Magic City 2x08

Offensichtlich wussten die Autoren von Magic City zum Zeitpunkt, als sie das Drehbuch zum Finale der zweiten Staffel verfassten, noch nichts von der Absetzung der Serie. Eventuell hätten sie sich sonst für ein weniger offenes Ende entschieden. So bleiben viele Fragen unbeantwortet, eines jedoch ist sicher: Die meisten Charaktere stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Ray Charles trällert dazu den sehr passenden Abschlusssong: „Somebody tell me / I've got to know, is this the end / Cause I've lost everything / I have no friends / But it's no use crying.“
This place means everything to me but nothing to you
Ike Evans (Jeffrey Dean Morgan) ist es zwar gelungen, sein Hotel vor den Fängen der Mafia zu retten. Am Ende steht er jedoch alleine da, ohne Freunde, ohne Familie. Die letzten Worte an seinen Sohn Danny (Christian Cooke) klingen dementsprechend leer: „I do all this because I love you.“ Danny jedoch, der zuvor die sterbende Judi Silver (Elena Satine) in den Armen hielt, hat genug von den Versprechungen seines Vaters: „Don't love me.“ Damit verabschiedet sich auch Ikes zweiter Sohn aus dem goldenen Käfig namens Miramar. Zuvor hatte schon Stevie (Steven Strait) seinem Vater unmissverständlich klargemacht, dass er absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Doch nicht nur die beiden Söhne kappen alle Verbindungen zu ihrem Vater, auch seine Ehefrau scheint das Weite zu suchen - und das ausgerechnet in die Arme von Stevie. Vera (Olga Kurylenko) hatte Ike inständig darum gebeten, keine neue Allianz mit Meg Bannock (Kelly Lynch) einzugehen, da sie eine geheime Agenda einer der reichsten und einflussreichsten Frauen in Miami befürchtete. Sie sollte Recht behalten. Bereitwillig lässt sich Meg von Ike zu einer 10-Millionen-Dollar-Investition überreden. Dann küsst sie ihn und verabschiedet sich mit den vordergründig mysteriösen, eigentlich aber sehr eindeutigen Worten: „You really don't know me at all.“
Beruflich ist Ike also endlich an seinem großen Ziel angelangt. Zum einen ist es ihm durch das Engagement der „Secret Six“-Neuauflage gelungen, die Verabschiedung des Glücksspielgesetzes zu verhindern. Wäre das Gesetz vom Senat des Staates Florida einstimmig verabschiedet worden, hätte er der völligen Umklammerung des organisierten Verbrechens nicht mehr entkommen können. Auch die zweite Stufe seines Plans, Ben Diamond (Danny Huston) und Sy Berman (James Caan) als stille Teilhaber aus seinem Hotel zu drängen, kann er in die Tat umsetzen.
Welchen Preis er dafür zu zahlen hat, wurde eingangs schon erwähnt. Jedoch entfremdet sich nicht nur seine Familie von ihm, er verliert auch seinen besten Freund Victor Lazaro (Yul Vazquez). Er versucht noch, ihn davor zu warnen, sich mit den Exilkubanern unter Carlos „El Tiburon“ Ruiz (Esai Morales) auf den Weg nach Kuba zu machen, um dort eine Konterrevolution zu starten. „Tiburon“ sei ein Doppelagent, der die Exilkubaner den Revolutionären ausliefern wolle. Mit diesem neuen Wissen konfrontiert Victor den Anführer, es kommt zum Kampf. Am Ende sterben beide.
This would be a lie that I could not forgive
Sowieso ist die Todesrate sehr hoch in dieser finalen Episode. Als die Leiche Nicky Grillos (Jamie Harris) in ihrem stählernen Sarg am Strand angespült wird, ist dem Chicagoer Mafiaboss Berman sofort klar, dass Ben Diamond hinter dem Mord steckt. Sy lässt ihm noch eine letzte Chance - sollte das Glücksspielgesetz jedoch scheitern, würde dies sein sicheres Todesurteil bedeuten. Ben, den man einmal in einer Art Swimmingpoolfanal in seiner ganzen Pracht bewundern darf, weht auch vonseiten der staatlichen Strafverfolgung eisiger Wind entgegen. Gegen besseres Wissen und Gewissen entscheidet sich Staatsanwalt Jack Klein (Matt Ross) nämlich dazu, mit Ike Evans einen Deal einzugehen. Gegen das Fallenlassen aller Anklagepunkte liefert Ike Ben Diamond an ihn aus.

