Justified 6x04

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Ich war ja schon kurz nach der letzten Episode, Noblesse Oblige, geneigt, dafür fünf Sterne zu verteilen. Aber irgendwie wusste ich, dass die Serie es schaffen würde, eine solch großartige Episode noch zu toppen. Dass das nun so schnell geschehen würde, hätte ich wiederum nicht gedacht. Aber hier ist sie nun, die nahezu perfekte Justified-Episode: The Trash and the Snake.
Occam's razor, Thor's hammer, who gives a shit?
Hier greift ein Rädchen reibungslos ins nächste, hier trifft ein herausragendes Drehbuch von Chris Provenzano und Ingrid Escajeda auf die superbe Regie von Adam Arkin, hier werden mehrere hervorragende Schauspieler und interessante Charaktere aufeinander losgelassen, hier kramt die Serie in ihrer eigenen Vergangenheit, um einigen ihrer besten Figuren neuerliche Auftritte zu verschaffen. Hier gibt es überraschende Ereignisse, überraschende Aufeinandertreffen, es gibt spannende, witzige, traurige, tiefschwarze und bitterböse Momente. Es gibt alles, was eine gute Fernsehserie braucht - in einer einzigen Episode.
Dabei hätte ich nicht erwartet, dass es so schnell zur Konfrontation zwischen Raylan Givens (Timothy Olyphant) und Avery Markham (Sam Elliott) kommt. Ebenso wenig hätte ich erwartet, dass Loretta McCready (Kaitlyn Dever) nun schon in die Handlung zurückkehrt - überhaupt gab es dafür ja nur eine vage Hoffnung, ist die Schauspielerin doch eigentlich mit ihrer Hauptrolle in Last Man Standing voll ausgelastet. Umso schöner, dass dies nun schon passierte - und dass Loretta uns wohl noch für weitere Episoden erhalten bleibt.
Raylan und Tim Gutterson (Jacob Pitts) - ein Spin-off übrigens, für das ich all meinen Besitz aufopfern würde - kommen häppchenweise hinter Markhams Masterplan. Wie sich herausstellt, versucht der Großkriminelle so viel Land wie möglich in Harlan County aufzukaufen, um dort Marihuana anzupflanzen, damit er nach einer möglichen Legalisierung (wie es in Colorado und Washington schon der Fall ist) groß abkassieren kann. Gleichzeitig beleuchtet Katherine Hale (Mary Steenburgen) - Markhams Geliebte - dessen Vorgeschichte gegenüber Ava (Joelle Carter).

Abgesehen von der Konfrontation zwischen Raylan und Markham in Lorettas Küche ist der merkwürdige Koks- und Klautrip von Ava und Katherine der wohl spannendste Abschnitt dieser Episode. Ava und wir wissen nie genau, was wohl als Nächstes geschieht. Die von Katherine aufgebaute Drohkulisse scheint omnipräsent, wird von ihr aber stets zum richtigen Zeitpunkt heruntergefahren, sodass Ava keine echten Todesängste ausstehen muss und nicht ganz die Fassung verliert.
What's it like? Holding someone's fate in your hands?
Katherine erhellt jedenfalls die Vorgeschichte von ihr, Markham und ihrem Ehemann Grady, der im Gefängnis sitzt, weil er von Markham verpfiffen wurde. Sich selbst sieht Katherine als eine Art kriminelle Hillary Clinton: Ohne sie hätten es ihre Männer nie an die Spitze des jeweiligen Unterweltreichs gebracht: „He was the base and I got it done.“ („Er war die Basis und ich habe alles andere erledigt.“) Ava ist zu dem Zeitpunkt vom freundlichen Umgangston Katherines schon so eingelullt, dass sie völlig unvorbereitet in die folgende Gesprächsverlagerung stolpert.
Schon zuvor hatte Katherine unverblümt verkündet, was sie alles über Avas Vergangenheit weiß. In diesem Milieu ist es sofort ein schlechtes Zeichen, wenn einem die Gesprächspartnerin vermittelt, dass sie bestens informiert ist. Zu Beginn bezieht sich das noch auf harmlos erscheinende Kleinigkeiten aus Avas Jugend. Am Ende packt Katherine aber die big guns aus. Sie lässt Ava wissen, dass sie über deren Verwicklung mit dem Gefängniswärter Albert Fekus (Danny Strong) aus der letzten Staffel Bescheid weiß. Ava will daraufhin panisch abhauen, wird aber von Raylan am Telefon beruhigt, bevor Boyd (Walton Goggins) dazukommt und die Situation noch viel schlimmer macht.
Der hat zuvor einen ereignisreichen, punktuell absurden Tag mit Wynn Duffy (Jere Burns) verbracht. Gemeinsam suchen sie den Panzerknacker The Wiz (Jake Busey) auf, wobei zunächst einmal erstaunlich ist, dass es in Harlan einen Tresorspezialisten gibt, der sich besser auskennt als Boyd. Während sich Duffy und Boyd also über die Vergangenheit und Duffys hawaiianische Herkunft unterhalten, fällt Wiz zu spät auf, dass er seine Geschäftspartner wohl eindringlicher dazu hätte ermahnen sollen, ihre Handys in sicherer Distanz aufzubewahren. So ereilt ihn aber das gleiche Schicksal wie Picker in der letzten Staffel - nur ohne böswilliges Zutun von Boyd.

