Legion 2x04

© zenenfoto aus der âLegionâ-Episode âChapter 12â (c) FX
Die Marvel-Serie Legion widmet sich in der Episode Chapter 12 (2x04) fast vollstĂ€ndig der Figur Sydney Barrett (Rachel Keller) und zeigt dabei viele wichtige Momente ihres Lebens seit ihrer Geburt. Typisch fĂŒr Legion sieht man manche davon immer und immer wieder, bruchstĂŒckartig, wie ein schwieriges Puzzle, das erst mit der Zeit vollstĂ€ndig Sinn ergibt. ZunĂ€chst habe ich mich gefragt, ob das ein Exkurs sein könnte, aber tatsĂ€chlich gebĂŒhrt Sydney fast die gesamte Folge, die zudem wieder mit wunderbaren Liedern unterlegt ist (Bon Iver, The National und ein Megadeath-Cover stehen diesmal auf der Playlist).
TatsĂ€chlich ist Sydney in den bisherigen elf Folgen eines der gröĂeren RĂ€tsel der Serie geblieben. Aus ihren GesprĂ€chen mit David (Dan Stevens) haben wir schon Fragmente ihrer Vergangenheit erfahren, darunter auch eine verstörende Informationen, die fĂŒr diese Folge wieder relevant wird.
David hat die Aufgabe, das Gedankenlabyrinth zu durchforsten und ihr core desire zu erforschen. Was ist der Kern von Sydneys Trauma? Ist es die Tatsache, dass sie schon seit ihrer Geburt den direkten Körperkontakt gemieden hat? Hier stellt sich jedoch die Frage, ob die KrĂ€fte von Geburt an da sind, bei Mutanten treten sie meistens in der PubertĂ€tsphase auf - David hatte natĂŒrlich schon frĂŒher den ungewollten Untermieter namens Shadow King.
Wir sehen Syd in der Folge in der Interaktion mit ihrer Mutter (Lily Rabe, American Horror Story). Ăber diese erfahren wir, dass sie sich fĂŒr Kunst und Literatur interessiert und auch selbst Lesungen beziehungsweise Salonsitzungen abhĂ€lt. AuĂerdem sehen wir Sydney in der Schule, wo sie von den MitschĂŒlerin gehĂ€nselt wird, weil sie sich vom Rest der MitschĂŒler isoliert. Dann geht sie durch eine rebellische Punk-Phase und pogt durch die Clubs und irgendwann landet sie in einer Anstalt. Doch es ist nicht Neid auf BerĂŒhrungen oder PĂ€rchen, das sie traumatisiert hat, wie David zunĂ€chst annimmt.
David muss immer und wieder bezeugen, was sie erlebt hat, das hat Sydney im umgekehrten Fall auch getan, wobei beide gewisse Dinge voreinander verbergen, womöglich aus Angst, dass der andere die GefĂŒhle nicht mehr erwidert. Ein Kunstwerk deutet David aber falsch: Ob Geister gerne in einem Spukhaus ihr Dasein fristen, fragt Sydney David an einer Stelle. Sydney hat sich ihre FĂ€higkeiten nicht ausgesucht, genauso wenig wie er. Zumal manche Konsequenzen aus dem unerprobten Machtgebrauch fĂŒr junge Leute nur schwer abzuschĂ€tzen sind.
Nur ein Kuss
Einer der ersten bittersĂŒĂen Momente in der Mutanten-Emanzipation von Syd zeigt sich in der Interaktion mit dem Jungen, der einen Kuss von ihr will, wĂ€hrend die drei HĂ€nselmĂ€dchen mit ihren nervigen Song in der NĂ€he sind und alles mitkriegen. Wie manche Jungen es eben so machen, wenn ihre Liebe nicht erwidert wird und das Elternhaus vielleicht ein paar Hinweise verpasst hat, nennt der Sydney eine Bitch und stöĂt sie gegen den Zaun. Hatte sich Sydney bisher immer zurĂŒckgehalten, entscheidet sie sich dem Jungen einen Kuss aufzudrĂŒcken, wahrscheinlich mit dem Wissen oder zumindest mit der Ahnung, dass der Körpertausch die Folge ist. Denn so kann sie das perfekte Verbrechen begehen: In seinen Körper schlĂŒpfen, die Schulhof-Tyranen mit seinem Lacrosse-SchlĂ€ger bearbeiten und im Endeffekt alles ihm in die Schule schieben. Eine gewisse Genugtuung empfindet sie dabei, wie ihr LĂ€cheln unmissverstĂ€ndlich verrĂ€t.
Die Autoren nutzen die gesamte Episode, um Sydney als Missbrauchsopfer zu zeigen, das sich aber nicht unterkriegen lĂ€sst und bereit ist zurĂŒckzuschlagen. Viel zu lange ist sie psychischer und psychologischer Gewalt ausgesetzt, bestraft sich selbst mit Ritzen und Kritzeln und Isolation, weil sie weiĂ, dass ihr die ĂŒbliche Zuneigung verwehrt bleibt. AuĂer sie findet jemanden - wie David - der damit zurecht kommt oder das Ganze auf einer gedanklichen Ebene stattfinden lassen kann, die sich aber sehr real anfĂŒhlt.
David tappt jedoch lange Zeit im Dunkeln und versucht einige Tricks, darunter eine junge Syd direkt zu befragt, doch es ist Syds Labyrinth und damit ihre Spielregeln und so muss David wieder zurĂŒck an den Anfang und selbst auf die Lösung kommen.
