Lost Girl 4x13

Lost Girl 4x13

Endgegner, Enthüllungen und ein Einschnitt, der entsetzt - das Finale der vierten Staffel der kanadischen Serie Lost Girl hat es in sich. Ein Gastreview von sw2012.

Bo (Anna Silk) im Staffelfinale von „Lost Girl“ / (c) Showcase
Bo (Anna Silk) im Staffelfinale von „Lost Girl“ / (c) Showcase

Ein Endgegner? Kinderkram! Bo (Anna Silk) hat es gleich mit zweien zu tun, übermächtig und praktisch unbesiegbar. Mehr noch, ihre Freunde und Verbündete sind zerstritten, haben sich von ihr abgewandt oder gar ihre Kräfte verloren. Der Sieg mag noch möglich sein - aber zu welchem Preis? Mit Dark Horse droht einer dunklen, blutigen Staffel von Lost Girl auch ein dunkler, blutiger Abschluss.

Now if you would just die like a good boy

Als Hale (K.C. Collins) starb, konnte man noch sagen, okay, das ist der Einfluss von Joss Whedon. Jetzt müssen wir uns langsam Gedanken machen, ob die Autoren von Lost Girl nicht zu viel George R. R. Martin gelesen haben.

Gleich drei weitere Todesfälle müssen wir in dieser Folge bezeugen: Massimo (Tim Rozon), was schon aus Gründen der poetischen Gerechtigkeit klar war, denn er war ein Arsch und so Leute müssen einfach sterben. Rainer (Kyle Schmid) war von Anfang an zu schön und edel, um wahr zu sein, und hätte die Dreiecksbeziehung von Bo, Dyson (Kristen Holden-Ried) und Lauren (Zoie Palmer) zerstört. Auch sein Tod ist keine Überraschung, höchstens, wie schnell es passiert.

Und dann ist da noch Kenzi.

Bright eyes, burning like fire

Kenzis (Ksenia Solo) Tod ist eine echte Überraschung. Zwei Hauptdarsteller in einer Staffel sterben zu lassen ist ungewöhnlich, weswegen man sich nach Hale eigentlich ziemlich sicher fühlen durfte. Ihre Rolle in der Serie ist zudem von zentraler Bedeutung: Kenzi ist nicht nur Bos Herz, wie sie sagt, sondern auch Bos Verbindung zur normalen Welt. Als Mensch unter Superwesen - zu denen wir inzwischen auch unsere Intelligenzbestie Lauren zählen müssen - ist Kenzi die wichtigste Identifikationsfigur des Zuschauers, die Person, die unserem „WTF?!“ in dieser abgefahrenen Welt eine Stimme gibt. Klein und schwach, aber listig und mutig - die Menschen mögen zwar Nahrungsmittel und Fickspielzeuge für die Fae sein, aber so lange Kenzi unsere Fahne hochhält, müssen wir uns nicht schämen.

Zudem schafft Kenzi wichtige Freiräume für die Autoren. Wenn die Fae wegen irgendwelcher dämlichen Traditionen handlungsunfähig sind, legt sie die Kettensäge an den Baum der Norn (Kate Trotter) an. Wenn die Serie einen Querulanten braucht, ist sie zur Stelle, sagt, was alle denken, aber niemand auszusprechen wagt, steckt ihre Nase in Dinge, die sie nichts angehen, bringt Leben in die Bude, selbst wenn es in Form von Baba Jaga ist. Sie ist der Inbegriff eines Sidekicks. Und wenn Leute über Lost Girl reden, wird früher oder später immer auf die Kenzi-Spüche verwiesen.

Death is only the beginning (again)

Deswegen und wegen der ganzen Andeutungen in der Folge selbst - insbesondere Bos Schwur - können wir davon ausgehen, dass Kenzis Tod etwa so endgültig sein wird, wie die zwei von Buffy (Sarah Michelle Gellar) es waren. Dass sie aus Walhalla verschwunden ist, muss nichts heißen, denn trotz ihres heldenhaften Todes ist Kenzi einfach keine Kriegerin.

Wer noch die Folge La Fae Epoque im Kopf hat, wird sich an ihr Engelskostüm erinnern. Wie viel will man jetzt in diese Szene hineininterpretieren?

Im Gegensatz zu Rainers Tod ist Kenzis Opfer allerdings ihrer würdig und wird groß inszeniert, einschließlich der obligatorischen Stiefeleinstellung, die bei jeder Folge von Lost Girl dazugehört wie der tiefe Blick in Bos Ausschnitt. Stilecht bis in den Tod, wie es bei ihr sein muss. Während Rainer und auch Massimo (Tim Rozon) vergleichsweise schnell abgefertigt werden, lässt man sich für ihren Gang ins Licht Zeit. Selbst wenn es keine fünfte Staffel geben oder Solo abspringen sollte: Kenzi ist einen guten Tod gestorben.

Tötet Tyrion!

