Orange Is the New Black 2x11

© ach der Entlassung aus der Isolationshaft ist Janae (Vicky Jeudy) noch leichter reizbar. / (c) Netflix
Eine der höchsten Werte und Rechte des amerikanischen Justizsystems ist die Redefreiheit. Sie ist im ersten Zusatz der amerikanischen Verfassung festgehalten und garantiert jedem BĂŒrger ein Grundrecht auf freie MeinungsĂ€uĂerung. Amerikanische Politiker und Meinungsmacher fĂŒhren diesen Verfassungszusatz gerne und oft an, wenn sie beweisen wollen, wie freiheitlich-demokratisch ihre Gesellschaft aufgebaut ist und wie sehr sie das von undemokratischen Gesellschaften unterscheidet.
I can't believe it. I fell in with the bad nuns.
Dabei lassen sie jedoch auĂer Acht, dass es einige EinschrĂ€nkungen dieses Grundrechts gibt. Dies gilt vor allem dann, wenn eine öffentliche Institution Teil der MeinungsĂ€uĂerung eines Individuums ist - zum Beispiel als Arbeitgeber oder Kontrollinstanz. So hat die öffentliche Hand in den USA als Betreiberin eines GefĂ€ngnisses weitreichende Möglichkeiten, die Meinungsfreiheit ihrer Insassinnen einzuschrĂ€nken. Die HĂŒrden dafĂŒr sind Ă€uĂerst niedrig, es muss nur ein Fall vorliegen, der „reasonably related to legitimate penological interests“ ist, der also „einigermaĂen mit den strafrechtlichen Interessen zusammenhĂ€ngt.“
Die Formulierung ist bewusst schwammig und undefiniert gewĂ€hlt, um den GefĂ€ngnisvorstehern möglichst freie Hand beim Entzug der freien MeinungsĂ€uĂerung zu gewĂ€hren. In der Episode Take a Break from Your Values wird uns das nur allzu deutlich vor Augen gefĂŒhrt, als die korrupte GefĂ€ngnisleiterin Figueroa (Alysia Reiner) sofort alles daran setzt, eine mögliche Protestbewegung im Keim zu ersticken.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund des nahenden Supersturms âWandaâ, der auf die amerikanische OstkĂŒste zurast und zur Gefahr fĂŒr die Insassinnen von Litchfield werden könnte. Der Sturm dient natĂŒrlich als Allegorie auf den sinnbildlichen Sturm, der sich im GefĂ€ngnis selbst zusammenbraut. Hier stehen die Dauerrivalinnen Red (Kate Mulgrew) und Vee (Lorraine Toussaint) im Mittelpunkt und ihr Streit eskaliert - nachdem in der letzten Episode Poussey (Samira Wiley) brutal niedergeknĂŒppelt wurde - weiter. Dieses Mal ist es Vee selbst, die von Taslitz (Judith Roberts) mit ungleich blutigeren Absichten ins Visier genommen wird. Doch sie hat GlĂŒck und entkommt dem Anschlag knapp.

Neben der eskalierenden Konfliktsituation erzĂ€hlt die Episode noch eine andere, subtilere Geschichte. Diese handelt von einseitigen GesprĂ€chen und bekommt mit der RĂŒckblende in das Leben von Schwester Jane Ingalls (Beth Fowler) narrative UnterfĂŒtterung. Wir erfahren, dass Jane aus der Kirche exkommuniziert wurde und gar keine Nonne mehr ist - ein schöner RĂŒckgriff auf die letzte Episode, als endlich herauskam, welch eine Scharade Lorna ĂŒber mehrere Jahre aufrechterhielt.
Speak only if it improves the silence
Als junge Nonne hat Jane die Hoffnung, dass Gott einmal mit ihr sprechen werde. Sie ist etwas empört darĂŒber, dass dies bisher eine sehr einseitige Unterhaltung gewesen ist. Ihre Ordensschwester ermahnt sie dazu, stets genĂŒgsam und bescheiden zu bleiben - dann werde sie schon irgendwann belohnt. Doch Jane reicht das nicht, sie entdeckt ihre Abenteuerlust auf Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung und Atomkraft. Sie erlangt sogar einige BerĂŒhmtheit als Protestnonne. Ihrer Kirche passt das wiederum nicht, sie wirft ihr Narzissmus vor und exkommuniziert sie kurzerhand - mit dem Versprechen, ihr bei Besserung noch einmal eine Chance zu geben.
Von ihrer GefĂ€ngniszeit verspricht sich Jane LĂ€uterung und die Möglichkeit, ĂŒber vergangene Missetaten nachzudenken. Eine erste Aufforderung zur Teilnahme am Hungerstreik von Brook (Kimiko Glenn) und Konsorten lehnt sie ab. Als sie jedoch erkennt, dass der Protestbewegung eine FĂŒhrungsfigur fehlt, besetzt sie die Leerstelle. Es bleibt zunĂ€chst offen, ob narzisstische GrĂŒnde ihr Antrieb sind. Doch spĂ€testens, als sie Forderungen fĂŒr eine bessere Versorgung der Ă€lteren HĂ€ftlinge stellt, zerschlĂ€gt sich dieser Verdacht.
Die GefĂ€ngnisleitung setzt indes sofort alles daran, sĂ€mtliche ProtestaktivitĂ€ten zu unterbinden. Caputo (Nick Sandow) steht dabei zwischen den Fronten. Er will den Insassinnen einerseits ein menschenwĂŒrdiges Leben ermöglichen, andererseits scheut er vor Konflikten mit Figueroa zurĂŒck. Sie macht die UnterdrĂŒckung des Miniaufstands also kurzerhand zur Chefsache und entzieht der Protestgruppe die Meinungsfreiheit. AuĂerdem lĂ€sst sie Piper (Taylor Schilling) in ein GefĂ€ngnis in Virginia verlegen, weil sie von ihr glaubt, als Herausgeberin des Big House Bugle instrumental in der Formierung des Protests zu sein.

