Luke Cage 1x01

Luke Cage ist nach Daredevil und Jessica Jones die dritte Serie im Netflix-Bunde aus dem Hause Marvel. Nach Hell's Kitchens blindem Anwalt mit Doppelidentität und der verkorksten Privatermittlerin mit Superkräften ist es nun also am kugelsicheren Luke (Mike Colter), für Unterhaltung für alle Bingewatcher und Marvel-Freunde zu sorgen.
Dabei feierte die Figur bereits in Jessica Jones ihr Debüt und hinterließ einen sympathischen Eindruck. Traumatisiert von so manchem Erlebnis dort - schließlich wurde er von Kilgrave (David Tennant) gedankenmanipuliert und zum ersten Mal seit langem ordentlich verletzt - hat er nun seine Zelte in Harlem aufgeschlagen, sich dort niedergelassen und möchte nicht behelligt werden. Schließlich ist seine Vergangenheit immer noch nicht ganz verarbeitet und birgt das eine oder andere Geheimnis, das er mit mit niemandem teilen will.
Darum geht er einen Job in Pop's Barber Shop nach, wo er die Haare zusammenfegt und Pop (Frankie Faison) helfend unter die Arme greift, aber unter der Hand bezahlt wird, sodass er noch einen zweiten Job als Tellerwäscher am Club von Geschäftsmann, Drogenschmuggler und Waffenhehler Cornell Stokes (Mahershala Ali) nachgehen muss, um über die Runden zu kommen.
Genau der sorgt im vordergründig von Schwarzen bewohnten New Yorker Stadtteil für Ärger und zieht nicht nur die Aufmerksamkeit von Cage, sondern auch von der Polizei, darunter Misty Knight (Simone Missick), auf sich. Es geht dabei um einen Handel mit unregistrierten Waffen von Justin Hammer, die er unter das Volk bringen will. Doch einer seiner Jungs hintergeht ihn und löst eine Kette von Ereignissen aus, die die Gemüter hochkommen lässt.
Nebenher mischt noch die Lokalpolitikerin Mariah Stokes (Alfre Woodard), die Cousine von Cornell mit, die Harlem mit ihrer Initiative „The New Harlem Renaissance“ wieder aufbauen möchte, dabei aber auf Finanzmittel aus fragwürdiger Quelle - ergo die ihres Cousins - zurückgreift.
Bulletproof?

Die Serienmacher rund um Showrunner Cheo Hodari Coker (Ray Donovan, Southland) lassen sich bei Luke Cage viel Zeit, um auf den Punkt zu kommen. Im Serienpiloten gibt es noch wenig genaue Hintergründe zur Figur für komplette Neueinsteiger. Durch Jessica Jones kann man eventuell schon einiges über ihn wissen, doch man sollte nicht annehmen, dass automatisch alle alles schauen.
Am Ende der Folge gibt es eine kleine Demonstration von Lukes besonderem Körper und Fähigkeiten, als er sich eine Bande von Geldeintreibern vornimmt, die das Lokal seiner Vermieterin erpressen wollen, doch bis dahin plätschert der Pilot ein wenig vor sich hin und bräuchte in meinen Augen etwas mehr Dynamik und Drive.
Der Stadtteil Harlem ist als Charakter und Spielort gut eingefangen und auch eine gewisse Stimmung, die vor allem im Club des Widersachers zu finden ist, wird wunderbar transportiert. Als besonderen Kniff werden die Künstler nämlich bei ihrer Performance gezeigt und die Lieder auf diese Weise eingebaut, was zunächst etwas ungewöhnlich wirkt, aber doch ein nettes Gimmick ist. Der normale Score ist funky, jazzy und erinnert beizeiten an das schwarze Kino, um nicht zu sagen Blaxploitation-Filme der 70er Jahre.
Für mich wirkt Luke aber in der ersten Episode und ein Stück weit auch noch in den beiden weiteren Episoden zu sehr wie eine Nebenfigur in seiner eigenen Serie, denn die Antagonisten und auch Misty Knight scheinen die viel interessanteren Figuren zu sein. Die Frage, warum ein kugelsicherer Mann sich verstecken und Angst haben muss, bleibt mehrere Episode lang ungeklärt oder unzureichend beantwortet und dem Piloten fehlt das gewisse Etwas, der besondere Hook, der zum unmittelbaren Weiterschauen anregt. Ich musste mir als Zuschauer die Fragen stellen, ob ich die Serie, so wie sie hier präsentiert wird, auch geschaut hätte, wenn es erstens keine Marvel-Serie wäre, zweitens, wenn sie mir im wöchentlichen Takt angeboten würde und drittens, wenn es ein Film aus dem MCU wäre. Die Antwort „Ja“ würde mir tatsächlich bisweilen schwer fallen. Denn bis mein Interesse geweckt wurde, vergingen schon rund vier Stunden Serienzeit.

