Justified 6x09

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Angesichts des höllischen Tempos, das Justified zu Beginn der abschließenden sechsten Staffel vorgelegt hat, ist es nicht weiter erstaunlich, dass in einer Episode wie Burned, die noch nicht wirklich zu den letzten gehört, nicht allzu viel passiert. Bis auf wenige Ausnahmen sind sämtliche Player am Ende am gleichen Punkt wie am Anfang - und trotzdem habe ich mich zu keinem Zeitpunkt in dieser Episode gelangweilt, ganz einfach weil es so viele wunderbare Interaktionen zwischen den Protagonisten gibt.
I'm gonna leave this place and hopefully never come back
Zu Beginn bekommt Raylan (Timothy Olyphant) von der neuen und alten Führungsriege der Marshals und Staatsanwalt Vasquez (Rick Gomez) eine Standpauke, wie es denn passieren konnte, dass Ava (Joelle Carter) nun als Informantin nicht mehr zu gebrauchen ist. Er hat dafür außer seiner Intuition keine zufriedenstellende Erklärung, weshalb Art Mullen (Nick Searcy) einen anderen Vorschlag zum weiteren Vorgehen offeriert. Er habe genug belastendes Material in der Hand, um Wynn Duffy (Jere Burns) zu einer Kooperation zu bewegen.
Der lässt sich nach einer furchtbar witzigen Konfrontation mit Raylan und Art in seinem mobilen Bräunungsstudio auf den Deal ein. Er will Boyd (Walton Goggins) ausliefern, im Gegenzug werden die Marshals Katherine Hale (Mary Steenburgen) nicht verraten, dass er der Maulwurf ist, der ihren Ehemann verraten hat. In dieser Konstellation war es bislang schwierig, emotionales Investment aufzubringen, weil es sich um Tote aus der Vergangenheit handelt, die wir nie zu Gesicht bekommen haben. Umso gelungener ist der Kniff, Wynn Duffy in der Mitte dieses Konflikts zu positionieren.
So bekommt diese Figur auch endlich mehr zu tun - genau wie sein partner in crime Mikey (Jonathan Kowalsky), der auf Wynns neuerliche Volte pikiert mit dem Verweis auf seinen „Code“ reagiert (Omar aus The Wire lässt grüßen). Duffy stattet also Boyd und Ava im Auftrag der Marshals einen Besuch ab und behauptet, Avery Markham (Sam Elliott) wolle noch am gleichen Tag seiner Pizzaparty das Geld aus dem Tresor umparken. Boyd lässt sich davon um den Finger wickeln und setzt sofort alle Hebel in Bewegung, um den Überfall früher als geplant durchzuführen.

Loretta McCready (Kaitlyn Dever) bekommt indes furchteinflößenden Besuch von Markhams neuestem Gangmitglied. Boone (Jonathan Tucker) nutzt eine kopflose Schlange dazu, der noch sehr jungen, dafür aber schon mit allen Wassern gewaschenen (weil durch die harte Schule von Mags Bennett gegangenen) Unternehmerin möglichst viel Angst zu machen, was angesichts der folgenden Ereignisse aber höchstens marginal funktioniert.
Give this county back to the people
Für Raylan könnte mit Boone nun endlich der Gegenspieler aufgetaucht sein, der es mit seinen Pistolenkünsten aufnehmen kann - wobei wir zugegebenermaßen noch nicht wirklich gesehen haben, wie gut der Finsterling wirklich mit seiner Waffe umgeht. Natürlich rechne ich nicht damit, dass Raylan ihm wirklich unterlegen sein könnte, ein echter Western-Shootout wäre aber etwas, das diese sowieso schon hervorragende letzte Staffel von Justified noch versüßen könnte.
Bevor sich sämtliche Akteure im Pizza Parlor versammeln können, müssen die Turteltäubchen Katherine und Avery aber noch eine letzte Hürde überspringen. Seabass (Scott Grimes) taucht mit vorgehaltener Waffe in ihrem Hotelzimmer auf, wird von Katherine mit dem ältesten Trick der Welt aber ebenso achselzuckend wie kaltblütig ermordet. Holy smokes! Das Bild von Katherine, wie sie in aller Seelenruhe vor der mit Blut vollgespritzten Wand auf der Couchlehne sitzt und den Zimmerservice ruft, wird sich so schnell nicht aus meinem Hirn verabschieden.
Wahnsinning unterhaltsamer Stoff bis hierher - dabei habe ich noch gar nicht Deputy US Marshal Tim Gutterson (Jacob Pitts) und seine grandiosen one liner erwähnt. Dieses Mal hat er gegenüber Wynn Duffy und seinem Kompagnon Mikey einige Apercus parat, die besser runtergehen als 15 Jahre alter Bourbon. Als er Mikeys irritierte Miene ob des Verrats durch Wynn sieht, kommentiert er lapidar: „It's like catching daddy cheating with the woman next door, huh?“ („Als würde man Papa dabei erwischen, wie er Mama mit der Nachbarin betrügt, was?“) Das ist reines Dialog-Gold. Tim wird zwar in dieser Staffel auf solche Einzeiler beschränkt, wenn diese aber so knallhart sitzen wie hier, kann ich mich darüber nicht beklagen.

