Orange Is the New Black 2x06

Die sechste Episode der neuen Staffel von Orange Is the New Black, You Also Have a Pizza, beginnt mit dem Einsatz eines bisher nicht genutzten Stilmittels. Verschiedene Litchfield-Insassinnen erzählen gegenüber Kamerafrau Nicky (Natasha Lyonne, wenn ich die Stimme richtig gedeutet habe), was für sie „Liebe“ ist. Das ist ganz charmant und spielt in die bisherige Charakterisierung der Figuren, hat aber für den weiteren Handlungsverlauf kaum Bedeutung.
I don't have a home anymore
In einem der letzten Reviews zur Serie hatte ich schon einmal angemerkt, dass die Rückblenden in diesen neuen Episoden nicht mehr so geschickt mit dem Handlungsstrang der Gegenwart verwoben werden. Dies wird in You Also Have a Pizza erneut deutlich. Der Eindruck wird außerdem durch den alleinstehenden Einsatz des neuen Stilmittels „In-die-Kamera-Sprechen“ verstärkt. Die übrigen Handlungsstränge im Gefängnis nehmen unterdessen ihren gewohnten Gang und halten kaum Überraschungen bereit - mit Ausnahme vielleicht der wunderbaren Szene zwischen den beiden großen Einsamen der Serie, Pennsatucky (Taryn Manning) und Healy (Michael Harney).
Am Valentinstag stehen die Beziehungen im Gefängnis und außerhalb im Mittelpunkt. John (Matt McGorry) und Daya (Dascha Polanco) flirten miteinander, streiten sich über die eigene Zukunft und haben leidenschaftlichen Sex, nachdem es John gelungen ist, Medikamente für Daya ins Gefängnis zu schmuggeln. Blöd nur, dass die beiden sehr offen mit ihrer Beziehung umgehen und wenige Vorkehrungen treffen. Die beiden Gefängniswühlmäuse Flaca (Jackie Cruz) und Maritza (Diane Guerrero) bekommen also mit, was läuft, und lassen sich ihr Schweigen von John teuer bezahlen. Ihren erfolgreichen Erpressungshandel feiern die beiden damit, dass sie sich gegenseitig abknutschen. Die Faszination dafür lässt jedoch schnell nach, schließlich entdecken im Gefängnis nicht alle Häftlinge gleich ihre homosexuellen Neigungen.
Die Gefängnismatriarchinnen Vee (Lorraine Toussaint) und Red (Kate Mulgrew) ziehen indes beide einen eigenen Schmuggelbetrieb auf. Während Vees Plan, ihre Gefolgschaft zum Hausmeisterdienst einzuteilen, endlich Gestalt annimmt, hat Red Erfolg mit ihrer unterirdischen Schmuggelaktion. Beide kämpfen um die Gunst ihrer Anhängerinnen. Beide machen sich in dem Prozess jedoch auch neue Feinde. Vee treibt einen Keil zwischen die ehemals besten Freundinnen Poussey (Samira Wiley) und Taystee (Danielle Brooks) und Red scheitert mit dem Ansinnen, ihre früheren Crewmitglieder erneut zu rekrutieren. Überraschend reflektiert analysieren die beiden Kontrahentinnen die neue Situation: „You know this will not end well.“ („Du weißt, dass das kein gutes Ende haben wird.“)

