Orange Is the New Black 5x13

© in Abgang in Würde? / (c) Netflix
Es ist keine ganz ungewagte Idee, eine ganze Staffel von Orange Is the New Black an nur wenigen Tagen spielen zu lassen. Welche Motivation Jenji Kohan und Kollegen dabei angetrieben hat, ist bisher nicht überliefert. Vielleicht hatten sie ja angesichts mindestens dreier zu füllender Staffeln - die Netflix-Serie wurde nach der vierten Staffel um gleich drei weitere verlängert - ein wenig Angst, dafür nicht genug Material finden zu können. Was auch immer ihr Antrieb gewesen sein mag - mit wenigen Ausnahmen ist der Versuch gelungen.
This stupid, fucking riot
In der Episode Storm-y Weather kulminieren sämtliche Entwicklungen, die ihren Anfang nahmen, als Daya (Dascha Polanco) beschloss, den angestauten Frust von sich und ihren Mithäftlingen auf Wachmann Humphrey (Michael Torpey) zu richten und ihm ins Bein zu schießen. Was infolgedessen passiert, ist bisweilen witzig, bisweilen höchst dramatisch, jedoch immer - oder zumindest zu großen Teilen - unterhaltsam. Daya selbst fühlt sich zum Beispiel alsbald überfordert von der eher zufällig angenommenen Rolle der Aufstandsanführerin.
Sie sucht zunächst Zuflucht im Open-Air-Lager von Alex (Laura Prepon), die ihrerseits lediglich nach einem Ort suchte, wo sie den Umwälzungen im Gefängnis aus dem Weg gehen konnte, mit ihrer Anti-Aufregungsattitüde aber schnell eine kleine Gefolgschaft bekam. Die löst sich mit dem ersten Regen wieder auf, was auch Daya dazu zwingt, den sich rapide verschlechterenden Gegebenheiten ins Auge zu sehen. Ob des anschwellenden Gewaltlevels der Bambule erkennt sie, eine grundlegende Änderung ihres Lebens vornehmen zu müssen.
Profiteur davon ist der unverhofft auftauchende Pornstache (Pablo Schreiber), der nun doch eine Tochter bekommt, die gar nicht seine ist. Für seine ehemaligen Kollegen sieht es indes schlechter aus. Sie kommen in den zweifelhaften Genuss, am eigenen Leib mitzuerleben, unter welch menschenunwürdigen Umständen ihre Schutzbefohlenen hausen müssen. Mit Ausnahme von Luschek (Matt Peters) und Piscatella (Brad William Henke) geht es für sie alle glimpflich aus, wobei Erstgenannter nur ein bisschen länger warten muss, bis er erlöst wird.

Piscatella hingegen ereilt ein weitaus schlimmeres Schicksal. Er wird vom schießwütigsten Mitglied des Erstürmungskommandos erschossen, was seine Charakterzeichnung zu einem ebenso dramatischen wie zweifelhaften Ende führt. Sein Versuch, das Gefängnis auf eigene Faust zu erstürmen, lässt ihn vollends zu der Karikatur werden, die er stets zu werden drohte. Seine Figur war zwar schon immer schlechter ausgearbeitet als andere Wachen oder die Insassinnen, nun jedoch verkommt er gänzlich zum unkontrollierbaren Widerling und Bösewicht.
A myriad of issues
Immerhin hat uns seine Rückblende Aufklärung darüber gegeben, welchen Mord er in seinem vorherigen Job begangen hat. Das füllt zwar eine dramaturgische Lücke, trägt aber nicht allzu viel Neues zur Charakterzeichnung bei. So verhält es sich im Übrigen mit dem überwiegenden Großteil der Rückblenden. Diese unterfütterten die Geschehnisse im Gefängnis bisweilen mit Zusatzinformationen, ließen aber stets die emotionale Durchschlagskraft früherer Staffeln vermissen. Weil das kein neues Problem der fünften Staffel ist, wäre es wohl angebracht, sich von diesem narrativen Instrument endgültig zu verabschieden.
Sicher, es gab ein paar nette zusätzliche Einsichten in die Vergangenheit mancher Figur, wie bei Red (Kate Mulgrew), Janae (Vicky Jeudy) oder Frieda (Dale Soules), wirklich vorangebracht hat das aber weder die gegenwärtige Dramaturgie noch die Charakterarbeit. Stattdessen wurde wertvolle Erzählzeit verbraucht, was angesichts der enormen Ensemblegröße zum Ärgernis werden konnte. Außerdem gab es völlig überflüssige Rückblenden wie die in der vorletzten Episode, Tattoo You, die doch tatsächlich die Herkunft von Alexs und Pipers Tattoos erklären musste. Lost-Phantomschmerzen, anyone?
Alex (Laura Prepon) und Piper (Taylor Schilling) gehören zu der Gruppe von Insassinnen, die sich im stillgelegten Schwimmbad des Gefängnisses verschanzt hat. Dort aufzufinden sind auch Taystee (Danielle Brooks), Cindy (Adrienne C. Moore) und Suzanne (Uzo Aduba). Letztgenannte hat, angesichts ihrer psychischen Erkrankung wenig verwunderlich, die vielleicht fulminanteste Tour de Force aller Häftlinge mitgemacht, inklusive Beinahetod. Ihre Leidenszeit hat dank des beherzten Einsatzes von Cindy, die ja für die Misere ihrer Freundin verantwortlich ist, zum Glück bald ein Ende. Aduba glänzt in sämtlichen Momenten.
Der MVP der Insassinnen ist eindeutig Taystee. Unter anderem, weil sie neben Brook (Kimiko Glenn) vom Tod Pousseys am stärksten getroffen ist, mutiert sie zur Wort- und Verhandlungsführerin des Aufstands. Ihre Spontan-Pressekonferenz, die Unterhandlung mit Figueroa (Alysia Reiner) und Caputo (Nick Sandow) sowie ihr Zusammenbruch in Folge der Erkenntnis, zu halsstarrig geblieben zu sein, gehören zu den besten Szenen und den besten schauspielerischen Leistungen dieser Staffel, ja der gesamten Serie. Schon werden, völlig zurecht, Rufe nach einer Emmy-Auszeichnung für Brooks laut.

