Justified 6x06

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Nach fünf hervorragenden Episoden der letzten Staffel von Justified dürfte ich eigentlich nicht überrascht sein, dass auch die sechste wieder große Unterhaltung abliefert. Nach jeder neuen tollen Folge denke ich mir, dass jetzt doch einmal der Zeitpunkt gekommen sein müsste, an dem sich die Serie eine kleine Atempause gönnt. Aber dann kommt sie wieder mit einer Episode wie Alive Day um die Ecke und all meine Zweifel sind sofort verflogen.
They know killing, but they don't know crime
Viel mehr können wir uns von einer „Justified“-Folge nicht wünschen: Es gibt Intrigen, überraschende Wendungen, Schießereien, Actionszenen, dramatische Momente und viele, viele - ja, so viele - herausragend geschriebene Dialoge. Falls es einen Himmel gibt, sitzt Elmore Leonard dort oben, schaut sich dienstags seine Serie an und hat danach jedes Mal ein breites Grinsen auf den Lippen. Wie könnte man auch sonst auf die Dialoge zwischen Raylan (Timothy Olyphant) und Tim (Jacob Pitts), Avery Markham (Sam Elliott) und Katherine Hale (Mary Steenburgen), Art Mullen (Nick Searcy) und Rachel Brooks (Erica Tazel) reagieren?
Was fehlt in dieser Aufzählung? Natürlich die immer wieder vor Spannung knisternden Konfrontationen zwischen den Erzfeinden und trotzdem irgendwie einander Zugeneigten Raylan und Boyd (Walton Goggins). Zu Beginn der neuen Episode muss Letztgenannter mit Überraschung feststellen, dass Raylan beim angekündigten fried chicken dinner mit seiner Verlobten Ava (Joelle Carter) ebenfalls zugegen ist. Das anschließende Wortgefecht der beiden beinhaltet den von Raylan vergeblich gesuchten (weil von Boyd ermordeten) Dewey Crowe, Raylans angekündigte Rückkehr nach Florida und die gemeinsame Vergangenheit.
Wirklich schlau wird keiner der beiden aus dem jeweils anderen - wie könnte es bei zwei Wortakrobaten dieses Kalibers auch anders sein? Besondere Würze erhält ihr Verbalduell aber durch die Anwesenheit Avas, die schon mit beiden romantisch liiert war (und ist) und nun für Raylan (und ihre Freiheit) ihren Verlobten ausspioniert. Nachdem sie in den letzten Episoden immer nur spärliche Informationen für Raylan und die übrigen Marshals parat hatte, kann sie nun wertvollere Details über Boyds Operation liefern - gerade zum richtigen Zeitpunkt, wurde ihre Nützlichkeit doch schon mehrfach (auch in dieser Episode) von Rachel in Zweifel gezogen.

Nun kann sie Raylan aber einen entscheidenden Hinweis darauf geben, was Boyd plant, zumindest aber, wo er sich gerade aufhält. Die Verbindung zwischen der Mine und dem Tresor im Keller von Markhams Pizzeria dürfte Raylan indes alleine hinbekommen. Die beiden Widersacher haben aber erst einmal genug mit sich selbst zu tun, bevor sie sich um den jeweils anderen kümmern können. Boyd begibt sich mit seinen Mitstreitern so tief in das Innere einer Mine, wie er es schon lange nicht mehr war, und Raylan ist mit der Einhegung des Markham-Clans beschäftigt.
Only place I'm happy
Auf beide warten dabei beinahe tödliche Überraschungen - für Boyd sogar in zweifacher Ausfertigung. Zunächst stellt sich heraus, dass der von ihm angeheuerte Zachariah Randolph (Jeff Fahey) viel weniger vertrauenswürdig ist als angenommen, ja sogar aktiv gegen ihn arbeitet. Sein Hass auf Familie Crowder sitzt also doch tiefer als Boyd glauben mag - bei seiner ersten Unterhaltung mit Ava wird das bereits vorsichtig angedeutet. Noch weiß Boyd nichts von seinem Pech, am Ende der Episode kommt es trotzdem doppelt dick für ihn.
Da stellt sich heraus, dass Avas unüberlegter Fluchtversuch doch weitreichende Konsequenzen haben wird. Ellstin Limehouse meldet sich nämlich bei Boyd und erzählt ihm von seiner Kurzzeit-Schutzbefohlenen. Er verspricht sich davon ein Ende des bösen Bluts zwischen den beiden Lokalgangstern und eine zukünftig profitable Partnerschaft. Hätten wir uns ja gleich denken können, dass die Produzenten Mykelti Williamson nicht nur für eine Episode zurück ins Boot holen.
Überraschend bleibt, wie schnell es mit den einzelnen Handlungsbögen vorangeht. Dass Boyd von Avas Verrat erfährt, hätte ich frühestens in der vorletzten Episode erwartet. Nun befinden wir uns aber erst kurz vor der Halbwegsmarke dieser letzten Staffel. Momentan deutet vor allem der Handlungsstrang um Boyd auf eine zentrale Konfrontation zwischen ihm und Ava beziehungsweise ihm und Zachariah hin. Auch Raylan kann schon in Grundzügen zusammenpuzzeln, was Boyd vorhaben könnte. Was soll in den ausstehenden sieben Episoden also noch alles passieren?

