Justified 6x10

Justified 6x10

Es geht auf die Zielgerade zu. Den Machern hinter Justified gelingt es in der Episode Trust mit Bravour, die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammenzuführen, abermals ein packendes Erzähltempop vorzulegen und darüber hinaus mit einem spannenden Cliffhanger abzuschließen.

Joelle Carter und Timothy Olyphant als Ava Crowder und Raylan Givens in „Trust“ / (c) FX
Joelle Carter und Timothy Olyphant als Ava Crowder und Raylan Givens in „Trust“ / (c) FX

Selten war ein Episodentitel so passend wie Trust. Die Frage, wem man vertrauen kann und wem nicht, haben die Autoren des Neowesterndramas Justified in ihrer finalen sechsten Staffel nun schon einige Male gestellt. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch die einzelnen Episoden, in denen die verschiedenen Charaktere stets hinterfragen müssen, ob ihre Gegenüber mit offenen Karten spielen oder ob sie einen doch früher oder später über den Tisch ziehen werden.

Machen wir uns keine Illusionen, in Justified offenbaren die Figuren so gut wie nie ihre wahren Absichten, was mitunter den größten Reiz an dem Format ausmacht. In der aktuellen Staffel ist dies mehr denn je zu erkennen, immer wieder schlagen sich die handelnden Parteien ein Schnippchen, immer wieder werden Pläne angepasst und gerade erst geschlossene Allianzen zum Wanken gebracht. Da verwundert es nicht, dass es irgendwann zu einer Eskalation kommen muss, die man uns nun hier in „Trust“ eindrucksvoll präsentiert. Letzten Endes zahlt sich die exzellente Vorarbeit des Autorenteams aus, die jetzt den ersten Teil der Ernte einholen können und das große Serienfinale einläuten, welches uns in wenigen Wochen bevorstehen wird.

In times of trouble

In „Trust“ bewegen wir uns extrem sprunghaft von einem Handlungsstrang zum nächsten, doch erstaunlicherweise empfindet man die ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungsorten alles andere als störend. Dies liegt vor allem daran, dass sich überall dem gleichen Thema gewidmet wird: Vertrauen. Diese Art der thematischen Verknüpfung ist unter anderem ein Grund, warum sich „Trust“ von der ersten bis zur letzten Minute sehr rund und stimmig anfühlt. Der Eindruck, die Serienmacher würden sich eventuell zu viel aufbürden, entsteht zu keiner Sekunde, selbst wenn in der eher kurzen Laufzeit von etwa 40 Minuten ein Großteil der Charaktere in Erscheinung tritt und entscheidende Entwicklungen in der Gesamthandlung vonstattengehen.

Zum einen hat Boyd (Walton Goggins) nun den Punkt erreicht, wo er es leid ist, sich noch länger in Geduld zu üben. Nach dem Verrat Zachariahs (Jeff Fahey), der nach der Explosion im Minenschacht spurlos verschwunden ist, will Boyd nun zu drastischeren Mitteln greifen, um an das Geld von Markham (Sam Elliott) zu gelangen. Zuvor wird jedoch der einflussreiche Ellstin Limehouse (Mykelti Williamson) kontaktiert, der die nötigen Papiere für Boyd und seine Angebetete Ava (Joelle Carter) besorgen soll, damit sie Harlan ein für alle Mal hinter sich lassen können.

Nach den letzten Ereignissen hat Boyd wieder ein gesundes Vertrauen in Ava aufgebaut, mit der er die Flucht in ein süßes Leben fernab Kentuckys anstrebt. Dass Ava jedoch bereits sehr früh in der Episode erneute Zweifel hinsichtlich ihres Geliebten bekommt, als sie die alte Aligatorzahnkette von dem vermissten Dewey Crowe (Damon Herriman) in Boyds Bar entdeckt, könnte die Pläne des ehemaligen Bergarbeiters und notorischen Bankräubers doch noch torpedieren. Ava zählt schnell eins und eins zusammen und erkennt den Vertrauensbruch Boyds, was sie in der Folge einige drastische Entscheidungen fällen lässt.

