
Die Serie Masters of Sex hat weit mehr zu bieten als nackte Haut. Die Geschichte über die Sexualforscher William H. Masters (Michael Sheen) und Virginia E. Johnson (Lizzy Caplan) verschließt sich zwar nicht vor Intimitäten, ermöglicht aber gleichzeitig auch einen erhellenden Blick auf die Gesellschaft der späten 1950er Jahre. Es gelingt in der Auftaktepisode zudem auf Anhieb, die Zuschauer für die beiden vielschichtigen Protagonisten zu interessieren. Die Serie orientiert sich hier an ihren gleichnamigen realen Vorbildern und einer Biografie über ihr Wirken von Thomas Maier („Masters of Sex: The Life and Times of William Masters and Virginia Johnson, the Couple Who Taught America How to Love.“). Langsam wird so der Weg in eine Welt geebnet, in der Sex auch öffentlich nicht länger als bloß notwendiges Übel betrachtet wird, um Kinder in die Welt zu setzen.
Ein heikles Projekt
Wir schreiben das Jahr 1956. Der renommierte Gynäkologe Dr. William Masters, der zu dieser Zeit an der Washington University in St. Louis, Missouri arbeitet, ist ein wahrer Star auf seinem Gebiet. Doch die eigentliche, bislang heimliche Priorität des Wissenschaftlers besteht in der Erforschung der menschlichen Sexualität. Erst im Verlauf der Pilotepisode klärt er seinen Vorgesetzten Barton Scully, der sehr überzeugend durch Beau Bridges verkörpert wird, über seine prekäre Studie auf.
Meet the Masters
In Bereichen wie der Rassentrennung ist Masters zwar liberaler eingestellt, als es bei vielen seiner Zeitgenossen der Fall ist. Ansonsten gibt er sich allerdings sehr viel unzugänglicher und konservativer, als man es in Anbetracht seines Forschungsgebietes vielleicht erwartet hätte. Leidenschaftlich kämpft Masters um die Gebärfähigkeit einer schwarzen Patientin, was seinem Charakter wichtige Sympathiepunkte einbringt. Dafür ist sein prüdes Betragen im ehelichen Schlafzimmer - in dem selbstverständlich zwei getrennte Betten stehen - für unsere Verhältnisse fast schon skurril mit anzusehen. Aber William und seiner hübschen Frau Libby (Caitlin Fitzgerald) geht es ohnehin mehr um die Fortpflanzung, als um den Spaß. Und hier liegt es auch begründet, dass der höchst intelligente Forscher die zuvor gesammelten Sympathiepunkte bitter nötig hat. So lässt Masters es zu, dass sich seine Frau einer Reihe von schmerzhaften fruchtbarkeitsfördernden Maßnahmen unterzieht - obwohl er doch weiß, dass der Babywunsch eigentlich an seinen Spermien scheitert.
Die gute, freizügige Seele
Als William die Bekanntschaft der jungen, aber bereits zweifach geschiedenen Mutter Virginia Johnson macht, kommt eine große Portion Wärme in die Handlung. Die ehemalige Sängerin kann zwar nicht mit biologischem Know-How aufwarten, verfügt dafür aber über eine Fähigkeit, die William fehlt, und die für dessen Forschungen doch so unerlässlich ist: Virginias sexuelle Freizügigkeit, die bald auch Masters Untergebener Dr. Ethan Haas (Nicholas D'Agosto) in gewisser Regelmäßigkeit zu spüren bekommt, stattet sie nicht nur mit einem reichen Schatz an Erfahrungen aus. Gleichzeitig erleichtert sie es Virginia auch, ihren Mitmenschen die Scheu vor der Thematik zu nehmen. Dies macht es überhaupt erst möglich, Probanden für Masters Forschungen zu gewinnen.

Andere Zeiten, andere Sitten
In der Welt, die Masters of Sex seinen Zuschauern offenbart, trinken die Menschen gerne und oft Coca Cola. Als Libbys Hoffnungen auf eine Schwangerschaft wieder einmal dadurch zerschmettert werden, dass sie ihre Tage bekommt, spricht sie davon, einen „Besucher“ empfangen zu haben. Auch das „Quick prayer first, Daddy“, das Mrs. Masters einwirft, bevor sie von ihrem Mann auf die kontaktärmste Weise, die irgend möglich ist, begattet wird, ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Der Kosename „Daddy“ ist an dieser Stelle noch verstörender als der lieblose Akt an sich.
Die Serie vermittelt jedoch nicht den einseitigen Eindruck, dass es abseits der Oralsex-affinen Virginia keine anderen Menschen auf der Welt gebe, die Gefallen an Sex fänden. Während auf Seiten der Männer in diesem Zusammenhang oft die Prostitution zur Sprache kommt, äußert sich sexuelle Experimentierfreude auch auf Seiten der Probanden, die sich recht schnell für Masters Studie - und auch den dabei praktizierten Beischlaf - gewinnen lassen. Für amüsante Sequenzen sorgt verlässlich die Prostituierte Betty DiMello (Annaleigh Ashford). Die junge, lesbische Frau agiert allem Anschein nach durch und durch selbstbestimmt und bringt Masters überhaupt erst auf die Idee, mit einer weiblichen Kraft zusammenzuarbeiten.
