Orange Is the New Black 2x07

Die Gefängnisdramedy Orange Is the New Black geht mit dem Einsatz von Musik eher spärlich um; meist beschränkt sich dieser auf das Ende einer Episode. Diese Zurückhaltung generiert stärkere emotionale Wucht, die kaum je größer war als am Ende von Comic Sans, wenn der Song „Into the Unknown“ von den Blackchords erklingt. Plötzlich wird uns wieder bewusst, wie zerstörerisch die amerikanische Gefängnisindustrie auf das in ihr verfangene Individuum wirken kann.
A cow breaks me out of here, I stop eating meat that day
In der letzten Szene muss Piper (Taylor Schilling) mit ansehen, wie die geistig verwirrte Jimmy (Patricia Squire) frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, aufgrund einer Sonderregelung namens „Compassionate Release“ („erbarmungsvolle Entlassung“). Ihre Mitinsassin Jane (Beth Fowler) klärt Piper darüber auf, dass Jimmy niemanden habe, zu dem sie gehen könne. Ihre einzige noch lebende Verwandte wohne in Stockholm und habe den Kontakt zu ihr abgebrochen. Jimmy wird also an der nächsten Straßenecke abgesetzt, vom System ausgekotzt, wegen ihrer Geistesschwäche selbst für das Gefängnis untragbar geworden.
Sie wird fortan die Straßen als Obdachlose, völlig Hilflose bewohnen. Wenn sie Glück hat, wird sie in einem Obdachlosenheim aufgefangen. Wenn sie Pech hat, stirbt sie erbärmlich in der Gosse. Keine Sekunde zweifle ich daran, dass solche Schicksale tagtäglich Kontur annehmen. Der amerikanische prison-industrial complex hat kein Interesse an Reintegration, an der Realisierung von Schuld und Sühne. Das System muss Profite abwerfen, braucht billige Arbeitskräfte. Alle, die dazu keinen Beitrag mehr leisten können, werden gnadenlos aussortiert. Als weitergehende Lektüre sei dafür der grandios erschütternde Dokumentarfilm „The House I Live in“ von Eugene Jarecki empfohlen.
Die bittere Endsequenz bildet den dramatischen Abschluss einer Episode, die den Sprung vom Komödienhaften ins Dramatische vorbereitet. Zwar bleiben die meisten Handlungsbogen locker aufbereitet, jedoch kündigt sich in vielen eine dramatische Zuspitzung an. Die Geschichte von Jimmy war schon nicht mehr ganz so witzig porträtiert wie in vergangenen Episoden. Durch Pipers Augen wurde ihre geistige Instabilität zum großen Besorgnis. Dass es schon so früh zum erschütternden Abschluss dieses Handlungsbogens kommen würde, hat mich trotzdem überrascht.