Trotzdem bleibt die Frage, warum es gerade Kenzi sein musste. Es hätte einen deutlich besseren Kandidaten gegeben: Trick (Richard Howland). Der Blutkönig hat Unglaubliches auf dem Gewissen, seine Beraterfunktion für Bo ist mehr oder weniger zu Ende und es wird immer unglaubwürdiger, dass er seine wahre Identität geheimhalten kann. Tricks Tod hätte nicht nur ein klassisches Element des redemption in die Serie gebracht, sondern Bo auch gezwungen, ohne ihre Stütze auszukommen und damit als Figur zu wachsen. Irgendwann muss jeder Jedi schließlich Yoda verlassen und sich seinem Vater stellen. Das wäre jetzt Bos Chance gewesen.

Der (vermutlich) endgültige Tod von Massimo, Rainer und Hale verschafft den anderen Figuren Platz, sich zu entfalten. Wir sehen den Effekt schon in dieser Folge in den Momenten, die Bo mit Dyson und Lauren verbringt. Schön ist dabei wie ihre Partner beide sich auf ihre jeweils eigene Art zu Bo bekennen, Dyson mit einem formellen Treueschwur, Lauren mit einfachen Worten „I'm yours“. Die vierte Staffel hat uns weit weg geführt von der Geschichte, wie sie in den vorherigen drei erzählt wurde. Diese Szenen sind ein Zeichen der Autoren, dass ihnen das bewusst ist, und ein Schritt zurück zu den Wurzeln.

Born this way

Die vielleicht langfristig wichtigste Enthüllung dürfte die überfällige Erklärung sein, was es mit Bos Kräften auf sich hat. Wir wissen jetzt, dass sich die Fähigkeiten unserer Succubus aus zwei Quellen speisen: dem „hellen“ Blut ihrer Mutter und dem „dunklen“ Blut ihres Vaters. Seit Death Didn't Become Him in der zweiten Staffel rätseln wir, warum sie in Extremsituationen aus gleich allen Menschen im Raum das Chi heraussaugen kann und dabei komisch spricht, oder warum sie Ausbrüche von schierer, blauäugiger Bösartigkeit hat. Jetzt ist klar: Unsere Succubus ist ein Hybrid. Dank des dunklen Blutes ihres Vaters trägt sie die „Dark Queen“ in sich, die immer mal wieder auszubrechen droht. Bo leidet an einer blutbedingten multiplen Persönlichkeitsstörung.

Man kann Lost Girl an dieser Stelle unterstellen, etwas mit den Regeln ihres Universums herumzuspielen. Am Anfang wurde die Trennung zwischen hellen und dunklen Fae mehr als eine philosophische Frage betrachtet, eher die Folge unterschiedlicher Weltanschauungen. In dieser Staffel kommt immer mehr das Blut oder allgemeiner die Vererbung als Element hinzu, etwas auf jeden Fall, das außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Die Diskussionen mit Tamsin gehen in diese Richtung.

Mama told me not to come

Dass Bo einfach ihren Vertrag mit den Dunklen zerreißt und sich wieder für unabhängig erklärt, geht wiederum in die andere Richtung. Dysons Zweifel scheinen berechtigt. Hier gestehen die Autoren immerhin ein, dass die jüngsten Entwicklungen massive Auswirkungen auf die Welt der Fae haben müssen, etwas, auf das wir seit dem Massaker an den Una Mens warten. Ohne sie scheint es keinen Grund mehr für die Trennung zu geben und insbesondere keine Instanz, um diese durchzusetzen.

Ebenfalls anerkannt wird die Bedeutung von Laurens neuer Fähigkeit, Fae in Menschen zu verwandeln und welche Folgen das für sie persönlich haben wird. Dieser Strang - einschließlich der menschlichen Morrigan - gehört zu den vielversprechendsten Entwicklungen der Staffel. Es gibt Emmanuelle Vaugier die Chance, wesentlich mehr von ihrem Können zu zeigen. Ihre Figur könnte zu einer der interessantesten der nächsten Staffel werden.

Fazit der Episode

Dark Horse ist unerwartet gut darin, Handlungsstränge abzuarbeiten, offene Fragen zu beantworten und am Ende alles in einen mehr oder weniger geordneten Zustand zurückzuführen. Was übrigbleibt - Kenzis Schicksal, die Suche nach dem zweiten Höllenschuh, die menschliche Morrigan - ist eindeutig so gewollt. Auch wenn Kenzis Tod vermutlich ein Gimmick ist, er wurde gut umgesetzt. Wir haben Bos Pferde-Papa immer noch nicht gesehen, aber immerhin ist er jetzt Teil der Geschichte. Einzelne Schwächen wie der arg plötzliche Tod von Rainer und die wohl langweiligste Schlacht gegen Zombies in der Geschichte des Fernsehens verhindern zwar eine Bestnote. Aber dieses Staffelfinale ist eines der besseren der Serie.

