Legion 2x11
Ist Legion in Wirklichkeit das Breaking Bad der Superheldenserien? Dieser Vergleich, der schon bei anderen Serien an anderer Stelle bemüht wurde und doch selten passt, wird nach dem Anschauen des zweiten Staffelfinals mit dem Titel Chapter 19 immer deutlicher. Zumindest fürs Erste.
Das Ziel der Staffel war es für David (Dan Stevens), den Körper von Amahl Farouk (Navid Negahban) vor ihm zu finden und zu zerstören. Zwischenzeitlich wurde er von Zukunfts-Syd (Rachel Keller) kontaktiert, die ihn davon abbringen will, weil sonst die Welt untergeht. Es hat nicht geklappt den Körper abzufangen, es klappt aber auch nicht, Farouk zu töten. Doch eine andere Prophezeiung wird wahr: David ist nach einer Reihe von fragwürdigen Handlungen in Schurkenterritorium vorgedrungen. Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen? Oder musste es sogar einfach immer dazu kommen?
Behind blue eyes

Die Folge startet mal wieder mit einem starken musikalischen Stück, da David das Lied „Behind Blue Eyes“ singt und dabei den Shadow King zum Kampf herausfordert, der durch stilisierte Cartoon-Stellvertreter ausgetragen wird. Schon früh also ein stilistisches Highlight, das aber vielleicht etwas stellvertretend dafür ist, dass die zweite Staffel der Serie auf noch etwas mehr Stil anstatt auf wirkliche Substanz setzt. Zu oft wurden gewisse Elemente wiederholt oder etwas zu sehr auf der Stelle getreten. Das war in der kürzeren Debütstaffel vielleicht leichter vermeidbar.
Für die dritte Staffel wäre also wieder ein etwas schärferer Fokus auf das Wesentliche wünschenswert. Das Mäandern ist bei weitem nicht so schlimm wie in mancher Marvel-Netflix-Serie, in der das Zeittotschlagen schon ein Stilmittel zu sein scheint, zumal oft genug interessante und abgedrehte Einfälle kaschieren, dass man eigentlich vergleichsweise wenig Plot pro Episode voranbringt. Das trübt meine Leidenschaft für diese Serie aber nur ein wenig. Es lässt sich jedoch andererseits auch nicht verdrängen, wenn man mal die rosarote Brille abnimmt. Mittendrin wartet Lenny (Aubrey Plaza) mit ihrem Scharfschützengewehr auf ihre Chance, ihren alten Peiniger aus dem Spiel zu nehmen. Doch: Kommt es überhaupt dazu?
Drei Jahre später...

Ein Einschub, der offenbar drei Jahre später stattfindet, zeigt uns, dass Oliver (Jemaine Clement) und Melanie (Jean Smart) nach dem Vorfall und dem anschließenden Chaos in Olivers Eiswürfel leben. Ihre Körper sind in Sicherheit versteckt worden und beide altern nicht, aber genießen jeden Moment zusammen. Über Super-8-Bilder erfahren sie, dass die Welt trotz allem untergegangen ist und es offenbar auf David zurückzuführen ist. Oliver erinnert sich kaum an die Genossen von Summerland/Division-3, was zu einigen witzigen Spitznamen führt, wie zum Beispiel Glasses McLabcoat oder das Mädel, das alle tritt.
Sie deuten aber auch schon ein tragisches Schicksal für Sydney an, die von David betrogen wurde, weil sie ihm seine Zukunft angedeutet hatte. Bei Legion kann man sich seit der Einführung der Zeitreisekomponente nicht mehr sicher sein, wie festgeschrieben ein solcher Exkurs noch ist, aber einige Ereignisse, die noch in der Episode passieren, legen den Verdacht nahe, dass das ein erster Teaser auf die unschöne neue Welt ist, die uns als Zuschauern bald bevorsteht.
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When a woman wants to talk, you talk

