Orange Is the New Black 2x05

Da es beinahe unmöglich ist, über mehrere Wochen bei einer Netflix-Serie ungespoilert zu bleiben, habe ich einzelne Details zur neuen Staffel vernommen, schon bevor ich mit den Episodenreviews zu Orange Is the New Black begonnen hatte. Darunter waren keine echten Spoiler, eher Einschätzungen derjenigen, die die meisten Episoden schon gesehen hatten. Ein gemeinsamer Tenor war, dass die zweite Staffel düsterer und rauer werden würde.
All problems are boring until they're your own
Nun habe ich fünf Episoden gesehen und frage mich, wann diese Wandlung denn vonstattengehen soll. Low Self Esteem City hinterlässt bei mir eher den Eindruck, als würde die Serie eine stärkere Wendung ins rein Komödienhafte nehmen. Zudem fällt auf, dass die Folgen noch einmal in einzelne Episoden unterteilt sind. Es gibt wenige Überschneidungen, die einzelnen Geschichten laufen eher nebeneinander her, statt ineinanderzugreifen. Weiterhin enthalten die dramatischen Handlungsbögen größtenteils auflockernde Elemente, die dem Drama bisweilen die Kraft rauben.
Bestes Beispiel dafür ist der Erzählbogen um Piper (Taylor Schilling) und die Nachricht von der Erkrankung ihrer Großmutter. Ihr Bruder Cal (Michael Chernus) verpackt die Botschaft in ein Ratespiel - welche Motivation dahintersteckt und warum Pipers Mutter Carol (Deborah Rush) dabei mitmacht, hat sich mir nicht erschlossen. Als Piper endlich erraten hat, welche Neuigkeit er verbirgt, freut sie sich über diesen kleinen Erfolg so sehr, dass sie ihren Bruder abklatscht. Erst dann lässt sie die Nachricht sacken und realisiert, dass ihre geliebte Oma bald sterben könnte.
Später liefert sie einen erneuten Beweis dafür, wie emotional abgeklärt sie im Gefängnis geworden ist, als sie alleine trauert und keinen Beistand sucht. Gegenüber ihrer Zellengenossin Red (Kate Mulgrew) sinniert sie über die Worte der Figur von Clive Owen aus dem Film „Der Croupier“ („Hang on tightly, let go lightly“), woraufhin Red ihr den Kopf wäscht: „Fuck Clive Owen. Don't ever let go.“ Später wird Piper den Oberaufseher Healy (Michael Harney) um Freigang bitten und diesen - nachdem er sich auf seine eigentliche Aufgabe besonnen hat - auch erhalten. Während des ersten Telefongesprächs nach der Trennung von Larry (Jason Biggs) gesteht sie sich wiederum ein, dass sie nicht so stark und unabhängig ist, wie sie selbst gerne glauben würde.

