Orange Is the New Black 2x01

Es gehört eine Menge Mut und Chuzpe dazu, eine Serie mit einem solch groĂen, durchweg bravourös besetzten Ensemble wie Orange Is the New Black mit einer solchen Episode beginnen zu lassen wie Thirsty Bird. Darin begleiten wir Zuschauer nĂ€mlich nur die eigentliche Hauptfigur Piper Chapman (Taylor Schilling) auf einer unbekannten und furchteinflöĂenden neuen Reise - und treffen spĂ€ter in der Episode auf ihre Exfreundin Alex (Laura Prepon).
Mutiger Start
Viel war vor dem Start der zweiten Staffel darĂŒber spekuliert worden, ob es eine neue Ausrichtung geben wird. WĂ€hrend Piper in der ersten Staffel unser trojanisches Pferd war, mit dem wir das Innenleben eines FrauengefĂ€ngnisses erkunden durften, spielten sich mehrere Charaktere in den Vordergrund - und Pipers Faszination verblasste zusehends. Die Frage war also berechtigt, ob das narrative Momentum in der neuen Staffel auf mehrere Schultern verteilt werden wĂŒrde.
Nimmt man nur die Auftaktepisode als MaĂstab, so kann diese Frage eindeutig verneint werden. Piper bleibt im Zentrum der Handlung - inklusive RĂŒckblenden in ihr Leben vor dem GefĂ€ngnis. Die Handlung setzt einen Monat, nachdem Piper ihre Rivalin Pennsatucky (Taryn Manning) am Abend der Weihnachtsfeier im GefĂ€ngnishof verprĂŒgelt hat, ein. Sie vegetiert in der Isolationshaft vor sich hin, beschmiert die WĂ€nde mit Eigelb, hat aber trotzdem noch genug Lebenswillen und Renitenz, den WĂ€rtern patzige Antworten entgegenzuschleudern. WĂ€hrenddessen quĂ€lt sie die Ungewissheit darĂŒber, ob Pennsatucky nun ĂŒberlebt hat oder nicht.
Eine Wache fordert sie zum Verlassen ihrer Zelle auf, ohne ihr zu verraten, wohin die Reise gehen soll. Ăber die HĂ€lfte der Episode wird Piper immer wieder die gleiche Frage stellen - die nach ihrem unmittelbar bevorstehenden Schicksal. Sie wird darauf lange keine Antwort erhalten. Vom Kleinbus geht es in einen gröĂeren GefĂ€ngnistransporter, von dort auf ein Flugfeld und in ein Flugzeug. Darin sitzt sie neben einer Hannibal-Lecter-Imitatorin und neben Lolly (Lori Petty), der sie die Geschichte mit Pennsatucky anvertraut. Taylor Schilling spielt diesen Zusammenbruch wunderbar eindrĂŒcklich, die Kamera fĂ€ngt ihn behutsam ein, indem sie langsam ihr Gesicht abfĂ€hrt.

Nach einem Zwischenstopp, bei dem mĂ€nnliche Gefangene eingesammelt werden (von denen einer Piper sofort anzĂŒgliche Avancen macht), landen sie in Chicago. Obwohl Piper schon aus dem Flugzeug erkannt hat, in welcher Stadt sie sich nun befindet, nimmt sich Regisseurin Jodie Foster viel Zeit fĂŒr die Inszenierung der Ankunft in der Windy City. Da ich davon ausgehe, dass Piper schnell wieder nach Litchfield zurĂŒckkehren wird, wurde mir nicht genau bewusst, wieso es einer solch ausgreifenden EinfĂŒhrung der Stadt bedurfte. Vielleicht irre ich mich ja.
Same shit, different city
Nach dem Transfer ins GefĂ€ngnis muss sich Piper der gleichen Routineuntersuchung unterziehen, die sie schon in Litchfield ĂŒber sich ergehen lassen musste. Sie bekommt weiterhin keine Antwort darauf, warum sie hierhin verlegt wurde - da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie davon ausgeht, Pennsatucky getötet zu haben und nun in ein HochsicherheitsgefĂ€ngnis transferiert worden zu sein, um dort auf die Mordanklage zu warten. Eines spricht indes dagegen: Das neue GefĂ€ngnis sieht ĂŒberhaupt nicht nach âHochsicherheitâ aus. Hier verkehren sowohl weibliche als auch mĂ€nnliche HĂ€ftlinge.
Sofort, als sie ihre neue Zelle betritt, unterlĂ€uft ihr das erste Missgeschick. Sie tritt aus Versehen auf âYodaâ, eine Kakerlake, die von ihren Mitinsassinnen zum Zigarettentransport abgerichtet wurde - und darin auch noch die beste war: „Poor little Jedi never saw it coming.“ („Der arme kleine Jedi hat es nicht kommen sehen.“) Sofort hat sie zwei ihrer Zellengenossinnen gegen sich. Sollte es ihr nicht gelingen, in naher Zukunft angemessenen Ersatz zu finden, wĂŒrde sie dafĂŒr bĂŒĂen mĂŒssen. Nur Mazall (Rebecca Drysdale) scheint ihr zunĂ€chst wohlgesonnen - bis sie einfach nicht aufhört, nach ihrem Geburtsdatum und der genauen Geburtszeit zu fragen. Sie geht sogar so weit, Piper mitten in der Nacht auf möglichst gruselige Weise aufzuwecken und sie erneut um die Geburtszeit zu bitten. Erst, nachdem Mazall ihr drohend ĂŒber das Gesicht leckt, verrĂ€t Piper die Uhrzeit.
SpĂ€ter wird Mazall beilĂ€ufig erwĂ€hnen, dass sie ihrer Freundin die Zunge ausgebissen habe. Noch mehr als Litchfield ist das neue GefĂ€ngnis von merkwĂŒrdigen Figuren bevölkert. Im GefĂ€ngnishof steht eine Frauengruppe im Kreis - angeordnet wie Pinguine. Sie laden Piper dazu ein, in ihre Mitte zu kommen und legen sich danach mit Lolly an. Als diese nach einer kurzen Auseinandersetzung von ihnen verprĂŒgelt wird, schaut Piper einfach nur zu - obwohl sie sich mit Lolly im Flugzeug angefreundet hatte. Doch wenn Piper eines in ihrer GefĂ€ngniszeit gelernt hat, dann, dass es dort keine echten Freundschaften und Allianzen gibt. Jede ist sich selbst die NĂ€chste - diese Botschaft hat sie lĂ€ngst internalisiert.

