Luke Cage 1x13

Luke Cage 1x13

Serienjunkies.de-Redakteur Felix wurde von der heiß erwarteten ersten Staffel von Luke Cage schwer enttäuscht. Warum Netflix einfach nicht aus seinen Fehlern lernt, Luke Cage nicht der Held ist, zu dem er letzten Endes gemacht wird und der Frust am Ende der Staffel überwiegt.

Rosario Dawson und Mike Colter in „Luke Cage“ / (c) Netflix
Rosario Dawson und Mike Colter in „Luke Cage“ / (c) Netflix

Luke Cage hat ein Identitätsproblem. Also nicht nur der Charakter selbst, der eigentlich Carl Lucas heißt und sich nicht richtig entscheiden kann, was er denn für ein Leben führen möchte. Ob er in die Heldenstiefel steigt und Gutes vollbringt, weil es aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten seine Pflicht ist, oder ob er ein zurückgezogenes Einsiedlerdasein fristet und sich aus allem möglichen Ärger heraushält. Nein, die gesamte Serie „Luke Cage“ hat ein Identitätsproblem, weil sie bis zum Ende ihrer ersten, dreizehnteiligen Staffel einfach nicht weiß, was sie eigentlich sein will.

Von Showrunner und Serienschöpfer Cheo Hodari Coker im Vorfeld vollmundig als „Hip-Hop Western“ angekündigt (eine Beschreibung, die ohnehin schon einige Verständnisfragen aufwirft), ist „Luke Cage“ mehr Genreserie als Superheldengeschichte. Und dieser Ansatz ist löblich, haben wir derzeit doch ausreichend klassische Erzählung über Männer und Frauen in Spandexanzügen, die für Recht und Ordnung sorgen. Da kann man das Genre durchaus mal ein bisschen auflockern, wie man bereits an den Beispielen Daredevil oder Jessica Jones gesehen hat. Hierin liegt wahrscheinlich auch der Reiz für Zuschauer, die eben nicht sehr viel für Superhelden übrig haben. Die Marvel-Serien von Netflix fühlen sich zumeist geerdeter, realistischer an.

Luke Cage“ steht diesem Credo lange Zeit in nicht viel nach - und tappt letzten Endes doch in eine für mich frustrierende Falle. Was vielleicht nicht perfekt, aber durchaus vielversprechend beginnt, endet in einer Art ungewollter Blaxploitation-Parodie, die sich im Geiste wahrscheinlich viel näher an ihrer Comicvorlage bewegt, als es die Serienproduktionen zu Daredevil und Jessica Jones getan haben. Denn „Luke Cage“ verkommt im letzten Drittel seiner ersten Staffel eben genau zu der Superheldenserie, die uns einen hanebüchenen finalen Konflikt zwischen unserem Protagonisten und dessen großen Widersacher präsentiert, der an Lächerlichkeit nur schwer zu überbieten ist. Und ich frage mich: Warum?

Mit mal für mal abgedroscheneren Comic-Catchphrases wird bereits vorher inflationär um sich geworfen und das erschreckend einfache Drehbuch versucht auf Gedeih und Verderben Spannung aufzubauen, wo sich aber nun einmal keine Spannung finden lässt. Wo man anfangs noch dachte, dass „Luke Cage“ zu einer interessaten Charakter- sowie Millieustudie avancieren könnte, sieht man zum Ende der Staffel nun, dass es doch nur um alte Rachegedanken und einen trivialen Zweikampf zwischen unserem „Helden“ und seinem bösen Stiefbruder geht.

© Netflix
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Battling for the soul of Harlem

Aber halt, werden nun manche sagen, Luke Cage schwingt sich doch schlussendlich zum Helden von Harlem auf, eine Gemeinschaft, die schwer gebeutelt ist und in dem muskelbepackten Hünen ein neues Wahrzeichen findet. Was aber tun Coker und sein Autorenteam eigentlich dafür, dass wir wirklich glauben, der Stadtteil Harlem funktioniere wie ein eigener Charakter in der Serie? Nach ordentlich Beginn leider nicht mehr viel. Die Bewohner Harlems sind in der einen Minute ein wütender, wankelmütiger, ferngesteuerter Mob, der Luke Cage für ihre Misere die Schuld in die Schuhe schiebt, um dann im finalen Akt sich doch hinter Mike Colters beeindruckende Figur zu stellen und ihn als Retter zu feiern. Immerhin hat ein bekannter Rapper in einer Radioshow ein gutes Wort für diesen „Freak“ eingelegt, eine Montage später ist Luke Cage der Held für Harlem und die afro-amerikanische Bevölkerung, der so dringend gebraucht wird.

