Justified 6x12

Justified 6x12

Die Messer sind gewetzt: Collateral, die vorletzte Episode von Justified, gibt uns einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns im großen Serienfinale bevorsteht. Dabei wird zum genau richtigen Zeitpunkt der Fokus auf das ewige Duell zwischen den beiden zentralen Figuren des Dramas gerichtet.

Timothy Olyphant als Raylan Givens im Gespräch mit einem pflichtbewussten Bewohner des Harlan County / (c) FX
Timothy Olyphant als Raylan Givens im Gespräch mit einem pflichtbewussten Bewohner des Harlan County / (c) FX

Es gibt einen Moment in Collateral, in dem Wynn Duffy (Jere Burns) kurz nach seiner Freilassung aus dem Polizeigewahrsam gegenüber Staatsanwalt Vasquez (Rick Gomez) die entscheidenden Worte spricht. Sie geben dem Zuschauer unmissverständlich zu verstehen, dass das große Finale von Justified in unmittelbarer Schlagdistanz liegt.

Gesetzeshüter Raylan Givens (Timothy Olyphant) wird ein allerletztes Mal auf Widersacher Boyd Crowder (Walton Goggins) treffen und zu allem Überfluss ist mit dem unberechenbaren Geschäftsmann Avery Markham (Sam Elliott) eine weitere gefährliche Partei diesem Spiel um Leben und Tod beigetreten. Duffys Ratschlag? So schnell wie möglich das Weite suchen und aus der Schusslinie treten, denn die Auflösung von diesem Konflikt wird nur noch weitere Opfer nach sich ziehen...

Die Serienmacher haben es bis zu diesem Zeitpunkt der sechsten Staffel von „Justified“, so kurz vor dem finalen Kapitel des Westerndramas, hervorragend fertiggebracht, die Erwartungen des Publikums in die Höhe zu schrauben. So fiebern eingefleischte Fans dem Serienabschluss ungeduldig entgegen.

Doch nicht nur, dass sie diese Anspannung angesichts der letzten Folge von „Justified“ in der kommenden Woche gekonnt nähren, sie führen uns in Collateral auch noch einmal sehenswert vor Augen, was am Ende der Fehde der zwei zentralen Hauptfiguren des Formats übriggeblieben ist. Es geht um zwei Männer, die im Grunde genommen nicht ohneeinander können und durch ihre ständigen Aufeinandertreffen zahlreiche Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen haben.

Bad omen

Collateral“ widmet sich zum großen Teil nämlich genau diesen Kollateralschäden, die Raylan und Boyd in ihrem egoistischen Zweikampf zwischen Gut und Böse über die Jahre verursacht haben. Ob ihre Mitmenschen nun physisch oder mental verletzt wurden, spielt keine große Rolle. Das Kreuzfeuer zwischen Raylan und Boyd hat eine blutige Spur nach sich gezogen, woran nicht nur wir als Beobachter, sondern auch beide Charaktere in „Collateral“ erinnert werden.

Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Erzfeinden: Während sich Raylan nach wie vor als Vertreter der Gerechtigkeit sieht, obwohl sein Clinch mit Boyd schon immer auf einer sehr persönlichen Ebene ausgefochten wurde, sehen wir nun endgültig, wie Boyd sich mit seiner Rolle als skrupelloser Gesetzloser abfindet. Er ist stolz darüber, das zu sein, was er ist.

Befreit von seinem Gewissen und absolut zielorientiert ist er für alles gewappnet. Raylan hingegen findet im letzten Augenblick genau das, was ihn von Boyd abhebt: Empathie. Er kann den schwer verwundeten Bob Sweeney (Patton Oswalt) nicht einfach zurücklassen, auch wenn er so kurz davor ist, Boyd ein für alle Mal zur Strecke zu bringen. Raylan kann es sich selbst nicht erlauben, zu dem zu werden, was Boyd verkörpert und endlich akzeptiert hat.

Bad memories

So sehr Raylan auch Ava vor Boyd beschützen will, es scheint ihm ein wenig zu dämmern, was ihm seine jahrelange Jagd nach diesem gebracht hat. Unschuldige Menschen gerieten zwischen die Fronten, sei es nun der pflichtbewusste Bob, der von Boyd angeschossen wird und um den sich Raylan letztendlich kümmert, oder auch Ava (Joelle Carter). Diese wurde, wie von ihrem Onkel richtig festgestellt, sowohl von Boyd als auch von Raylan für deren Zwecke benutzt und befindet sich jetzt auf einer hoffnungslosen Flucht, an deren Ende sie in die Hände des kaltherzigen Markham fällt. Auch wenn sie letztlich selbst die Entscheidungen getroffen hatte, sich dessen Geld unter den Nagel zu krallen - der Urpsrung allen Ärgers liegt bei Boyd und Raylan, die Ava in diese aussichtslose Lage getrieben haben.

