Justified 6x07

Justified 6x07

Justified kümmert sich in The Hunt vorrangig um Angelegenheiten des Herzens. So bekommen die beiden Helden der Geschichte, der gute wie der böse, eine fragile Ausgangssituation für die finalen Episoden verpasst, deren Ausgestaltung weiterhin unvorhersehbar bleibt.

One Happy Family? Könnte für Raylan (Timothy Olyphant) und Winona (Natalie Zea) tatsächlich passieren. / (c) FX
One Happy Family? Könnte für Raylan (Timothy Olyphant) und Winona (Natalie Zea) tatsächlich passieren. / (c) FX
© (c) FX

Die neue Episode des FX-Neowesterns Justified heißt zwar The Hunt, besonders viel gejagt wird darin aber nicht. Klar, die Marshals sind immer noch auf der Suche nach dem entflohenen und verwundeten Ty Walker (Garret Dillahunt, bleib' uns doch noch ein bisschen erhalten!), und Boyd (Walton Goggins) zwingt Ava (Joelle Carter) zu einem Jagdausflug in den Bergen Kentuckys. Doch von der eigentlichen Tätigkeit des Jagens sehen wir in beiden Fällen kaum etwas.

We going hunting

Die große Jagd, die bereits seit der allerersten Episode läuft, die von Raylan (Timothy Olyphant) und Boyd, bekommt in dieser Episode eine Verschnaufpause und erhält gleichzeitig eine neue Ebene, die sie noch komplizierter macht. Nachdem Boyd am Ende von Alive Day von seinem einstigen Widersacher Limehouse (Mykelti Williamson) erfahren hat, dass seine Verlobte ihn möglicherweise hintergeht, lädt er sie zu einem Ausflug in die Berghütte seines Vaters in Bulletville ein, wo er und Raylan im gleichnamigen Finale der ersten Staffel einst ein großes Blutbad anrichteten.

Ava zögert zunächst, wie sie überhaupt immer wieder zögert, wenn sie nicht genau weiß, was als Nächstes passieren wird. Schnell findet sie jedoch heraus, dass Boyd sie nicht wirklich darum bittet, sie zu begleiten - es ist vielmehr ein Befehl und der erste Grundstein beim Aufbau seines perfiden Bedrohungsszenarios. Die Spannung zwischen den beiden steigert sich beinahe bis ins Unerträgliche, nachdem sie in der Hütte angekommen sind. Boyd zwingt Ava zum Trinken, er hält ihr Vorträge über Loyalität, Hingabe und Vertrauen. Er tänzelt um das eigentliche Thema herum, macht vieldeutige Anspielungen, lässt sich von ihr schlagen, bedrängt sie dann so sehr, dass sie sich nur mit der einzigen Waffe zu helfen weiß, die ihr noch bleibt: Sex.

Für wenige Stunden bekommt sie daraufhin Ruhe vor dem peinigenden Psychospiel ihres Verlobten, bis sie von Boyd noch vor Tagesanbruch geweckt wird. Er will mit ihr nun wirklich jagen gehen, es sei der erste Tag der Wildschweinsaison in Kentucky. Bei der Jagd nimmt er seine Inquisition dann wieder auf, er spricht erneut von den vielen einstigen Verbündeten, die sich später gegen ihn gewendet hatten, wie sein Cousin Johnny. Seine Aufmerksamkeit wird nur durch die Erspähung einer ersten Wildsau unterbrochen - nach einem zielsicheren Schuss ist das Abendessen gefangen.

Bei gegrilltem Wildschweinfleisch vor aufgespannter Wildschweinhaut kommt es endlich zur offenen Konfrontation zwischen den beiden verhängnisvoll Verbundenen. Dabei geht alles ganz schnell. Auf Boyds Eröffnung reagiert Ava sofort mit einem Geständnis und einer gleichzeitigen Anschuldigung, wonach Boyd sie im Gefängnis versauert lassen habe. Der überraschend einsichtige Boyd scheint sich für den Verrat seiner Verlobten indes weniger zu interessieren als für die Frage, ob sie mit Raylan geschlafen habe, bevor er sie beide in ihrer Küche entdeckt hatte. Ava verneint, was weder ihn noch uns Zuschauer in dieser Frage wirklich weiterbringt.