David prügelt nach seinem Gedankenkampf mit Farouk nämlich auch auf dessen Körper ein und schlägt ihn blutig, bis Sydney mit dem abgetrennten Minotauruskopf ankommt und David zum Reden zwingt. Dabei versucht sie, ihren (Ex-)Freund, der nicht begreifen will, dass er ein gewaltiges Problem hat, zu überzeugen, dass er eben ein solches hat. Als Beispiele führt sie Serienkiller und deren Partner an und möchte nicht in einer solchen Beziehung stecken, sondern ihm vor Augen führen, dass die Freude, mit der er bisweilen andere quält, ungesund ist und ihn genau auf den Weg bringt, weswegen er Farouk ausmerzen möchte. Die direkte Offenbarung, dass nicht Farouk, sondern Zukunfts-David den Weltuntergang verursacht, leugnet er ebenso wie die Tatsache, dass er nicht mehr der Held ist, sondern Sydney, die bereit ist, ihn aufzuhalten.
Durch Lenny gibt es aber ein klassisches Patt mit Tendenz in Richtung David, da die Kugel, die Sydney auf ihn schießt, durch ihre Gewehrkugel abgelenkt wird und Sydney verwundet. David, der zwischenzeitlich in seinen eigenen Verstand flüchtet, überlegt, was er tun könnte. Seine anderen Ichs versuchen, ihm deutlich zu machen, dass er eigentlich ein Gott unter den Menschen ist und sich nehmen könnte, was er will. Doch in Main-David steckt noch ein Teil, der Sydney nicht aufgeben will. Ein Teil, der der Meinung ist, dass auch David Liebe verdient, auch wenn er womöglich ordentlich dabei nachgeholfen hat...
She is a delusion

Es geht zurück zu dem Moment, als David Sydney zum ersten Mal gesehen hat und obwohl die Serienmacher nach meinem Verständnis nicht so weit gehen und Sydney eine Schöpfung von Davids Verstand nennen, rücken sie die Begegnung doch in einen neuen Kontext. So ist Sydney nämlich in gewisser Weise eine Art Täuschung oder Ablenkung, um David die Möglichkeit zu geben, kurzzeitig in die Richtung der Normalität einzutauchen. Sydney ist vielleicht zu schön, um wahr zu sein, in der Scheinwelt, die David sich in seinem Verstand aufbaut und krampfhaft versucht aufrechtzuerhalten, auch wenn die Liebe womöglich verflogen ist und dem K(r)ampf mit Farouk weichen musste, der ein Ausleben der Machtfantasien ist.
Entsprechend drastisch und unverzeihlich sind Davids Schritte, die sich erst langsam richtig entfalten. Während Farouk von Cary (Bill Irwin) und Admiral Fukyama mit Kräftedämmer in Gewahrsam genommen wird, „heilt“ David die verletzte Sydney, raubt ihr aber gleichzeitig ihren Groll und ihre Erinnerungen an ihren Hass und stellt die Verliebtheit wieder her. Das ist schon sehr hart und unterstreicht den Wandel zum Schurken noch umso deutlicher. Natürlich ist es in der Realität auch unverzeihlich, in Superheldenliteratur ist der unfreiwillige Eingriff in den Verstand aber eine Todsünde, mit der man ohnehin selten davonkommt...
Nothin' in the World Can Stop Me from Worryin' 'bout That Girl
Der abermals fantastische Soundtrack dieser Episode umfasst einige Lieder, deren Lyrics schon alles sagen, wie beispielsweise der Song von den Kinks, den ich hier auch als Zwischenüberschrift zitiere. Das Unrechtbewusstsein von David ist durchaus verblieben, aber eben auch mehrere Teufelchen, die sich Taktiken zurechtlegen, sollte er bei seinen Lügen entdeckt werden. Lenny ist weiterhin ein Plan B, den David in der Hosentasche behält, für den Fall der Fälle.
Dennoch glaubt er, dass er Division-3 überlistet hat und reibt das auch dem Shadow King bei einem kurzen Besuch unter die Nase, denn, wenn der Prozess nicht mit seiner Todesstrafe endet, wird David eben dafür sorgen. Das ist kein Zitat eines konventionellen Helden, sondern hat schon soziopathische Tendenzen. Auch Sydney unterbreitet er ein Angebot zum gemeinsamen Weglaufen und zum Neuanfang, doch bei beiden Treffen fühlt er sich zu selbstsicher. Sydney merkt bereits, dass irgendwas anders an ihm ist. Etwas, wovor ihn schon der Shadow King warnt, der offenbar wirklich die Seiten wechselt und von seinem Verhalten angeekelt ist, aber auch aus Erfahrung spricht, weil er David mehrere Dekaden lang missbraucht hat und in seinem langen Leben viele Opfer wie ein Parasit genutzt hat.
Schlimmer noch: David vergreift sich an der willenlos und erinnerungslos gemachten Sydney, was wirklich widerlich ist. Man kann gespannt sein, ob die dritte Staffel dann den kompletten Wandel zum Schurken zeigt - vielleicht wird es ja sogar schon die letzte sein.
Davids Lügen werden durch Kerry (Amber Midthunder) aufgedeckt, die die wahren Vorfälle mit einer Konstruktion ans Licht bringen kann und sieht, dass David die wirkliche Gefahr zu werden droht. Davon ahnt er aber nichts und freut sich schon auf den Prozess gegen Farouk. Es wäre spannend zu erfahren, wie man dieses Wissen vor David verbergen kann, der, wenn er wollte, prinzipiell alle Gedanken mitbekommen könnte...
Doch statt Farouk den Prozess zu machen, wird David im Gerichtssaal in ein Kraftfeld gesperrt, aus dem er zunächst nicht herauskommt oder herauskommen will. Er hört sich an, was man ihm vorwirft, nämlich den eklatanten Eingriff in Sydneys Geist, während Vermillion berechnet, dass er mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit in der Zukunft schwere Verbrechen begehen wird. Die Kronzeugen sind Sydney und der Shadow King selbst. Eigentlich möchte man ihn therapieren, doch davon hält David nichts und mobilisiert trotz kräftedämmenden Gases alle Reserven und durchbricht die Barriere, die ihn eigentlich halten müsste. Außer betteln bleibt der versammelten Mannschaft von Division-3 nämlich ab da nicht mehr viel übrig. Gemeinsam mit der befreiten Lenny nimmt er Reißaus und dürfte sehr wahrscheinlich als big bad der kommenden Staffel zurückkehren.
Fazit

