Justified 6x05

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Justified ist keine Serie, die sich gerne von ihren zentralen Charakteren trennt, Justified ist kein Game of Thrones. Mit Ausnahme der Staffelbösewichte wie Mags Bennett oder Nicky Augustine kamen bisher lediglich Figuren aus der zweiten Reihe ums Leben, wie Arlo Givens, Johnny Crowder und - erst kürzlich - Dewey Crowe. Das konnte bisweilen dazu führen, dass die Fallhöhe unserer liebsten Figuren erwartungsgemäß niedrig ausfiel. Selbst Art Mullen (Nick Searcy) wurde von den Autoren nicht umgebracht, sondern in den wohlverdienten Ruhestand geschrieben.
I'm trying to keep you alive
Bei aller Vorhersehbarkeit, die diese dramaturgischen Entscheidungen (die sicherlich auf Elmore Leonard und die für ihn typische Heldenverehrung zurückzuführen sind) mit sich bringen: Sie haben einen enorm positiven Effekt für diese abschließende sechste Staffel. Graham Yost und sein Autorenteam können nun nämlich all jene Charaktere zurückbringen, die sie bisher haben überleben lassen. Zusammen mit den großartigen alten und neuen Figuren entsteht daraus eine energiegeladene, unheimlich unterhaltsame Mixtur.
So kommen wir in Sounding also in den Genuss weiterer prominenter und mancher neuer Gastauftritte. Ava (eine erneut herausragende Joelle Carter) beschließt kurzfristig und ohne echten Plan, Harlan fluchtartig zu verlassen, weil sie ihre wenigen ausstehenden Optionen - gute Miene zum bösen Spiel von Boyd (Walton Goggins) oder die vage Hoffnung auf eine Flucht ins Zeugenschutzprogramm mit der Hilfe von Raylan (Timothy Olyphant) - nicht wirklich attraktiv findet.
Ihre erste Anlaufstelle ist Ellstin Limehouse (Mykelti Williamson), der beilschwingende Bösewicht, der Ava nicht zum ersten Mal eine Audienz gewährt. Besonders beeindruckt ist er aber nicht von dem popeligen Geldbündel, das Ava ihm im Tausch für ein Fluchtfahrzeug anbietet. Immerhin schafft sie es noch, eine letzte Trumpfkarte zu ziehen, die aber eigentlich gar keine ist: Sie behauptet einfach, sie kenne ein Geldversteck von Boyd - wohl in der Hoffnung, ihren Bewacher Errol (Demetrius Grosse, ihn haben wir zum letzten Mal am Ende der dritten Staffel gesehen) überwältigen und dessen Auto stibitzen zu können.

Dieser Plan hat offensichtlich mehr Löcher als ein Schweizer Käse, weshalb Ava Glück hat, dass Raylan ihr Constable Bob (Patton Oswalt) als unsichtbaren Bewacher zur Seite stellt. Der erledigt seinen neuen Job mit Bravour und bestätigt so das erhöhte Vertrauen, das Raylan seit der Aktion gegen Yolo in der letzten Staffel in ihn setzt. Bob tut wie ihm befohlen: Er befreit Ava aus Errols festem Griff, ohne dass Raylan selbst eingreifen müsste. Bravo, Bob! Hast du gut gemacht! Und witzig warst du auch noch dabei: „I got balls like deathstars.“ („Ich habe Eier, groß wie zwei Todessterne.“)
Uncle Sam thanks you for your cooperation
Der, vor dem Ava vor allem flüchten will, ist indes mit den ersten Schritten seines Plans beschäftigt, der neue Marihuanakönig von Harlan zu werden. Nachdem Boyd in der Nacht zuvor seiner Eigentlich-noch-Verlobten einen kurzen Exkurs in die hervorragende agrarische Nutzbarkeit der Böden in und um Harlan gegeben hat, kann er sich nun - gestärkt durch ein großes Frühstück und die vermeintliche Aussicht, Ava vielleicht doch bald heiraten zu können - an den Konkurrenzkampf mit Avery Markham (Sam Elliott) machen. Seine Angst aus Noblesse Oblige scheint dabei vollständig verflogen zu sein. Vielleicht liegt's ja an Avas leckeren Pancakes.
Boyds Plan sieht jedenfalls weiterhin vor, an das Geld seines aktuellen und zukünftigen Widersachers heranzukommen, um ihn dann mit seinem eigenen Vermögen aus Harlan und dem Marihuanageschäft zu vertreiben. Als ersten Schritt beauftragt er Carl (Justin Welborn), die von Markham targetierten Grundstücksbesitzer so sehr einzuschüchtern, dass sie ihre Ländereien auf keinen Fall an ihn verkaufen. Nach erfolgreicher Erledigung dieses Auftrags folgt Teil zwei des - nicht besonders ausgeklügelten - Vorhabens: Genug Sprengstoff besorgen, um den Safe im Keller des Pizzarestaurants (Markhams Hauptquartier) sprengen zu können.
Hierzu sucht Boyd Zachariah Randolph (Jeff Fahey) auf, Avas trunksüchtigen Onkel, der für den Namen Crowder außer blanken Hass (wir erinnern uns: Ava wurde von ihrem ersten Ehemann Bowman Crowder misshandelt und erschoss ihn dafür) nicht viel übrig hat. Entsprechend holprig verläuft denn auch das erste Aufeinandertreffen der beiden. Mit einer stattlichen Geldsumme kann Boyd ihn aber schließlich überzeugen, ihn zu einer stillgelegten Mine zu führen, wo er das benötigte Blackdamp finden kann.