Hat sich Luke Cage diese Rolle überhaupt verdient? Für einen Charakter, der gefühlt eine halbe Staffel lang (wenn nicht sogar länger) in einer Scheune verbringt, kommt dieser plötzliche Messias-Status sehr überraschend. Das Problem: „Luke Cage“ interessiert sich die meiste Zeit nur für den gelinde gesagt oft sehr langweiligen Luke Cage. Harlem verkommt letzten Endes auch nur zu einer Kulisse, zu einem nicht eingehalten Versprechen, dass diese Gemeiden ein vitaler Part der gesamten Serien sein sollte. Aber wo sind die Menschen von Harlem in „Luke Cage“? Der einzige Charakter, der sich in dieser Hinsicht für eine derartige Bezeichnung qualifiziert, ist Pop. Sein Schicksal ist bekannt. Eine Misty Knight, eine Mariah Dillard oder ein Cornell Stokes (Warum nicht er als Staffelbösewicht?) gehen am Ende etwas unter und müssen sich Hauptattraktion Luke Cage unterordnen. Und dabei wecken diese Nebenfiguren doch unser Interesse, leider wird aber für mein Empfinden nicht der entscheidende Schritt gegangen, sie auf eine Ebene wie Luke zu hieven.

Man merkt es der Serie an, dass sie sogleich etwas interessanter und spannender wird, wenn sich nicht alles um ihre titelgebende, monotone Hauptfigur dreht. Luke Cage allein bringt einfach nicht besonders viel mit, zum einen weil man eh weiß, dass er unverwüstlich ist, komme was wolle. Zum anderen weil auch inszenatorisch nicht besonders viel aus seinen Fähigkeiten herausgeholt wird, sodass sich die meisten Actionsequenzen identisch anfühlen und man als Zuschauer selten gepackt wird. Dies macht sich wiederum auch bei der viel zu langen Laufzeit der ersten Staffel bemerkbar, ein bekanntes Problem des Streaminganbieters Netflix. Schaut man sich das konkrete Beispiel „Luke Cage“ an, so ist der zentrale Charakter bereits nach wenigen Episoden ergründet. Was folgt ist reichlich Filler-Material, sich wiederholende Szenen oder schlichtweg narrativer Stillstand. Die 13 Episoden der ersten Staffel hätten inhaltlich mit Leichtigkeit in acht Folgen gepasst, ohne, dass man irgendetwas vermisst hätte.

Doch wie bereits in „Jessica Jones“, das zwischendurch schreckliche Längen hatte (niemals vergessen: sie ist heruntergekommen und dauerbetrunken), oder auch im letzten Drittel der zweiten Staffel von „Daredevil“ (Zu. Viele. Ninjas.) scheinen die Verantwortlichen nicht zu erkennen, wann es reicht. Für mich wird es dadurch immer wieder zum Kampf und Krampf, ewig lange Episoden zu durchstehen, die mich kein Stück weiterbringen, ob jetzt mit Blick auf die Handlung oder Charakterentwicklung. (Dies ist übrigens ein Problem für sehr viele Netflix-Produktionen, nicht nur für die Marvel-Serien des Streamingunternehmens.)

© Netflix
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Sweet Christmas!

Bei der Sichtung der ersten Staffel von „Luke Cage“ war mein Smartphone stets in Reichweite, was heutzutage ja zu einem modernen Gradmesser der Aufmerksamkeitsspanne geworden ist. Immer wieder verlor mich die Handlung, weil wir entweder zuvor schon einmal an einem ähnlichen Punkt waren, die Geschichte nicht aus dem Knick kam oder es einfach zu frustrierend war mit ansehen zu müssen, was für seltsame Entscheidungen die Charaktere treffen. Der Umgang mit einer vermeintlichen Kronzeugin, die Luke Cage entlasten und Mariah Dillard belasten könnte, ist für eine dermaßen fähige Ermittlerin wie Misty Knight (man wird nicht müde zu erwähnen, wie gut sie ist), schlichtweg unbegreiflich.

