Legion 3x03

© zenenbild aus der „Legion“-Folge (c) FX
Legion ist bekanntlich immer für einen guten Gehirn-Bumser gut. So auch die Folge Chapter 22, in der der Hauptcast größtenteils auf der Ersatzbank Platz nimmt und David Hallers Eltern Charles (Harry Lloyd, Game of Thrones) und Gabrielle (Stephanie Corneliussen, Mr. Robot) die Bühne überlässt. Aber, wie bei der FX-Mutantenserie üblich, ist hier nichts gewöhnlich.
Erscheint es zunächst so, als wäre das Problem eine erbliche Krankheit vonseiten der Mutter, die aus Konzentrationslagern befreit wurde, kommt im Laufe dieser Rückblickfolge doch viel mehr zum Vorschein... Durch die Verortung im Zweiten Weltkrieg ist nun auch zumindest semioffiziell klar, dass die Serie tatsächlich irgendwo rund um die 1970er Jahre angesiedelt zu sein scheint.
Mother!
Anfangs sehen wir ein Kammerspiel rund um Gabrielle, die offenbar von Charles ständig allein gelassen wird und Stimmen zu hören scheint, wenn sie mit Baby David allein ist. Allerdings erhält das alles im Lauf der Zeit immer mehr Kontext und Komplexität. Die Hinweise sind überall, der Shadow King hat sich eingenistet (die unheimliche Puppe) und findet sich sowohl im Babybett als auch bei Gabrielle in der Nervenheilanstalt.
Doch wagen wir einen chronologischen Abriss: Charles Xavier hat im Krieg gedient und trifft dabei auch auf deutsche Soldaten. Einen davon gibt er den telepathischen Befehl, sich selbst zu erschießen. Man mag sich kaum ausmalen, wie die Monstrositäten des Zweiten Weltkrieges für einen Telepathen sein würden. Entsprechend wird Charles nach seiner Rückkehr auch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, weil man damals noch nicht besser mit solchen Krankheiten wie PTSD umgehen konnte und Stimmen im Kopf wohl für andere psychische Störungen gehalten wurden.

Schon in jungen Jahren baut Xavier außerdem an seinem Cerebro, der Maschine, mit der man andere Mutanten aufspüren kann und genau damit ortet er Amahl Farouk (Navid Negahban), einen der gefährlichsten und ältesten Mutanten der Welt. Wegen ihm lässt Xavier später Frau und Kind daheim allein.
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She's a Rainbow

