Penny Dreadful 1x08

Eine Vampirjägerin, ein alternder Entdecker, ein geheimnisvoller Scharfschütze, der Wissenschaftler Dr. Frankenstein und der mysteriöse Dorian Gray finden sich zusammen, um im London des späten 19. Jahrhunderts dämonische Kräfte zu bekämpfen. „Die Liga der übernatürlichen Gentlemen“ als Serie? Eine Period-Version von Fringe?
Was ist Penny Dreadful?
Auch wenn der Titel eine Anspielung auf billige Grusel-Groschenromane aus dem 19. Jahrhundert ist (im viktorianischen England hießen diese „Penny Dreadfuls“), so ist diese Serie an plakativem Grusel nicht interessiert, soviel sei direkt verraten. Wer glaubt, Penny Dreadful wäre Supernatural als Period-Piece und mit höherem Budget, der täuscht sich schwer. Hier ist man beinahe frei von derartig eskapistischen Begierden. Penny Dreadful möchte weniger die Monster da draußen jagen, als die in uns drinnen.
John Logan: Von Gladiator zum viktorianischen London
Für Showrunner und Autor John Logan ist Penny Dreadful die erste Serie. Bisher schrieb er für große Hollywood-Produktionen, unter anderem die Drehbücher zu Ridley Scotts „Gladiator“, Martin Scorseses „Hugo“ oder den letzten James Bond-Film „Skyfall“ - dreimal war er bereits für den Oscar nominiert. Er ist das, was man in Hollywood als Big Player bezeichnen könnte, eine Bezeichnung, die wohl auch auf Sam Mendes („American Beauty“) zutrifft, den oscarprämierten Regisseur, mit dem Logan an „Skyfall“ arbeitete. Mendes ist bei Penny Dreadful als Produzent an Bord und half John Logan, aus seiner Idee eine tatsächliche Fernsehserie zu schmieden.
Doch ist Penny Dreadful überhaupt eine Serie? Denn der Kino-Background der Macher und besonders des Autors, ist diesem Machwerk deutlich anzumerken. Irgendwann wird hier sicher eine neue Genrebezeichnung gefunden werden müssen, der Modebegriff, der derzeit viel zu hören ist, ist „Anthologie-Serie“. Auch wenn die Definition davon nicht direkt auf die erste Staffel von Penny Dreadful zutrifft, hat es doch eine klare Gemeinsamkeit mit jüngeren Anthologie-Projekten wie True Detective und Fargo: Es ist eigentlich mehr ein langer Film, als eine Serie. Die Ausstattung, die grandiosen Sets, die Inszenierung - all das verfügt über eine unleugbare cineastische Herangehensweise, die derzeit schleichend, aber bestimmt die Konventionen des Fernsehens aufdröselt.
Die ersten beiden Episoden wurden von dem Spanier J.A. Bayona inszeniert, der vor allem für den stimmungsvollen Gruselfilm „Das Waisenhaus“ bekannt ist und sein Talent für verträumte, atmosphärische Bilder hier voll ausleben kann.
Doch nicht nur das Kino hat großen Einfluss auf Penny Dreadful, auch das Theater ist klar ein prägender Einfluss. Das äußert sich nicht nur darin, dass ein Theater eines der wichtigsten Handlungsorte der Staffel ist, es äußert sich auch im Spiel der Darsteller. Auch wenn Dialoge in Fantasy-Serien wie Game of Thrones ebenfalls eine unleugbare theatralische Qualität haben, so ist diese Tendenz hier noch einmal stärker zu spüren. Fast hat man das Gefühl, die Schauspieler blicken gelegentlich zu den Rängen hinauf. Die eindringlichsten Szenen in Penny Dreadful sind keine großen Setpieces mit viel Action, sondern Konfrontationen zwischen oftmals nicht mehr als zwei Charakteren in geschlossenen Räumen.