Es mag sich sehr harsch anhören, aber: Je länger Luke Cage läuft, desto frustrierender wird es. Was macht diese Serie zum Beispiel aus Claire Temple (Rosario Dawson), die zuvor ein interessanter, starker, eigenständiger Charakter war? Lange Zeit gehört sie noch zu meinen Favoriten der Staffel, um später zu einer Art weiblicher Sidekick zu werden, die wie viele andere Figuren mit abgedroschenen Dialogen um sich wirft, dass es einem fast den Magen umdreht. Generell bekommt man den Eindruck, dass das unzureichende Script zur Serie eine der größten Schwäche ist und immer wieder durch die Darstellerriege „gerettet“ werden muss. Wobei sich auch hier meiner Meinung nach einige faule Äpfel finden lassen, deren schauspielerische Fähigkeiten ich arg bezweifele. Bei Theo Rossi scheinen die Meinungen aber nun einmal sehr weit auseinanderzugehen...

Als fast schon persönliche Beleidigung und Frechheit empfinde ich indes Antagonist Willis „Diamondback“ Stryker, der von Erik LaRay Harvey (einst exzellent in Boardwalk Empire) verkörpert wird. Ich habe selten eine derartig aufgebauschte und dann schlecht inszenierte Schurkenfigur in einer Serie gesehen. Nicht nur, dass seine Motivation mau ist und man nie wirklich weiß, ob er Luke jetzt töten oder leiden sehen will, zu allem Überfluss spricht er die meiste Zeit auch in Bibelversen, was diese Figur zu einer reinen Karikatur macht, die mich kalt lässt. Die Kirsche auf der Sahne ist dann natürlich sein finales Outfit. Comichommage hin oder her, kam denn niemand bei der Produktionen auf die Idee, wie unpassend und lächerlich der letzte Akt von „Luke Cage“ wirkt?

Ich könnte mich stundenlang über diverse Kleinigkeiten aufregen, die in der Summe schwer wiegen und mir letztlich oft den Spaß geraubt haben. Meine Kritik bezieht sich dabei allen voran auf die Art und Weise, wie wichtige Themen, die bisher in noch keiner anderen Marvel-Serie angesprochen wurde, behandelt werden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mit Lukes langweiliger Vorgeschichte den wirklich interessanten Aspekten der Serie die Show gestohlen wird. Dass Luke paradoxerweise eben nicht der Botschafter von Cokers Ideen, sondern vielmehr ein Klotz im Weg zu relevanten Themen, die über die Einzelperson Luke Cage hinausgehen.

Dabei kann man sich zwischenzeitlich immer wieder wunderbar von „Luke Cage“ unterhalten lassen, sei es nur aufgrund des ausgezeichneten Soundtracks oder eines einfachen Tricks, der gerade zum Ende der Staffel sehr hilfreich für mich gewesen ist. Im Gespräch mit meinem Kollegen Adam Arndt wies dieser mich nämlich kurz vor dem Staffelfinale darauf hin, dass ihn die jüngsten Geschehnisse in „Luke Cage“ an die wahrhaftige Blaxploitation-Parodie Black Dynamite erinnern würden. Geht man mit diesen Gedanken an den Staffelabschluss der neuesten Marvel-Serie heran, bei dem Luke mit einem Diamondback in seltsamer Montur gekleidet um die Zukunft von Harlem ringt, macht einem dieser absurde Zweikampf fast schon höllisch viel Spaß. Ob dies jedoch von Cheo Hodari Coker beabsichtigt war, darf stark bewzeifelt werden. Denn bei allen stilistischen Anleihen, letzten Endes nimmt man sich entweder zu ernst oder nicht ernst genug. Der hier eingeschlagene Mittelweg ist so nichts Halbes und nichts Ganzes.

Wie hat Euch die erste Staffel von „Luke Cage“ gefallen? Was hat Euch gestört, was fandet Ihr gut an der neuen Marvel-Serie?

Trailer zu „Luke Cage“:

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 8. Oktober 2016
Episode
Staffel 1, Episode 13
(Luke Cage 1x13)
Titel der Episode im Original
You Know My Steez
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 30. September 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 30. September 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 30. September 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 30. September 2016
Regisseur
Clark Johnson

Schauspieler in der Episode Luke Cage 1x13

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?