Justified 6x11

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Kollege Axel hat es in seinen Reviews zu den bisherigen Episoden dieser letzten Staffel von Justified bereits mehrfach erwähnt: Es gibt einfach keinen Qualitätsabfall zwischen den einzelnen Folgen. Zumeist gelingt es den Serienmachern sogar, noch eine Schippe draufzulegen, was ob der fantastischen Arbeit, die sie Woche für Woche abliefern, eigentlich nur schwer vorstellbar ist.
In Fugitive Number One gelingt ihnen jedoch genau das. Nach der sehr starken Episode aus der letzten Woche ziehen die Autoren das Tempo abermals an und führen uns eindrucksvoll vor Augen, welche Auswirkungen die Ereignisse aus Trust haben. Am Ende des Tages gibt es zahlreiche Charaktertode zu bedauern, großartige Dialoge zu genießen und ein „Grande Finale“ zu erwarten, das die beiden zentralen Figuren des Neowestern ein für alle Mal gegenüberstellen wird.
Crime doesn't pay
Jeder Zuschauer von „Justified“ weiß, dass es letztendlich auf das Duell Raylan (Timothy Olyphant) gegen Boyd (Walton Goggins) hinauslaufen wird. Der andauernde Konflikt der beiden, dessen Auflösung man minutiös vorbereitet hat, stellt das treibende Element der gesamten Serie dar. Jedoch zeigt die bis dato nahezu makellose sechste Staffel von „Justifed“ ebenfalls, dass eben auch der Weg das Ziel ist und dass um die beiden Fixpunkte Raylan Givens und Boyd Crowder Charaktere existieren, deren persönliche Dramen nicht minder interessant sind als der große Knall zum Serienfinale, den ein jeder erwartet. Mit viel Liebe für die verschiedenen auftretenden Figuren sowie einer unnachahmlichen Konsequenz füllen die Macher nun die Lücken auf dem Weg zum finalen Showdown.
Eine extreme Auffälligkeit der letzten Staffel von „Justified“ stellt die Rückkehr vieler bekannter Charaktere dar, die uns der ergiebige Serienkosmos des FX-Dramas gebracht hat. Als würde man eine Ehrenrunde drehen, lässt man vertraute Gesichter erneut auftreten, jedoch, ohne dass sich deren Erscheinung erzwungen oder zu gestelzt anfühlt. Mykelti Williamson in seiner Rolle als Ellstin Limehouse ist so ein Beispiel oder auch Jeremy Davies, der zu Beginn der Staffel abermals als Dickie Bennett zu sehen war.
One more ride
Einer meiner persönlichen Lieblinge war stets der von Nick Searcy verkörperte Art Mullen, Raylans sympathischer Vorgesetzter, der ähnlich wie sein bestes Pferd im Stall nicht auf den Mund gefallen ist. Nach den Vorfällen in Staffel fünf und seinem erzwungenen Rücktritt als Leiter der Dienststelle in Lexington kehrte Art Mullen nun als eine Art Berater in Staffel sechs zurück, während Rachel (Erica Tazel) seine ehemalige Position übernahm. Nach den neuesten Vorfällen findet sich Art jedoch frisch rasiert in seinem alten Aufgabenbereich wieder, der vor allem eines umfasst: Raylan die Zügel anzulegen. Oder besser: es zumindest zu versuchen.
Die Autoren zollen Searcy und seiner Figur so einen verdienten Tribut, der jedoch über eine einfache Hommage hinausgeht. So dauert es nämlich nicht lange, bis Raylan und Art sich eines ihrer wunderbaren Wortgefechte liefern, bei dem das Fanherz sofort höherschlägt. Beide Darsteller verfügen schlichtweg über eine großartige Chemie miteinander, die uns nicht nur starke Dialoge, sondern auch eine wunderbare Beziehung zwischen zwei Figuren beschert hat, deren Entwicklung wir über die Jahre mitverfolgt haben.
Horseshit
Aufgrund dieser besonderen Verbindung zwischen Raylan und Art weiß ersterer auch, wann sein neuer alter Chef eine klare Ansage macht und sich nicht nur aus Spaß an der Freude auf eines der unzähligen Verbalscharmützel zwischen den beiden einlässt. Bezüglich der Vorfälle um die neureiche Ava (Joelle Carter) hat sich der United States Marshals Service nicht gerade mit Ruhm bekleckert, war die Flüchtige doch anfangs als offizielle Informantin in Diensten der Ermittler angestellt. Dieser Fauxpas kommt nun nicht nur Rachel - die selbstlos die Verantwortung übernimmt -, sondern auch Staatsanwalt Vasquez (Rick Gomez) teuer zu stehen. Seine Karriere hat er nach diesen Ereignissen längst abgeschrieben, was ihn jedoch nicht davon abhält, berechtigte Zweifel an Raylan zu äußern, der seiner Meinung nach mit Ava unter einer Decke stecken könnte.