Ben Diamond weiß davon noch nichts, auch weil es dem Verräter Doug Feehan (Todd Allen Durkin) nicht gelingt, ihn rechtzeitig davor zu warnen. Nach dem Scheitern des Glücksspielgesetzes, das durch einen von Meg Bannock und Ike Evans geschriebenen Erste-Seite-Leitartikel torpediert wurde, kommt es zur offenen Konfrontation zwischen Diamond und Berman. Ben behält die Oberhand, weil er einen Schritt weiter denkt als Sy und bereit ist, seine Getreuen, allen voran Bel Jaffe (Michael Rispoli), für sein eigenes Überleben zu opfern.
Hätte er gewusst, was ihm vonseiten der Staatswanwaltschaft blüht, hätte er sich seine Hinterlist wohl sparen können. Dann wären die Zuschauer aber nicht in den Genuss einer spektakulären und überraschenden Autoexplosion gekommen. Sein Ende findet Ben Diamond schließlich durch die eigene Ehefrau. Lily (Jessica Marais) hatte er wohl nicht auf der Rechnung, als er sich im Koks- und Whiskeyrausch eine weitere Liebesnacht seiner Angetrauten mit Stevie wünschte. Sie denkt jedoch einige Schritte voraus und hüllt Stevie in die perversen Spielchen ihres Ehegatten ein. Gemeinsam schmieden sie einen Mordplan gegen den butcher, scheitern jedoch an der Ausführung.
Schließlich landet er im Krankenhaus und in Polizeigewahrsam. Der triumphale Staatsanwalt Klein beugt sich über ihn und eröffnet ihm seine unmittelbaren Zukunftsaussichten: „Survive, and then I'll burn you in the electric chair.“ Ben bleibt nichts anderes übrig, als abfällig zu grinsen. Er weiß genau: Seine Tage sind gezählt.
Fazit
The Sins of the Father: Der treffende Titel der Abschlussepisode von Magic City beschreibt die immerwährende Angst der Generation der Nachgeborenen, in die Fußstapfen der Väter zu treten und - schlicht und einfach - genauso zu werden wie diese waren. Dies ist ein Gefühl, das in der Pubertät seinen Anfang nimmt. Jugendliche rebellieren gegen ihre Eltern, auch weil sie merken, dass einzelne Charaktermerkmale an sie weitergegeben wurden.
Je älter man wird, desto stärker treten diese Charakteristika dann hervor. Bis der Punkt erreicht ist, an dem man sich entscheidet, entweder seinen Frieden damit zu machen oder eben ein Leben lang dagegen aufzubegehren. Danny und Stevie Evans entscheiden sich für die zweite Variante. Der eine sieht die Leichen, die die Wege seine Vaters pflastern und will ein rechtschaffenes Leben führen. Der andere kommt nicht darüber hinweg, dass ihm sein Vater nie wirklich etwas zutraute.
Diese Vater-Sohn-Poesie ist die interessanteste Geschichte, die in der zweiten Staffel der Retroserie erzählt wurde, selbst wenn sie erst in der zweiten Hälfte der Staffel eingeführt wurde. Gegen die herzzerreißenden Szenen zwischen dem Vater und seinen Söhnen, gegen die stillen Enttäuschungen und Lebenslügen kommt kein grausamer Mord, keine blutige Folterszene, keine überraschende Explosion an.
Dieses würdige Staffelfinale lässt dann doch etwas Wehmut aufkommen, dass die Serie abgesetzt wurde. In den letzten Episoden nahm sie nämlich noch einmal richtig Fahrt auf. Gerne hätte man in einer dritten Staffel gesehen, welche Ausmaße die Verwicklungen innerhalb der Evans-Familie angenommen haben könnten.
Die Produzenten fuhren denn auch ihr volles Arsenal an technischen Möglichkeiten auf. Von der musikalischen Untermalung über das Szenenbild, das Spiel der Kamera mit Licht und Schatten bis hin zur wunderbaren Ausstattung lieferte die letzte Episode ein stimmiges Bild ab. Wir verabschieden uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus der Magic City.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 16. August 2013(Magic City 2x08)
Schauspieler in der Episode Magic City 2x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?