Was uns zur Diskussion über die Staffel als Ganzes bringt...

Roll with the changes

Die vierte Staffel ist die mit Abstand düsterste und blutigste der Serie. Zeitweise - wie in Waves - driftet sie in Richtung Horror ab. Die Macher hätten genauso gut die eher leichte, überdrehte Stimmung der ersten drei Staffeln fortführen können, haben sich aber entschieden, den Sex zurückzufahren und dafür mehr auf Gewalt zu setzen. Nicht jedem wird das gefallen - Lost Girl tanzte bislang schon mal an der Grenze zur romantischen Komödie. Andere werden sich freuen, dass es endlich mehr zur Sache geht. Die Frage wird sein, welche Strömung sich ab jetzt durchsetzt, immer angenommen, es gibt eine fünfte Staffel.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass sich die Geschichte unserer Succubus in nur 13 Folgen rasant entwickelt hat. Wir wissen jetzt deutlich mehr über Lauren, Kenzi, Trick, Dyson und Vex, erkennen nun Bos Bitch-Queen-Ausbrüche als Dark-Queen-Anfälle und auch die Morrigan und Tamsin haben deutlich an Tiefe gewonnen. Die gesellschaftliche Ordnung der Fae ist mit dem Massaker an den Una Mens über den Haufen geworfen, die Trennung in helle und dunkle Fae steht grundsätzlich infrage und es gibt jetzt ein Verfahren, um Fae in Menschen zu verwandeln. Zwei Kernfiguren sind von uns gegangen, eine davon vermutlich für immer. Und wir wissen um die wunderbare Wirkung von Dark Belch.

Ich habe das im Mittelteil immer noch nicht verstanden

Der Preis dafür war ein halsbrecherisches Tempo. In Folgen wie Origin konnte der Zuschauer nicht aufs Klo gehen, ohne Angst haben zu müssen, irgendwas zu verpassen. Die Autoren haben in 13 Folgen den Stoff von gefühlt 26 durchgepeitscht. Auf Dauer ist das zu anstrengend - entweder gesteht Showcase der Serie wieder eine volle Staffel zu, oder die Autoren werden lernen müssen, Dinge auszulassen.

Den Machern muss man in mehreren anderen Punkten ein Lob aussprechen. Sie haben den Zuschauer wiederholt in die Irre geführt, sei es die Erwartung, dass die Una Mens der big bad sein würden oder dass Rainer eigentlich böse ist und Bo nur unter seinem Bann hält. Sie haben die Schwangerschaft von Anna Silk so gut überbrückt, wie man es nur erwarten konnte in einer Serie, die mit der Prämisse antritt, die Hauptdarstellerin sei übernatürlich sexy. Mag der Ablauf sich hin und wieder überschlagen haben und einzelne Zwischenschritte nicht wirklich nachvollziehbar gewesen sein, am Ende passt alles mehr oder weniger zusammen.

Baby you can wash my car

Es gab deutlich weniger Sex, aber zum Glück blieb der Humor nicht auf der Strecke. Die selbstironische Autowasch-Szene am Anfang von Groundhog Fae steht für die ganze Serie, auch wenn sie beim Zuschauer eine gewisse cineastische Bildung voraussetzt, um den Witz zu verstehen. Diese Folge ist auch die Beste der Staffel. Am anderen Ende steht End of Line, in der die Gewalt zu sinnloser Brutalität eskaliert, die Autoren aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen eine Figur töten und allgemein für 45 Minuten zu vergessen scheinen, welches Genre sie bedienen. Diese Episode ist nicht nur die schlechteste der Staffel, sondern bislang von Lost Girl überhaupt.

Am Ende ist die Summe der Einzelfolgen aber deutlich, deutlich positiv. Besonders die ersten Episoden konnten überzeugen. Die Autoren haben die düstere Stimmung gut genutzt, um die Figuren zu entwickeln - zumindest die, die überlebt haben -, lang überfällige Hintergrundinformationen nachzuliefern, die Geschichte weit voranzutreiben und uns dabei gut zu unterhalten, mit einem Ausrutscher. Selbst wenn wir in der fünften Staffel wieder zu mehr Sex und Spaß übergehen - und viele Fans dürften genau das fordern -, wird die vierte für immer tiefe Spuren hinterlassen.

Lost Girl hat sich für eine fünfte Staffel empfohlen. Wenn es sie nicht geben sollte, hat jemand in Kanada sein Chi nicht mehr zusammen.

Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 19. Februar 2014
Episode
Staffel 4, Episode 13
(Lost Girl 4x13)
Deutscher Titel der Episode
Das böse Pferd
Titel der Episode im Original
Dark Horse
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Sonntag, 16. Februar 2014 (Showcase)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 12. August 2014
Autor
Emily Andras
Regisseur
Ron Murphy

Schauspieler in der Episode Lost Girl 4x13

Darsteller
Rolle
Richard Howland
Rachel Skarsten

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