Art findet sich so in einer Zwickmühle wieder und kann nur schwer abstreiten, dass Raylan womöglich immer noch Gefühle für Ava haben könnte, verbindet die beiden doch eine gemeinsame Vergangenheit. Um den Druck auf seine Behörde etwas zu verringern, möchte er also Raylan von der derzeitigen Jagd nach Ava abziehen. Zwar können wir uns sicher sein, dass Art Raylans Loyalität zu seinem Arbeitgeber keinesfalls infrage stellt. Die richtige taktische Entscheidung ist es dennoch, da der Ruf und die Integrität des Marshal Service auf dem Spiel stehen.
Reality
Raylan kann diesem Vorhaben selbstverständlich nicht besonders viel abgewinnen, befindet er sich doch dicht auf der Spur von Ava, die sich mit ihrem Onkel Zachariah (Jeff Fahey) in die hügelige Wildnis von Kentucky begeben und in einer alten Rettungsstation Zuflucht gesucht hat. Dank der Mithilfe von Boyd könnte Raylan seinem Ziel nicht näher sein, jedoch wird er sich letzten Endes doch noch seiner Verantwortung bewusst. Dies wird vor allem in der letzten Szene deutlich, als er seine Marke und den Dienstausweis ablegt, um sich von seiner Anstellung als Gesetzeshüter zu distanzieren und weitere Scherereien für seine Kollegen zu vermeiden, handelt er doch nun auf eigene Faust.

Sein Ziel lautet nun ein letztes Mal Boyd Crowder, der derweil aus dem Krankenhaus entkommen ist, in dem er nach seiner Schussverletzung eingeliefert worden war. Im Gespräch mit Raylan zu Beginn der Episode wird deutlich, wie hart Boyd von dem Verrat Avas getroffen ist. Gleichzeitig kann er sich jedoch auch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass seine große Liebe in die Hände von Markham (Sam Elliott) fallen könnte, der um jeden Preis seine zehn Millionen US-Dollar zurückhaben will.
In dieser Momentaufnahme zwischen Raylan und Boyd bekommen wir einen gelungenen Einblick in diese beiden Charaktere präsentiert, zwischen denen Ava stets wie eine Art Spielstein hin- und herverschoben wurde. Beide Männer empfinden etwas für Ava und selbst, wenn Raylan längst mit ihr abgeschlossen hat, kann er ähnlich wie Boyd nicht zulassen, dass ihr etwas zustößt. Auch wenn es am Ende des Tages bedeutet, mit seinem Erzfeind gemeinsame Sache zu machen.
Dirty cop
Boyd hält es jedoch nicht sehr lange im Hospital, will er Ava doch am liebsten selbst ausfindig machen. Die Flucht gelingt ihm letztlich, nachdem er seinen eigentlich treuen Handlanger Carl (Justin Welborn) kaltblütig erschießt. Dieser wurde von Markham auf Boyd angesetzt, da er sonst Carls Bruder Earl (Ryan Dorsey) umbringen lassen würde. Carl, der den Vertrauensbruch Boyds nur schwer verdaut hat, zeigt dann doch wieder seine loyale Ader gegenüber Boyd, der ihn jedoch daraufhin einfach über den Haufen schießt, um so seine eigene Haut zu retten. Ein erster Schocker in dieser Episode, der erneut verdeutlicht, wie gewissenslos Boyd sein kann. Er windet sich stets aus jeder brenzligen Situation und manipuliert seine Mitmenschen spielend einfach.
Markhams Plan, Boyd den Garaus zu machen, geht also zunächst nach hinten los, wofür Earl büßen soll. Doch Raylan hat diesen schon längst aus den Fängen einiger korrupter Polizisten befreit (mit seiner entwaffnenden Eloquenz, wohlgemerkt), die Markham unter seine Fuchtel gebracht hatte. Mit Earl hat Raylan nun einen wertvollen Zeugen gegen Markham, dem er wiederum rät, seine Zelte abzubauen und Harlan schleunigst zu verlassen.
