Orange Is the New Black 2x10

Orange Is the New Black hat sich in der zweiten Staffel teilweise von den mitreißend dramatischen und aufwühlenden Handlungsbögen verabschiedet und sich eher dem Comedy-Aspekt der Serie gewidmet. In Little Mustachioed Shit nehmen Serienschöpferin Jenji Kohan und ihr Autorenteam jedoch eine Kurskorrektur vor. Mit der endgültigen Verabschiedung von „Pornstache“ Mendez (Pablo Schreiber) aus dem Frauengefängnis kehren sie zum nur stellenweise witzigen Porträt des knallharten Knastalltags zurück.
I wanna taste what you taste like
Die Rückblende - eine weitere Schwachstelle dieser Staffel - funktioniert auch in dieser Episode nicht überzeugend. Wir bekommen darin einen weiteren Einblick in die gemeinsame Vergangenheit von Piper (Taylor Schilling) und Alex (Laura Prepon), die in der neuen Staffel - mit Ausnahme der Auftaktepisode - nur in Rückblenden auftauchte. Diese Rückschau bezweckt die Vorbereitung von Pipers Racheaktion gegen ihre Freundin Polly (Maria Dizzia), was zwar gelingt, den endgültigen Akt jedoch angesichts Pollys Einsicht wirkungslos verpuffen lässt.
Im Gegensatz zur ersten Staffel ist Piper als Figur stetig weiter in den Hintergrund gedrängt worden, andere Konflikte sind längst interessanter. So hat Vees (Lorraine Toussaint) Machtergreifung mittlerweile ganz reale, gefährliche Konsequenzen für diejenigen, die sich ihr in den Weg stellen. Ihre Crew bekommt von all denjenigen eine Sonderbehandlung, die sie mit Schmuggelware versorgt. Die übrigen, die auf ihre manipulativen Tricks nicht reinfallen, werden jedoch mit aller Härte bestraft.
Die alte, krebskranke Miss Rosa (Barbara Rosenblat) muss ihren Platz am Essenstisch räumen, Poussey (Samira Wiley) wird gar heftig verprügelt. Als Befehlsvollstreckerin dient in beiden Fällen die wahnsinnige Suzanne (Uzo Aduba), die völlig unter Vees Einfluss steht. Auch der loyalen Dienste von Taystee (Danielle Brooks), Janae (Vicky Jeudy) und Cindy (Adrienne C. Moore) kann sich Vee sicher sein. In umgekehrter Richtung gilt dies jedoch nicht: Als bei Janae bei einer überraschenden Razzia Zigaretten gefunden werden und sie dafür in Isolationshaft geschickt wird, bleiben ihre hilfesuchenden Blicke an Vee unbeantwortet.

Die drakonische Strafe für Janae und die allgemein überzogenen Sicherheits- und Strafbestimmungen im Gefängnis sind denn auch der Grund dafür, dass Yoga Jones (Constance Shulman) und Jane Ingalls (Beth Fowler) den Hungerstreik von Brook (Kimiko Glenn) zumindest verbal unterstützen. Zuvor war der widerborstige Neuankömmling für ihr Engagement von den Mithäftlingen ausgelacht worden, nun entwickelt sich ihr Charakter endlich von der reinen Comicfigur zu einer ernstzunehmenden Aktivistin, die auf die verheerenden Zustände im Gefängnis aufmerksam macht.
You've officially destroyed a man's life
Am Ende der Episode brüstet sich Gefängnisleiterin Figueroa (Alysia Reiner) damit, dass es ihre vorrangige Aufgabe sei, die Sicherheit ihrer Insassinnen zu gewährleisten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Häftlinge können sich zu keinem Zeitpunkt sicher fühlen - weder vor ihren Mithäftlingen noch vor der Wachmannschaft. Deutlich wird das vor allem im Zwiegespräch zwischen Figueroa und der schwangeren Dayanara (Dascha Polanco). Figueroa will einfach nicht glauben, dass Mendez sie vergewaltigt habe. Das stimmt freilich auch nicht, trotzdem ist das Misstrauen, das Figueroa gegenüber ihrer Schutzbefohlenen offenbart, haarsträubend.
Dieser spezielle Fall ist wohl der moralisch komplizierteste der gesamten Serie. Mendez verdient es sicherlich, selbst im Gefängnis zu landen - nur verdient er es eben nicht, wegen Dayanara dort zu landen. John Bennett (Matt McGorry) weiß das und bekommt es immer wieder von seiner enttäuschten Freundin eingebläut, schafft es aber trotzdem nicht, zu seiner eigenen Tat zu stehen. Entsprechend enttäuscht ist Daya von seinem Verhalten. Am Ende quälen uns die Autoren sogar noch mit einer Szene, in der Mendez genau das macht, was Daya zuvor von Bennett gefordert hat - sich zu ihr zu bekennen.
Neben dieser Fokussierung auf die körperliche und mentale Sicherheit der Häftlinge porträtiert Little Mustachioed Shit auch einige Mechanismen, anhand derer die Insassinnen versuchen, ihre eigene Form geistiger Gesundheit aufrechtzuerhalten. Lorna Morello (Yael Stone) bekommt Besuch von ihrem geliebten Christopher (Stephen O'Reilly), der ihr erst mit Mord droht und dann lauthals deklariert, dass er mit ihr nichts zu tun habe. Nicky (Natasha Lyonne) bekommt das mit und zeigt eine Reaktion, die völlig frei ist von ihrem ansonsten so gerne eingesetzten sarkastischen Unterton. Sie nimmt die schluchzende Lorna in den Arm, tröstet sie und versichert dem Häufchen Elend ihre Liebe.