Mich würde in diesem Fall also stark interessieren, wie viele Zuschauer gewillt sind, auch einen etwas langweiligen und behäbigen Einstieg in Kauf zu nehmen und dann trotzdem dran bleiben. Eine Figur aus der zweiten Reihe wie Cage oder Jessica Jones braucht in meinen Augen nämlich ein besonderes Alleinstellungsmerkmal, das die Zuschauer von der ersten Episode an einfängt. Etwas, das so noch nie da war. Ein schwarzer, kugelsicherer Superheld in seiner eigenen Serie und unsererer modernen Welt wäre so etwas, nur leider mangelt es etwas an erzählerischer Spannung, Komplexität und Dramatik.
Dazu kommt die Frage, wie interessant eine Figur ist, die kaum zu verletzen ist. Dabei greift das alte Superman-Problem: Kannst du deinen Protagonisten nicht schaden, dann lass den Supporting Cast leiden.
Ähnlich wie Jessica Jones ist Luke Cage kein ausgebildeter Kämpfer, sondern eher eine Dampframme oder Naturgewalt. Er steckt ein und teilt so gleichzeitig aus, denn bei stahlharter Haut können auch schon mal die Knochen einiger unwissender Übeltäter brechen. Das ist ab und an nett anzuschauen, nutzt sich aber auch schnell ab, wenn der Variantenreichtum fehlt.
Schurkenproblem oder Drehbuchproblem?

Dabei ist nicht der Cast das Problem. Der ist durch die Bank weg mit soliden Schauspielern besetzt, die ihr Handwerk verstehen und auch Mike Colter als Cage ist ein Sympathieträger; viel eher liegt das an der teils wenig dynamischen Story. Episode eins bis drei ließen sich dabei sowohl strukturell, als auch inhaltlich raffen und zusammenlegen, denn hier gibt es einige Doppelungen, sowohl von den Aktionen, Aussagen der Handelnden, als auch den Spielorten.
Problematisch und wenig spannend ist für mich die Motivation des Schurken, die etwas zu wenig ambitioniert und klein erscheint. Cottonmouth, wie Stokes nicht gerne genannt wird, ist ein Gangster mit den üblichen Geschäftsfeldern, dessen Vorbild Notorious B.I.G. ist. Er möchte der König oder Herrscher von etwas sein und schreckt dabei nicht vor Gewalt zurück. Gegen Cage zieht er in den Krieg, weil dieser ihm Widerstand leistet und sich in seine Geschäfte sowie sein Territorium einmischt.

Da Luke Cage sich aber nun mal nicht in einem Serienvakuum, sondern im Marvel-Cinematic-Universe abspielt und vorher aus dieser Street-Level-Ecke bereits zwei Serien hervorgegangen sind, drängt sich der Vergleich mit den anderen Schurken auf. Und in dem Bereich kann Mahershala Alis Cottonmouth leider nicht anstinken. Wilson Fisk (Vincent D'Onofrio) und Kilgrave hinterlassen sofort mehr Eindruck, sind unheimlicher oder imposanter und auch ihre Ziele sind deutlicher formuliert. Stokes wirkt wie ein weiterer Gangsterfisch im großen Teich. Aber offenbar ist er ohnehin nur die Vorspeise, denn immer wieder fällt der Name Diamondback, der vielleicht oder vielleicht auch nicht der wahre Big Bad der Staffel ist - die ersten sieben Folgen machen einen da noch nicht unbedingt schlauer.

Eine Figur, die ebenfalls unausgegoren ist, heißt Shades. Sie wird von dem aus Sons of Anarchy bekannten Theo Rossi gespielt, und zwar als David Caruso-Hommage. Die Figur ist der Botschafter von Diamondback, gibt gerne ein paar Floskeln von sich, setzt dabei die Sonnenbrille (Shades, get it?) ab und danach wieder auf. So eine Figur kann funktionieren, aber Rossi taucht nicht genug in den Charakter ab und wirkt einfach nicht sonderlich motiviert.
Fazit

Für mich ist Luke Cage leider nicht der erhoffte Serienknaller, den ich mir gewünscht habe, wobei ich die Figur in den Comics in den letzten Jahren nach der „Alias“-Comicreihe und seiner Zeit als Anführer der „New Avengers“ oder auch der „Mighty Avengers“ gerne verfolgt habe.
Mich haben sowohl der Pilot als auch die sieben Folgen, die ich bisher gesehen habe, nicht vom Hocker hauen können. Das liegt viel am Pacing und am Drehbuch und wenig an den sehr fähigen Darstellern und dem schönem Setting in Harlem.
Dabei ist Besserung tatsächlich ab Folge vier und fünf in Sicht, welche die bis dahin präsentierte Formel durch das Ausschmücken des Figurenhintergrunds, einer besseren Dynamik und einem gelungenerem Flow durchbrechen.
Für die Comicfans gibt es natürlich auch im Verlauf der Episoden die eine oder andere Anspielung (herrlich: Das Originalkostüm aus den 70ern), Catchphrases („Sweet Christmas“) und Verweise auf das MCU sowie andere Marvelserien.
Im Triumvirat der bisherigen Marvel-Netflix-Serien belegt „Luke Cage“ für mich aktuell leider den letzten Platz. Es ist keine schlechte Serie, aber auch keine herausragend gute, was schade ist.
Trailer zu „Luke Cage“
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 30. September 2016Luke Cage 1x01 Trailer
(Luke Cage 1x01)
Schauspieler in der Episode Luke Cage 1x01
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