Dies ist die vielleicht größte positive Errungenschaft dieser sechsten Staffel - wir wissen als Zuschauer einfach nicht, wohin die Reise geht. Abgesehen vom Handlungsbogen um Raylan und Boyd gibt es ja auch noch diesen großen anderen dramaturgischen Komplex um Avery Markham und all seine Geschäftspartner. Dieser hängt zwar mit Boyds Handlungsstrang zusammen, schließlich soll der ihn im Auftrag seiner Geliebten Katherine ausrauben. Momentan funktioniert dessen Operation um den Ankauf von möglichst viel Land für den Aufbau eines Marihuanageschäfts aber noch als eigenständige und genuin unterhaltsame Geschichte.
This ain't the army anymore
Die unvorsichtig vergrabene Leiche von Calhoun führt Raylan und Tim direkt zu Markham und seinen Mannen, wobei der Chef persönlich erst von den Marshals erfährt, dass sein Immobilienmakler tot ist. Er will daraufhin Choo-Choo (Duke Davis Roberts) von Ty Walker (Garret Dillahunt) umbringen lassen, was dem angesichts ihrer gemeinsamen Vergangenheit beim Militär sichtlich schwerfällt, was er aber nach dem nächsten Fauxpas seines Untergebenen einsieht, erledigen zu müssen.
Interessant ist dabei vor allem, wie prominent in dieser Staffel auch das Thema der Kriegsheimkehrer und ihrer körperlichen und geistigen Blessuren behandelt wird. Zwischen Walker und Seabass (Scott Grimes) kommt es einmal zum Streit, weil der eine sich der militärischen Ansprache („Sergeant“) des anderen nicht unterordnen will. Es ist nicht das erste Mal, dass Justified dieses Thema betrachtet - auch Tim ist ein Kriegsveteran -, so präsent wie in dieser Staffel tauchte es aber bisher nicht auf.
Nach der Schießerei zwischen Raylan, Tim, Choo-Choo und Walker wird es erneut aufgegriffen. Da bedeutet Raylan seiner Chefin Rachel, dass es herkömmliche Polizisten schwer haben dürften, es mit den beiden verwundeten Flüchtigen aufzunehmen. Sie hat deshalb schon lange Verstärkung von anderen Marshalbüros angefordert. Die kluge, umsichtige Rachel hatte natürlich auch schon den Verdacht, dass Raylan und Ava wieder miteinander anbandeln.
Choo-Choo stirbt schließlich dort, woher er seinen Namen bekommen hat: im Gleisbett einer Eisenbahn. Walker befindet sich schwerverletzt auf der Flucht, dürfte aber nicht allzu weit kommen. Markham will Katherine heiraten, führt dabei aber - natürlich - etwas anderes im Schilde. Wynn Duffy (Jere Burns) durchblickt das sofort und weiß, dass Markham wohl bald umgebracht werden muss. Katherine stimmt dem zu, will aber zunächst abwarten, ob er sich noch zweifelsfrei als Verräter ihres im Gefängnis verstorbenen Ehemanns ausmachen lässt. In diesem Falle solle er möglichst langsam und schmerzerfüllt aus dem Leben treten.
Das Tempo bleibt atemberaubend hoch - und die letzte Staffel dieser außergewöhnlichen Serie atemberaubend gut: „Wonderful things can happen when you sow seeds of distrust in a garden of assholes.“ Enough said.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 25. Februar 2015(Justified 6x06)
Schauspieler in der Episode Justified 6x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?