Wenn es einen singulären Begriff gäbe, um den Neowestern Justified zu beschreiben, dann wäre das nicht „Pistolero“, „Verbrechen“ oder „Marshal“ - es wäre „Kohle“. Die Kohle, nach der jeder in Harlan einst gegraben hat, ist das verbindende Element beinahe sämtlicher Charaktere - zumindest aber der zentralen. Raylan und Boyd haben als junge Erwachsene nach Kohle gegraben, ihre Eltern und Großeltern haben nach Kohle gegraben, Dewey Crowe sah als letztes Bild in seinem Leben das von einer Mannschaft Kohlegräber, Boyd freut sich mehr als über alles andere darüber, dass sein neues Teammitglied Erfahrungen im Kohleabbau hat, und unzählige Figuren aus vergangenen Episoden kannten die beiden zentralen Antagonisten aus den Zeiten der Kohle-Hausse.
You ask me, he gets Amtrak-ed
Die sind längst Vergangenheit, die Aussicht auf das „Christmas tree dope“, das in Harlan nach einer etwaigen Legalisierung wachsen könnte, erfüllt Boyd aber mit so viel hoffnungsfroher Vorfreude, dass er von einem Moment zum nächsten beschließt, seiner Heimat nun doch nicht den Rücken zu kehren. Über diese Entscheidung weniger erfreut ist - außer Ava - natürlich Avery Markham, der wohl nicht damit rechnete, auf solch großen Widerstand zu stoßen. Seine Handlanger unter Führung des durchaus fähigen Ty Walker (Garret Dillahunt) erweisen sich aber einmal mehr als wenig verlässlich. Statt dem Immobilienmakler Calhoun Schreier (Brad Leland) einen Schrecken zu versetzen und ihn so zum Reden zu bringen, boxt ihn Choo-Choo (Duke Davis Roberts) so heftig um, dass er dabei stirbt.
So makaber und ungewöhnlich (und irgendwie auch witzig) dieser Vorgang ist, so verhängnisvoll ist er für die weiteren Vorhaben der Markham-Bande. Schon zuvor wurde Walker von seinem Boss verbal in die Schranken gewiesen, weil ihm der Geduldsfaden zu reißen drohte, was uns einen weiteren Einblick in seinen Charakter ermöglicht. „Focus on the larger problem“, das versucht Walker seinen Mannen einzubläuen. Choo-Choo kann aber irgendwie nur daran denken, dass die Kellnerin der Pizzeria eventuell Geld unterschlägt.
Wynn Duffy (Jere Burns) wühlt im Auftrag von Katherine Hale (Mary Steenburgen) indes in der Vergangenheit von Ava herum und stößt dabei auf Gefängniswärter Albert Fekus (Danny Strong), den er vorzugsweise mit einem Rinderbetäubungsgerät foltert - weil herkömmliche Taser mittlerweile zurückverfolgt werden können, logisch. Während „Scrabble“-Mikey (Jonathan Kowalsky) die Drecksarbeit erledigt, ist Wynn völlig ahnungslos, dass im Nebenzimmer Tim Gutterson (Jacob Pitts) und Rachel Brooks (Erica Tazel) dem Spektakel per Videoübertragung beiwohnen. Sie lassen ihn Duffy und Mikey aber erst einmal gehen - Beweise haben sie gegen ihn jetzt schließlich genug.
Das Rinderbetäubungsgerät ist im Übrigen nicht das einzige elektrische Hilfsmittel, das diverse Akteure in Sounding einsetzen. Auch Constable Bob geht damit gegen Avas Bewacher Errol vor. Und ganz am Ende, da fliegen die Funken noch einmal besonders heftig, als Ava ihre erste Liebe Raylan küsst und damit einen Wunsch wahrmacht, den ungezählte Justified-Fans seit sehr langer Zeit hegen. Diese sechste Staffel quillt beinahe über vor Fanservice - mir macht das ganz und gar nichts aus. Gerne mehr davon!
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 18. Februar 2015(Justified 6x05)
Schauspieler in der Episode Justified 6x05
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