Großer Umbau bei ProSiebenSat.1: Jetzt kommt der Europa-Streamer
Großer Umbau bei ProSiebenSat.1: Jetzt kommt der Europa-Streamer
ProSiebenSat.1-Chef Marco Giordani hat bei den Medientagen München erklärt, wie sich der Konzern im Streaming besser aufstellen will. Bereits im ersten Quartal 2027 soll in allen fünf Ländern der Muttergesellschaft MediaForEurope dieselbe Streaming-Plattform laufen. Laut Giordani sinken dadurch die Kosten, während die Technik gleichzeitig besser wird. Geteilte Kosten seien dabei nur der einfachste Teil, der Konzern erwarte auch beim Umsatz spürbare Vorteile. Parallel trennt sich ProSiebenSat.1 vom Video-Marktplatz Glomex. Und was heißt das alles für Joyn?
Das steckt hinter dem Europa-Plan
MediaForEurope, kurz MFE, gehört der Familie Berlusconi und hieß früher Mediaset. Im Juli kündigte der Konzern an, die stärksten Teile seiner Streamingdienste in Italien, Deutschland, Spanien und Portugal zu einem einzigen Angebot zu bündeln. Seit MFE im vergangenen Jahr die Kontrolle bei ProSiebenSat.1 übernommen hat, reicht der Zugriff auch nach Österreich und in die Schweiz. Der gemeinsame Werbevermarkter soll so auch an europaweit aufgestellte Werbekunden herankommen. MFE argumentiert seit Jahren, dass Europas Medienhäuser ohne mehr Größe gegen die globalen Streamer verlieren.
Medien statt Dating und Onlinehandel
Giordani führt ProSiebenSat.1 seit rund einem Jahr und hat damals Bert Habets abgelöst. Den Umbau begründete er ziemlich nüchtern: „Wer Veränderung wolle, müsse eben auch wirklich etwas verändern“. Mit MFE habe ProSiebenSat.1 jetzt einen langfristig denkenden Medienkonzern als Hauptaktionär, und deshalb stehe das Mediengeschäft im Mittelpunkt. Alles andere sei weniger wichtig und solle möglichst viel Geld bringen, das wieder ins Kerngeschäft fließt. MFE hatte lange kritisiert, dass Beteiligungen an Datingportalen und Onlinehändlern den Konzern ausbremsen, und treibt deren Verkauf voran.
Glomex geht an 3Q
Passend dazu verkauft ProSiebenSat.1 den Video-Marktplatz Glomex, den der Konzern vor zehn Jahren selbst gegründet hat. Neuer Eigentümer ist das Münchner Unternehmen 3Q, das Infrastruktur für Video-Streaming, OTT und FAST-Kanäle anbietet und über 1.000 Geschäftskunden in Europa hat. Ein Kaufpreis ist nicht bekannt, der Abschluss folgt Anfang 2027. Glomex bleibt als Marke bestehen und wird weiter von Lars Friedrichs geführt. Sein bisheriger Co-Geschäftsführer Michael Sandbichler bleibt bei ProSiebenSat.1 und kümmert sich dort künftig um die Verbreitung über globale Videoplattformen.
Gratis-Streaming statt Abo
Auch zur Konkurrenz äußerte sich Giordani. RTL Deutschland hat in diesem Jahr Sky Deutschland übernommen, doch das betrifft ProSiebenSat.1 laut Giordani kaum. RTL setze auf Abo-Streaming, Joyn dagegen bleibe ein kostenloser, werbefinanzierter Dienst nach dem AVoD-Prinzip. Die Integration zweier Konzerne sei harte Arbeit, das wisse man aus eigener Erfahrung, für RTL könnte es sogar noch schwieriger werden. Giordani wünscht sich ein vernünftig agierendes RTL auf der anderen Straßenseite in Unterföhring, denn die eigentliche Konkurrenz sitze außerhalb der klassischen Medienwelt.
Allianzen mit deutschen Partnern
Genau gegen diese Konkurrenz will Giordani weitere Partnerschaften mit deutschen Medienhäusern schmieden. Ohne engere Zusammenarbeit würden traditionelle Medienunternehmen den Kampf gegen die internationalen Technologiekonzerne verlieren. Als Vorbild dient die Kooperation mit dem ZDF, denn ab November zeigt Joyn auch Inhalte aus dem Streamingangebot des Senders. Der Druck ist real, denn laut Branchenverband Vaunet überholen die Streaming-Erlöse in Deutschland in diesem Jahr erstmals TV und Radio, während die TV-Werbung weiter um sechs Prozent schrumpft.