Orange Is the New Black 2x10

© oussey (Samira Wiley) bekommt die ganze HĂ€rte der Schmuggelgang zu spĂŒren. / (c) Netflix
Orange Is the New Black hat sich in der zweiten Staffel teilweise von den mitreiĂend dramatischen und aufwĂŒhlenden Handlungsbögen verabschiedet und sich eher dem Comedy-Aspekt der Serie gewidmet. In Little Mustachioed Shit nehmen Serienschöpferin Jenji Kohan und ihr Autorenteam jedoch eine Kurskorrektur vor. Mit der endgĂŒltigen Verabschiedung von âPornstacheâ Mendez (Pablo Schreiber) aus dem FrauengefĂ€ngnis kehren sie zum nur stellenweise witzigen PortrĂ€t des knallharten Knastalltags zurĂŒck.
I wanna taste what you taste like
Die RĂŒckblende - eine weitere Schwachstelle dieser Staffel - funktioniert auch in dieser Episode nicht ĂŒberzeugend. Wir bekommen darin einen weiteren Einblick in die gemeinsame Vergangenheit von Piper (Taylor Schilling) und Alex (Laura Prepon), die in der neuen Staffel - mit Ausnahme der Auftaktepisode - nur in RĂŒckblenden auftauchte. Diese RĂŒckschau bezweckt die Vorbereitung von Pipers Racheaktion gegen ihre Freundin Polly (Maria Dizzia), was zwar gelingt, den endgĂŒltigen Akt jedoch angesichts Pollys Einsicht wirkungslos verpuffen lĂ€sst.
Im Gegensatz zur ersten Staffel ist Piper als Figur stetig weiter in den Hintergrund gedrĂ€ngt worden, andere Konflikte sind lĂ€ngst interessanter. So hat Vees (Lorraine Toussaint) Machtergreifung mittlerweile ganz reale, gefĂ€hrliche Konsequenzen fĂŒr diejenigen, die sich ihr in den Weg stellen. Ihre Crew bekommt von all denjenigen eine Sonderbehandlung, die sie mit Schmuggelware versorgt. Die ĂŒbrigen, die auf ihre manipulativen Tricks nicht reinfallen, werden jedoch mit aller HĂ€rte bestraft.
Die alte, krebskranke Miss Rosa (Barbara Rosenblat) muss ihren Platz am Essenstisch rĂ€umen, Poussey (Samira Wiley) wird gar heftig verprĂŒgelt. Als Befehlsvollstreckerin dient in beiden FĂ€llen die wahnsinnige Suzanne (Uzo Aduba), die völlig unter Vees Einfluss steht. Auch der loyalen Dienste von Taystee (Danielle Brooks), Janae (Vicky Jeudy) und Cindy (Adrienne C. Moore) kann sich Vee sicher sein. In umgekehrter Richtung gilt dies jedoch nicht: Als bei Janae bei einer ĂŒberraschenden Razzia Zigaretten gefunden werden und sie dafĂŒr in Isolationshaft geschickt wird, bleiben ihre hilfesuchenden Blicke an Vee unbeantwortet.

Die drakonische Strafe fĂŒr Janae und die allgemein ĂŒberzogenen Sicherheits- und Strafbestimmungen im GefĂ€ngnis sind denn auch der Grund dafĂŒr, dass Yoga Jones (Constance Shulman) und Jane Ingalls (Beth Fowler) den Hungerstreik von Brook (Kimiko Glenn) zumindest verbal unterstĂŒtzen. Zuvor war der widerborstige Neuankömmling fĂŒr ihr Engagement von den MithĂ€ftlingen ausgelacht worden, nun entwickelt sich ihr Charakter endlich von der reinen Comicfigur zu einer ernstzunehmenden Aktivistin, die auf die verheerenden ZustĂ€nde im GefĂ€ngnis aufmerksam macht.
You've officially destroyed a man's life
Am Ende der Episode brĂŒstet sich GefĂ€ngnisleiterin Figueroa (Alysia Reiner) damit, dass es ihre vorrangige Aufgabe sei, die Sicherheit ihrer Insassinnen zu gewĂ€hrleisten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die HĂ€ftlinge können sich zu keinem Zeitpunkt sicher fĂŒhlen - weder vor ihren MithĂ€ftlingen noch vor der Wachmannschaft. Deutlich wird das vor allem im ZwiegesprĂ€ch zwischen Figueroa und der schwangeren Dayanara (Dascha Polanco). Figueroa will einfach nicht glauben, dass Mendez sie vergewaltigt habe. Das stimmt freilich auch nicht, trotzdem ist das Misstrauen, das Figueroa gegenĂŒber ihrer Schutzbefohlenen offenbart, haarstrĂ€ubend.
Dieser spezielle Fall ist wohl der moralisch komplizierteste der gesamten Serie. Mendez verdient es sicherlich, selbst im GefÀngnis zu landen - nur verdient er es eben nicht, wegen Dayanara dort zu landen. John Bennett (Matt McGorry) weià das und bekommt es immer wieder von seiner enttÀuschten Freundin eingeblÀut, schafft es aber trotzdem nicht, zu seiner eigenen Tat zu stehen. Entsprechend enttÀuscht ist Daya von seinem Verhalten. Am Ende quÀlen uns die Autoren sogar noch mit einer Szene, in der Mendez genau das macht, was Daya zuvor von Bennett gefordert hat - sich zu ihr zu bekennen.
Neben dieser Fokussierung auf die körperliche und mentale Sicherheit der HÀftlinge portrÀtiert Little Mustachioed Shit auch einige Mechanismen, anhand derer die Insassinnen versuchen, ihre eigene Form geistiger Gesundheit aufrechtzuerhalten. Lorna Morello (Yael Stone) bekommt Besuch von ihrem geliebten Christopher (Stephen O'Reilly), der ihr erst mit Mord droht und dann lauthals deklariert, dass er mit ihr nichts zu tun habe. Nicky (Natasha Lyonne) bekommt das mit und zeigt eine Reaktion, die völlig frei ist von ihrem ansonsten so gerne eingesetzten sarkastischen Unterton. Sie nimmt die schluchzende Lorna in den Arm, tröstet sie und versichert dem HÀufchen Elend ihre Liebe.