All diese Handlungen offenbaren die Ohnmacht und RealitĂ€tsferne der GefĂ€ngnisfĂŒhrung - und die schamlose Missachtung des eigentlichen Reintegrationsauftrags. Als einzige Reaktion auf die Ereignisse rund um den entlassenen George Mendez (Pablo Schreiber) fĂ€llt Figueroa ĂŒberdies ein, ein Konzert âgegen Vergewaltigungâ zu veranstalten und der Wachmannschaft neue AusrĂŒstung zur Aufstandsniederschlagung zu spendieren. Caputos Proteste gegen diese kurzsichtigen MaĂnahmen halten sich in Grenzen, er versucht lieber, seiner Band „Sideboob“ einen Auftritt bei dem Konzert zu verschaffen - witzig fĂŒr uns Zuschauer, traurig fĂŒr die Insassinnen.
Whatever happened to humility? Isn't that a virtue or something?
Am Ende bleibt als einzige Protestierende Jane ĂŒbrig, die ihren Hungerstreik aber so lange durchzieht, bis sie zwangsernĂ€hrt werden muss. Selbst im Hungerdelirium fragt sie sich noch, warum ihre GesprĂ€che mit Gott immer nur einseitig verlaufen. Sie ist indes nicht die einzige, deren WĂŒnsche nach fruchtbarer Kommunikation unerhört bleiben. Der erste Versuch von Healy (Michael Harney) und Pennsatucky (Suzanne nennt sie âPennsabamaâ: Taryn Manning), die HĂ€ftlinge in einem sicheren GesprĂ€chskreis zum Reden zu bringen, scheitern am UnverstĂ€ndnis oder der Störrigkeit der Teilnehmerinnen.
Boo (Lea DeLaria) bleibt indes alleine zurĂŒck, nachdem sie Red an Vee verraten hat. Sie behauptet zwar, dass sie bestens zurechtkomme, wenn sie auf sich allein gestellt sei. Doch ihre Anbiederungsversuche an Vee erzĂ€hlen eine gĂ€nzlich andere Geschichte. Auch dort wird sie jedoch abgewiesen - Vee nimmt keine VerrĂ€terinnen in ihre Gruppe auf. Dabei muss sie jedoch aufpassen, dass besagte Gruppe nicht bald auseinanderfĂ€llt. Ihre einzige loyale Gefolgsfrau scheint Suzanne (Uzo Aduba) zu sein, Taystee (Danielle Brooks) dĂŒrfte nach einer allzu harschen Ansprache Vees die Lust auf diese Regentschaft verloren haben, die nonchalante Cindy (Adrienne C. Moore) plaudert indes unbekĂŒmmert aus, wer Red verraten hat.
Zum Ende der Staffel findet Orange Is the New Black zurĂŒck zu seinem Groove. Dramatische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und werden in diesen letzten beiden Episoden behutsam aufgebaut. Auch Take a Break from Your Values hat wieder viele kleine Szenen und Augenblicke zu bieten, die breites Grinsen und schallendes Lachen hervorrufen. Manch untergeordneter Handlungsstrang (Larry (Jason Biggs), Polly (Maria Dizzia) und Pete (Nick Stevenson), Piper und Alex (Laura Prepon), Jones (Constance Shulman) und Watson (Vicky Jeudy), Daya (Dascha Polanco) und ihre Mutter Maria (Jessica Pimentel), die Wachen beim Training und beim Einsatz schmutziger Tricks) konnte hier leider nicht besprochen werden, diente aber vor allem dem comic relief. Die Serie findet momentan die beinahe perfekte Mischung aus Humor und Drama.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 20. Juli 2014(Orange Is the New Black 2x11)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?