So hat man Frankensteins Kreatur lange nicht gesehen
Autor John Logan arbeitet in Penny Dreadful die Ängste und Erfahrungen seiner Jugend als Homosexueller im prüden Amerika des mittleren Westens auf, das betonte er in mehreren Interviews. Besonders in der Isolation etlicher Charaktere, ihrem einsamen Leiden und ihrem Hadern mit der Zurückgewiesenheit durch die Außenwelt wird das deutlich. Es manifestiert sich vor allem in Frankensteins Kreatur, die von einer darstellerischen Leistung getragen wird, die ich herausgestellt loben möchte:
Der britische Schauspieler Rory Kinnear („Skyfall“, Black Mirror) gibt als Kreatur im Niemandsland zwischen dämonischer Wut und selbsthassender Verzweiflung alles. Derart komplex hat man Frankensteins Monster wohl lange nicht mehr dargestellt gesehen, doch schon an diesem Begriff möchte man sich stören, nachdem man die Serie gesehen hat. Ebenso wie Mary Shelley, die Schöpferin des Frankenstein-Mythos, weigert sich Penny Dreadful, Frankensteins Werk als Monster zu titulieren, es wäre auch viel zu einfach. Frankensteins „Kreatur“ steht hier repräsentativ für die Ausgestoßenen der Welt, die auf die Bissigkeit ihrer Umwelt nicht gelernt haben, anders zu reagieren, als zurückzubeißen. Nimmt man ihn anfangs noch als richtiggehend diabolisch wahr, so kann man als Zuschauer gegen Ende der Staffel nicht anders, als die Leiden dieser geplagten Seele lindern zu wollen, ganz so wie Dr. Frankenstein selbst. Es ist der hauptsächlich als Theaterdarsteller tätige Rory Kinnear, der dies alles durch sein Spiel meisterlich von Innen nach Außen trägt und der die Figur stets in diesem hochinteressanten Raum zwischen unberechenbarer Gefährlichkeit und nachvollziehbarer Empathie hält. Eine herausragende Leistung, die alles bisher gesehene in diesem Jahr toppt, auch die leidenschaftlichen Plädoyers eines Peter Dinklage in der vierten Staffel Game of Thrones, oder das eindringliche Spiel eines Matthew McConaughey in True Detective.
Doch könnte ich auch ohne Rory Kinnear vermutlich etliche Seiten alleine damit füllen, die Besetzung dieser Serie zu loben. Altstar Timothy Dalton wirkt als verbissener Aristokrat Sir Malcolm Murray so agil, dominant und dynamisch, dass man sich fragen möchte, warum der Mann eigentlich nicht öfter in großen Produktionen zu sehen ist. Newcomer Reeve Carney gibt Dorian Gray als verführerischen, perversen Hedonisten, dessen Selbstherrlichkeit ebenso abstoßend, wie entwaffnend wirkt. Es ist komplett glaubwürdig, dass ihm etliche Figuren folgenreich verfallen. Das muss man erst einmal hinbekommen. Harry Treadaway ist als Dr. Frankenstein, ein Mann, dessen amoralische Ambitionen ihn im wahrsten Sinne des Wortes nun heimsuchen, auf ganzer Linie überzeugend. Selbst Josh Hartnett liefert eine weitgehend tadellose Leistung ab und hält sich auf Augenhöhe mit seinen Co-Stars. Die einzige Schwachstelle in der Besetzung ist wohl Billie Piper, die als schwindsüchtige Hure Brona neben allen anderen schillernden Figuren etwas blass und eindimensional bleibt.
Fixstern: Eva Green
Im Zentrum steht aber natürlich Sie, die Eine, die Schönheit mit den tiefsten Augen des modernen Hollywood: Eva Green.
John Logan bezeichnet Green in Interviews gerne als seine Muse und erzählt, dass er die Rolle der Vanessa Ives nur für sie geschrieben hat, vermutlich wäre die Serie nicht Zustande gekommen, hätte Eva Green abgesagt.
Und es fällt einem tatsächlich schwer sich vorzustellen, wer diese Rolle sonst hätte spielen sollen, wer sich dieser Tour de Force ebenso mit vollem Seelen- und Körpereinsatz hätte ausliefern können. Es hat seinen Grund, dass Eva Green schon so oft als Hexe, Zauberin oder übernatürliche Femme Fatale besetzt wurde. Denn sie wirkt selbst ein wenig, wie nicht von dieser Welt. So funktioniert sie perfekt als die mysteriöse Miss Ives, ebenfalls in einer Zwischenwelt gefangen, begehrt von dunklen Mächten, zu denen sie ihre eigene Zuneigung schwer leugnen kann. Green ist eine furchtlose, körperliche Schauspielerin mit rauem, direktem Spiel. Sie schreit, sie spuckt, sie wütet, dass es einem Angst und Bange wird, nur um im nächsten Moment sofort in die Rolle der unwiderstehlichen Verführung mit katzenhaftem Schnurren zu wechseln. Vieles, was sie in dieser Serie anstellt, wirkt richtiggehend übermenschlich, zumindest ungeheuer anstrengend. Als Mann kann man sich kaum dagegen wehren zu denken: Diese Frau wäre zuviel für mich. Aber für Penny Dreadful ist sie genau das Richtige.