Befreiung

Kerry (Amber Midthunder) und Cary (Bill Irwin) wachen nach dem Tod des Mönchs in Division 3 derzeit wieder aus ihrem Schlummer auf, wobei Cary aber in seiner Schwester feststeckt. Durch Clark (Hamish Linklater) finden wir heraus, dass alle ZÀhneklapper-Opfer wieder wach sind, bis auf David und Sydney, die jedoch miteinander beschÀftigt sind und quasi in einer eigenen SphÀre agieren. David muss also weiter gegen den Sturm in Sydneys Geist ankÀmpfen, bis er die Lösung findet oder Sydney sich ihm anvertraut.
Love is a war
Das Erinnerungswirrwarr wird klarer und aufmerksame Zuschauer erinnern sich daran, dass Sydney einst David in Chapter 5 erzĂ€hlte, was passiert, wenn sie ihre KrĂ€fte falsch einsetzt. Als der Freund der Mutter in der aktuellen Folge ins Spiel kommt, ahne ich bereits Schlimmes. Hawley und Co entscheiden sich dafĂŒr, das Trauma rund um Sydneys Körpertausch mit ihrer Mutter in seiner vollen LĂ€nge abspielen zu lassen. HĂ€tte man es aussparen können? Ja, sicherlich. Doch Sydneys Worte, nachdem David erkennt, was sie durchlebt hat und ihr unbĂ€ndiger Kampfwille und ihr Appell an die Rettung der Liebe, trotz einer drohenden Apokalypse, fĂŒhren in meinen Augen dazu, dass dieses durchaus gerne totgeschwiegene Thema - immerhin geht es hier um die VerfĂŒhrung einer MinderjĂ€hrigen - auf eine sensible und starke Weise aufgearbeitet wird.
Sydneys Gedanken zu Liebe als Krieg und die Tatsache, dass nicht Liebe einen rettet, sondern das Konzept der Liebe gerettet werden muss, beweisen die StĂ€rke in der Dialogarbeit der Serie. Manche sagen vielleicht, dass das PlattitĂŒden sein könnten, doch bei mir hallen die Worte nach und beschĂ€ftigen mich.
Nimmt man auĂerdem noch das Wissen ĂŒber Syds weiteres Schicksal in der Zukunft hinzu, was David bisher vor ihr geheim hĂ€lt, erhĂ€lt ihr Kampfgeist eine weitere tragische Komponente, denn es ist Syd, die weitere Opfer bringt. Zeitreisegeschichten im X-Men-Universum (man denke an „Days of Future Past“, „Age of Apocalypse“ oder „Here Comes Tomorrow“) sind jedoch meistens Fanale, aber solche, die nicht in Stein gemeiĂelt sind. Zeit in Marvel-Universum ist wie nasser Zement, der noch formbar oder wandelbar ist. David hat also eine Chance, Syd die tragische Zukunft ohne Arm zu ersparen. Nur: Was dann?
Als David verstanden hat, was Sydney ihm sagen möchte, sind beide bereit fĂŒr die weitere Zusammenarbeit, fĂŒr ihre Mission in der Mission, fĂŒr den Akt des Widerstands, gegen den Plan, den Division 3 vorgibt. Oder ist das doch die sich selbsterfĂŒllende Prophezeiung, die ich schon an anderer Stelle vermutet und angemahnt hatte?
Burn with me
ZunĂ€chst einmal kommt Division 3 weiterhin nicht zur Ruhe, denn tatsĂ€chlich hat es Lenny (Aubrey Plaza) geschafft, ins Leben zurĂŒckzukehren. Ist das nur eine Ablenkung Farouks, um das Team beschĂ€ftigt zu halten, wĂ€hrend er seinen Körper suchen kann oder ein Vorbote fĂŒr das, was fĂŒr die katastrophale Zukunft verantwortlich ist? Lenny sagte gegenĂŒber Farouk bereits, dass sie nicht aus Fehlern lernen will, sondern noch einmal ein Junkie-Leben (oder eher ein Parasiten-Leben) plant, bis sie erneut stirbt. Lenny ist die Es-Seite vom Shadow King, das reine Verlangen nach Konsum, nach Exzess und Thrill. Oder bewerte ich das Auftauchen ĂŒber und es ist wirklich nur ein harmloser Junkie, der auftaucht?
Fazit
Chapter 12 ist eine wunderbare Charakterstudie inmitten der zweiten Staffel von Legion und behandelt obendrein noch eine meiner Lieblingsfiguren der Serie genauer. Wie bereits mehrfach erwĂ€hnt, bin ich ein ganz groĂer Fan der unkonventionellen Beziehung von David und Syd mit allen Höhen, Tiefen und Verschrobenheiten. Ich freue mich, dass ihren HintergrĂŒnden mehr Zeit gewidmet wurde, da ihre KrĂ€fte, wie schon seit ihrem ersten Auftritt angedeutet wurde, fĂŒr eine Heranwachsende eine unglaubliche BĂŒrde und ein Fluch sind. Aber genau das ist das Faszinierende an dem Mutanten-Mythos, denn die Figuren haben es trotz famoser KrĂ€fte selten leicht, was Hawley und seine Crew perfekt verinnerlicht haben. Bravo!
Trailer zur Episode Chapter 13 der Serie Legion (2x05):
Verfasser: Adam Arndt am Mittwoch, 25. April 2018Legion 2x04 Trailer
(Legion 2x04)
Schauspieler in der Episode Legion 2x04
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