In der Heilanstalt lernt Xavier Gabrielle kennen und lieben. Er liest ihre Gedanken und stellt ihr Trauma fest, was sie auf gewisse Weise verbindet. Ähnlich wie bei Sydney (Rachel Keller) und David (Dan Stevens) entwickelt sich in der Anstalt eine aufblühende Liebe. Xavier erklärt ihr seine Kräfte und seine moralischen Regeln dafür. Begleitet von einer schönen Montage rund um „She's a Rainbow“ von The Rolling Stones, ein Song den wir auch schon bei Davids und Sydneys Kennenlernen hörten, sehen wir ihre Annäherung. Bald schlägt Xavier vor, dass er seine Macht zum eigenen Vorteil einsetzen könne und so manipuliert er alle vor Ort, damit die beiden glücklich und gemeinsam heraus marschieren können.
Serienmacher Noah Hawley dürfte sich dessen bewusst sein, dass hier moralische Grauzonen ausgelotet werden. Denn Xavier als Mutant weiß um seine Massenmanipulation, auch wenn seine Kräfte als Krankheit missverstanden werden. Gleichzeitig nutzt er eine Person in einem Abhängigkeitsverhältnis aus und überlässt sie später häufig sich selbst. So unähnlich sind David und er sich also nicht.
Say captain, say wot
Mittendrin sind David und Switch (Lauren Tsai) auf Zeitreise als nahezu machtlose Beobachter. Stellt sich nur die Frage, wie machtlos sie wirklich sind. Denn zumindest Gabrielle scheint die Stimmen durchaus zu hören und ob ihrer eigenen Vergangenheit und Traumata an ihnen zu verzweifeln, besonders, da sie oft mit Baby David allein ist und nicht weiter weiß. Das ist insgesamt eine ziemlich tragische Situation, die David nicht zu begreifen scheint. Es begünstigt seinen größten Albtraum und das, was er am dringendsten verhindern will: Das Einnisten des Parasiten Shadow King in sich selbst.
Was David ebenfalls nicht begreift, ist, dass er Switch völlig an ihre Grenzen bringt. Mehrfach sagt sie, dass sie noch nie so weit zurückgegangen ist und man merkt an ihren Worten, wie sehr es an ihr zehrt. David scheint im Zeitstrudel relativ eingeschränkt zu sein, was seine Kräfte angeht, wobei emotionale Ausbrüche durchaus Wirkung zeigen.
True Love Will Find You in the End?
Davids Versuche, seine Mutter vor Amahl zu retten - und somit auch sich selbst -, scheitern, als er als unheimliche Kreatur im Raum erscheint, die seine Mutter offenbar ins Wachkoma versetzt. Bisher hatte David keinerlei Ahnung, was seine Eltern angeht, und er hatte sich gefragt, warum sie ihn nicht geliebt oder fortgegeben haben. Doch es scheint nun ganz klar - zumindest in dieser Zeitlinie - seine eigene Mitschuld zu sein. Als Xavier sein Konstrukt sieht, verbannt er es augenblicklich, seine Aufmerksamkeit ist damit jedoch von Baby David gelenkt, den der Shadow King ergreifen und von klein auf manipulieren kann. Es ist eine typische Ouroboros-Situation, die Legion gerne in die eigene Narration einbindet. Gleichzeitig lässt man sich Optionen offen für eine weitere Zeitreise, sobald sich Switch erholt hat. Aber in der Art und Weise, wie David gerade außer sich zu sein scheint, könnte er vielleicht etwas anderes erzwingen und die Lage verschlimmbessern.

Meisterlich ist allerdings die unterschwellige Bedrohung durch den Shadow King in die Folge eingebettet. Das lamellenhafte Antlitz, das bisweilen erscheint, die Andeutungen seiner Brille, der schwarze Rauch, der immer wieder aufsteigt, die Puppe des bösen Jungen - das ist alles einfach hervorragend per Mise en Scène beziehungsweise Mise en Place integriert und wird durch den bekannten düsteren Score der Figur punktuell begleitet. Gleichzeitig ist natürlich auch der fröhliche Song „Wot“, dessen Lyrics aber eine andere Sprache sprechen, stellvertretend für Davids Versuche, seine Mutter irgendwie zu retten und dabei zum Scheitern verurteilt zu sein. Die Musikauswahl der dritten Staffel ist und bleibt bei dieser Serie vorzüglich.
Fazit
Folgen, die auf die eine Art beginnen und am Ende der jeweiligen Erzählung in eine komplett unerwartete Richtung abdriften, sind eine Spezialität von Legion. Dachte ich anfangs noch, dass die Story rund um Davids Ursprünge ein Freudsches Klischee werden könnte, findet man im Gegensatz dazu eine verstörende Alternative mit schlimmen Implikationen.

Nun sind wir hier allerdings erst bei der dritten von acht Folgen in dieser Staffel und es dürfte mit dem Teufel zugehen, wenn dies der Status quo bleiben würde. Gleichzeitig schafft man es, uns als Zuschauer daran zu erinnern, was für ein Scheusal der Shadow King eigentlich war und ist. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ganze irgendwie auf ein Vater-Sohn-Team-up hinauslaufen könnte, um David ein für alle Mal von dessen Einfluss zu befreien und diesen vermeintlichen Timeloop plus die entstandene selbsterfüllende Prophezeiung zu durchbrechen. Jedenfalls raucht mein Kopf nach dieser Folge gefühlt noch mehr als zuletzt. Wie sieht es bei Euch aus?
Hier zum Abschluss noch der Trailer zur nächsten Episode Chapter 23 (3x04) der US-Serie Legion:
Verfasser: Adam Arndt am Dienstag, 9. Juli 2019Legion 3x03 Trailer
(Legion 3x03)
Schauspieler in der Episode Legion 3x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?