Orphan Black 5x01

© zenenfoto aus der „Orphan Black“-Folge „The Few Who Dare“ / (c) BBC America
Es ist so weit: Die letzte Staffel von Orphan Black hat begonnen. Zehn Folgen haben Sarah (Tatiana Maslany) und ihre Schwestern des Clone Club noch Zeit, ihr erklärtes Ziel - Freiheit - zu erreichen. In der Auftaktepisode The Few Who Dare geht es nahtlos beim Ende der vorherigen Staffel weiter, was gar nicht gut ist: Ihre Feinde sind mächtig, ihre Ressourcen schwinden, sie sind voneinander getrennt und zum Teil stark geschwächt. Auf der anderen Seite des Bildschirms will der Zuschauer in den kommenden Folgen vor allem eins von den Klonen: Antworten auf die noch verbliebenen Fragen.
What was the part in the middle?
Es gibt ein Spiel, das man als Serienjunkie wunderbar am Anfang jeder neuen Staffel spielen kann: Bevor man sich die neue Folge anschaut und ohne das Review der letzten Folge wieder zu lesen, versucht man sich in Erinnerung zu rufen, was zuletzt geschehen ist, welche Szenen hängengeblieben sind und mit welchem Gefühl man jetzt in die neue Staffel geht.
iZombie war in diesem Jahr zum Beispiel überhaupt kein Problem - großes Massaker am Ende, riesige Vorfreude. Ditto für Wynonna Earp, bei der die Schwester (Dominique Provost-Chalkley) zuletzt durch irgendwas besessen wurde, das mit wunderbar schlechter Tricktechnik zu tun hatte. Da schaltet man mit Freude wieder ein. Stitchers fiel dagegen tief in die Gedächtnislücke: keinen blassen Schimmer mehr, was zuletzt passiert ist, wer diese ganzen Leute sind und warum das alles in irgendeiner Form irgendjemanden interessieren sollte.
Spiel mir den Klon-Blues, Sarah
Bei Orphan Black war immer noch die grobe Handlung klar: Sarah ist auf einer Insel, das Heilmittel ist zum Greifen nah, der Typ hinter den Kulissen lebt verdächtig lange, Rachel ist ein Arsch und die Bösen wollen wieder mit dem Klonen von Menschen durchstarten - irgendwie so was. Überraschend dagegen, dass die Vorfreude sich eigentlich nur auf die unglaubliche schauspielerische Leistung von Tatiana Maslany, die tadellose Tricktechnik und den humoristischen Einlagen bezog, aber der Gedanke an die weitere Handlung fast etwas Bedrückendes hatte.
Wie seltsam: Ich fremdle plötzlich mit Orphan Black, einer meiner Lieblingsserien, die ich jedem bei jeder Gelegenheit ungefragt und mit Nachdruck empfehle. Wie konnte das passieren?
Am nächsten liegt die Vermutung, dass immer noch Staffel drei daran Schuld ist, die „Castor“-Staffel, in der die Serie vom Weg abkam. Vielleicht ist auch etwas eingetreten, das man den Lost-Effekt nennen könnte: zu viele Fragen, alles zu kompliziert, immer neue Winkelzüge, nicht genug Antworten, auch wenn vieles gerade in dieser Serie schon bekannt zu sein scheint. Man wagt es kaum zu schreiben, aber ist es vielleicht gut, dass Orphan Black zur letzten Runde antritt?
The Island of Doctor Moreau

