Orphan Black 5x10

Orphan Black 5x10

Der Kampf von Sarah und ihren Schwestern des Clone Club um Freiheit und Familie ist geschlagen. Gastautor sw2012 blickt mit gemischten Gefühlen auf eine einzigartige Serie zurück.

„Orphan Black“ / (c) Space
„Orphan Black“ / (c) Space
© ??Orphan Black“ / (c) Space

Tatiana Maslany hat sich einen langen, langen Urlaub verdient. Fünf Staffeln lang - fünf! - spielte sie in Orphan Black nicht nur eine Figur, sondern eine ganze Gruppe von Klonen, alle mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Vorlieben und Motivationen. Diese Meisterleistung brachte ihr - wenn auch erst spät - einen verdienten Emmy ein. Die Serie beschäftigt sich mit Gentechnologie, Menschenwürde, Frauenrechten, Familienbanden und der Macht skrupelloser Konzerne. Biologen loben die Versuche der Autoren, die wissenschaftlichen Grundlagen korrekt darzustellen und die implizite Botschaft der Serie: Trotz gleicher Gene können sich Menschen komplett anders entwickeln. Wie kann so eine Geschichte nicht begeistern?

Nun ja, heißt es dazu aus der Ecke der Juristen. Denn Orphan Black kam sozusagen mit einem schweren Geburtsfehler zur Welt, für den die Serie bis zum Ende keine Therapie fand.

Entschuldigen Sie, Ihre Prämisse ist Quatsch

Am Ende der ersten Staffel, in der Folge Endless Forms Most Beautiful findet Cosima (Tatiana Maslany) in den Genen der Frauen einen Patentvermerk. Angeblich sind sie damit alle Eigentum von Dyad. Wie zum Auftakt der fünften Staffel nochmal betont wird, handelt „Orphan Black“ damit vom Kampf der Klone um ihre Freiheit.

Diese Prämisse ist leider - und so hart muss man das sagen - blanker Unfug. Es gibt ganze Arbeiten darüber, wie falsch Orphan Black das Patentrecht darstellt. Die Autoren des Buches The Law of Superheroes, die Juristen James Daily und Ryan Davidson, schreiben dazu „wrong, wrong, wrongity wrong“ und „oh how wrong this is, let me count the ways“, gefolgt schließlich von einer genaueren Analyse. Ihre Kollegin Jocelyn Bosse widmet dem Thema einen Aufsatz mit dem Titel „Science, Ethics and Intellectual Property Law: How Orphan Black Got It Completely Wrong“.

Sarah in „Orphan Black“
Sarah in „Orphan Black“ - © Space

Ein kurzer Ausflug ins kanadische Patentrecht

Von einem Laien ohne Gewähr zusammengefasst: Erstens, Menschen können kein Eigentum sein, Punkt und basta. Zweitens, Menschen und ihre DNA können nicht patentiert werden - offenbar sind hier die Gesetze insbesondere in Kanada, dem Hauptschauplatz von „Orphan Black“, sehr eindeutig. Drittens, Patente sind zeitlich begrenzt. Da die Leda-Klone Mitte der 80er Jahre geschaffen wurden, wären sie zum Anfang der Serie in Kanada seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gültig. Viertens, Patente sind von ihrem ganzen Wesen her nicht geheim - Cosima, so erklärt Bosse, hätte einfach im Patentregister oder sogar per Google nachgucken können, statt stundenlang im Labor zu schuften. Entsprechend kann es auch kein "geheimes Militärpatent" geben, wie Cosima später in der zweiten Staffel spekuliert.

(Zumindest in den USA kann ein Patentantrag - nicht aber das eigentliche Patent - aus Gründen der nationalen Sicherheit geheim gehalten werden, wie Daily und Davidson in einem Nachklapp erklären. Dann aber müsste in der DNA „patent pending“ stehen. Außerdem greifen weiter die ersten drei Punkte.)

