Orange Is the New Black 2x09

Orange Is the New Black 2x09

Orange Is the New Black entfernt sich mit 40 OZ of Furlough weiter vom einst eingeschlagenen Kurs. Die halbwegs realistische und dramatische Darstellung des Gefängnisalltags wird zunehmend durch klamaukige Einlagen und überzeichnete Figuren ersetzt.

Endlich in Freiheit - und doch so unglücklich. Piper (Taylor Schilling) und Larry (Jason Biggs) begraben ihre Ehe. / (c) Netflix
Endlich in Freiheit - und doch so unglücklich. Piper (Taylor Schilling) und Larry (Jason Biggs) begraben ihre Ehe. / (c) Netflix

Endlich ist der Tag gekommen: Piper (Taylor Schilling) wird für 48 Stunden aus dem Gefängnis entlassen, um der Beerdigung ihrer Großmutter beiwohnen zu können. Auf den letzten Metern in die befristete Freiheit begleitet sie Wachmann O'Neill (Joel Garland), der ihr noch einmal sämtliche Regeln vorbetet, von denen sie bis zum Ende der Episode mehrere gebrochen haben wird.

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Piper bedenkt O'Neill für seine Rezitation mit einem Kompliment, was der stolz kommentiert: „I'll sing it to the tune of ,Poker Face' to remember.“ Danach wird Piper von ihrem Bruder Cal (Michael Chernus) in dessen versifftem Wagen abgeholt, sie begrüßen sich herzlich. Diese beiden kurzen Szenen belegen beispielhaft, welch begnadete Comedyautorin die Serienschöpferin Jenji Kohan ist.

Wie schon bei Kohans erstem großen Serienerfolg Weeds liegen die Stärken von Orange Is the New Black in der Charakterzeichnung und der Dialogarbeit. Auf diesen Feldern muss man lange suchen, bis man eine/n konkurrenzfähige/n Autor/-in findet. Doch leider wiederholen sich in „OITNB“ nicht nur Kohans Stärken, sondern auch ihre Schwächen. Die Showrunnerin tut sich entweder schwer oder ist vielleicht gar nicht daran interessiert, eine dramaturgisch interessante Geschichte zu entspinnen.

Das war bei Weeds nach anderthalb Staffeln der Fall, seit einigen Episoden deutet es sich auch bei Orange Is the New Black an. In der zweiten Staffel gibt es wenig erzählerischen Schwung, die Konflikte bleiben größtenteils die gleichen. Exemplarisch kann dies in der Episode 40 OZ of Furlough beobachtet werden. Darin beschäftigt sich sogar die obligatorische Rückblende mit einem Konflikt, der in der Gegenwart ebenso präsent ist.

Pornstache (Pablo Schreiber) ist zurück und fackelt nicht lange. © Netflix
Pornstache (Pablo Schreiber) ist zurück und fackelt nicht lange. © Netflix

Seit Beginn der Staffel bekriegen sich Red (Kate Mulgrew) und Vee (Lorraine Toussaint) nun schon. Ende oder Zuspitzung des Konflikts sind bisher nicht abzusehen, wenngleich nach dieser Episode klar sein sollte, dass Vee durch den Verrat von Boo (Lea DeLaria) bald die Oberhand erringen könnte. Die Rückblende trägt indes wenig zur Aufklärung bei. Schon einmal hatte Vee Red hintergangen - eine Erkenntnis, die eher neue Fragen aufwirft, denn alte zu beantworten. Zum Beispiel: Warum begrüßten sich die beiden so herzlich, als sie sich zum ersten Mal im Gefängnis sahen?

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Die beiden Erzfeindinnen arbeiten also weiterhin an der Expansion ihrer Machtbasis. Red schafft es endlich, ihre alte Truppe wieder zusammenzubekommen - hätte sie gewusst, dass es dazu nur einer ehrlichen Entschuldigung bedurfte, hätte sie wohl früher so gehandelt. Vee erweitet ihr Angebot an Schmuggelware derweil um harte Drogen, was für Nicky (Natasha Lyonne) und die Crystal-Meth-Crew verheerende Folgen nach sich ziehen dürfte. Poussey (Samira Wiley) beschwert sich darüber bei Taystee (Danielle Brooks), was bei der jedoch auf taube Ohren stößt.