Übernatürliche Heimsuchung als Symbol der geschundenen Seele
Was aber der größte Triumphzug dieser ersten Staffel von Penny Dreadful ist, ist der schon kurz angerissene Anspruch des John Logan, vermeintliche Grusel-Klischees als Analogie zu Nutzen, als Repräsentanten der gequälten menschlichen Seele. Er verortet den Horror konsequent dort, wo er eigentlich auch zuhause ist: In den Figuren.
Was ist Dorian Gray anderes als ein von Aufmerksamkeit verwöhnter, pathologischer Narziss, der die Bedeutung des Wortes „Nein“ nicht mehr kennt? Was ist Malcolm Murray anderes als ein Versager-Vater, der durch seine eigenen Fehler die Vernichtung seiner Familie verursacht hat und nun Dinge wiedergutmachen möchte, die nicht mehr gut zu machen sind? Ist der Wolfmann etwas anderes als Sinnbild für nicht zu kontrollierende Cholerik? Ist die dämonische Macht, die Vanessa Ives in ihren Fängen hält, nichts anderes, als etwas, was ein moderner Psychiater als drastischen Fall von Schizophrenie bezeichnen würde? Auch wenn der Horror in Penny Dreadful klar übernatürlichen Ursprungs ist, so verliert er nie seinen metaphorischen Charakter und gerade deshalb ist er im Geiste auch so nahe an der tatsächlichen Literatur auf der er aufbaut. Auch Mary Shelley und ihre Zeitgenossen arbeiteten in ihren Werken psychologische Phänomene auf - oftmals, ohne sich dessen direkt bewusst zu sein.
Es ist deshalb auch so konsequent, die Serie am Ende des 19. Jahrhundert in den sterbenden Ausläufen des viktorianischen Zeitalters anzusiedeln. Denn es sollte nicht mehr lange dauern, bis Freud, die moderne Psychoanalyse und der wissenschaftlich-medizinische Fortschritt des 20. Jahrhunderts den Glauben an dämonische Besessenheit und die Verwünschung dunkler Mächte aus rationalen Köpfen vertreiben sollte.
Fazit: Ein Muss für Freunde erwachsener Horrorstoffe
Was war es für ein Vergnügen, diese Wirkungsweisen über die 8 Episoden dieser ersten Staffel zu entdecken! Und sich dabei an den grandiosen Sets, der stimmigen Inszenierung und dem fabelhaften Schauspiel zu erfreuen! Unwichtig, dass die tatsächliche Monsterjagd, die in dieser Staffel stattfand, in einem recht antiklimatischen Showdown mündete, bei dem man sich fragen müsste, ob es das überhaupt gebraucht hätte, dass gegen Ende dann doch noch ein Ungeheuer gemeuchelt werden muss. Wer im Finale noch glaubte, diese Serie würde auf derartige Momente hinauswollen, der hatte die 7 Folgen zuvor ohnehin nicht richtig hingesehen. Angesichts dieser Qualität ist es nur konsequent von den produzierenden Sendern Sky Atlantic und Showtime, die Verlängerung für eine zweite Staffel zu geben. Glückwunsch zu dieser absolut richtigen Entscheidung!
Am Ende muss ich einfach nochmal die genüssliche, perverse Sinnlichkeit erwähnen, in denen sich das Fernsehen mittlerweile oft beherzter suhlt als das Kino und die gerade in Penny Dreadful wunderbar zum Vorschein kommt. Alleine die Szene, in der Dorian Gray mit Freudesblitzen in den Augen das Blut ableckt, das ihm die schwindsüchtige Prostituierte gerade ins Gesicht gehustet hat, während sie miteinander Sex haben! In diesem Moment wusste ich - diese Serie ist etwas für mich.
Warum? Das will ich lieber gar nicht so genau wissen, es sei denn Vanessa Ives kann es in ihren Karten lesen. Aber hey - wer wäre schon gerne normal?
Verfasser: Philipp Süßmann am Samstag, 5. Juli 2014(Penny Dreadful 1x08)
Schauspieler in der Episode Penny Dreadful 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?