Playing it straight

Letztendlich trifft in Trust gleich mehrfach das zugegeben sehr egoistische Motto „Jeder ist sich selbst der Nächste“ zu. So wie Ava letzten Endes zu dem Schluss kommt, auf niemanden mehr zu vertrauen, der ihr eventuell einen Ausweg aus ihrer Misere bieten kann - ob nun Boyd oder Raylan -, leitet auch Wynn Duffy (Jere Burns) erste Maßnahmen ein, um seine eigene Haut zu retten und nicht zum Spielball zwischen den Fronten zu werden.

Duffy war immer einer der Ersten, der das Vertrauen seiner Verbündeten ausnutzte, um sich selbst den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Nun scheint er dafür die Quittung zu bekommen, zeigt doch sein Bodyguard Mike (Jonathan Kowalsky) eine bisher unbekannte Seite. Dass sein Boss Katherine (Mary Steenburgen) und Boyd bereitwillig an Raylan (Timothy Olyphant) und die Behörden ausliefert, geht in keiner Weise mit dem Code einher, nach dem Mike lebt. So kommt es zu einem herrlichen Moment, als der sonst so tumbe Muskelprotz plötzlich Duffy ausknockt und seine Loyalität gegenüber Katherine beweisen will. Eine unerwartete Wendung, die einige Lacher nach sich zieht und den aalglatten Mittelsmann Duffy in Teufels Küche bringen könnte.

No more questions

Inwiefern er jedoch den Zorn Katherines auf sich zieht, bleibt abzuwarten, da diese selbst in einer großen Bredouille steckt. Sie wird nämlich von Boyd entführt, der Markham und seinen Millionen nicht mehr hinterherjagen will und den Geschäftsmann mit der sonoren Stimme jetzt einfach zu sich kommen lässt. Zuvor hat es der gewiefte Raylan noch fertiggebracht, Zweifel bei Markham hinsichtlich Katherine zu streuen, was alsbald seine Wirkung zeigt. Der Gnadenstoß bleibt jedoch Boyd vorbehalten, der nach erfolgreicher Geldübergabe unter schallendem Gelächter Markham offenbart, dass seine baldige Ehefrau von Anfang sein Vertrauen missbraucht hatte, an sein Geld wollte und ihn als Strippenzieher hinter dem Mord an ihrem Exmann sah.

Walton Goggins und Mykelti Williamson als Boyd Crowder und Ellstin Limehouse in %26bdquo;Trust%26ldquo; © FX
Walton Goggins und Mykelti Williamson als Boyd Crowder und Ellstin Limehouse in %26bdquo;Trust%26ldquo; © FX

Going out in a blaze

Es ist schon beinahe eine Freude mit anzusehen, wie all den sonst so eloquenten und machtsicheren Charakteren plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Leidvoll müssen sie erfahren, wie mit ihrem Vertrauen gespielt wurde, wobei sie sich selbst immer so unangreifbar und sicher fühlten. Ob Wynn Duffy, Katherine oder Markham, sie alle müssen nun in den sauren Apfel beißen und finden sich wahrscheinlich zum allerersten Mal in ihrem Leben auf der anderen Seite eines krummen Deals wieder - die Seite, die letztendlich mit leeren Händen dasteht.

Für Raylan und seine Kollegen vom United States Marshals Service bedeutet dies im Grunde genommen, die Beine hochzulegen und einfach aus der Ferne zu beobachten, wie sich die einzelnen Spieler gegenseitig beseitigen. Der erfahrene Gesetzeshüter weiß es glücklicherweise aber besser und verfolgt mit Skepsis die neuesten Entwicklungen, traut er doch gerade Erzfeind Boyd noch ein paar gewiefte Tricks zu. Dass es schlussendlich Ava ist, die für die größten Überraschungen der Episode sorgt, haben weder Raylan noch wir uns träumen lassen.

What did you do?