Im entscheidenden Moment beherzigt sie diese Raison jedoch nicht. Nachdem sie auf dem GefĂ€ngnishof plötzlich Alex erspĂ€ht hat, erklĂ€rt die ihr, dass Pennsatucky am Leben sei und sie nach Chicago gebracht wurde, um dort im Prozess gegen Alex' frĂŒheren Drogenboss Kubra (Eyas Younis) auszusagen. Alex will ihr einreden, nicht gegen Kubra auszusagen und jede Bekanntschaft mit ihm zu leugnen. Sie werde das gleiche tun. Zusammen wĂŒrden sie zwar Meineid begehen, hĂ€tten so aber eine reale Chance, nicht von Kubras Schergen in einem Racheakt umgebracht zu werden.
Falsche Entscheidung
Pipers Anwalt, ihr Schwiegervater Howard Bloom (Todd Susman), rÀt eindringlich zu einer anderen Strategie. Sie solle einfach nur die Wahrheit sagen und darauf hoffen, dass dies keine neuen Verfahren gegen sie nach sich ziehe. Obwohl sie ihm zunÀchst verspricht, seine Strategie zu beherzigen, entscheidet sie sich in letzter Sekunde um und befolgt Alex' Taktik. Zu ihrem Entsetzen muss sie danach feststellen, dass Alex sich auf Anraten ihres Anwalts ebenfalls umentschieden hat und sich ihre Aussagen nun widersprechen. Alex beteuert zwar, dass sie Piper nicht habe im Stich lassen wollen. Doch Piper ist sich in dem Moment sicher, dass sie von Alex einmal mehr aufs Kreuz gelegt wurde.
Es war eine mutige Entscheidung der Autoren um Serienschöpferin Jenji Kohan, die Auftaktepisode der neuen Staffel nur um die (ehemals) zentrale Figur zu modellieren. War dies lediglich ein TĂ€uschungsmanöver oder bleibt Piper das SchlĂŒsselloch, durch das wir im GefĂ€ngnis auf Entdeckungsreise gehen? Diese Episode hatte viele StĂ€rken und einige SchwĂ€chen. Die neuen GefĂ€ngnisgenossinnen sind doch reichlich ĂŒberzeichnet: Die eine muss viermal am Tag zur Toilette und zelebriert das mit der Intonation eines Aretha-Franklin-Songs, die andere hat schon 13 Menschenleben auf dem Gewissen, die dritte ist eine furchteinflöĂende Psychopathin. Hier wurde offenbar versucht, auf die bereits bestehenden Charaktere noch eine Schippe âVerrĂŒcktheitâ draufzulegen.
Die RĂŒckblenden haben fĂŒr mich ebenfalls nicht so gut funktioniert wie in der ersten Staffel. Die EinschĂŒbe mit der kleinen Piper (Clare Foley) waren zu offensichtlich darauf gemĂŒnzt, ihre Entwicklung von daddy's little girl zur professionellen LĂŒgnerin zu bebildern. Davon abgesehen gibt es an Thirsty Bird jedoch wenig auszusetzen. Die schauspielerischen Leistungen waren einmal mehr hervorragend, Schilling ĂŒberzeugte als Piper, die den Horror des ersten Tages im GefĂ€ngnis noch einmal durchleben muss. Das Drehbuch konnte sich erneut mit glĂ€nzenden Dialogen auszeichnen. Jodie Foster zeigte ihr Talent als Regisseurin und inszenierte die Episode routiniert mit dem einen oder anderen optischen Schmankerl (mehrere low-angle shots von Piper). Was jedoch schon in House of Cards auffiel: Netflix muss einen Deal mit Dunkin' Donuts abgeschlossen haben. Anders kann ich mir kaum erklĂ€ren, dass deren Produkte stĂ€ndig so prominent platziert werden. Wie gesagt: Kleinigkeiten.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 11. Juni 2014Orange Is the New Black 2x01 Trailer
(Orange Is the New Black 2x01)
Schauspieler in der Episode Orange Is the New Black 2x01
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