Die zweite Staffel von Legion ist nicht perfekt, aber welche Serie ist das schon? Die stärkeren Episoden haben sich am Anfang abgespielt. Gerade die Highlightepisoden Chapter 12 (die Sydney-Flashback-Folge) und Chapter 14 (multiple Davids) sind einfach herausragend gut und ein absolutes Sehvergnügen.
Im letzten Drittel der Staffel gab es dann leider jedoch ein paar Durchhänger am Stück. Die Entwicklung von David zum Schurken ist mit der Kenntnis der Comicvorlage eigentlich nur eine konsequente Entwicklung, wobei man sich dann die Frage stellen muss, wie lange das Leben der Serie noch gestreckt werden kann. Denn David vollzieht bereits im Staffelfinale einige Taten, die nur schwer wiedergutzumachen sein können - wenn es denn überhaupt möglich ist. Sydney als neue Heldin der Serie, eventuell sogar als Tandem mit Farouk, hat dabei durchaus einen sehr interessanten Reiz für mich. Gerade mit dem Wissen im Hinterkopf, dass David und Lenny dann wiederum die Gegenspieler wären.
Wenn man mich fragen würde, was an der ersten Staffel besser war... Wahrscheinlich sind es zum einen die knackigere Laufzeit mit acht Episoden und andererseits Aubrey Plaza als völlig vogelfreie und durchgedrehte Schurkin, die ihre Wandelbarkeit ständig demonstrieren durfte und immer wieder für Wow-Momente sorgte. Das hat der neue Farouk-Darsteller nicht geschafft, aber zumindest auch nicht das Altbekannte wiederholt, sondern immerhin einen neuen, etwas zurückgenommeneren Ansatz geboten, der jedoch insgesamt leider nicht so viel Eindruck hinterlassen konnte wie crazy Lenny.
Verfasser: Adam Arndt am Mittwoch, 13. Juni 2018Legion 2x11 Trailer
(Legion 2x11)
Schauspieler in der Episode Legion 2x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?