Denn genauso wie Duffy, Katherine und Markham für ihr ununterbrochenes Pläneschmieden abgestraft werden, ereilt auch den größten aller durchtriebenen Schwerenöter seine gerechte Strafe. Boyd, der Ava nicht nur bezüglich Dewey angelogen hatte, sondern jetzt auch noch seine eigenen treuen Handlanger den Behörden opfert, um sich selbst zu retten, wähnt sich mit seinen Millionen schon längst auf der sicheren Seite, als er sich mit Ava trifft. Diese hat Boyds Spielchen und seine wankelmütige Attitüde jedoch satt und schießt ihren „Liebsten“ nieder. Selbst der im Hintergrund anwesende Raylan ist extrem überrascht, der Ava zuvor noch einen neuen Handel angeboten hatte, sollte ihr es gelingen, Boyd ein Geständnis hinsichtlich des Mordes an Dewey Crowe zu entlocken. Ava handelt jedoch auf eigene Faust und begibt sich dann mit Markhams Millionen auf die Flucht.

Diese Entwicklung, so überraschend sie auch ist, könnte angesichts der Figurenzeichnung von Joelle Carters Charakter in der sechsten Staffel von Justified konsequenter nicht sein. Sie ist nämlich immer der Spielball zwischen den Fronten gewesen, der Wynn Duffy um keinen Preis werden wollte. Die Behörden haben sie am Ende einfach fallen lassen und ihren Deal als Informantin aufgehoben. Avas Aussichten sind hoffnungsloser als jemals zuvor, sowohl Raylan als auch Boyd haben mit ihrem Vertrauen gespielt und sie letztendlich enttäuscht. Die Entscheidung, sich von all ihren Altlasten zu lösen und niemandem mehr blindlings ihr Vertrauen zu schenken, ist absolut nachvollziehbar und passt perfekt zu der sehr starken Charakterentwicklung Avas in der finalen Staffel, woran natürlich auch Carter mit ihrem sehenswerten Schauspiel großen Anteil hat.

Good boy

So werden wir mit einigen offenen Fragen zurückgelassen, zum Beispiel wo es Ava hinverschlagen wird und ob Boyd seine Schussverletzung übersteht, wovon stark ausgegangen werden darf. Die letzten Folgen von „Justified“ schlagen nun noch einmal eine neue, unerwartete Richtung ein, was wohl nur wenige haben kommen sehen. Die Spannung und die Erwartungshaltung bleiben unverändert hoch, auch dank der Nebenhandlung um Markhams Mann fürs Grobe, Boon (Jonathan Tucker). Dieser Teil der Episode läuft recht abgeschieden von den anderen Handlungssträngen ab und dient vor allem der Etablierung dieser doch sehr unheimlichen und zweifellos brandgefährlichen Figur.

Bisweilen bedient man sich hier frei heraus sehr stark am Westerngenre, denn mit Boon ist ein neuer Pistolero in der Stadt, dessen Konfrontation mit Sheriff Raylan Givens nur eine Frage der Zeit ist. Das Gespräch zwischen den beiden in einem Diner könnte die Vorfreude auf dieses Duell nicht besser in die Höhe treiben, während Darsteller Jonathan Tucker wenig später in einer äußerst spannungsgeladenen Szene im selben Restaurant seinen kaltblütigen Charakter noch schauderlicher macht, als er es bereits ist. Für Boon scheint die aktuelle Situation tatsächlich nichts anderes als ein Spiel zu sein, das er in seiner Gänze auskosten möchte - ein klassischer Showdown mit Raylan inklusive. Mit seiner speziellen Mentalität und seinem markanten Duktus passt er nahezu perfekt in die facettenreiche Charktergalerie, die die Serienmacher mit ihrer Dramaserie erschaffen haben.

Fazit

Die Justified-Episode Trust lässt nur wenig zu wünschen übrig und markiert dank gewohnt hervorragender Dialogarbeit und einiger überraschender Entwicklungen den Anfang vom Ende, welchem wir uns mit immer größeren Schritten nähern. Eine Vielzahl der Charaktere ist nun zum Handeln gezwungen, da sie ansonsten auf der Strecke bleiben könnten. Dementsprechend ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Tempo für die letzten drei Folgen des Dramas noch mehr anzieht, als es bisher der Fall gewesen ist. Für uns Zuschauer könnte es wohl kaum eine verlockendere Aussicht geben.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 26. März 2015
Episode
Staffel 6, Episode 10
(Justified 6x10)
Deutscher Titel der Episode
Vertrauen
Titel der Episode im Original
Trust
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 24. März 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 9. Juli 2015
Autor
Benjamin Cavell
Regisseur
Adam Arkin

Schauspieler in der Episode Justified 6x10

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