Mythic Quest: Raven's Banquet 1x01

Mythic Quest: Raven's Banquet 1x01

In der neuen Apple-Serie Mythic Quest: Raven's Banquet wirft man anhand eines chaotischen Entwicklerstudios einen schonungslosen Blick auf die Gaming-Branche und die speziellen Persönlichkeiten, die sich in der Industrie tummeln. Die Gesamtwertung der ersten Staffel fällt aber eher durchwachsen aus, mit kleinen Ausreißern nach oben.

Mythic Quest: Raven's Banquet (c) Apple TV+
Mythic Quest: Raven's Banquet (c) Apple TV+
© ythic Quest: Raven's Banquet (c) Apple TV+

Diese Kritik bezieht sich auf die komplette erste Staffel von Mythic Quest: Raven's Banquet.

Warum haben sich bisher eigentlich so wenige Serien mit dem Thema Gaming und der riesengroßen Industrie auseinandergesetzt, die hinter diesem weitgefassten Oberbegriff steckt? Überlegt man kurz, dann fallen einem Titel wie das exzellente Silicon Valley von HBO oder auch Betas, eine der ersten Eigenproduktionen von Amazon Prime Video, ein, in denen es jedoch mehr um Software- und App-Entwicklung sowie die kruden Geschäftspraktiken im Silicon Valley geht, als um den Prozess der nervenaufreibenden Spieleentwicklung. Das nur zu empfehlende Retrodrama Halt and Catch Fire von AMC, in Deutschland ebenfalls auf Amazon zu sehen, geht da schon mehr in die Tiefe. Es zeigt somit eher, was es bedeutet, mit wenigen Mitteln ein Herzensprojekt auf die Beine zu stellen, das dem Zockerherzen entsprungen ist und letztlich Menschen vor der Konsole oder ihren Rechnern bestenfalls komplett verzaubern kann - zu einer Zeit wohlgemerkt, in der die Pixel das Laufen lernten und die Industrie in den Kinderschuhen steckte.

Serien, die sich mit zeitgenössischer Gaming-Kultur auseinandersetzen, sind Mangelware. Das Thema wurde und wird immer mal wieder angeschnitten (die Comedy Community bewies dafür immer wieder ein exzellentes Gespür, weitere Beispiele wären The Guild, Black Mirror oder auch South Park), doch mehr als eine Randerscheinung in unterschiedlichen Serien ist dieses Hobby - für viele sogar weit mehr als das, nämlich eine flammende Leidenschaft - nicht. Schlimmer noch: Manchmal werden Videospiele sogar ganz furchtbar in Serienproduktionen integriert, Videospielerin und Videospieler entsprechen gewissen, unfairen Stereotypen und bescheuerte Klischees werden mit einer Ignoranz rausgefeuert, dass man sich selbst als Gelegenheitszocker ob der oberflächlichen Darstellung einer gigantischen Kultur verschaukelt vorkommt. Und dabei sollte das Thema Gaming durchaus ernst genommen werden, nicht erst seit gestern hat die Videospielindustrie die Film- und Musikindustrie überflügelt, wenn man sich den reinen jährlichen Umsatz der Branche anschaut.

Nun schickt sich ab Freitag, den 7. Februar Apple TV+, das noch recht junge Streamingangebot des Weltkonzerns Apple, an, der Welt der Videospiele auf der Serienebene die Aufmerksamkeit zu schenken, die man sich inzwischen auch redlich verdient hat. Und das in Form der neuen, etwas sperrig betitelten Comedy Mythic Quest: Raven's Banquet, die aus einer durchaus prominenten Feder stammt: Megan Ganz, Charlie Day und Rob McElhenney, allesamt fest mit der langjährigen, urkomischen FX-Serie It's Always Sunny in Philadelphia verbandelt, stecken hinter dem Neustart, in der McElhenney auch eine der Hauptrollen übernimmt. Um diesen herum geben sich darüber hinaus viele bekannte Gesichter aus dem „Always Sunny“-Kosmos die Ehre, ob nun vor, hinter oder sogar auf beiden Seiten der Kameralinse, siehe zum Beispiel der exzellente David Hornsby, welcher sowohl als Darsteller in Erscheinung tritt als auch als Drehbuchautour für „Mythic Quest: Raven's Banquet“ fungiert. Zum namhaften Cast gesellen sich dann noch die lebende Schauspiellegende F. Murray Abraham (Homeland), „Community“-Fanliebling Danny Pudi und die australische Comedian Charlotte Nicdao („Content“). Na dann. Ready? Set. Go!