Solch ein innerer Konflikt ist interessant, wird jedoch durch die momentane Harmlosigkeit der äußeren Konflikte entkräftet. Dies gilt teilweise auch für die übrigen Konflikte im Gefängnis, die entweder durch viel Humor oder durch die völlige Abwesenheit ernster Auseinandersetzung marginalisiert werden. Während in Low Self Esteem City die unspektakuläre Vorgeschichte von Küchenchefin Gloria (Selenis Leyva) erzählt wird, flammen im Gefängnis die Probleme der ethnischen Gruppenbildung erstmals richtig auf.
I'm like Icarus whose wings melted before he could fuck the sun
Die Dringlichkeit und reale Unmittelbarkeit dieser Auseinandersetzung wird jedoch ständig durch die Unfähigkeit der einzelnen Figuren konterkariert, nicht alle neuen Entwicklungen mit einem lässigen, lockeren oder witzigen Kommentar zu bedenken. So verliert der Streit zwischen schwarzen Insassinnen und Latinas an Wucht, was letztlich zulasten der dramatischen Durchschlagskraft der Serie geht.
Weil im Baderaum von „Spanish Harlem“ eine Abwasserleitung geplatzt ist, trifft Gloria die Entscheidung, sich im Bad der Afroamerikanerinnen vorzudrängen. Als Argument führt sie an, dass die Latinacrew pünktlich zu ihrer Küchentätigkeit kommen müsse, damit nicht sämtliche Insassinnen auf ihr Frühstück warten müssten. Vee (Lorraine Toussaint) hat natürlich etwas dagegen, schließlich sollen auch ihre Anhängerinnen pünktlich zum Dienst antreten können. Als sie jedoch merkt, dass es ihr nicht gelingen wird, Gloria mit direkter Konfrontation zu überreden, handelt sie ein Geschäft aus.
Sie stellt sich dabei als die schwächere der beiden dar und zwingt sich sogar dazu, ein paar Tränen zu weinen. Was sie mit dem Handel bezweckt, bleibt bisher unklar. Eindeutig ist indes, dass dieser Teil ihres Machtstrebens ist und sie ihre angeblichen Schützlinge als Bauernopfer missbraucht. Vee offeriert Gloria einen Baderaumtausch und fordert im Gegenzug lediglich, dass sie Taystee (Danielle Brooks) und Janae (Vicky Jeudy) einen Arbeitsplatz in der Küche geben müsse. Gloria schlägt ein und wird deswegen später von Red gemaßregelt, weiß die doch ganz genau, wer im Gefängnis über die größte Machtfülle verfügt - diejenige Insassin nämlich, die die Küche kontrolliert.

Red feilt indes am eigenen Wiederaufstieg. Sie kommandiert ihren Seniorentrupp zu Aufräumarbeiten im verwahrlosten Gewächshaus und gibt nebenbei Healy Beziehungsratschläge. Der beherzigt Reds Vorgaben, stößt bei seiner mail order bride Katya (Sanja Danilovic) jedoch weiterhin auf offene Ablehnung.
Every strong man has a strong cunt-faced witch monster
Seinen Frust darüber versucht er in einer Bar zu ertränken, wo er überraschend Joe Caputo (Nick Sandow) am Bass der Band Sideboob entdeckt - für mich der Höhepunkt dieser Episode, erinnerte mich der Moment doch an solch überraschende Barszenen wie in The Wire (Rawls) oder Parks and Recreation (Ron Swanson). Und da wir gerade bei Vergleichen sind: Katyas Freundin Ulya wird von Oksana Lada gespielt, die in The Sopranos die Rolle von Tony Sopranos „Goomar“ Irina ausfüllt.
Der Wettbewerb um die meisten lays zwischen Nicky (Natasha Lyonne) und Boo (Lea DeLaria) bleibt unterdessen eine nette Belanglosigkeit. Als sie erfährt, wie viele Punkte Boo bereits am ersten Tag gesammelt hat, rückt Nicky von ihrer Taktik ab, die Wärterin Fischer (Lauren Lapkus) zu verführen (um damit die Höchstpunktzahl zu erreichen). Piper regt sich derweil darüber auf, dass sie von Schiedsrichterin Chang (Lori Tan Chinn) nur mit drei von zehn möglichen Punkten bedacht wurde. Whatever.
Bei aller herausragender Drehbucharbeit und gelungener Charakterbildung sollten Jenji Kohan und ihr Autorenteam darauf achten, dass sie nicht die dramaturgische Stringenz außer Acht lassen. Momentan fühlt sich Orange Is the New Black wie eine - überaus unterhaltsame und toll geschriebene - Aneinanderreihung vieler kleiner Geschichten an (die Vorgeschichte um Gloria schien auch kein wirkliches Ziel zu haben). Die Serie hat schon oft bewiesen, dass sie bei aller Hingabe zu ihren Figuren gleichzeitig fähig ist, eine komplexe Erzählung aufzuspannen. Hoffentlich kehrt sie auch in der zweiten Staffel bald wieder dazu zurück.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 27. Juni 2014(Orange Is the New Black 2x05)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?