Lost Girl 4x12

Die Macher von Lost Girl haben in der vorletzten Folge der Staffel viel Arbeit vor sich: Das Trauma der vergangenen Episode muss aufgearbeitet werden und es sollte sich zumindest langsam andeuten, gegen wen unsere Succubus Bo (Anna Silk) am Ende in den Ring steigen muss. In der Episode Origin ist es Zeit, die Figuren in Stellung zu bringen, die Hosen herunterzulassen - aber anders als sonst in der Serie üblich - und die Katze aus dem Sack zu zerren: Wer ist Freund, wer ist Feind, und wem müssen wir das Chi aussaugen, bis er mit einem erschöpften Grinsen tot umfällt?
Äh. Wie war das nochmal im Mittelteil?
In dieser Episode passiert so viel so schnell hintereinander, dass wir ausnahmsweise zuerst die wichtigsten Punkte stichwortartig zusammenfassen.
Zuerst: Bos Vater ist ein Pferd. Nein, ehrlich. Genauer gesagt ist er (angeblich) der Pyrippus, ein richtig übler Bursche, der in Helheim gefangen gehalten wurde. Jetzt ist er entkommen, weil Bo und Rainer (Kyle Schmid) eine Prophezeiung erfüllt haben und „gebunden“ (offenbar aber nicht verheiratet) sind. Eine andere Prophezeiung besagt, dass entweder sie oder Rainer sterben wird. Bo soll außerdem die Königin sein. Es gibt immer mehr Andeutungen, dass Rainer auch ein Arsch und zukünftiger Fae-Verräter ist, obwohl er immer noch so unglaublich nett wirkt.
(Dass plötzlich so viele Weissagungen herumschwirren, liegt daran, dass die Geschichte sich nach Rainers Ausstieg aus dem Todeszug wieder umschreibt. Das passt schon.)
Weiter: Kenzi (Ksenia Solo) fühlt sich von allen verraten, weil niemand Hales (K.C. Collins) Tod rächen will. Sie bricht mit Bo und zieht aus. Außerdem kracht es zwischen Bo und Lauren (Zoie Palmer). Die gute Frau Doktor kann dafür jetzt Fae in Menschen verwandeln, und probiert das gleich an der Morrigan (Emmanuelle Vaugier) aus. Diese entpuppt sich als die Mutterfigur für Massimo (Tim Rozon), der inzwischen völlig wahnsinnig geworden ist. Dummerweise isst der Druide die Power-Nuss der Una Mens und könnte jetzt Superman sein.
The doctor is in (the game)
Als erstes müssen wir auf einen Punkt eingehen, der in dieser Folge im Verhältnis zu seiner Bedeutung für die Serie viel zu kurz kommt: Lauren kann jetzt Fae in Menschen verwandeln. Nochmal, um die Tragweite deutlich zu machen: Unsere Dr. Hotpants hat jetzt das Wissen, um die Fae als eigenständige Art auszulöschen. Der Pyrippus mag vor der Tür stehen und Mad Massimo könnte Superkräfte haben, aber langfristig ist „The Lewis Solution for Difficult Fae“ die mit Abstand größte Bedrohung für ihre Art. Sie ist im Besitzer einer Anti-Fae-Biowaffe.
Es bleibt unklar, warum Lauren das Verfahren entwickelt hat. Dass sie alle Fae in Menschen verwandeln will, kann man nicht ausschließen, denn ihr erstes Opfer ist ausgerechnet die Anführerin der Dark - ein klassischer Enthauptungsschlag. Allgemein hat Lauren Grund genug, die Fae zu hassen.
Auffällig sind aber ihre Beteuerungen, sie tue alles nur für Bo. Wir erinnern uns: Die Doccubus-Beziehung scheiterte insbesondere deswegen, weil Lauren als Mensch nicht die Kraft hatte, Bos Chi-Hunger zu stillen. Was aber, wenn auch Bo ein Mensch wäre? Unsere Succubus hat sich bis vor vier Jahren schließlich nichts anderes gewünscht, als normal zu sein. Jetzt gibt es die Option. Niemand muss mehr Fae sein.
Deine grauen Augen machen mich so sentimental
Die Show stehlen in dieser Woche allerdings zwei andere Frauen. An erster Stelle steht hier wieder Ksenia Solo. Man mag über den Sinn oder Unsinn von Hales Tod geteilter Meinung sein, aber er hat Solo unbestritten die Gelegenheit gegeben, ganz neue Seiten ihres Könnens zu zeigen. Kenzis Wut, Trauer, Enttäuschung, ihr Gefühl von Verrat, das alles bringt sie so gut herüber, dass man sie fast als überqualifiziert für diese Serie einstufen muss. Schon ihr „I wanted to say yes“ in der vorherigen Folge war herzzerreißend, nun kann sie in Origin die Entwicklung der Figur konsequent fortsetzen. In dieser Episode wird wieder deutlich, wie viel von Lost Girl als Serie auf Solos schmalen Schultern lastet.
Da Kenzi mit der Trauerarbeit beschäftigt ist, muss die Morrigan die Sprüche liefern, und auch Emmanuelle Vaugier ist dem gewachsen. „This puss-puss isn't going to wax itself“ ist genauso passend wie ihre Reaktion auf ihre Menschwerdung: Unbeirrt weiter als Herrscherin aufzutreten. Auch hier gibt uns eine Ausnahmesituation einen neuen Blick auf die Persönlichkeit einer Figur, die sie langfristig stärker machen wird: Evony die Unbeugsame.