Die neu gefundene Balance zwischen Tragik und Komik tut der Serie gut. In Comic Sans gelingt es auch wieder, die Rückblende organischer in die Geschichte einzubauen. Cindy (Adrienne C. Moore) wird darin als egoistisches Partygirl porträtiert, das ihre eigene Tochter an die Mutter übergeben hat, um sich nicht um sie kümmern zu müssen. Ihr massives Problem gegenüber jedweder Autorität führt auch im Gefängnis zu Schwierigkeiten.
It is a mystery to me how you people ever lost the Cold War
Sie wird von Rudelführerin Vee (Lorraine Toussaint) in deren Zigarettenschmuggel zur Produzentin degradiert. Die frei gewordene Verkäuferinnenstelle schanzt Vee nun Poussey (Samira Wiley) zu, die zuvor von Nicky (Natasha Lyonne) den Ratschlag erhalten hatte, möglichst nah bei ihrem Schwarm Taystee (Danielle Brooks) zu bleiben. Die Zigaretten werden in leeren Tamponeinführhilfen geschmuggelt, nach einer nächtlichen Unterredung ist Cindy doch wieder an Bord des Vee-Expresses.
Red beäugt diesen Handel argwöhnisch, ist ihr doch damit eine neue, mächtige Konkurrentin erwachsen. Nachdem sie in der letzten (und auch in dieser) Episode alte Allianzen aufgewärmt hat, verbündet sie sich nun mit Küchenchefin Gloria (Selenis Leyva). Der Tauschhandel zwischen den beiden ist ein reichlich profaner: Glorias regelmäßige Joghurtlieferungen erkaufen ihr die Möglichkeit, in Reds Gewächshaus Koriander anzubauen.
Nach Jimmys unbeabsichtigter Flucht am Ende von You Also Have a Pizza zieht Joe Caputo (Nick Sandow) neue Saiten auf („I may be related to Mussolini on my mother's side.“ („Ich könnte mütterlicherseits mit Mussolini verwandt sein.“)). Die Wachen sollen viel strenger vorgehen und für sämtliche kleine Vergehen sogenannte shots verteilen. Ganz habe ich dieses System noch nicht begriffen, glaube aber, dass mehrere davon zu Einzelhaft führen können. Susan Fischer (Lauren Lapkus) bekommt besonders heftige Schelte von Caputo, ist er doch eifersüchtig auf ihren Flirt mit Luschek (Matt Peters), der sich in dieser Episode gar nicht verteidigen kann. Die heiße Romanze zwischen O'Neill (Joel Garland) und Wanda (Catherine Curtin) erreicht indes die nächste Eskalationsstufe: „Come here, panther.“

Während O'Neill seine Angebetete also mit neu erlernten Sexualtechniken beglückt, demonstriert John Bennett (Matt McGorry) seine Macht gegenüber der Latinofraktion, die versucht, ihn zu erpressen. In einem flammenden Plädoyer hält seine Geliebte, die schwangere Daya (Dascha Polanco), jedoch dagegen: „You have the power. I'm an inmate. I have nothing.“ („Du hast die Macht. Ich bin eine Insassin. Ich habe gar nichts.“)
I don't want to exploit women and shit
Die begnadete Zeichnerin Daya und Flaca (Jackie Cruz) schließen sich denn auch dem von Piper gegründeten Gefängnisnewsletter namens „Big House Bugle“ (in etwa: „Knastpostille“) an. Sogleich geraten Flaca und die ebenfalls dort tätige Lorna (Yael Stone) über eine allzu offene Textkritik in Streit. Einzelne Beiträge des Machwerks stoßen bei Caputo und Healy (Michael Harney) jedoch schon vor der Veröffentlichung auf großes Wohlwollen. Caputo freut sich über sein Porträt und Healy findet Dayas Comic toll, obwohl er darin eigentlich karikiert wird.
Der Ursprung des Newsletters bleibt aber Pipers Ansinnen, für einen Journalisten Korruption im Gefängnis aufzudecken. Direktorin Figueroa (Alysia Reiner) steht im Zentrum der investigativen Tätigkeit. Sie hat derweil mit mittelschweren Eheproblemen zu kämpfen. Ihr Ehemann befindet sich in einem aussichtlos erscheinenden Wahlkampf und zeigt keinerlei körperliches Interesse mehr an ihr. Ein intensiver Blickaustausch mit seinem Kampagnenhelfer suggeriert indes eine homosexuelle Neigung, was zumindest das Desinteresse an seiner attraktiven Ehefrau erklären würde.
Außerhalb der Gefängnismauern hat Larry (Jason Biggs) Erfolg mit seinem Ansinnen, Polly (Maria Dizzia) für sich zu erobern. Hernach bekommt er jedoch Besuch von deren Ehemann, der sich über ihre Stimmungsschwankungen beklagt. Wo dieser Handlungsstrang hinführt, bleibt momentan unklar. Für kurzweiliges Füllmaterial ist er aber ganz gut zu gebrauchen. Die Ausrichtung der Gefängnishandlungsbögen läuft indes in die richtige Richtung. Wenn diese gelungene Mischung aus Drama und Comedy in Orange Is the New Black auf die gewohnt vorzügliche Dialog- und Charakterarbeit trifft, sucht die Serie im Dramedysegment ihresgleichen.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 3. Juli 2014(Orange Is the New Black 2x07)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x07
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