Dies ist jedoch nicht Nickys einzige emotional aufwĂŒhlende Szene. Ăber den Verlauf der Episode hadert sie damit, das Heroin anzutasten, das sie von Vees Schmuggelbande bekommen hat. In einem Akt willensstarker Selbstbestimmung wendet sie sich jedoch an Red (Kate Mulgrew), die ihr die gleiche Zuneigung zukommen lĂ€sst, die sie kurz zuvor noch Lorna gegeben hatte. FĂŒr Red kommt die Nachricht vom Drogenhandel im GefĂ€ngnis zum denkbar gĂŒnstigsten Zeitpunkt, stand sie doch kurz davor, einmal mehr auf Vee hereinzufallen. Ob sie nun die RacheankĂŒndigung, die sie als Erziehungsrat an Sophia (Laverne Cox) weitergegeben hatte, selbst an Vee ausĂŒben wird?
You did good, Nicky
Sophia nimmt sich Reds Rat jedenfalls nicht zu Herzen, als sie Besuch von ihrem Sohn Mike (Michael Rainey Jr.) bekommt. Sie versucht es viel eher auf die sanfte Tour, lĂ€sst ihren Sohn, wegen dem sie im GefĂ€ngnis sitzt, beim Kartenspiel gewinnen und erfreut sich einfach nur seiner PrĂ€senz. Schön zu sehen, wie solche kleinen, stillen Momente es immer wieder schaffen, groĂe emotionale Durchschlagskraft zu generieren.
Auch OberwĂ€rter Sam Healy (Michael Harney) versucht mit kleinen Schritten, einen neuen Weg zu gehen. In seiner eigenen Sitzung mit Therapeutin Chris Maser (Deirdre Lovejoy) holt er sich Anleitungen fĂŒr die Therapie, die er Pennsatucky (Taryn Manning) zukommen lĂ€sst. Er schlĂ€gt ihr gar vor, eine Selbsthilfegruppe zu grĂŒnden, muss aber bald feststellen, dass ihre Prophezeiung wahr wird, wonach niemand auftauchen werde, wenn es keine Gegenleistung gebe. Dabei hĂ€tte Healy das ganz einfach verstehen können, hĂ€tte er einmal kurz seine eigenen BeweggrĂŒnde fĂŒr diese vermeintlich altruistische Handlung inspiziert. Denn eigentlich macht er das alles zu einem groĂen Teil fĂŒr sich selbst, fĂŒr das eigene reine Gewissen.
Diese Episode von Orange Is the New Black gehört zu den stĂ€rksten der bisherigen Staffel. Mit Ausnahme des Piper-ErzĂ€hlbogens kristallisiert sich bei sĂ€mtlichen HandlungsstrĂ€ngen langsam heraus, wo sie hinfĂŒhren werden. Das emotionale pay off ist hier schon groĂ - sei es nun in den Szenen mit Nicky oder in der von Sophia. Die beiden gröĂten Comicfiguren - Pornstache und Brook - haben sich entweder aus der Serie verabschiedet oder sind zu echten Charakteren geworden. Bei all dem neugefundenen Drama sind aber trotzdem die witzigen Dialoge nicht auf der Strecke geblieben. Die waren schon immer die gröĂte StĂ€rke des Autorenteams. In Kombination mit solch aufregenden und zum Nachdenken anregenden Handlungsbögen wird âOITNBâ zu einer groĂartigen Dramaserie.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 19. Juli 2014(Orange Is the New Black 2x10)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x10
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