Orange Is the New Black 5x01

© aya (Dascha Polanco) in schwieriger Lage / (c) Netflix
Die fünfte Staffel des Gefängnisdramas Orange Is the New Black knüpft unmittelbar dort an, wo die vierte aufgehört hatte. Der Aufstand in Litchfield ist in vollem Gange, nachdem die Lebensverhältnisse dort unerträglich wurden - vor allem aber, nachdem der Tod von (manche würden sagen: Mord an) Poussey (Samira Wiley) ungesühnt bleiben sollte. Es sieht also alles danach aus, als würden die neuen Episoden noch düsterer ausfallen als die der letzten Staffel.
This is a real riot
Auf den serientypischen Humor will Serienschöpferin Jenji Kohan - Drehbuchautorin von Riot Fomo - aber trotzdem nicht verzichten. So entsteht eine Auftaktepisode, die sich nicht so recht entscheiden kann, was sie sein will: Komödie oder Drama? In den vergangenen Staffeln musste sich die Serie nie entscheiden, was zum Beispiel zur Folge hatte, dass sie in verschiedenen Jahren bei den Emmy-Verleihungen sowohl in der Kategorie Comedy wie auch bei den Dramaserien nominiert wurde. Das könnte nun zum Problem werden.
Denn je weiter das Format in Richtung waschechtes Drama abdriftet, desto schwieriger wird es, die komödiantischen Elemente damit in Einklang zu bringen. Schon an dieser Episode lässt sich das ablesen. Sie changiert stets zwischen hochdramatischen Entwicklungen mit potenziell verheerenden Nachwirkungen und Szenen, die das alles auflockern sollen, bisweilen aber deplatziert wirken. Im Mittelpunkt des immer unübersichtlicher werdenden Ensembles stehen dieses Mal Daya (Dascha Polanco) und der sadistische Wachmann Humphrey (Michael Torpey), den sie mit seiner eigenen Waffe in Schach hält.
Schnell ist Daya mit der Situation überfordert. Frenetisch wird sie von den meisten ihrer Mitinsassinnen angefeuert, den Peiniger zu erschießen. Der versucht mit einer auf Spanisch vorgetragenen Geschichte aus seiner Kindheit, ihre Gnade zu gewinnen. Der stand-off geht Unentschieden aus, Daya schießt Humphrey kurzentschlossen ins Bein. Hier funktioniert die Verquickung zwischen Drama und Humor bestens, als Daya kurz vor dem Abdrücken noch erwähnt, dass sie gar kein Spanisch versteht. Hernach dämmert ihr allmählich, was sie angerichtet hat.

Ihre engsten Vertrauten streben unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten für diese Kurzschlusshandlung an. Gloria (Selenis Leyva) und Maria (Jessica Pimentel) stehen dabei in fundamentaler Opposition zueinander. Letztgenannte will die endgültige Eskalation und fordert, die Wachen als Geisel zu nehmen, während Gloria vergeblich versucht, den Aufstand im Keim zu ersticken. Weil sich Humphrey in keinem guten Zustand befindet, muss er zunächst medizinisch versorgt werden, weshalb Gloria ihn zum ehemaligen Feuerwehrmann Sophia (Laverne Cox) bringt.
Less think, more shoot
Für die Wachfrau Artesian McCullough (Emily Tarver) geht es direkt in die Geiselhaft. Dort trifft sie später auf ihren Kollegen Lee Dixon (Mike Houston), der zuvor davon ausgegangen war, dass sich ein Amoklauf ereigne. Als besonders schwarzen Running Gag lässt Kohan die Wachleute stets eine andere Referenz an Amokläufe in der Realität benutzen, um ihre Situation zu beschreiben: San Bernardino, Virginia Tech, Sandy Hook, Aurora. All diese Massenerschießungen haben innerhalb der letzten zehn Jahre stattgefunden. Aber eine schärfere Waffengesetzgebung braucht Amerika natürlich trotzdem nicht.
Im Laufe der Geiselnahme wandelt sich Maria zur wahren Anführerin des Aufstands. Daya hingegen zieht sich zurück, bis sie von Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero) aka „Flaritza“ endgültig darauf hingewiesen wird, was sie verbrochen hat, vor allem aber, was das für ihre unmittelbare Zukunft bedeutet. Sie sind sich so sicher, dass Daya hart bestraft werden wird, dass sie sich schon Spitznamen für sie ausdenken, die sie ihrer Meinung nach im Hochsicherheitstrakt bekommen könnte. Am Ende könnte sich das jedoch erledigt haben, als Daya von Unbekannt niedergeschlagen wird.
Piper (Taylor Schilling) und Alex (Laura Prepon) wollen sich schon aus dem Aufstand heraushalten, bevor sie überhaupt wissen, dass es ein richtiger Aufstand ist. Piper muss schließlich nur noch wenige Monate absitzen, bis sie entlassen wird. Ihre ständigen Beschwerden darüber, dass sie die Gefängnisereignisse, die am meisten Spaß machen, stets verpasst, fühlen sich deshalb ziemlich deplatziert an. Es ist sicherlich nicht das erste Mal, dass sich Piper unausstehlich verhält, jedoch treibt es Kohan hier für meinen Geschmack zu bunt. Selbst eine selbstbezogene Person wie Piper müsste die Situation besser einschätzen können.