In den neun Episoden der ersten Staffel (wie es bei Apple TV+ mittlerweile schon Standard geworden ist, wurde eine zweite Staffel längst bestellt) tauchen wir ins abenteuerliche Alltagsgeschäft einer Videospielschmiede ein, die mit dem „World of Warcraft“-mäßigen MMORPG-Titel „Mythic Quest“ den aktuellen Gaming-Markt dominiert. Doch Stillstand, auch an der Spitze, ist eben Stagnation, also werkelt der Creative Director und gleichzeitig selbsternanntes Mastermind Ian Grimm (McElhenney) unermüdlich an dem Add-on „Raven's Banquet“, um seine Vision des perfekten Spiels auf die Beine zu stellen.

Unterstützt wird er dabei von seiner Chefentwicklerin Poppy (Nicdao), die immer wieder darum kämpfen muss, ernst genommen zu werden und außerdem allmählich flügge wird. Als Mediator zwischen diesen beiden sehr gegensätzlichen Polen dient indes der entscheidungsschwache Executive Producer David (Hornsby). Der PR-Chef Brad (Pudi) arbeitet derweil daran, den vernarrten „Mythic Quest“-Spielern beziehungsweise gutgläubigen Kunden das Geld aus ihren Taschen zu ziehen, und der „Headwriter“ C. W. Longbottom (Abraham, mit einer gar köstlichen Darbietung), ein selbstverliebter, theatralischer Schriftsteller, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat, denkt sich ab und zu eine neue kleine, epische Erzählung aus, die man im Spiel irgendwie verwursten kann.

Die zwei firmeninternen Spieletesterinnen Rachel (Ashly Burch, die in Dontnods Indie-Darling „Life is Strange“ unter anderem den zentralen Charakter Chloe Price gesprochen hatte) und Dana (Imani Hakim) mischen derweil hinter den Kulissen mit, bis sich einer von den beiden die unerwartete Chance aufs Rampenlicht bietet. Die permanent zündelnde, indirekt Chaos stiftende Jo (Jessie Ennis), ganz frisch als Assistentin der Geschäftsführung angestellt, rundet diesen bunten Haufen an sehr unterschiedlichen Charakteren ab, die munter kollidieren und bei denen man sich im Laufe der Staffel mehr als einmal fragt, wie diese überhaupt lebensfähig, geschweige denn in der Lage dazu sein können, miteinander zu arbeiten und so eine Erfolgsgeschichte wie „Mythic Quest“ am Laufen zu halten. Sie wissen es wahrscheinlich selbst nicht...