Dies ist jedoch nicht Nickys einzige emotional aufwühlende Szene. Über den Verlauf der Episode hadert sie damit, das Heroin anzutasten, das sie von Vees Schmuggelbande bekommen hat. In einem Akt willensstarker Selbstbestimmung wendet sie sich jedoch an Red (Kate Mulgrew), die ihr die gleiche Zuneigung zukommen lässt, die sie kurz zuvor noch Lorna gegeben hatte. Für Red kommt die Nachricht vom Drogenhandel im Gefängnis zum denkbar günstigsten Zeitpunkt, stand sie doch kurz davor, einmal mehr auf Vee hereinzufallen. Ob sie nun die Racheankündigung, die sie als Erziehungsrat an Sophia (Laverne Cox) weitergegeben hatte, selbst an Vee ausüben wird?
You did good, Nicky
Sophia nimmt sich Reds Rat jedenfalls nicht zu Herzen, als sie Besuch von ihrem Sohn Mike (Michael Rainey Jr.) bekommt. Sie versucht es viel eher auf die sanfte Tour, lässt ihren Sohn, wegen dem sie im Gefängnis sitzt, beim Kartenspiel gewinnen und erfreut sich einfach nur seiner Präsenz. Schön zu sehen, wie solche kleinen, stillen Momente es immer wieder schaffen, große emotionale Durchschlagskraft zu generieren.
Auch Oberwärter Sam Healy (Michael Harney) versucht mit kleinen Schritten, einen neuen Weg zu gehen. In seiner eigenen Sitzung mit Therapeutin Chris Maser (Deirdre Lovejoy) holt er sich Anleitungen für die Therapie, die er Pennsatucky (Taryn Manning) zukommen lässt. Er schlägt ihr gar vor, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, muss aber bald feststellen, dass ihre Prophezeiung wahr wird, wonach niemand auftauchen werde, wenn es keine Gegenleistung gebe. Dabei hätte Healy das ganz einfach verstehen können, hätte er einmal kurz seine eigenen Beweggründe für diese vermeintlich altruistische Handlung inspiziert. Denn eigentlich macht er das alles zu einem großen Teil für sich selbst, für das eigene reine Gewissen.
Diese Episode von Orange Is the New Black gehört zu den stärksten der bisherigen Staffel. Mit Ausnahme des Piper-Erzählbogens kristallisiert sich bei sämtlichen Handlungssträngen langsam heraus, wo sie hinführen werden. Das emotionale pay off ist hier schon groß - sei es nun in den Szenen mit Nicky oder in der von Sophia. Die beiden größten Comicfiguren - Pornstache und Brook - haben sich entweder aus der Serie verabschiedet oder sind zu echten Charakteren geworden. Bei all dem neugefundenen Drama sind aber trotzdem die witzigen Dialoge nicht auf der Strecke geblieben. Die waren schon immer die größte Stärke des Autorenteams. In Kombination mit solch aufregenden und zum Nachdenken anregenden Handlungsbögen wird „OITNB“ zu einer großartigen Dramaserie.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 19. Juli 2014(Orange Is the New Black 2x10)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x10
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