Outlaw

Das Aufeinandertreffen zwischen Raylan und Boyd bei Nacht in den wilden Wäldern des Harlan County hat aufgrund der finsteren Kulisse schon beinahe Symbolcharakter: Seht, wo euch euer Konflikt hingebracht hat. Der eine hat einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, den anderen dingfest zu machen. Dieser fand wiederum seinen Spaß daran, seinem ärgsten Verfolger immer wieder zu entwischen und über dem Gesetz zu stehen.

Wie Boyd im Gespräch mit einer Geisel (in einem überraschenden Gastauftritt von dem talentierten Darsteller Shea Whigham verkörpert) zu verstehen gibt, war es stets sein Antrieb, sich eben nicht anzupassen, ein Rebell und somit wirklich frei von allen Vorschriften zu sein, die ihn nur zurückhalten würden. So gewieft sein namenloses Gegenüber auch versucht, Boyds Ego zu streicheln, um so dem Unvermeidbaren zu entkommen, der Kriminelle hat längst einen Punkt in seinem Leben überschritten, an dem er Gnade walten lässt. Die Hinrichtung seines „Mitfahrers“ spricht für sich. Niemand kann ihn stoppen, er ist ein waschechter Gesetzloser, eine Rolle, in der er sich wohl fühlt und um die er hart gekämpft hat.

Going rogue

Auf der anderen Seite haben wir wiederum Raylan, der sich beinahe auserwählt sieht, Boyd Crowder den Garaus zu machen. Wer sonst, außer Raylan Givens? Er löst sich in einer symbolischen Geste von seinen Altlasten, indem er das Grundstück seines Vaters an einen Bewohner des ländlichen Harlans vermacht, der vor langer Zeit von Arlo über den Tisch gezogen wurde.

Er will es zu Ende bringen, auch wenn es das Letzte sein könnte, was er jemals tun wird. Und der ewige Konflikt zwischen Boyd und Raylan wird definitiv ein Ende finden. Jedoch immerhin nicht in dieser Episode, da letzterer glücklicherweise zu der Einsicht kommt, dass es wichtigeres (hier stellvertretend für viele andere Dinge das Leben von Bob, dessen Tod nicht nur für Raylan, sondern auch für uns Zuschauer nur schwer zu verkraften gewesen wäre) als den persönlichen Feldzug gegen seinen Erzfeind gibt.

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Those godforsaken hollers

Die Autoren reizen das Spannungsmoment zwischen Raylan und Boyd gekonnt aus, doch schon bald gibt es keine Ausflüchte mehr. Das Interessante ist jedoch, wie gleichzeitig sämtliche Handlungsstränge zu einem gewaltigen Bündel zusammengeführt werden und sich somit eine Finalepisode anbahnt, die weit über das Duell Raylan gegen Boyd hinausgehen wird.

Zunächst ermöglicht Zachariah (Jeff Fahey) seiner Nichte die Flucht aus ihrem Unterschlupf, nur, um wenig später erst Raylan davon zu überzeugen, gemeinsam Boyd den Garaus zu machen, wovon dieser aber nichts hören will. Zachariah tritt letztendlich auf eigene Faust Boyd gegenüber und sprengt sich selbstlos in die Luft, um den Kriminellen mit in den Tod zu reißen. Dieser kommt mit einer Schulterverletzung davon, während mit Zachariah der nächste Name auf die Liste der Personen wandert, die - bei allem Respekt - am Ende des Tages als Kolleteralschaden klassifiziert werden. Nicht mehr und nicht weniger.

Too fast

Ava - zuvor noch von dem wunderbaren Bob festgenommen, jedoch konnte sie letztlich entkommen - hat derweil einige Meilen zwischen sich und ihre Verfolger gebracht. Sie sieht einen leichten Hoffnungsschimmer, als sie sich an der altbekannten Brücke an der Grenze von Harlan County in den Bundesstaat Virginia wiederfindet.

Diesem Ort statten wir nicht umsonst noch einmal einen Besuch ab, wurde er von den Machern doch immer wieder für die verschiedensten Szenen benutzt. Hier symbolisiert er den letzten Ausweg Avas, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und über die Staatsgrenze Kentuckys in die Freiheit zu fliehen. Dass sie dabei unerwartet Hilfe von Duffy bekommen könnte, wird kurz angedeutet, als dieser in Lexington spezielle Vorkehrungen trifft, die drauf schließen lassen. Die erfolgreiche Flucht scheint zum Greifen nah, doch so weit kommt es erst gar nicht.