Das, was ihr in der Vergangenheit entgangen ist, will sie nun mit Alex unbedingt nachholen. Stattdessen finden sie auf der Toilette die MCC-Mitarbeiterin und Caputo-Geliebte Linda (Beth Dover), die geistesgegenwärtig handelt und sich dem Duo - gegen Alexs Widerstand - anschließt, um nicht vom Mob gelyncht zu werden. Einen Todesfall gibt es in dieser Episode noch nicht, Humphrey wird rechtzeitig auf die Krankenstation gebracht, wo er zwischen zwei seiner früheren Opfer landet, Suzanne (Uzo Aduba) und Maureen (Emily Althaus).
Make this right
Caputo (Nick Sandow) bekommt derweil erst spät in Riot Fomo mit, dass überhaupt ein Gefängnisaufstand im Gange ist. Er war eine der faszinierendsten, weil ambivalentesten Figuren der letzten Staffel, was sich hier fortsetzen könnte. Zunächst werden er und der MCC-PR-Mitarbeiter jedoch von Taystee (Danielle Brooks), Cindy (Adrienne C. Moore) und Konsorten in Schach gehalten. Sie zwingen ihn dazu, eine vorgeschriebene Botschaft bezüglich des Todes von Poussey aufzunehmen, womit sie nichts weniger als Gerechtigkeit erzwingen wollen.
Kaum überwinden kann Brooke (Kimiko Glenn) den Schock über den Tod ihrer Freundin. Sie hat sich in die Bücherei zurückgezogen, um Rilke auf Deutsch zu lesen. Das soll wohl irgendwie witzig sein, mir war jedoch angesichts der Niedergeschlagenheit Brooks nicht nach lachen zumute. Judy King (Blair Brown) versucht immerhin, sie mit einem Shakespeare-Zitat aufzuheitern: „Not so easy to shake this mortal coil.“ Für mehr Lyrik ist in der Episode allerdings kein Platz, weist sie doch ein eigenartiges Erzähltempo auf.
Drehbuchautorin Kohan scheint dabei gleichzeitig auf die Bremse zu treten und Gas zu geben. Wie man aus Amerika hört, wird sich wohl die gesamte fünfte Staffel ausschließlich mit dem Gefängnisaufstand beschäftigen, was wohl lediglich einen Erzählzeitraum von wenigen Tagen abdecken wird. Die Auftaktepisode überzeugt noch nicht ganz, ob genug Material für 13 Episoden vorhanden ist. Problematisch könnte jedenfalls werden, eine Balance zwischen Drama und Komödie zu finden. In der Vergangenheit hat das gut funktioniert, weshalb wir vorsichtig optimistisch sein wollen.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 9. Juni 2017Orange Is the New Black 5x01 Trailer
(Orange Is the New Black 5x01)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 5x01
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