Die Explosion kommt überraschend, animiert aber nach dem ersten Schrecken sofort zum Schmunzeln. Diese Art schwarzen Humor kennen wir von Justified, selten wurde er aber so unerwartet eingesetzt wie hier. Zu lachen gibt es schließlich viel. Raylan erzählt Tim von seiner alten Englischlehrerin Betty Hutchins, die wohl gemeinsam mit ihrem Ehemann John von Ty Walker (Garret Dillahunt) oder einem anderen Handlanger Markhams im Schlaf vergiftet wurde. Bei all der Tristesse lässt Tim es sich nicht nehmen, seine bevorzugte Todesart zu postulieren: „I want Sigourney Weaver to choke me out with her thighs.“ („Ich wünsche mir, dass mich Sigourney Weaver mit ihren Leisten erdrosselt.“) Herrlich!
This is still America, last time I checked
Das alles ist natürlich nur Vorgeplänkel - wenn auch äußerst interessantes Vorgeplänkel - für die zentrale Konfrontation zwischen Raylan und Avery Markham am Küchentisch von Loretta McCready. In diesen Szenen kulminiert alles, was diese Serie in ihren besten Momenten so fantastisch gut macht. Sie kombiniert darin die Vergangenheit mit der Gegenwart, lässt herausragende Schauspieler mit noch besseren Dialogzeilen aufeinander los. In der Luft hängt ein spannendes Knistern, nur unterbrochen vom schweren Bass Sam Elliotts.
Überhaupt sind fast alle Begegnungen und Konversationen in The Trash and the Snake von dieser Spannung beseelt, die wahrscheinlich auch daher rührt, dass dies die letzte Staffel sein wird. Selbst die Unterhaltung zwischen Raylan und Art Mullen (Nick Searcy), dem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, läuft vor lauter Ideen und Wortwitz beinahe über. Ganz zu schweigen von der Begegnung von Raylan und Tim mit dem letzten verbliebenen Familienmitglied der einst so mächtigen Bennetts, Dickie (Jeremy Davies), der als brabbelnder Krüppel ein bemitleidenswertes Dasein im Gefängnis fristet und von der jungen, dafür aber umso clevereren Loretta ausgetrickst wurde.
Diese Episode war von Anfang bis Ende eine echte joyride, ohne eine Sekunde Redundanz oder gar Langeweile. Dramaturgisch kohärent und straff organisiert, biegt Justified auf seine Zielgerade ein und findet dabei die Zeit, die alten Geschichten mit den neuen zu verbinden. Die Kreativen sind allesamt on top of their game, hier ist alles absolut sehenswert. All dieses überschwängliche Lob erzeugt aber auch einen winzigen Anlass zur Sorge (der eigentlich keiner ist): Wie soll diese Serie noch besser werden?
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 11. Februar 2015(Justified 6x04)
Schauspieler in der Episode Justified 6x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?