Piper (Taylor Schilling) lässt sich unterdessen von Larry (Jason Biggs) auf eine neue Idee bringen. Während seines ersten Besuchs seit ihrer Trennung besprechen „Present Larry“ und „Future Piper“ ihre Situation. Dabei wird schnell klar, dass Larry einmal mehr Pipers Inhaftierung für das eigene berufliche Fortkommen ausnutzen will. Er plant, einen Bericht über Korruption im Gefängnis zu schreiben und versucht, Piper als Maulwurf einzusetzen. Die kommentiert seine Pläne daraufhin trocken: „You're the moon, Larry. You've got to stop being the moon.“ („Du bist der Mond, Larry. Du musst damit aufhören, der Mond zu sein.“)
You look like the gay Edge
In all seiner tapsigen Unsicherheit geht Larry anschließend mit Pipers alten Sachen zu deren bester Freundin Polly (Maria Dizzia), erklärt voller Inbrunst „Would the moon do this?“ („Würde der Mond das hier tun?“), küsst sie und muss Sekunden später feststellen, dass ihr Ehemann frühzeitig von seinem Selbstfindungstrip zurückgekommen ist. An dieser Stelle sehe ich mich dazu gezwungen, den himmelschreiend komischen deutschen Titel der Larry David-Comedy Curb Your Enthusiasm einzusetzen: „Lass es, Larry.“
Die Angestellten des Gefängnisses dürfen währenddessen ebenso peinliche Niederlagen einstecken. Der zum menschlichen Boxsack verkommene Oberwärter Healy scheitert einmal mehr mit dem Versuch, seiner Ehefrau Katya näherzukommen. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, seinem Untergebenen Bennett ungefragt Beziehungsratschläge zu erteilen. Am Ende ist es Pennsatucky, die in ihrer neu gefundenen Einsamkeit zur einzigen Bezugsperson Healys wird - eine wahrlich herzerwärmende Szene.
Caputo (Nick Sandow) versucht indes einmal mehr, seine Kollegin Fischer (Lauren Lapkus) zu beeindrucken, indem er sie zu einem Auftritt seiner Band Sideboob einlädt. Entgegen seiner Hoffnungen kommt sie jedoch nicht alleine, sondern in Begleitung der übrigen Gefängnismitarbeiter. Außerdem hat sie nur Augen für den Elektriker Luschek (Matt Peters). Während seines Auftritts entdeckt er in der Bar die verstörte Alte aus der Seniorengruppe, der zwischenzeitlich die (unbeabsichtigte) Flucht aus dem Gefängnis gelungen war - mich würde es überhaupt nicht überraschen, ließe er sie einfach in Ruhe.

Es gibt viele kleine Einzelgeschichten in You Also Have a Pizza, die bisweilen drohen, der übergeordneten Erzählung die Luft zuzuschnüren. Die Dialogarbeit bleibt weiterhin auf höchstem Dramedyniveau, doch die vielen kleinen Erzählstränge offerieren wenig Kohärenz. Vielleicht deckt Piper in ihrer neuen Rolle als investigative Journalistin ja wirklich große Missstände im Gefängnis auf. Aber ist mir das wirklich wichtig? Mir fehlt bei manchem Handlungsbogen die emotionale Fallhöhe. Momentan fühlen sich viele Geschichten sehr beliebig an.
It's like reading Dickens
In dieser Episode wurde das vor allem an der Rückblende in Pousseys Vergangenheit deutlich. Für mich war dieser Erzählbogen die größte Enttäuschung der gesamten Serie - vielleicht auch, weil ich mich am meisten auf ihre Hintergrundgeschichte gefreut hatte. Doch was da in einer amerikanischen Armeebasis in Deutschland zusammengeschustert wurde, passte von Anfang an nicht. Ich soll der jungen Poussey also abnehmen, dass sie für ihre deutsche Freundin töten würde? Ich kenne diesen Charakter erst seit wenigen Minuten, finde die Figur weder gut gespielt noch interessant noch witzig. Da fehlt die zuvor schon angeführte emotionale Fallhöhe völlig - abgesehen von dem furchtbaren Deutsch, das sämtliche Beteiligten sprechen.
Außer der Verbindung zwischen den Zigaretten, die Poussey als Teenager heimlich rauchte, und dem Tabak, den Vee nun ins Gefängnis schmuggelt, liefen Rückblende und Gegenwart einmal mehr freudlos nebeneinander her. In der ersten Staffel vermochten es die Autoren noch, solche Verbindungen organisch herzustellen, hier fungieren sie bisweilen völlig losgelöst von der eigentlichen Charakterentwicklung. Das ist schade und kann wohl nicht über die gesamte Staffel von den vielen kleinen gelungenen Augenblicken aufgefangen werden.
Da hilft auch nicht die Aussicht darauf, dass Pornstache (Pablo Schreiber) wohl bald in die Handlung zurückkehrt. Schließlich ist er eine noch größere Comicfigur als die meisten Insassinnen. Neuankömmling Brook (Kimiko Glenn) nervt immer noch alle mit ihrem ständigen „Conscious-Gebrabbel“ über Popkulturreferenzen und pseudosoziologische Alltagsbeobachtungen, der Sexwettbewerb zwischen Boo (Lea DeLaria) und Nicky versandet im erzählerischen Nirgendwo und Suzanne ist nur deswegen interessant, weil sie von Uzo Aduba so großartig gespielt wird. So charmant und kreativ Orange Is the New Black auch in der zweiten Staffel ist, so sehr würde die Serie von etwas mehr dramaturgischer Stringenz profitieren.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 28. Juni 2014(Orange Is the New Black 2x06)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?