Lost Girl 4x11

Rufen wir uns in Erinnerung, was uns an Lost Girl immer gefallen hat: Der überdrehte Humor, die Selbstironie, dumme Sprüche mit wunderbaren Wortspielen und der ständige Kampf mit der kanadischen Zensur, wie viel der Zuschauer von Anna Silk sehen darf. Der B-Movie-Charm von fürchterlich schlechter Computergrafik, der Running-Gag mit den Stiefeln, eine liebeskranke Succubus, die zur Musik von Billy Squier Autos mit einer Brechstange zertrümmert. Lost Girl hat zunächst und vordringlich Spaß gemacht, eine abgedrehte Popcorn-Serie, die sich nie selbst zu ernst nahm. Klammern wir uns jetzt ganz fest an diese Momente, den in End of Line treten die Autoren dem Grundkonzept von Lost Girl so richtig in die Eierstöcke.
The black dude dies first
Fangen wir mit dem größten Einschnitt an, dem Tod von Hale (K.C. Collins). Als wir in den vergangenen Besprechungen sagten, dass es Parallelen zwischen Lost Girl und Buffy the Vampire Slayer gibt, war das eine Feststellung, nicht der Aufruf an die Macher, sich Joss Whedon zum Vorbild zu nehmen. Aber nein: Kaum hat Tara (Amber Benson) - Entschuldigung, Hale - das Glück gefunden, muss er sterben. Showrunner Emily Andras erklärt den Tod so in einem Interview: „I just think it's the fourth season and it's time for things to get really real“. Nur echt mit toten Figuren, lautet hier das Motto, das Whedon vermutlich eingerahmt über seinem Schreibtisch hängen hat.
Zu Lost Girl passt das aber nicht. Whedon kommt mit einem moralischen Anspruch daher, uns das Leben zu erklären, was man gut oder schlecht finden kann. Die Succubus-Autoren um die Schöpferin Michelle Lovretta begannen eigentlich mit der Prämisse, eine witzige sex-positive Serie zu schaffen. Wie weit sich die Macher von diesen Wurzeln entfernt haben, zeigt End of Line nur zu deutlich: Früher musste man sich wegen der Bett-Szenen Sorgen machen, dass die Kinder ins Wohnzimmer kommen könnten. Jetzt möchte man nicht, dass sie sehen, wie einer Frau in den Bauch getreten wird, während sie wimmernd am Boden liegt. Vielleicht hat sich SyFy endlich durchgesetzt und die Serie für den US-Zuschauer „amerikanisieren“ lassen: Weg mit dem Sex, her mit der Brutalität.
More shit my grandfather says
(Dass ausgerechnet Hale sterben muss, hinterlässt auch aus einem anderen Grund einen faden Beigeschmack. Möglicherweise ist man in Kanada gesellschaftlich inzwischen so weit, dass die Hautfarbe einer Figur überhaupt keine Rolle mehr spielt, etwa wie man sich keine großen Gedanken macht, ob mehr Linkshänder (oder in dieser Serie Linksträger) daran glauben müssen. Von der Alten Welt aus betrachtet, ist es allerdings auffällig, dass aus der Kerngruppe der einzige Schwarze zuerst stirbt. Wenn wir uns jetzt noch daran erinnern, wie das mit dem ersten Ash (Cle Bennett) lief, wird es noch unangenehmer. Am Ende müssen das die Nordamerikaner unter sich ausmachen. Wir halten hier nur fest, dass Schwarze in Lost Girl eine überdurchschnittliche Mortalitätsrate haben und dass jetzt alle wichtigen Figuren am Strand einen hohen Sonnenschutzfaktor brauchen.)
End of Line ist aber auch aus anderen Gründen schlecht. Die Handlung ist richtungslos - wer jetzt welche Wiedergänger erschafft um wen anzugreifen, versteht man erst wirklich beim zweiten Mal. Die Entscheidung, auf Marie Laveau (Marci T. House) zurückzugreifen während in American Horror Story eine gewisse Angela Bassett die selbe Figur absolut grandios spielt, ist bestenfalls unglücklich. Das Gespräch zwischen Trick (Richard Howland) und Vex (Paul Amos) hat keine wirkliche Verbindung zur restlichen Folge, bekommt nicht genug Zeit eingeräumt um interessant zu werden und wirkt ohnehin gezwungen. In dieser Woche ist es Kenzi, deren Geschichte offengelegt wird, denn in der vierten Staffel kommen ja alle mal an die Reihe.