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Apple TV+ - © Apple TV+

Mythic Quest: Raven's Banquet“ versucht sich daran, eine gute Balance zwischen teils arg überzeichneten Einblicken in die Gaming-Industrie und einer Reihe an skurrilen, mitunter unausstehlichen Charakteren, die man einfach aufeinander loslässt, zu halten, um so einen hohen Unterhaltunsgwert zu schaffen. Sieht man als Zuschauer in der neuen Apple-Serie nicht mehr als eine launige Sketchshow, in der sich überdrehte, sich kaum selbst reflektierende Figuren von einer chaotischen Situation in die nächste manövieren, dann ist „Mythic Quest: Raven's Banquet“ genau das: unterhaltsam, ohne jemals ein allzu hohes Niveau zu erreichen. Dazu: etwas oberflächlich, aber zweifellos hervorragend besetzt und zwischenzeitlich angenehm einfach, humorvoll und sehr kurzweilig. Der Cast spielt sich gekonnt die Bälle zu und die Drehbücher arbeiten sich an ein paar offenen Geheimnissen der Branche ab, ob es nun um das sehr problematische Thema „Crunch Time“, die vorwiegend von Männern dominierte Arbeitswelt der Gaming-Industrie oder aber einfach nur das mühselige Schleifen an einem Traumprojekt geht, bei dessen Umsetzung zu viele Köche gerne mal den gesamten Brei verderben. Selbst die toxische Arbeitskultur, vor der der Gaming-Sektor nicht gefeit ist, wird beleuchtet. Jedoch verkommt dieses Element zumeist zum spaßigen Gimmick, das man aus einzelnen schockierenden Momenten zieht, die sich aus extrem fragwürdigen menschlichen Interaktionen speisen. Prädikat: ausbaufähig.

In der Summe ist das alles aber okay - mal ist es witzig, mal etwas ungelenk und plump, manchmal ist es herrlich absurd und trotz starker Übertreibung mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht mal so weit von den wahren Umständen entfernt, denen sich Spieleentwicklerinnen und Spieleentwickler weltweit ausgesetzt sehen. Letztlich gelingt es der Serie aber leider nie so recht, über den Status einer amüsanten, leicht verdaulichen Spaßsendung hinauszuwachsen. Warum aber auch, wenn man gar nichts anderes sein möchte? In „Mythic Quest: Raven's Quest“ ist so gut wie alles ein Witz, eine hohe Gagdichte ist elementar. Gelegentlich baut man einen sozialkritischen Kommentar oder gar eine kleine Läuterung für eine der vielen schwierigen Persönlichkeiten ein, die vordergründig erst mal nur an sich selbst denken. Aber ob es nun der wichtige Hinweis darauf ist, dass es den Entwicklerstudios dieser Welt an weiblichen Codern und leitenden Angestellten fehlt, ob es Ians eigene problematische Beziehung zu seinem entfremdeten Sohn, die niemals endende Monetarisierung der Branche oder die gigantische, manchmal fast schon unheimliche Bedeutung minderjähriger Influencer für ein ganzes Unternehmen ist - „Mythic Quest: Raven's Banquet“ vermag es nur selten, wirklich in die Tiefe zu gehen und sich spürbar nachhaltig mit all diesen Facetten auseinanderzusetzen.

Und das ist etwas bedauerlich, weil man letzten Endes doch einen zu oberflächlichen Eindruck von der so komplexen, vielschichtigen Gaming-Welt bekommt, die in dem Medium Serie ohnehin schon unterrepräsentiert ist. Doch das wollen wir „Mythic Quest: Raven's Banquet“ nicht zu sehr ankreiden, immerhin geht man hier überhaupt erst mal den Weg, die Videospielindustrie und damit auch ihre Schattenseiten in den Fokus zu rücken. Ein guter Anfang, aber mir persönlich fehlt dann doch etwas mehr Hingabe und das Spezielle, gestaltet sich die Serie im Endeffekt eher wie eine eher gewöhnliche Workplace-Comedy, die sich den Eigenheiten ihres Settings bedient, aber mit diesem ganz konkret oft zu wenig anzufangen weiß. Woran das liegt? Vielleicht will man sich ganz langsam an das Thema, die Subkultur und die „Gaming-Blase“ herantasten. Womöglich erwarte ich auch zu viel oder schätze die Außenwirkung von „Mythic Quest: Raven's Banquet“ völlig falsch ein. Oder aber die Kooperation mit dem renommierten Entwicklerstudio Ubisoft (deshalb sieht man auch zwischendurch immer wieder Ausschnitte aus Ubisofts Online-„Kloppbuster“ „For Honor“, die als Szenentrenner dienen) legt den Verantwortlichen hinter dem Format ein paar unsichtbare Fesseln an, wahrlich schonungslos die Branche zu persiflieren, zu parodieren und zu filetieren.