Once Were Warriors
Das Gegenteil gilt allerdings für Vex. Paul Amos trifft hier keine Schuld, sondern die Autoren, die seine Figur im Laufe der Zeit immer weiter ins Lächerliche gezogen haben, bis man ihn nicht mehr als die Bedrohung sehen kann, die er am Anfang war - der gewissenlose bad ass, der Leute zwingt, sich selbst die Augen auszustechen. Seine Vatergefühle für Massimo sind dabei nur der nächste Schritt des Abstiegs. Wir kennen das Phänomen der verweichlichten Bösewichte leider nur zu gut von anderen Serien, seien es die Borg bei Star Trek: The Next Generation oder - um unsere wöchentliche Parallele zu Buffy the Vampire Slayer zu ziehen - von Spike (James Marsters). Auch Vex wird immer mehr zum Pausenclown - ein guter Pausenclown, wohlgemerkt, wie „Just don't mention Hamlet“ bezeugt. Aber keine Bedrohung mehr.
Und was ist mit unserer Hauptfigur? Bo (Anna Silk) bleibt statisch. Das ist zwar in gewisser Weise der Rolle geschuldet. Es verwundert aber etwas, wie einfach sie Lauren abbügelt und dass sie tatsächlich nicht ihrer eigentlichen Familie - also Kenzi und Co - den Vorrang einräumt. Es bleibt weiter offen, ob sie unter einem Bann steht. Aber in dieser Folge ist klar zu sehen, dass nicht nur sie, sondern auch Rainer einen magischen Handabdruck auf der Brust trägt. Das lässt die Alternative offen, dass beide verzaubert sind, denn sie verhalten sich auch beide eher untypisch - Bo faselt ständig irgendwas von ihrem Schicksal, während Rainer im Moment nicht der Bösewicht ist, für den ihn alle außer Bo halten wollen.
Fast drängt sich die Theorie auf, dass Rainer und der Pyrippus irgendwie doch verbunden sind durch irgendeine mystische Fae Jekyll-and-Hyde-Variante.
War da nicht noch etwas?
Da Origin (wieder) so vollgepackt mit Handlungssträngen, plötzlichen Wendungen und Enthüllungen aller Art ist, bleibt einiges auf der Strecke. Wir haben immer noch keine Ahnung, was der Tod der Una Mens für die Fae-Gesellschaft als Ganzes bedeutet. Überhaupt sind wir im Moment sehr auf die Kernfiguren beschränkt, so, als wären die anderen Fae alle in Whistler im Ski-Urlaub. Die Frage wird jetzt dringender, da kaum zu erwarten ist, dass sich die Dark Fae von einer Menschenfrau führen lassen.
Dann wäre da nach das Verhältnis von Tamsin (Rachel Skarsten) zu Dyson (Kristen Holden-Ried). Wir erinnern uns: Die Walküre ist dem Werwolf in der vorherigen Folge auf den Schoß gesprungen. Selbst eine erklärt „sex positive“ Serie wie Lost Girl sollte kurz auf das Nachspiel eingehen. Diese zwei Figuren - beide ausgesprochene Zuschauer-Lieblinge übrigens - kommen allerdings hier wieder nur am Rande vor. Die Episode ist viel zu sehr damit beschäftigt, den komplizierten Plot durchzupeitschen.
Would the real Big Bad please stand up
Das ist auch die Hauptkritik an Origin: Es passiert wieder zu viel in zu kurzer Zeit. Einige Zwischenschritte weniger und dafür mehr Zeit mit den Kernfiguren hätten der Episode gut getan. Allgemein: Entweder man gesteht der Serie mehr Folgen pro Staffel zu, oder die Autoren müssen lernen, sich zurückzuhalten. Das Tempo wird anstrengend.
Allerdings muss man am Ende dieser Episode den Machern von Lost Girl ein Lob aussprechen: Sie haben es geschafft, bis zuletzt die Spannung zu erhalten. Wir gehen ins Finale, ohne zu wissen, ob Rainer (Kyle Schmid) wirklich böse ist oder nicht, was der Pyrippus von seiner Tochter will, wie Massimo aufgehalten werden kann, was Lauren vor hat und wie sich Bo und Kenzi wieder versöhnen. Wir können zwar davon ausgehen, dass die Hauptfiguren überleben - ein Toter aus der ersten Reihe reicht pro Staffel - aber nicht, in welcher Form das geschehen wird. Besonders bei Bo reichen die Alternativen vom Aufstieg zur Königin aller Fae bis zum Abstieg zum einfachen Menschenkind.
Fazit
Origin ist eine gute Folge. Sie wird ihrer Aufgabe gerecht, die Figuren für das Finale in Stellung zu bringen und die Spannung zu erhalten. Es werden langfristige Entwicklungen vorangetrieben - Hales Tod und die Folgen für Kenzi - und der Endkampf eingeleitet. Jetzt wollen wir vor allem eins wissen: Wie diese Staffel ausgeht. Ein größeres Lob kann man einem Geschichtenerzähler nicht aussprechen.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 12. Februar 2014(Lost Girl 4x12)
Schauspieler in der Episode Lost Girl 4x12
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