If I can't dance, I don't want to be part of your revolution
Ksenia Solo ist es dann auch, die für die meisten der spärlichen Lichtblicke der Folge sorgt. Man mag über das Heulfest am Ende denken, was man will, sie bringt die Verzweiflung und Trauer glaubwürdig herüber (Anna Silk etwas weniger). „I wanted to say yes“ ist in dieser Woche der einzige Satz, der wirklich durch Mark und Bein geht. Dass Hale durch ihr Schwert Geraldine stirbt, gibt allem eine zusätzliche Tragik. Sein Tod müsste eigentlich die Figuren hart treffen und dieser Augenblick dürfte eine Vorschau darauf liefern.
Wir müssen an dieser Stelle mit „müsste“ und „dürfte“ Vorlieb nehmen, denn eigentlich hätte erstmal das Massaker an den Una Mens in dieser Episode aufbereitet werden müssen. Bo enthauptet die Fae-Gesellschaft und es stehen nicht Hunderte Leute vor der Tür, die sie wahlweise hochleben oder verfluchen wollen? Müsste die Morrigan (Emmanuelle Vaugier) jetzt nicht dringenden Gesprächsbedarf haben, wenn nicht mit Bo, dann mit Trick (Richard Howland) als Übergangs-Chef der Light Fae? Eine Hurra-wir-sind-frei-Party in The Dal wenigstens? Ein solch grundsätzlicher Eingriff in die fiktive Welt der Serie, eine solche Revolution, braucht eigentlich mehrere Folgen Aufarbeitung.

Da steht ein Pferd auf dem Flur
Immerhin wurde die Haupthandlung etwas weitergetrieben. Tamsin (Rachel Skarsten) spricht endlich aus, was der Zuschauer schon lange ahnt - irgendwas stimmt nicht mit der Idee, dass Rainer (Kyle Schmid) der Wanderer sein soll. Die Lage ist verwirrend: Trick und die Una Mens haben ihn eindeutig erkannt, Tamsin sagt dagegen, dass er nicht ihr Chef ist. Irgendjemand ist hier im falschen Märchen. Leider schreit diese Situation nach einer Deus ex Machina-Lösung.
Denn das ist nicht der einzige Ball, mit dem Lost Girl kurz vor Ende der Staffel noch jongliert. Die Power-Nuss der Una Mens ist immer noch weg, Tamsin steckt offenbar in richtigen Schwierigkeiten, Bo hat einen magischen Handabdruck auf der Brust, Massimo (Tim Rozon) muss aus Gründen der poetischen Gerechtigkeit sterben - diesmal aber richtig - und plötzlich reden alle wieder von dem feuerspuckenden/chisaugenden Riesenpferd, dem Pyrippus. Da ist es tapfer von den Autoren, Tamsin auch noch auf Dysons Schoß hüpfen zu lassen - sie haben schon mehr als genug Arbeit vor sich. Was immer in den letzten beiden Folgen noch passiert, es wird vor allen Dingen sehr schnell passieren müssen.
Fazit
Die Idee des Genres ist von zentraler Bedeutung für eine Serie - ein Versprechen der Autoren, dass sie den berühmten Wunsch des Zuschauers nach „nochmal das Gleiche, nur anders“ erfüllen werden. Das Versprechen von Lost Girl war bislang, eine überdrehte Fantasy-Serie mit viel Humor, viel (für nordamerikanische Verhältnisse) Sex und bizarren Figuren zu bieten, mit Ausflügen in die romantische Komödie und einem seltsamen Fall der Woche. Dass die Macher das eigentlich verstanden haben, zeigt Groundhog Fae, deren Autowasch-Szene am Anfang symbolisch für die ganze Serie stehen kann.
In End of Line brechen die Autoren ihr Versprechen. Der sinnlose Tod einer lieb gewordenen Figur, der fehlende Humor, die Brutalität, das alles passt nicht in eine Serie, die sonst aus gutem Grund mit Wörtern wie camp und goofy beschrieben wird. Wer so etwas sehen will, geht ohnehin woanders hin, denn ernste Supernatural-Serien gibt es wie Vampire im Fernsehen: Viel zu viele.
So macht das alles keinen Spaß. In dieser Episode hat sich Lost Girl wirklich verirrt.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 29. Januar 2014(Lost Girl 4x11)
Schauspieler in der Episode Lost Girl 4x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?