Justified 6x08

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Die sechste Staffel des Neowesterns Justified gab bisher beinahe allen ihren Charakteren ausreichend Zeit, dem Zuschauer die eigenen Motivationen, Ängste und Sorgen verständlich zu machen - bis auf Raylan Givens (Timothy Olyphant), dem eigentlichen Helden der Serie. Die neue Episode Dark As a Dungeon räumt damit jetzt auf, sowohl die Eröffnungs- als auch die Abschlussszene gehören dem schießfreudigen Marshal aus Harlan.
I tremble with anticipation
Dazwischen widmet sich die Serie natürlich dem Fortgang der Geschichte, wenngleich das Tempo im Gegensatz zur ersten Hälfte der letzten Staffel merklich gedrosselt wurde. Das macht aber überhaupt nichts, denn wir bekommen dafür mehrere, auf höchstem Niveau ausgearbeitete Dialoge, die Elmore Leonard wohl die Freudentränen in die Augen treiben würden - darunter einen Austausch zwischen den Erzfeinden Raylan und Boyd (Walton Goggins), der nicht besser geschrieben und gespielt sein könnte.
Justified macht in dieser Staffel so viel richtig, weil sich die Autoren auf die reichhaltige Geschichte des Handlungsortes und seiner Figuren zurückbesinnt. Das wird in mehreren Konversationen sogar dezidiert ausgesprochen. Dabei offenbart sich schnell die unterschiedliche Sichtweise der einzelnen Charaktere auf ihre eigene Vergangenheit - und auf das, was sie wohl noch erwartet. „Past is a shadow, always there behind you.“ („Die Vergangenheit ist ein Schatten, der dich ständig verfolgt“), sagt zum Beispiel Avery Markham (Sam Elliott) in einer der vielen sehenswerten Passagen dieser Episode.
Raylans Replik offenbart sein kulturelles Verständnis der Region, in der er aufgewachsen ist und die bald zu seiner letzten Ruhestätte werden könnte (der entsprechende Grabstein ist schließlich schon gesetzt): „In Harlan, it ain't behind you. It's vertical.“ („In Harlan ist sie nicht hinter dir, sie verläuft vertikal.“) Gemeint ist damit natürlich die ehemals unumstößliche Verbundenheit des Ortes mit der Rohstoffindustrie und der Minenarbeit.
Den stillgelegten Minenschächten kommt folgerichtig in dieser Episode - und der gesamten Staffel - zentrale Bedeutung zu. Boyd will den Umweg über eine Mine nehmen, um endlich Markhams vermeintlich uneinnehmbaren Tresor zu knacken (wofür er später zusätzliche Motivation erhält). Nachdem Raylan zu Beginn schon sämtliche Memorabilien seines Vaters verbrannt hat (Mr. „Deadpan“ himself, Tim Gutterson (Jacob Pitts), dazu: „Did I interrupt a goat sacrifice?“), steuert er am Ende dessen Verschlag an, von dem er sich als Kind immer die schlimmsten Vorstellungen gemacht hatte.
This fox goes for that rabbit, it's all over
Dort trifft er auf den Geist von Arlo (Raymond J. Barry) und auf die zu gleichen Teilen ernüchternde wie erleichternde Erkenntnis, dass der Verschlag leer ist. Keine menschlichen Überreste, kein Drogenbesteck, keine Filmaufnahmen von Gräueltaten. Der Horror, den sich Klein-Raylan angesichts der väterlichen Erziehungsmethoden wohl völlig zu Recht dort vorgestellt hat, ist längst verschwunden - oder war niemals da. Ob es ihm dabei hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen?