Neben Brooks stechen aus schauspielerischer Sicht vor allem Jessica Pimentel als Maria und Selenis Leyva als Gloria heraus. Die beiden gaben schon immer ein wundervoll ambivalentes Latina-Gespann ab, wobei sich ihre Handlungsbögen in dieser Staffel besonders dramatisch zuspitzen. Weil sie unabhängig voneinander realisieren, wie schmerzlich sie von ihren Familien vermisst werden, setzen sie alles daran, diese Abwesenheit wenigstens für kurze Zeit zu überbrücken. Dabei riskieren sie nicht nur das Wohlwollen ihrer Mitinsassinnen, sondern auch ihre eigene Unversehrtheit. Am Ende bekommen sie, was sie wollen.
We keep our dignity
Welchen Preis sie dafür jedoch entrichten müssen, wird sich erst in der nächsten Staffel herausstellen. Überhaupt wird die sechste am Anfang einige Aufklärungsarbeit zu leisten haben. Werden die Häftlinge dann immer noch voneinander getrennt sein, was im Falle der frischgebackenen Youtube-Stars Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero) wahrhaft herzzerreißende Bedeutung hätte? Oder wird alles wieder beim Alten sein? Im Sinne einer dramaturgischen Auffrischung wäre sicherlich Ersteres geboten.
Die fünfte Staffel von Orange Is the New Black zeichnete sich auch durch das Porträt verschiedener Gruppen oder deren unverhoffte Zusammenschlüsse aus. Die beiden Meth-Girls Angie (Julie Lake) und Leanne (Emma Myles) nervten zwar überwiegend, bekamen am Ende aber ihren kathartischen Moment, der ihre bisweilen schwer zu ertragenden Possen aufwertete. Herzerweichend war auch das Bündnis von „Team Latte“, in dem überraschenderweise Nazis und Latinas zusammenfanden.
Apropos Latinas: Mein persönlicher breakout star dieses Jahres ist Ouija (Rosal Colon), die nicht nur eine beachtliche Marathonschicht als Geiselwärterin absolvierte, sondern mit ihren Imitationen der Häftlinge bei mir auch für den größten Lacher der Staffel sorgte. Ärgerlich ist hingegen die Faszination, die Tiffany (Taryn Manning) weiterhin für ihren Vergewaltiger Donuts (James McMenamin) hegt. Da hätte ich mir lieber eine weitere fiktionale Episode von „Law & Order: Litchfield“ mit Boo (Lea DeLaria) als Pennsatuckys Verteidigerin angesehen.
Es ist nicht ganz einfach beziehungsweise nahezu unmöglich, sämtliche Figuren der Serie in einer Review zu erwähnen, weshalb ich mich hier auf die wichtigsten-Slash-interessantesten konzentriert habe. Falls einer Eurer Lieblingscharaktere keine Erwähnung fand, könnt Ihr das in den Kommentaren nachholen. Mir macht OITNB jedenfalls weiterhin viel Spaß, die Serie bleibt eine der Besten bei Netflix.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 27. Juni 2017(Orange Is the New Black 5x13)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 5x13
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