Während Ian in schöner Regelmäßigkeit mit Poppy die Klingen kreuzt, wenn es um Verbesserungen im Spiel geht (eine einfache Schaufel, mit der man die Spielwelt umgestalten kann? Verrückt!) und der überforderte David (Hornsby gefällt mir persönlich am besten in seiner Rolle als unbeholfener, zögerlicher Möchtegernchef) nach Möglichkeiten sucht, um aggressive Nazi-Trolle effektiv zu bekämpfen, schlägt die eigentliche Sternstunde von „Mythic Quest: Raven's Banquet“ in der fünften Episode der ersten Staffel, A Dark Quiet Death.

Hier zeigt sich eindrucksvoll, wie viel Herz und Potential in einer Serie wie „Mythic Quest: Raven's Banquet“ stecken kann, begleiten wir doch ein junges, videospielbegeistertes Pärchen (sympathisch verkörpert von den beiden Gastdarstellern Cristin Milioti und Jake Johnson) auf ihrem langwierigen, steinigen Weg, selbst unter die Spieleentwickler zu gehen und ihren gemeinsamen Traum zu leben. Dieser Prozess ist ein ständiges Auf und Ab, immer wieder müssen Kompromisse gemacht werden, an einem Punkt kracht es sogar zwischen den beiden Liebenden, die durch ihre gemeinsame Leidenschaft überhaupt erst zueinander gefunden hatten.

In dieser Folge, bei der der Ko-Serienschöpfer Rob McElhenney höchstpersönlich die Regie übernahm, wird deutlich, wie wichtig eine gute Charakterisierung ist und dass komplex ausgearbeitete, emotional nachvollziehbare Figuren das Rückgrat einer jeden Erzählung sind. Die etwas mehr als 30 Minuten fühlen sich wie ein in sich schlüssiger, bewegender, charmanter Kurzfilm an, der Teil einer ganz wunderbaren Anthologieserie über die Freuden und Leiden der Videospielbranche sein könnte. Der Bogen, den man letztlich zur zentralen Erzählung um Ian und seinem „Mythic Quest“-Team schlägt, ist da fast schon zu bemüht, wenn man ganz ehrlich ist. „A Dark Quiet Death“ steht für sich und ist mit Abstand die beste Episode der gesamten ersten Staffel von Mythic Quest: Raven's Banquet, was ein wenig bezeichnend ist. Denn bei all den ordentlichen Ideen, die man so hat, mangelt es dann doch zu oft an einer packenden Umsetzung, welche über simple Witze hinausgeht. Viel mehr wird man Zeuge von zahlreichen guten, einigen sehr smarten, aber auch halbgaren Ansätzen, die trotz oftmals pubertärer Einschläge für grundsolide Lacher sorgen. Am Ende fehlt es „Mythic Quest: Raven's Banquet“ jedoch an einem ehrlichen Herzen, das sich durchaus in der Serie verbirgt - aber leider zu selten zum Vorschein kommt, um den Apple TV+-Neustart auf ein anderes Level zu heben.

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Apple-TV+-Serie „Mythic Quest: Raven's Banquet“:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 7. Februar 2020

Mythic Quest: Raven's Banquet 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Mythic Quest: Raven's Banquet 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Pilotfolge
Titel der Episode im Original
Pilot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. Februar 2020 (Apple TV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 7. Februar 2020
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 7. Februar 2020
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 7. Februar 2020
Autoren
Charlie Day, Megan Ganz, Rob McElhenney
Regisseur
David Gordon Green

Schauspieler in der Episode Mythic Quest: Raven's Banquet 1x01

Darsteller
Rolle
Ashly Burch
Jessie Ennis
Jo
Imani Hakim
Charlotte Nicdao
F. Murray Abraham
Naomi Ekperigin

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