Ich hätte meine Pris gerne mit blauen Haaren

Der vierte Punkt weist indirekt auch auf eine weitere große Schwäche von Orphan Black hin: Es wird in den ganzen fünf Jahren nie wirklich überzeugend erklärt, warum die Klone nicht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Ein Konzern, der quasi im Labor Frauen erschafft und sie zu ihrem Besitz erklärt? In einem Umfeld, in dem schon gentechnisch mit Vitamin A angereicherter Reis erbitterten Widerstand erzeugt, wäre der Aufschrei so groß, dass die juristische Lage egal wäre. Die Medien würden sich überschlagen mit Spekulationen über maßgeschneiderte Sex-Sklavinnen aus der Retorte, während Twitter mit Memes zu Pris (Daryl Hannah), dem „basic pleasure model“ von „Blade Runner“, überschwemmt werden würde.

Orphan Black“ verlangt vom Zuschauer auch in anderen Punkten von der ersten Folge an einen massiven suspension of disbelief. Schon Mitte der 80er Jahre sollen derartig fortschrittliche Klonverfahren zur Verfügung gestanden haben? Im Zeitalter von WikiLeaks und Durchstechern soll ein so kontroverses Riesenprojekt geheim geblieben sein? Diese und ähnliche Punkte, zuzüglich einiger Heuler auch bei der Wissenschaft (nicht einmal Zwillinge, die im Mutterleib denselben Bedingungen ausgesetzt sind, haben identische Fingerabdrücke) führen dazu, dass der Zuschauer in den vergangenen fünf Jahren immer wieder die Zähne zusammenbeißen musste.

Sarah und Helena in „Orphan Black“
Sarah und Helena in „Orphan Black“ - © Space

The good ...

Ist Orphan Black immerhin gut geschrieben? Das kommt darauf an, ob man die Serie als Ganzes oder einzelne Szenen meint. Auch die gerade abgeschlossene fünfte Staffel hatte keinen Mangel an spannenden und starken Momenten. Allein der versuchte Selbstmord der hochschwangeren Helena (Tatiana Maslany, wer sonst) oder wie sich Rachel (Tatiana Maslany, ditto) das Auge mit einem zerbrochenen Weinglas heraussticht waren großartig. Das Finale mit seinen leisen Tönen in der zweiten Hälfte rührt zu Tränen.

Solche Einzelszenen waren immer die Stärke der Autoren: Von dem Moment, wo Sarah sieht, wie Beth sich vor den Zug wirft, dem berühmten Twerk-Tanz von Alison und Donnie (mal nicht Tatiana Maslany, sondern Kristian Bruun) bis hin zur Geburt von Helenas Kindern unter katastrophalen Bedingungen im Finale gibt es keinen Mangel an spannenden, zum Brüllen komischen oder herzzerreißenden Momenten.

Nachwuchs in „Orphan Black“
Nachwuchs in „Orphan Black“ - © Space

... the bad ...

Das große Bild ernüchtert dagegen. Bis auf den Kampf um die Freiheit und den Versuch, aus den Klonen und ihren Freunden eine Familie zu schmieden, ist keine wirklich klare Linie zu erkennen. Man muss schon sehr genau aufpassen, um alle Windungen des Machtkampfes um Neolution, den Proletheans und Dyad nachvollziehen zu können - falls es einen überhaupt interessiert. Der ganze Handlungsstrang um Castor (Ari Millen) ist überflüssig. Auf jede überraschende Wendung folgt sofort die nächste, die Geschichte scheint von Ereignis zu Ereignis zu taumeln statt einem klaren Plan zu folgen. Maslany dürfte vielen Zuschauern aus der Seele gesprochen haben, als sie vor dem Finale in einem Interview erklärte: „I can't even remember half the things we've done on the show“.

Und trotzdem haben wir fünf Jahre lang zugeschaut, meist mit Begeisterung.

