Midnight Mass 1x01

© zenenfoto aus der Serie Midnight Mass (c) Netflix
Netflix-Abonnent:innen aufgepasst: Die neue Miniserie Midnight Mass von Mike Flanagan gehört wahrscheinlich zu den Toptiteln des Jahres bei der inhaltlich oftmals überladenen Streaming-Plattform. Mr. Flanagan, das Mastermind hinter dem Horrorhit The Haunting of Hill House, das zuletzt auch „Doctor Sleep“ verfilmen durfte, hat ein sehr bewegendes Drehbuch für den Siebenteiler zu Papier gebracht, das sich komplexen Themen wie Schuld und Trauer widmet. Dazu kommt eine sehr ambitionierte Inszenierung, die sowohl optisch als auch atmosphärisch einfach richtig stark ist.
In den Hauptrollen sehen wir Zach Gilford (Friday Night Lights, „The Purge: Anarchy“), Hamish Linklater (Tell Me Your Secrets, Legion), Kristin Lehman (Motive, Altered Carbon), Rahul Kohli (The Haunting of Bly Manor, iZombie), den Youngster Igby Rigney sowie die „Hill House“-Alumni Kate Siegel - die Ehefrau vom Serienschöpfer Mike Flanagan -, Samantha Sloyan und Henry Thomas (sogar die grandiose Carla Gugino hat einen kurzen Auftritt als Richterin).
Wir haben den Auftakt vom vergangenen Freitag, den 24. September, die Midnight Mass-Episode Genesis, für Euch gesichtet und wollen eine klare Empfehlung für die Serie aussprechen. Die geballte Qualität springt einem von der ersten Sekunde an ins Auge, weshalb sich am besten alle selbst von dem Netflix-Neustart überzeugen sollten.
Worum geht's?
Vor der Inhaltsbeschreibung müssen wir eine Trigger-Warnung zum Thema Autounfälle aussprechen. Denn damit startet die Serie, auf brutalstmögliche Art und Weise. Unser Protagonist Riley Flynn (Gilford), ein Geschäftsmann mit ausschweifendem Lebensstil, ist am Tiefpunkt seines Daseins angekommen. Betrunken hat er am Steuer einen Crash verursacht, wodurch eine Teenagerin im anderen Fahrzeug ums Leben kam. Riley betet zu Gott, dass das alles nicht wahr sein darf. Doch es ist wahr - und für seinen unverzeihlichen Fehler muss er vier Jahre ins Gefängnis.
Als die Strafe verbüßt und die Schuld somit zumindest vor dem Gesetz abbezahlt ist, scheint nur Rileys strenggläubig katholische Mutter Annie (Lehman) seine Rückkehr herbeizusehnen. Sein Vater Ed (Thomas) kann ihn nicht mehr ansehen, ohne ihn zu hassen. Während sein kleiner Bruder Warren (Rigney) kaum eine Verbindung zu ihm hat. Riley ist nicht nur in seiner Familie isoliert, sondern auch mit seiner Familie. Denn die Flynns wohnen auf einem abgelegenen Eiland vor der Küste des Bundesstaates Washington, im regnerischen Nordwesten der USA. Nur wenige hundert Seelen nennen Crockett Island ihr Zuhause; Dreh- und Angelpunkt ist natürlich die kleine Kirche.

Das Setting der Serie mag auf den ersten Blick vielleicht idyllisch scheinen, doch raue Stürme, ölverseuchte Fischgründe und nachts herumjagende Geister verwandeln den Traumstrand bald in einen Albtraum. Hat Riley seine Dämonen vom Festland mitgebracht - oder war seine Heimat schon immer verflucht? Er ist jedenfalls nicht der einzige alte Neuling auf Crockett Island: Auch seine Jugendliebe Erin (Siegel) kam erst kürzlich zurück und unterrichtet nun als Lehrerin. Außerdem ist sie schwanger, wenngleich sie ungebunden blieb. Sie ist Rileys letzter Lichtblick, denn sonst lebt er nur noch, um zu leben (was für ihn die größte Bestrafung ist, weil er es nicht zu verdienen glaubt).
Ebenfalls frisch gelandet: der neue Sheriff Hassan (Kohli), der es als Moslem nicht leicht hat, mit den Einheimischen, die ihn am liebsten direkt konvertieren würden. Außerdem erwartet ihn bereits nach kurzer Zeit im Dienst ein unlösbares Mysterium: Unzählige ermordete Katzen wurden an den Strand gespült. Rileys Verdacht: Der alte Priester Monsignor Pruitt, der angeblich krankheitsbedingt von seinem jungen Kollegen Father Paul Hill (Linklater) vertreten wird, hat etwas damit zu tun. Zumindest sah ihn Rileys nachts im Sturm, obwohl er eigentlich nicht da sein konnte...
Wie ist es?
Midnight Mass beginnt zutiefst unheimlich und visuell verlockend. In seiner typischen Mike-Flanagan-Manier gelingt es dem Regisseur und Drehbuchautor - wie schon damals bei The Haunting of Hill House - echten Grusel zu erzeugen, ohne billige Jump-Scares oder übertriebene Gore-Ausreizungen. Wie einzigartig seine neue Miniserie ist, wird bereits nach wenigen Einstellungen in der Pilotepisode klar: Vor allem das erstaunliche Design des ersten ersten Geistes, der von leuchtenden Pixelstörungen durchzogen ist, spricht Bände. Die zweite Folge beginnt derweil mit einer Plansequenz.
Die Ambitionen sind kaum zu übersehen - und zum Glück kann auch das Skript mithalten. Man spürt der Einführung des Protagonisten an, wie nah Flanagan an die Geschichte gegangen ist. Gruseliger als alles andere wirkt die Stimmung der Schuld, die den Protagonisten erdrückt; dazu passend auch das Inselsetting und die religiösen Eckpunkte. Obwohl das Schauspiel absichtlich zurückhaltend ausfällt, gelingt durch das Writing bereits im Auftakt eine so klare Charakterisierung, dass Flanagan spielerische Facetten einbauen kann. Besonders verblüffend: Als Riley dem Geist seines Opfers, der ihn im Schlaf erbarmungslos anstarrt, eine gute Nacht wünscht.
Midnight Mass kann schon zur Premiere viele Trümpfe ausspielen: ein seltenes Setting (auf der Insel), einen teils experimentellen Stil, ein starkes Drehbuch mit tiefgründiger Charakterarbeit und übernatürliche Gruselelemente, die so sparsam eingesetzt werden, dass sie die Geschichte weder über- noch unterwürzen. Die Serie scheint absolut vergleichbar mit The Haunting of Hill House, wenngleich natürlich erst das Finale zeigen wird, ob es dem Horrorgenre-Hoffnungsträger Mike Flanagan wieder gelungen ist, alle Zahnräder am Ende perfekt ineinander greifen zu lassen.
Hier abschließend der Trailer zur Serie Midnight Mass auf Netflix:
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Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 27. September 2021Midnight Mass 1x01 Trailer
(Midnight Mass 1x01)
Schauspieler in der Episode Midnight Mass 1x01
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