Sie wird nämlich von zwei korrupten Polizisten gefasst, die in den Diensten Avery Markhams stehen und sie sogleich zu ihm bringen. Dieser hat unterdessen seinen Abschied von seiner geliebten Katherine (Mary Steenburgen) genommen und schwört nicht nur Rache an Wynn Duffy, sondern will auch endlich sein Geld zurückhaben.

Da er sich jedoch auch stets als sehr pragmatisch denkenden Typen bezeichnet hat, treibt er daraufhin nicht nur seine Pläne um die sukzessive Landerwerbung in der Region voran, sondern sieht in der Personalie Loretta McCready (Kaitlyn Dever) darüber hinaus die Möglichkeit, wertvolle Informationen ob Avas Aufenthaltsort zu bekommen. So tritt erneut der unheimliche Boon (Jonathan Tucker) auf, der die einflussreiche, junge Dame ausfindig machen kann, mit der Markham ein paar Worte wechseln will.

A Harlan girl

Markham macht deutlich klar, dass er die Faxen nun dicke hat. Eiskalt richtet er den von Boon angeschossenen Exfreund und „Beschützer“ Lorettas hin, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass die Spielchen nun ein Ende haben. Die folgende Szene zwischen Elliott und der jungen Kaitlyn Dever ist pures Gold und an Intensität nur schwer zu überbieten. Markham hat gerade die frohe Kunde erreicht, dass seine Leute Ava geschnappt haben, also hat er für Loretta eigentlich keine Verwendung mehr. Bringt er sie nun hier an dieser Stelle um, könnte er sich einfach ihre Besitztümer krallen. Warum sollte er sie also verschonen?

Loretta braucht jedoch nicht lange, um ihr älteres Gegenüber schnell von ihren Qualitäten zu überzeugen. In einer starken Darbietung zählt Dever all die Vorzüge ihrer Figur auf, die Markham nur Vorteile bringen würden, nimmt er sie mit in sein Team auf. Sie kennt die Region, sie kennt die Leute, sie hat das benötigte Knowhow - Markham ist begeistert und zieht sofort eine Parallele zu der verstorbenen Katherine, die von ganz ähnlichem Schlag wie Loretta war.

Loose ends

Während Vasquez auf dem Polizeirevier wie ein Rohrspatz vor sich hinschimpft und das FBI auf die Suche nach Raylan ansetzt, da Art und Co („Double shit!“ - Nick Searcy und Jacob Pitts als Tim Gutterson bleiben einfach unbezahlbar) in gewisser Weise ihren Kollegen decken, scheint sich für Markham das Glück doch wieder in seine Richtung zu wenden.

Mit Ava in seiner Gewalt hat er gute Aussichten, sein Geld zurückzubekommen, gleichzeitig ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis sowohl Boyd als auch Raylan von den neuen Ereignissen Wind bekommen werden. Ersterem ist wirklich alles zuzutrauen, während Raylan am Ende der Episode von zwei Streifenpolizisten festgesetzt wird. Wie die Serienmacher nun den Bogen zum grande finale spannen und die verschiedenen Figuren aufeinanderprallen lassen, sind nur zwei spannende Fragen, deren Beantwortung ich persönlich nur sehr schwer erwarten kann.

Fazit

Es ist angerichtet: Die einzelnen Charaktere wurden ein letztes Mal in Position gerückt und nun kann der Vorhang nach sechs Staffeln Justified fallen. Auch wenn man, wie bereits in den Kommentaren unter der Kritik zu Fugitive Number One richtig angemerkt wurde, dem Ende des Dramas mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegenblickt.

Die Auflösung des zentralen Konflikts verspricht einiges, doch gerade die Erweiterung der finalen Konfrontation zwischen Raylan und Boyd um weitere Variablen wie Ava und Markham setzt dem Ganzen noch einmal die Krone auf. Jetzt heißt es, die Ernte einzufahren, die sich die Verantwortlichen mehr als redlich verdient haben. Und es gibt kaum Zweifel daran, dass ihnen dies nicht auf allerhöchstem Niveau gelingen wird.

Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 8. April 2015
Episode
Staffel 6, Episode 12
(Justified 6x12)
Deutscher Titel der Episode
Kollateralschaden
Titel der Episode im Original
Collateral
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 7. April 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 23. Juli 2015
Autoren
Chris Provenzano, VJ Boyd
Regisseur
Michael Pressman

Schauspieler in der Episode Justified 6x12

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