Orange Is the New Black 2x11

Eine der höchsten Werte und Rechte des amerikanischen Justizsystems ist die Redefreiheit. Sie ist im ersten Zusatz der amerikanischen Verfassung festgehalten und garantiert jedem Bürger ein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Amerikanische Politiker und Meinungsmacher führen diesen Verfassungszusatz gerne und oft an, wenn sie beweisen wollen, wie freiheitlich-demokratisch ihre Gesellschaft aufgebaut ist und wie sehr sie das von undemokratischen Gesellschaften unterscheidet.
I can't believe it. I fell in with the bad nuns.
Dabei lassen sie jedoch außer Acht, dass es einige Einschränkungen dieses Grundrechts gibt. Dies gilt vor allem dann, wenn eine öffentliche Institution Teil der Meinungsäußerung eines Individuums ist - zum Beispiel als Arbeitgeber oder Kontrollinstanz. So hat die öffentliche Hand in den USA als Betreiberin eines Gefängnisses weitreichende Möglichkeiten, die Meinungsfreiheit ihrer Insassinnen einzuschränken. Die Hürden dafür sind äußerst niedrig, es muss nur ein Fall vorliegen, der „reasonably related to legitimate penological interests“ ist, der also „einigermaßen mit den strafrechtlichen Interessen zusammenhängt.“
Die Formulierung ist bewusst schwammig und undefiniert gewählt, um den Gefängnisvorstehern möglichst freie Hand beim Entzug der freien Meinungsäußerung zu gewähren. In der Episode Take a Break from Your Values wird uns das nur allzu deutlich vor Augen geführt, als die korrupte Gefängnisleiterin Figueroa (Alysia Reiner) sofort alles daran setzt, eine mögliche Protestbewegung im Keim zu ersticken.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund des nahenden Supersturms „Wanda“, der auf die amerikanische Ostküste zurast und zur Gefahr für die Insassinnen von Litchfield werden könnte. Der Sturm dient natürlich als Allegorie auf den sinnbildlichen Sturm, der sich im Gefängnis selbst zusammenbraut. Hier stehen die Dauerrivalinnen Red (Kate Mulgrew) und Vee (Lorraine Toussaint) im Mittelpunkt und ihr Streit eskaliert - nachdem in der letzten Episode Poussey (Samira Wiley) brutal niedergeknüppelt wurde - weiter. Dieses Mal ist es Vee selbst, die von Taslitz (Judith Roberts) mit ungleich blutigeren Absichten ins Visier genommen wird. Doch sie hat Glück und entkommt dem Anschlag knapp.

Neben der eskalierenden Konfliktsituation erzählt die Episode noch eine andere, subtilere Geschichte. Diese handelt von einseitigen Gesprächen und bekommt mit der Rückblende in das Leben von Schwester Jane Ingalls (Beth Fowler) narrative Unterfütterung. Wir erfahren, dass Jane aus der Kirche exkommuniziert wurde und gar keine Nonne mehr ist - ein schöner Rückgriff auf die letzte Episode, als endlich herauskam, welch eine Scharade Lorna über mehrere Jahre aufrechterhielt.
Speak only if it improves the silence
Als junge Nonne hat Jane die Hoffnung, dass Gott einmal mit ihr sprechen werde. Sie ist etwas empört darüber, dass dies bisher eine sehr einseitige Unterhaltung gewesen ist. Ihre Ordensschwester ermahnt sie dazu, stets genügsam und bescheiden zu bleiben - dann werde sie schon irgendwann belohnt. Doch Jane reicht das nicht, sie entdeckt ihre Abenteuerlust auf Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung und Atomkraft. Sie erlangt sogar einige Berühmtheit als Protestnonne. Ihrer Kirche passt das wiederum nicht, sie wirft ihr Narzissmus vor und exkommuniziert sie kurzerhand - mit dem Versprechen, ihr bei Besserung noch einmal eine Chance zu geben.
Von ihrer Gefängniszeit verspricht sich Jane Läuterung und die Möglichkeit, über vergangene Missetaten nachzudenken. Eine erste Aufforderung zur Teilnahme am Hungerstreik von Brook (Kimiko Glenn) und Konsorten lehnt sie ab. Als sie jedoch erkennt, dass der Protestbewegung eine Führungsfigur fehlt, besetzt sie die Leerstelle. Es bleibt zunächst offen, ob narzisstische Gründe ihr Antrieb sind. Doch spätestens, als sie Forderungen für eine bessere Versorgung der älteren Häftlinge stellt, zerschlägt sich dieser Verdacht.
Die Gefängnisleitung setzt indes sofort alles daran, sämtliche Protestaktivitäten zu unterbinden. Caputo (Nick Sandow) steht dabei zwischen den Fronten. Er will den Insassinnen einerseits ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, andererseits scheut er vor Konflikten mit Figueroa zurück. Sie macht die Unterdrückung des Miniaufstands also kurzerhand zur Chefsache und entzieht der Protestgruppe die Meinungsfreiheit. Außerdem lässt sie Piper (Taylor Schilling) in ein Gefängnis in Virginia verlegen, weil sie von ihr glaubt, als Herausgeberin des Big House Bugle instrumental in der Formierung des Protests zu sein.

