London Spy 1x01

BBC Two liefert mit London Spy einen melancholischen Spionagethriller ab, der zur Hälfte eine rührende Liebesgeschichte ist und perfekt zur herbstlichen Jahreszeit passt. Zumindest erweckt die erste Stunde der vielversprechenden UK-Produktion einen durchweg positiven Eindruck.
Are you okay?
Ben Whishaw, den die Filmjunkies vielleicht als Q aus den jüngsten James-Bond-Filmen oder olfaktorisch begabten Serienkiller aus der Literaturverfilmung „Das Parfum“ kennen, ist Danny - ein junger Londoner, der nach einer durchgefeierten Nacht auf einen attraktiven Jogger (Edward Holcroft) trifft, der ihn fragt, ob auch alles in Ordnung sei. Die Begegnung geht ihm nicht aus dem Kopf und so hofft er, an einem nächsten Tag zur frühen Stunde am selben Ort abermals dem Mystery-Man zu begegnen. Das Schicksal meint es gut mit ihm.

Sein Name ist Alex. Angeblich zumindest. Aufgrund des Serientitels und der vielleicht schon bekannten Verortung im Spionagegenre fällt es als Zuschauer zunächst schwer, sich auf die eigentlich wunderbare Liebesgeschichte der beiden Männer einzulassen. Wer ist der Spion? Sind vielleicht beide Spione? Was sind ihre wahren Intentionen? All dies schießt einem durch den Kopf und vielleicht ist das sogar die Absicht von Autor Tom Rob Smith, der vor allem für seine Romantrilogie „Child 44“, „The Secret Speech“ und „Agent 6“ bekannt ist.
Zum Glück verwendet die erste Episode von „London Spy“ einen Großteil der Zeit auf die Entwicklung der Romanze zwischen dem schlunzigen Danny und dem verschlossenen Genie Alex, der in einer abgesicherten Nobelwohnung angeblich seiner vertraulichen Arbeit als Investmentbanker nachgeht. Die Beziehung wird dermaßen langsam, gefühlvoll und letztlich auch effektiv aufgebaut, dass ich den Übergang zum Thrillerteil irgendwann regelrecht gefürchtet habe, weil mir das Glück der beiden Turteltauben doch wichtiger wurde als die versprochene Agentenaction. Du hast vor, uns das Herz zu brechen, nicht wahr, „London Spy“?

Nach acht Monaten Beziehung lernt Alex endlich Dannys Vertrauten, einen älteren, ebenfalls schwulen Gentleman namens Scottie kennen (immer gern gesehen: Oscarpreisträger Jim Broadbent), der in schwierigen Zeiten für ihn da war, als er erstmals nach London kam. Was genau diese Zeiten beinhalteten, gesteht Danny seinem Freund in einem schwierigen Gespräch in der Nacht vor einem geplanten Ausflug. Zu diesem erscheint der wortkarge Bänker allerdings nicht und nach Tagen ohne ein Lebenszeichen ahnt Danny, ihn mit seiner Story vergrault zu haben. In Wirklichkeit ist hiermit der Thriller angebrochen.
Der Spion, der mich liebte
Der Genreübergang erfolgt schließlich - aber nicht gänzlich unerwartet -, als Dannys Paketscanner bei der Arbeit gehackt wird und ihn zu einem Päckchen führt, welches die vier Schlüssel beinhaltet, die zum Betreten von Alex' Hochsicherheitswohnung nötig sind. Auf dem Dachboden entdeckt er verwunderterweise einen geheimen Playroom inklusive Drogenvorrat und jeder Menge SM-Utensilien. Hat sein schüchterner Freund nur vorgegeben, sexuell vollkommen unerfahren zu sein?

Die spannend inszenierte Erkundungstour auf dem Dach führt Danny zu einem Koffer, in welchem sich eine bereits teils verweste Leiche befindet. Ehe die Polizei vor Ort ist, kommt Danny auf die Idee, den vorher von Alex erwähnten Akku des Laptops unter die Lupe zu nehmen. Darin findet er einen Gegenstand, den er kurzerhand verschluckt. Nachdem die Polizei ihn darüber aufgeklärt hat, dass sein Partner eigentlich Allister heißt und nicht für eine Bank arbeitet, lässt Scottie das Verhör unterbrechen und macht sich leicht verdächtig, indem er nach einem fehlenden Objekt vom Tatort fragt.
Welchen Gegenstand Danny schließlich aus seiner Toilette fischt und wie dieser in ins Spionagemilieu führt, wird für die nächste Folge aufgespart.
Fazit
Die erste Episode von London Spy macht eigentlich alles richtig. Sie lässt sich Zeit, die Charaktere zu etablieren, so dass uns, wenn der Thriller vor der Tür steht, regelrecht angst und bange um sie wird. Die gefühlvoll und langsam ins Rollen gebrachte Liebesgeschichte ist eine der rührendsten Bildschirmromanzen, die mir in letzter Zeit unterkommen sind und auch wenn sie hin und wieder dick aufträgt, wurde sie mir nie zu kitschig, sondern blieb stets stimmungsvoll. Dieses Attribut kann wohl dem gesamten Paket attestiert werden. Mit sicherer Hand inszeniert und einem passend melancholischen Soundtrack unterlegt, wird eine rundum atmosphärische Herbststimmung transportiert. Dazu legen sämtliche Darsteller extrem gute Arbeit ab.
Einzig, ob „London Spy“ auch tatsächlich als Spionagethriller taugt, muss die Serie noch unter Beweis stellen, da dieser Part erst zum Ende der Episode hin eingeläutet wird. Die überaus spannende und beklemmende Sequenz auf dem Dachboden und das Erwartungsspiel, was schon während der ruhigen Einführung doppelbödig gewesen sein könnte, lässt allerdings Zuversicht aufkommen, dass die übrigen vier Kapitel das hohe Niveau der vornehmlich romantisch-dramatischen Pilotepisode halten können.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 14. November 2015London Spy 1x01 Trailer
(London Spy 1x01)
Schauspieler in der Episode London Spy 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?