Schließlich kommt es zum zentralen set piece dieser Episode. Markham versammelt die Grundstücksbesitzer Harlans in seiner Pizzeria, um sie bei freiem Speis und Trank zu umgarnen, ihm doch freiwillig ihr Land zu verkaufen. Seine Ansprache wird jedoch zunächst von Boyd, und dann noch leidenschaftlicher von Loretta unterbrochen, die sich ganz offensichtlich von seinem Handlanger Boone nicht eingeschüchtert fühlt - im Gegenteil, sie hält ein flammendes Plädoyer für ihr eigenes Unterfangen, das in direkter Konkurrenz zu Markhams steht.
Boyd couldn't get it up
Unterbrochen wird das Spektakel von einem noch größeren. Nicht ahnend, dass ihm die Marshals längst auf der Spur sind, ordnet Boyd die unterirdische Sprengung des Tresors an. Ebenso nichtsahnend tappt er dabei jedoch in die Falle von Avas Onkel Zachariah Randolph (Jeff Fahey), der an der fetten Beute nicht interessiert ist, sondern nur seine Nichte davor bewahren will, ihr Leben mit seinem Todfeind zu verbringen: „He will be buried by his goddamn greed.“ („Er wird unter seiner verdammten Gier begraben werden.“)
In letzter Sekunde bekommt Boyd jedoch Hilfe von seinem loyalen Adjutanten Carl (Justin Welborn). Ein Umstand, der wiederum Raylan einen weiteren Misserfolg beschert - und fast alle Spielsteine wieder auf Anfang setzt. Ohne das Geld wird Boyd nicht auf frischer Tat zu ertappen sein. Zwar könnte er wegen minderer Verbrechen verhaftet werden, um ihn jedoch für den Rest seines Lebens hinter Gitter schmoren zu lassen, bedarf es skurrilerweise eines Erfolgs des selbsternannten Einbrecherkönigs - und Retters - von Harlan. Bleibt also nur noch die Frage, wer von größerer Gier beseelt ist: Raylan oder Boyd?
Wie auch immer die letzte Staffel von Justified ausgehen mag - es gibt im Moment keine Dramaserie, die soviel ungetrübten Spaß macht. Sicher, The Americans ist derzeit noch ein bisschen besser, weil emotionaler, mitreißender und dramatischer. Und ja, Broad City ist noch etwas witziger. Aber diese beiden gehören jeweils an unterschiedliche Enden eines großen Spektrums. Justified liegt hingegen in der Mitte, und dort ist es derzeit meine Lieblingsserie. Es wird schade sein, wenn in vier Wochen Schluss ist. Man wird dann aber auf dem Höhepunkt aufgehört haben. Und das ist von unschätzbarem Wert.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 18. März 2015(Justified 6x09)
Schauspieler in der Episode Justified 6x09
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