I can get us out of this

Boyd wäre aber nicht Boyd, wenn er nicht noch einen besseren Vertrauenstest in der Hinterhand hätte. Er drückt Ava seine Pistole mit leerem Magazin in die Hand, um zu sehen, ob sie es ernst meint, wenn sie sagt: „It's you, it's always been you.“ („Du bist es, du warst es immer.“) Boyd funktioniert Ava nun also in eine Doppelagentin (oder doppelte Doppelagentin?) um: Sie soll Raylan so lange mit falschen Informationen füttern, bis Boyd Markham (Sam Elliott) ausgeraubt hat und sie mit der Beute in den Sonnenuntergang und ein Leben auf der Flucht reiten können - das Weed-Business und eine glückliche Zukunft in Harlan sind wohl Vergangenheit.

Boyds Jäger Nr. 1, Raylan Givens, nimmt sich indes eine Auszeit von der anstrengenden Marshal-Arbeit, um Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Winona (Natalie Zea) und Baby Willa sind nämlich nach Kentucky gekommen, um ihm - und der Seriendramaturgie - einen äußerst komfortablen Vorschlag zu machen: „You can be with me and still be you.“ („Du kannst mit mir zusammen sein und trotzdem du selbst bleiben.“) Was fehlender Schlaf mit der Willenskraft eines Menschen nicht alles anstellen kann! Wie soll Raylan dazu nur Nein sagen?

Es stellt sich gar heraus, dass Mister Südstaatenpistolero beruhigend auf das dauerschreiende Kind einwirken kann. Nach einer kleinen Rundfahrt nimmt er Willa mit ins Hauptquartier der Marshals, wo sich sofort mehrere unheimlich witzige, für Justified so typische Dialoge zwischen Raylan und Tim (Jacob Pitts), Art (Nick Searcy) und Rachel (Erica Tazel) entspinnen. Sie sind dort alle versammelt, weil Avery Markham vorgeladen wurde, um seine Erinnerungen an verschiedene Ereignisse aus der Vergangenheit rund um ihn und Katherine Hale (Mary Steenburgen, leider abwesend in dieser Episode, genau wie Jere Burns) hervorzukramen.

Markham lässt sich natürlich nicht in die Karten blicken, auch wenn sich der kurzzeitig reaktivierte Art alle Mühe gibt, sich so unwissend wie möglich zu geben. Selbst wenn die Marshals und wir Zuschauer keine zusätzlichen Erkenntnisse aus dieser Szene erhalten, könnte ich den beiden alten Herren stundenlang dabei zuschauen, wie sie sich mit gegenseitiger Verachtung piesacken - großartiges Material von Searcy und Elliott.

Don't tell me you're the closer

Der zum Elitesoldaten ausgebildete Ty Walker organisiert seine Flucht indes - wie von Rachel vorhergesehen - abseits der Hauptstraßen, dürfte angesichts seiner schweren Verletzung und fehlender Unterstützung seines Auftraggebers jedoch bald das Zeitliche segnen. Dagegen wehrt er sich aber mit aller Kraft. Zunächst schneidet er sich in wahrer Rambo-Manier die Kugel aus der Schulter und verarztet die offene Wunde notdürftig mit Salz (?).

Zwei vorlaute Collegeboys belohnt er mit dem Leben und seinen Kreditkarten, damit sie eine falsche Fährte für die Marshals legen (was nicht klappt). Die beiden von ihm selbst herbeigerufenen Sanitäter ereilt hingegen ein weitaus blutigeres Schicksal, entleert er in ihnen doch aus Frust über seine missliche Lage beinahe das gesamte Magazin seiner Schusswaffe.

Diese neue Justified-Episode hat den Fokus von den bisher üblichen Positionskämpfen der Bösewichte und Helden in und um Harlan auf Themen wie Familie, Loyalität und Treue verschoben. Dem starken dramaturgischen drive dieser abschließenden sechsten Staffel hat das nicht geschadet - im Gegenteil: Es gibt nun noch mehr Ebenen und Facetten, die zu berücksichtigen sind. Kommen Ava und Boyd ungeschoren davon? Schafft es Raylan, sich und seine Familie zu beschützen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass es unheimlich viel Spaß macht, ihnen dabei zuzusehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 4. März 2015
Episode
Staffel 6, Episode 7
(Justified 6x07)
Deutscher Titel der Episode
Die Jagd
Titel der Episode im Original
The Hunt
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 3. März 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 18. Juni 2015
Autoren
Taylor Elmore, Keith Schreier
Regisseur
John Dahl

Schauspieler in der Episode Justified 6x07

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