The Good, the Bad and the Ugly
Der findige Geschäftsmann denkt jedoch nicht im Traum daran, seine Pläne so einfach aufzugeben. Zwischen ihm und Katherine werden die Wogen zunächst wieder geglättet, auch wenn eine unangenehme Anspannung zwischen diesen beiden Charakteren vorherrscht. Dies kann man aber eigentlich von so gut wie jeder Szene erwarten, in der Sam Elliott auf den Plan tritt. Erneut lässt er Boon (Jonathan Tucker) auf die schlagfertige Loretta (Kaitlyn Dever) los, der er eine unmissverständliche Botschaft zukommen lässt. Boon selbst präsentiert sich mal wieder von seiner psychopathischsten Seite und sorgt für einen ungemütlichen, aber extrem spannenden Gänsehautmoment, als er Loretta in ihrem Fahrzeug überrascht.
Dieser Augenblick wird nur noch durch Raylans Besuch bei Markham getoppt, der einen kleinen Vorgeschmack auf das Duell zwischen Raylan und Boon darstellt. In dieser visuell herrlich umgesetzten Szene, in der die Anspannung kaum zu ertragen ist, fehlt eigentlich nur noch eine Komposition von Ennio Morricone, um die immer wiederkehrenden Verbeugungen vor dem Westerngerne perfekt zu machen. Natürlich ist die Figur des Boon eine überzeichnete Karikatur, was durch seine neue Kopfbedeckung (passend zu Raylans weißem Hut) nur noch untermauert wird. Doch bei einer solch gekonnten Inszenierung und dem damit verbundenen Spannungsaufbau genießt man Szenen wie diese einfach nur.
Emergency
Ob die mit Abstand heftigste Szene der gesamten Episode etwas zum Genießen ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Für mich persönlich zählt sie bereits jetzt zu den Momenten in Justified, die unvergessen bleiben werden. Eigentlich verspricht Markham Katherine (Mary Steenburgen), sich um den Verräter Wynn Duffy (Jere Burns) zu kümmern, der von seinem eigenen Bodyguard Mike (Jonathan Kowalsky) dingfest gemacht wurde. Die stolze Edelfrau will das Schicksal des Mannes, der ihren einstigen Gatten verraten und umgebracht hatte, jedoch selbst in die Hand nehmen.
Was folgt, lässt einen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während man ungläubig die Augen immer weiter aufreißt. Katherine will Rache und Duffys letztes Stündchen scheint geschlagen zu haben, als Mike noch einmal einlenkt und der Meinung ist, dass es doch eine humanere Lösung für seinen langjährigen Boss geben muss. Letzten Endes opfert sich Mike für seinen Boss und fängt sich aus kürzester Distanz gleich mehrere Kugeln aus der Waffe von Katherine ein. Der bullige Handlanger bringt es sogar noch fertig, seiner Angreiferin einen gezielten Schlag auf den Kehlkopf zu verpassen, wodurch Katherine das Zeitliche segnet.
Eine Szene wie aus dem Nichts - unerwartet und extrem blutig. Mike folgte zwar zunächst seinem Code, zeigte schlussendlich aber doch, dass er wohl zu den loyalsten Charakteren in der Seriengeschichte von Justified zählt. Mit Mary Steenburgen verlässt uns zwei Folgen vor dem Serienfinale eine absolute Bereicherung für das Drama, während Wynn Duffy es mal wieder geschafft hat, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Sein herzlicher Moment mit Mike, der in seinen Armen verstirbt, könnte die erste emotional aufrichtige Aktion Duffys sein, die wir je von ihm gesehen haben. Dass die Macher den Todeskampf zwischen Mike und Katherine mit der klassischen Komposition des Pachelbel-Kanons des gleichnamigen Komponisten untermalen, ist dann noch das i-Tüpfelchen dieser packenden Sequenz.
Fazit
Was möchte man mehr? Fugitive Number One stellt eine weitere großartige Episode der konstant hervorragenden sechsten Staffel von Justified dar, in der sämtliche Stärken des Formats auf allerhöchstem Niveau ausgespielt werden. Messerscharfe Dialoge, tiefschwarzer Humor, sehenswerte Kulissen und ein konsequenter Plot, der gleich mehrere prominente Opfer zur Folge hat. Raylan und Boyd gehen nun im Gleichschritt auf Ava zu, deren Hoffnungen auf eine erfolgreiche Flucht alles andere als rosig aussehen. Im Hintergrund steht nun noch die unberechenbare Variable Avery Markham, der seine geliebte Katherine verloren hat und Boon nun endgültig von der Leine lassen könnte. Das Warten auf die letzten beiden Episoden von „Justified“ ist für mich persönlich kaum noch zu ertragen.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 2. April 2015(Justified 6x11)
Schauspieler in der Episode Justified 6x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?