Nach eigener Aussage gegenüber Ava (Joelle Carter) muss er das aber eigentlich gar nicht, denn: „The past is a statement, the future is a question.“ („Die Vergangenheit ist ein Statement, die Zukunft eine Frage.“) Für Raylan ist die Vergangenheit keine formbare Knetmasse, die sich je nach Blickwinkel verändert, für ihn ist sie steif und fest und unverrückbar. Ava ist vom Gegenteil überzeugt: „The past and the future are a fight to the death.“ („Die Vergangenheit und die Zukunft sind ein Kampf bis zum Tod.“)
Egal, welche Interpretation nun die richtige ist (Spoiler: keine. Es gibt keine.), eines machen all diese Unterhaltungen unumwunden klar. Die Leben dieser Menschen, ihre Schicksale, ihre Vergangenheiten und Zukünfte sind von einer großen Traurigkeit befallen. Ob Raylan es nun aus Harlan rausschafft, ob Boyd und Ava das schaffen, es bleibt ihnen doch immer die Gewissheit, Teil dieser tödlichen Hetzjagd gewesen zu sein - es bleibt die Gewissheit, dass es das alles nicht wert gewesen sein kann. Da können die Dialoge noch so herausragend geschrieben, der comic relief noch so eng mit den tragischen Ereignissen verzahnt sein.
Vielleicht liegt es ja gerade daran, dass sich weder Raylan noch Boyd trotz valider Aussichten auf ein besseres Leben aus Harlan verabschieden wollen. Raylan kann sich nicht lösen, bevor er nicht Boyd in Handschellen gelegt hat, wie er ihm im Höhepunkt der Episode auch endlich sofort mitteilt: „There is only the one thing: You.“ („Es gibt nur noch eine Sache: dich.“) Boyds Antwort darauf erhellt vielleicht, was ich gerade mit der Nähe von Komik und Tragik gemeint habe: „You wanna lean in for a kiss?“ („Willst du mich jetzt küssen?“)
I do like happy endings
Raylan will von Boyd überdies erfahren, ob der überhaupt noch wisse, wann er lüge und wann nicht. Diese Frage könnte genauso gut auch ihm gestellt werden. Die garantierte Wahrheit äußert er jedoch im nächsten Satz: „There's a small part in me that's gonna miss this when it's over.“ („Ein kleiner Teil von mir wird das hier vermissen, wenn alles vorbei ist.“) Und dann greift auch Boyd die Vergangenheit-Zukunft-Dialektik auf, die den Großteil dieser Episode bestimmt: „Don't eulogize a past 'til the future gets its turn.“ („Singe nicht das Loblied auf eine Vergangenheit, wenn die Zukunft noch nicht an der Reihe war.“)
Zukunft, Vergangenheit, Schicksal, Bestimmung - Justified verrührt all diese philosophischen Konzepte auf seine gewohnt bodenständige Art zu einem großartigen Gesamtkunstwerk, das eine Selbstsicherheit an den Tag legt, die man nach der letzten Staffel kaum hätte erwarten können. So, wie diese Staffel bisher verläuft, könnte sie es sogar schaffen, die zweite von ihrem Thron zu stoßen. Und dafür ist in Episoden wie Dark As a Dungeon nicht einmal großer Plotfortschritt vonnöten.
Die einzelnen Geschichten bleiben im Fluss, das wirklich Sehenswerte ist aber derzeit nicht die Frage, wer wohl als Nächstes das Zeitliche segnen wird (immerhin acht Episoden, Garret Dillahunt!), sondern wie die Figuren miteinander agieren. Die Marshals wissen jetzt, dass Ava ihnen keine Hilfe mehr sein wird. Boyd weiß, wie viel Geld sich in Markhams Tresor befindet (Antwort: sehr viel!), Raylan hat zumindest die Vermutung, dass sein Vater vielleicht doch nicht das übermenschliche Monster war, für das er ihn immer hielt, und Katherine (Mary Steenburgen) weiß vielleicht bald, wer ihren Ehemann verpfiffen hat. Doch was nützt ihnen dieses Wissen? Sie wenden sich nicht ab, sie bleiben in Harlan. Nur Ava will abhauen. Sie wird es nicht tun.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 11. März 2015(Justified 6x08)
Schauspieler in der Episode Justified 6x08
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