... and the beautiful

Der wohl wichtigste Grund dafür ist die alles überragende, komplett überzeugende und am Ende schlicht unfassbare schauspielerische Leistung von Tatiana Maslany. Emmy hin oder her, sie hat bis heute nicht ansatzweise den Ruhm und das Lob erhalten, den sie für diese Rolle(n) verdient hätte. Andere Serien wie Fringe haben solide Vorarbeit geleistet, aber Maslany spielt einen Klon nach dem nächsten mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die alles in den Schatten stellt. Technisch sind diese Szenen so gut wie fehlerlos.

Die Folge davon: Mag man bei Orphan Black mit dem suspension of disbelief kämpfen, beim anderen klassischen Faktor der immersion kommt keine andere CGI-lastige Serie mit. Wenn Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) in Game of Thrones auf einen Drachen steigt und losfliegt, ist das technisch beeindruckend - aber genau an diese Tricktechnik denkt der Zuschauer in dem Moment, statt sich in der Geschichte zu verlieren. Orphan Black schafft es dagegen immer und immer wieder, dass man die Technik komplett vergisst. Wenn Sarah im Finale mit Helena die Geburt meistert, muss man sich zwingen daran zu denken, dass hier die selbe Frau beide Rollen spielt.

#CloneClub

Allein mit einer Schauspielerin des Kalibers von Tatiana Maslany und einer guten Trickabteilung kommt man schon weit. Als Fan kann man da viel Zeit mit der Diskussion verbringen, wer der Lieblingsklon ist (ganz klar Cosima) oder welchem Klon Maslany in Wirklichkeit wohl am meisten ähnelt (geraten: Sarah).

Key Art zu „Orphan Black“
Key Art zu „Orphan Black“ - © Space

Diese Diskussionen zeigen eine weitere Stärke von Orphan Black während der Erstausstrahlung: Der Umgang mit den Fans. BBC America förderte die kleine, aber lautstarke und treue Online-Gemeinde nicht nur, sondern ließ sich zu einem Grad auf sie ein, der bis dahin ungewöhnlich war. In einem Serienrückblick der New York Times zu diesem Thema erklärt die Präsidentin des Senders, Sarah Barnett:

You came to realize that you can't control this. You have to really understand it and embrace it.

BBC America schrieb unter anderem das offizielle Poster für die vierte Staffel zum Wettbewerb aus, den Jeff Langevin mit dem inzwischen hinreichend bekannten Rorschach-Entwurf gewann. Die New York Times sieht die Social-Media-Politik von „Orphan Black“ als Vorbild für Serien, die eine starke, treue Fanbasis erarbeiten wollen, statt auf reine Zuschauerzahlen zu setzen.

Culture Wars in the Galaxy of Women

In diesem Zusammenhang sollte für europäische Leser darauf hingewiesen werden, wie politisch Orphan Black für ein nordamerikanisches Publikum ist. Auch der Gelegenheitszuschauer sieht, dass Frauen die Geschichte dominieren - starke, entschlossene, über sich hinauswachsende Frauen, die um ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Recht auf Selbstbestimmung kämpfen, für ihre Schwestern - den „sestras“ - und deren Kinder. Es ist eine „galaxy of women“, wie Felix (Jordan Gavaris) es nennt. Vielleicht ist der Castor-Strang (Ari Millen) auch deswegen so ein Fremdkörper in der Serie, weil er nicht zum Meta-Thema passt: Im Kern handelt „Orphan Black“ nicht von Klonen, sondern von Frauen.