Während im Gefängnis also alte Konflikte toben, wird Piper mitten hineingeworfen in ihre alte Lebensrealität. Ihre Vorstellung von 48 Stunden in Freiheit beschränken sich größtenteils auf Alkohol (der ihr eigentlich untersagt ist) und Sex. Irgendwann hat sie Larry (Jason Biggs) so lange umgarnt, bis der zu einem schnellen Stelldichein in der Gästetoilette bereit ist, würde sich nicht in letzter Sekunde sein schlechtes Gewissen melden. Er gesteht Piper, dass er mit jemand anderem geschlafen hat, erzählt ihr jedoch nicht, mit wem (wenngleich er verrät, dass sie die Person kennt).

Völlig desillusioniert müssen die beiden feststellen, dass es nun wirklich vorbei ist zwischen ihnen - zumindest für Pipers verbleibende Haftzeit. Eigentlich versichern sich die beiden nämlich einen kurzen Augenblick später, dass sie sich immer noch lieben. Die Trauerfeier für die Großmutter wird schließlich von Cal durcheinandergewirbelt, weil der beschlossen hat, den Anlass zu nutzen, um an Ort und Stelle seine Freundin zu heiraten. Der überwiegende Teil des Trauerpublikums ist darüber entzückt, Pipers Eltern jedoch sind nur mäßig begeistert. Cal weiß das und schiebt der Ankündigung sofort ein leises „Sorry, mom“ hinterher.

Caputo (Nick Sandow) genießt den Augenblick. © Netflix
Caputo (Nick Sandow) genießt den Augenblick. © Netflix

Solche Szenen sind abstrus und witzig, enthalten jedoch wenig Substanzielles. Ähnliches gilt für die Rückkehr von George „Pornstache“ Mendez (Pablo Schreiber), dem die Autoren einen eigene Comebacksequenz zugestehen. Schnell nimmt er sich der renitenten Brook Soso (Kimiko Glenn) an, die daraufhin in den Hungerstreik tritt. Die beiden passen eigentlich ganz gut zusammen - sie sind zwei der am stärksten überzeichneten Figuren der gesamten Serie.

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Bennetts (Matt McGorry) Nervenkostüm leidet jedenfalls zusehends unter der Rückkehr des big bad. Den Fund einer Kippe nimmt er zum Anlass, die Zellen der schwarzen Häftlinge zu verwüsten. Schon zuvor hatte er mehrmals offenbart, wie angespannt er gerade ist. Gegen den Rat seiner Freundin Daya (Dascha Polanco) schwärzt er Pornstache bei Caputo (Nick Sandow) an: Mendez habe Daya geschwängert. Nach kurzem Schock wird Caputos Grinsen über diese Nachricht immer breiter.*

Ein ebenso zufriedenstellender Moment ereignet sich zwischen Oberaufseher Healy (Michael Harney) und Pennsatucky (Taryn Manning), als er ihr als Strafe statt Isolationshaft Therapiesitzungen bei ihm anbietet - dabei befindet er sich selbst gerade in Therapie bei Deirdre Lovejoy aus The Wire. Er will sich damit wohl selbst beweisen, dass in ihm immer noch das alte Feuer brennt, dass er immer noch Leidenschaft und Elan für seinen Beruf aufbringen kann. Dass ausgerechnet Pennsatucky davon profitiert, soll mir recht sein. Die beiden geben ein tolles Paar ab - bitte mehr davon!

*Caputo gehörte sowieso schon zu meinen Lieblingscharakteren, nach seiner Friday Night Lights-Referenz („When I said ,Prove It', I meant it in a coach Taylor kinda way.“ („Als ich sagte ,Beweise es', meinte ich damit, dass du das so machen solltest wie Coach Taylor.“)) liebe ich ihn noch mehr.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 11. Juli 2014
Episode
Staffel 2, Episode 9
(Orange Is the New Black 2x09)
Deutscher Titel der Episode
40 Vol-% Freigang
Titel der Episode im Original
40 Oz. of Furlough
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 6. Juni 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Lauren Morelli
Regisseur
S.J. Clarkson

Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x09

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