen.

Die Storyline ist hochaktuell: erst vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass US-Präsident Obama eine Reform der Gesetzgebung plant, welche der NSA die massenhafte Sammlung von Telefonverbindungsdaten erlaubt. Gleichzeitig ist bekannt geworden, dass die NSA ein Schlupfloch in der bisherigen Gesetzgebung genutzt hat, um Telefonanrufe und E-Mails von US-Bürgern zu überwachen.

Wir schlafen ganz wie Brutus schlief...

Das große Problem in diesem Zusammenhang ist nur: Obwohl nun schon durch die Enthüllungen von Edward Snowden das Ausmaß der massenhaften Kommunikationsüberwachung bekannt geworden ist, sind die Reaktionen der Öffentlichkeit bislang (zu) verhalten ausgefallen. Ja, natürlich gibt es Proteste. Es kommt zu Demonstrationen. Aber gerade das Ergebnis der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hat - in Deutschland, aber auch mit Relevanz über unsere Grenzen hinaus - auf verstörende Weise gezeigt, dass Politiker, die für die Massenüberwachung eintreten oder die zumindest offenkundig damit kein größeres Problem haben, sich nicht vor dem Wähler fürchten müssen.

Und dabei gehört Deutschland noch zu den Ländern, in denen - nicht zuletzt auf Grund der Erfahrungen mit der Stasi im Osten - das Thema Überwachung am ehesten kritisch gesehen wird. In den USA ist die Zahl der Apologeten („Was schadet schon so ein bisschen Überwachung? Sie betrifft doch nur die [i=evil doer“ und macht uns sicher vor Terroristen...]) ungleich größer.

Das Problem

Für Person of Interest ist diese Situation insofern problematisch, weil sie die Plausibilität der Drohkulisse für Control und ihre politischen Unterstützer unterminiert. Inzwischen muss es ja - leider, leider - wirklich als fraglich gelten: Was hätte die US-Regierung von ihrem Wahlvolk zu befürchten, wenn die Existenz eines allumfassenden Überwachungsprogramms im Stil der Maschine ans Licht käme?

Das ist nicht so sehr als Kritik an Person of Interest, sondern mehr als Kritik an uns alle gerichtet. Die Serienmacher sind da letztlich durch die Snowden-Enthüllungen in eine Lage gerutscht, dass zwar einerseits die thematische Aktualität der Serie überdeutlich geworden ist, andererseits aber ein dramaturgischer Grundpfeiler der Serie („die Maschine muss unbedingt geheim bleiben“) einen kleinen Knacks bekommen hat.

Zufälle gibt's...

Apropos klein: Was es an konkreter Kritik an Most Likely to... sind allenfalls Kleinigkeiten. Etwa das Handy des Vigilance-Attentäters zu Beginn, welches die Explosion des Taxis überraschend gut übersteht - und natürlich Shaw und Reese praktisch genau vor die Füße fällt. Ja, gut, okay. Als filmische Realität abgehakt.

Fazit

Eine wie immer mitreißende Episode, welche geschickt Fall-der-Woche und fortlaufende Handlung miteinander verstrickt, neben sehr viel Spannung und Action auch sehr viel Komik zu bieten hat, und für manche Überraschung gut ist. Ach, Person of Interest ist doch immer wieder das Highlight der Serienwoche!

Und in dieser Woche vielleicht auch ein guter Anlass, noch mal darüber nachzudenken, wie man den öffentlichen Druck auf die politischen Entscheidungsträger in Sachen Massenüberwachung - natürlich mit den richtigen Methoden! (Finch) - erhöhen kann.

Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 2. April 2014
Episode
Staffel 3, Episode 19
(Person of Interest 3x19)
Deutscher Titel der Episode
Frank Mercer und Betty Harris
Titel der Episode im Original
Most Likely To ...
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 1. April 2014 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 4. August 2014
Autoren
David Cole, Jason Carbone
Regisseur
Kevin Hooks

Schauspieler in der Episode Person of Interest 3x19

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