Cosima und Delphine in „Orphan Black“
Cosima und Delphine in „Orphan Black“ - © Space

Aber die Serie geht über ein einfaches female empowerment hinaus. Weiße, heterosexuelle Männer sind von Anfang an vergleichsweise selten, besonders unter den Guten - Sarahs Adoptivbruder Felix ist schwul und Beths Polizeipartner Arthur (Kevin Hanchard) schwarz. Alternative Lebens- und Beziehungsmodelle sind die Norm - Sarah ist am Anfang eine alleinerziehende Mutter, Helena am Ende auch. Die einzige klassische Mann-Frau-Ehe, die zwischen Alison und Donnie (Kristian Bruun), dient über weite Strecken der Komik. Dagegen wird uns die lesbische Beziehung zwischen Cosima und Delphine (Evelyne Brochu) liebevoll nahe gebracht. Cosima erklärt uns in Variations Under Domestication, dass sie „nur“ Hasch raucht. In der zweiten Staffel wird der Transgender-Klon Tony eingeführt, eine Figur, die im Zeitalter eines US-Präsidenten Donald Trump eine zusätzliche Bedeutung erhält.

Gute Klone knoten nicht

Die Macher haben am Ende nochmal offen erkennen lassen, wie politisch die Serie wirklich ist. Auf dem T-Shirt des Rappers in der Folge Guillotines Decide wurde der Spruch „The Future is Female“ eingebaut - ein feministischer Slogan der 70er Jahre, der zuletzt von der Demokratin Hillary Clinton nach ihrer Niederlage gegen Trump aufgegriffen wurde. Der Anfang des Finales zeigt Sarah, wie sie über eine Abtreibung nachdenkt. Das Thema mag in Deutschland nicht mehr im Vordergrund stehen, aber besonders in den USA ist es politisch weiter von erheblicher Bedeutung. Mehr noch, die Klinik gehört ausgerechnet zu Planned Parenthood, einer Organisation, die sich seit Jahren gegen konservative Politiker wehrt.

Tatiana Maslany in „Orphan Black“
Tatiana Maslany in „Orphan Black“ - © Space

Wir sollten nicht verschweigen, dass Orphan Black stellenweise droht, ins Klischee abzudriften. Der große End-Bösewicht P.T. Westmoreland (Stephen McHattie) ist, welche Überraschung, ein älterer, weißer Mann - hier packen die Autoren schlicht den Holzhammer aus. Bei aller demonstrativen Toleranz der Serie bleiben BDSM-Spiele wieder den Bösen vorbehalten, gegenwärtig vielleicht das nervigste aller tropes im nordamerikanischen Fernsehen.

Fazit

Aber unter dem Strich, trotz einer unhaltbaren Prämisse und vieler kleinerer Mängel, ist „Orphan Black“ ein Meisterwerk, das viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Handwerklich gesehen ist die Serie das Maß aller Dinge, wenn es um die selbe Schauspielerin in mehreren Rollen geht. Zugegeben, spätestens in der dritten Staffel geht der Überblick über die Handlung verloren. Aber egal: Allein die praktisch fehlerlose Leistung von Tatiana Maslany, die erstklassige Tricktechnik und die Qualität der einzelnen Szenen sorgt dafür, dass man immer wieder einschaltet. Vielleicht am Wichtigsten: Die Klone wachsen einem ans Herz.

Orphan Black ist am Ende eine einzigartige, gelungene Serie, die so schnell niemand, nun, kopieren wird. Sestras, wir werden euch vermissen.

Verfasser: Mariano Glas am Montag, 14. August 2017

Orphan Black 5x10 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 10
(Orphan Black 5x10)
Deutscher Titel der Episode
Das Unrecht vieler wiedergutmachen
Titel der Episode im Original
To Right the Wrongs of Many
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Samstag, 12. August 2017 (Space)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 13. August 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Sonntag, 13. August 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Sonntag, 13. August 2017
Autoren
Renée St. Cyr, Graeme Manson
Regisseur
John Fawcett

Schauspieler in der Episode Orphan Black 5x10

Darsteller
Rolle
Jordan Gavaris
Kevin Hanchard
Art
Ari Millen
Maria Doyle Kennedy
Evelyne Brochu

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