Ein schmerzlicher Moment
Der Moment, in dem der Unterschied von damals zu heute wohl am schmerzlichsten zum Vorschein kommt, ist der, in dem Virginia von dem gekränkten Ethan attackiert wird, weil sie seine Liebe nicht erwidert. Die selbstgerechte Art und Weise, wie der Arzt seine Geliebte schlägt, und dann noch als Hure bezeichnet, zeichnet ein schwarzes Bild der Lage einer sexuell freizügigen Frau in dieser Zeit. Zwar wehrt sich Virginia im ersten Moment, wodurch sie sich wieder einmal als überdurchschnittlich starkes Wesen zu erkennen gibt. Doch später sieht sie doch davon ab, ihrem Chef William von dem Übergriff Ethans zu berichten. Ihr Veilchen erklärt Virginia - aus Scham oder aus Angst vor weiteren Komplikationen - dadurch, gegen eine Schranktür gelaufen zu sein.
Faszination der Prüderie
Auf erquickliche Weise wird in Masters of Sex die Pionierarbeit der Forscher Masters und Johnson aufgezeigt, indem die damals verbreiteten Defizite zu Tage gebracht werden. Nachdem Masters die Prostituierte Betty aus einem Schrank bei ihrer Arbeit beobachtete, wird dem Forschenden von ihr die Hiobsbotschaft überbracht, dass Frauen nicht immer einen Orgasmus haben - auch wenn es sich vielleicht danach anhört. Gleichzeitig gewinnt die Serie an authentischem Flair hinzu, indem immer wieder auch trockenere Bestandteile der dokumentierten Forschung zur Sprache kommen, was der Faszination an der Materie allerdings keinen Abbruch tut. Im Gegenteil vermeidet es die Serie durch ihre Mischung aus der fast allgegenwärtigen Prüderie und hübschen nackten Körpern, weder langweilig, noch allzu schlüpfrig zu wirken.

Die Schauspieler
Die Hauptdarsteller Michael Sheen und Lizzy Caplan gehen in ihren Rollen auf und tragen so einen großen Teil dazu bei, dass man auch die ruhigeren oder eher unbequemen Passagen von Masters of Sex gebannt mitverfolgt. Während Sequenzen, die mit der zeitgemäßen Musik unterlegt sind, eine allzu große Distanz zu dem Geschehen aufzubauen scheinen, macht Sheen sofort neugierig darauf, seinen zugeknöpften Charakter näher kennenzulernen. Wie lässt sich der gigantische Widerspruch zwischen seinem Forschungseifer und der eigenen Prüderie in einer Person erklären?
Weniger als den unbefriedigten Frauen der Welt einen Dienst zu erweisen, geht es ihm in erster Linie darum, einen Nobelpreis zu erhalten. Ohne Caplan in ihrer Rolle der Virginia hätte man es mit einer allzu trockenen und seelenlosen Handlung zu tun bekommen können. Doch obwohl es Johnson manchmal reichlich leicht von der Hand zu gehen scheint, ihr Umfeld mit ihrer Offenherzigkeit anzustecken, macht die Figur dabei einen sehr natürlichen Eindruck. Gemeinsam bilden Masters und Johnson so ein sich vorzüglich ergänzendes Fundament, auf dessen Grundlage sich interessante Geschichten und verlockende Intermezzi entfalten können.
Fazit
Die verschiedenen Nebencharaktere, die in Masters of Sex angesiedelt sind, können in der Pilotepisode zwar noch nicht die gleiche Lebendigkeit entwickeln, wie es bei den beiden Protagonisten der Fall ist. Dennoch bilden sie zusammen mit Masters und Johnson ein vielversprechendes Ensemble. Während der Humor gerne noch öfter zum Zuge kommen dürfte, etablieren sich doch auf der anderen Seite eine Reihe von interessanten, zwischenmenschlichen Konflikten. In diesem Zusammenhang macht auch der Cliffhanger dieser Auftaktepisode neugierig: Masters möchte die Forschung auf ein unverfälschteres Level bringen, und zu diesem Zweck künftig mit Virginia schlafen...
„Masters of Sex“ hat ein überzeugendes Setting und vielschichtige Charaktere zu bieten. Dass die Handlung auf einer wahren Geschichte basiert, hat einen zusätzlichen Reiz inne und stiftet Authentizität. Gleichzeitig profitiert das Format von Michelle Ashford selbstverständlich von dem Sex, den man mit gutem Recht in vielen Facetten - ob mit oder ohne Elektroden - zeigen darf. Auch wenn die Rezensentin schwer beurteilen kann, wie nah die Serie einem Portrait der späten 50er Jahre kommt, ist ein Ausflug in die Welt von Masters und Johnson durchaus eine Reise wert. Zumindest der Auftaktepisode nach zu urteilen.