The Few Who Dare verspricht auf jeden Fall Antworten. Die Insel, so erfahren wir, ist ein Langzeitprojekt zur Erforschung der Verlängerung des menschlichen Lebens und damit das „Herz von Neolution“. Wenn es hier keine Antworten gibt, wo dann?
Entsprechend logisch ist es, dass Cosima (Tatiana Maslany), der Klon der Neugierde, dort bleiben will. Etwas weniger glaubwürdig ist, dass Sarah nach ihren ganzen Mühen und Leiden den Rettungsversuch so schnell aufgibt und wieder ohne ihre Schwester abzieht. Egal: Sie fällt ohnehin Rachel in die Hände, wie überhaupt in dieser Folge jede Menge der Guten in die Fänge der Bösen geraten. Rachel macht plötzlich einen auf nett, aber wir wissen, das kann gar nicht sein: Im US-Fernsehen sind Leute, die beim BDSM oben sein wollen, zwangsläufig böse.
Erzähltechnisch könnte die Inhaftierungswelle bei einem Problem helfen, mit dem eine Klonserie fast per Definition zu kämpfen hat: zu viele Figuren. Bei nur zehn Episoden pro Staffel haben wir nicht genug Zeit, um alle gleichmäßig zu beleuchten, weswegen eine Auszeit - vom Drehbuch aus betrachtet - genau das Richtige sein könnte. Warum Ira (Ari Millen) noch mitgeschleppt wird, bleibt unter diesen Umständen ein Rätsel: Im Nachhinein hätte man den ganzen Castor-Handlungsstrang von Anfang bis Ende ohne großen Nachteil für die Gesamtgeschichte auslassen können. Gerne könnte man dafür mehr von Delphine (Evelyne Brochu) zeigen, denn sie und Cosima haben jede Menge zu besprechen. Ihr schneller Abgang verwundert.
Pay no attention to that man behind the curtain
Dafür führt Orphan Black sofort wieder neue Figuren ein, die wir uns offensichtlich merken sollen, allen voran Mud (Jenessa Grant) im Neo-Lager und Enger (Elyse Levesque) als neuen Partner von Art (Kevin Hanchard). Beide spielen ihre Rollen gut - besonders Enger könnte richtig Leben in die Bude bringen -, aber beide nehmen auch Zeit von den anderen Figuren weg. Wären die wenigen Stunden, die uns noch bleiben, nicht besser im Kreis der Klonfamilie verbracht? Besonders die grauenvolle Verletzung der hochschwangeren Helena, bei dem sich beim Zuschauer fast in Game of Thrones-Manier der Magen umdreht, kommt viel zu kurz.
Noch ärgerlicher ist die Figur, die man gar nicht sieht. Irgendwo im Hintergrund lauert der angeblich 170 Jahre alte Gründer von Neolution, P. T. Westmoreland (möglicherweise Stephen McHattie). Alle reden über ihn, alle finden ihn super beeindruckend, aber der Zuschauer bekommt ihn nicht zu sehen. Das riecht nach einem Versuch, die Spannung künstlich zu erhöhen. In einer angelsächsischen Serie muss man allerdings in einer solchen Situation als Erstes an „The Wizard of Oz“ denken und sich fragen, ob es diesen Menschen überhaupt gibt.
This is some rescue
Wer das nicht glauben kann, weil irgendwann zu viele Filmklischees zu sehr schmerzen, sollte sich vor Augen halten, dass in dieser Folge einige richtige Heuler verbaut wurden. Auf der Insel ist ein Monster (natürlich), im Kampf mit selbigem findet Sarahs ausgestreckte Hand einen Stein (natürlich) und ihr Feuer geht erst mit dem letzten Streichholz an (natürlich). Am unglaubwürdigsten ist mit Abstand die Vorstellung, dass Sarah keine externe Batterie für ihr Handy auf die Insel mitgenommen hat. Weltweit dürften an dieser Stelle Millionen von „Pokemon Go“- und „Ingress“-Spieler aufgeheult haben. Wenn Alison das erfährt, wird sie ausrasten...
Stutzig macht auch Cosimas Ansatz, sich das Wundermittel durch die Bauchdecke in die Gebärmutter spritzen zu wollen. Ein flüchtiger Blick auf eine Anatomietafel zeigt, dass davor die Blase (je nach Füllstand) und Gedärme liegen können. Dabei hat Mutter Natur in ihrer Weisheit einen anderen, natürlichen, allgemein recht gut bekannten Zugang zur Gebärmutter geschaffen. Dass auch die Macher davon wissen, zeigt der (wiederum wunderbare) Einfall von Sarah, sich ihre Beinwunde mit einem Tampon zu, nun, tamponieren. Punkte gibt es auch für ihre Entscheidung, das Foto von Kira (Skyler Wexler) für das Feuer zu nutzen - ein starker Moment der Charakterisierung. Dafür liebt man die Serie.
Fazit

Man kann der Episode The Few Who Dare nicht vorwerfen, dass sie die Handlung nicht vorantreibt. Klone und Verbündete sind gefangen worden, Helena ist schwer verletzt, Cosima ist den großen Antworten vielleicht so nah wie noch nie und trägt jetzt besagtes Wundermittel in sich. Zunehmend scheint sich die Geschichte auf einen einzigen Handlungsort zu konzentrieren: die mysteriöse Insel, was Hoffnung macht. Orphan Black ist immer dann am stärksten, wenn Klon auf Klon trifft und Tatiana Maslany ihren Zauber entfalten kann.
Allerdings gibt es viel Herumgelaufe im Wald, die Einführung von noch mehr Nebenfiguren kurz vor Schluss ist anstrengend und einige der tropes sind schwer zu ertragen. Den Drehbuchschreibern will man zurufen, im vollen Bewusstsein, wie ironisch das bei einer Klonserie klingt: „Bitte keine Experimente mehr!“
Trailer zur Episode Clutch of Greed (5x02) der Serie Orphan Black:
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 12. Juni 2017Orphan Black 5x01 Trailer
(Orphan Black 5x01)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 5x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?