All diese Handlungen offenbaren die Ohnmacht und Realitätsferne der Gefängnisführung - und die schamlose Missachtung des eigentlichen Reintegrationsauftrags. Als einzige Reaktion auf die Ereignisse rund um den entlassenen George Mendez (Pablo Schreiber) fällt Figueroa überdies ein, ein Konzert „gegen Vergewaltigung“ zu veranstalten und der Wachmannschaft neue Ausrüstung zur Aufstandsniederschlagung zu spendieren. Caputos Proteste gegen diese kurzsichtigen Maßnahmen halten sich in Grenzen, er versucht lieber, seiner Band „Sideboob“ einen Auftritt bei dem Konzert zu verschaffen - witzig für uns Zuschauer, traurig für die Insassinnen.
Whatever happened to humility? Isn't that a virtue or something?
Am Ende bleibt als einzige Protestierende Jane übrig, die ihren Hungerstreik aber so lange durchzieht, bis sie zwangsernährt werden muss. Selbst im Hungerdelirium fragt sie sich noch, warum ihre Gespräche mit Gott immer nur einseitig verlaufen. Sie ist indes nicht die einzige, deren Wünsche nach fruchtbarer Kommunikation unerhört bleiben. Der erste Versuch von Healy (Michael Harney) und Pennsatucky (Suzanne nennt sie „Pennsabama“: Taryn Manning), die Häftlinge in einem sicheren Gesprächskreis zum Reden zu bringen, scheitern am Unverständnis oder der Störrigkeit der Teilnehmerinnen.
Boo (Lea DeLaria) bleibt indes alleine zurück, nachdem sie Red an Vee verraten hat. Sie behauptet zwar, dass sie bestens zurechtkomme, wenn sie auf sich allein gestellt sei. Doch ihre Anbiederungsversuche an Vee erzählen eine gänzlich andere Geschichte. Auch dort wird sie jedoch abgewiesen - Vee nimmt keine Verräterinnen in ihre Gruppe auf. Dabei muss sie jedoch aufpassen, dass besagte Gruppe nicht bald auseinanderfällt. Ihre einzige loyale Gefolgsfrau scheint Suzanne (Uzo Aduba) zu sein, Taystee (Danielle Brooks) dürfte nach einer allzu harschen Ansprache Vees die Lust auf diese Regentschaft verloren haben, die nonchalante Cindy (Adrienne C. Moore) plaudert indes unbekümmert aus, wer Red verraten hat.
Zum Ende der Staffel findet Orange Is the New Black zurück zu seinem Groove. Dramatische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und werden in diesen letzten beiden Episoden behutsam aufgebaut. Auch Take a Break from Your Values hat wieder viele kleine Szenen und Augenblicke zu bieten, die breites Grinsen und schallendes Lachen hervorrufen. Manch untergeordneter Handlungsstrang (Larry (Jason Biggs), Polly (Maria Dizzia) und Pete (Nick Stevenson), Piper und Alex (Laura Prepon), Jones (Constance Shulman) und Watson (Vicky Jeudy), Daya (Dascha Polanco) und ihre Mutter Maria (Jessica Pimentel), die Wachen beim Training und beim Einsatz schmutziger Tricks) konnte hier leider nicht besprochen werden, diente aber vor allem dem comic relief. Die Serie findet momentan die beinahe perfekte Mischung aus Humor und Drama.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 20. Juli 2014(Orange Is the New Black 2x11)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x11
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