Justified 6x03

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In meinen bisherigen Reviews zu Justified kam ich immer wieder darauf zurück, wie großartig die Dialogarbeit des Autorenteams ist. Statt mich fortan aber ständig zu wiederholen, sei dies nun einfach als Annahme vorausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Dialogniveau in den ausstehenden zehn Episoden nicht bemerkenswert schlechter werden wird. Ein guter Indikator dafür: Die ersten Episoden der sechsten Staffel, inklusive der neuen, Noblesse Oblige, genügten höchsten Justified-Ansprüchen.
I ain't puked up bourbon since I wore a cheerleader's skirt
So bleibt denn auch mehr Zeit und Raum, um sich der Handlung zu widmen. Relativ früh fallen nahezu alle Spielsteine auf ihren Platz. Es gibt zwar noch einige ungelöste Rätsel und undurchsichtige Charaktermotivationen, doch die grobe Ausrichtung des Wer-gegen-Wen dieser letzten Staffel scheint etabliert. Dabei wird noch deutlicher als zuvor, wie effizient sich die Serie von überschüssigem Fett getrennt hat. Es gibt hier keine ziellos mäandernden Nebenplots, sämtliche Handlungsbögen sind auf eine große, explosive Konfrontation am Ende ausgerichtet.
Weil der sowieso schon herausragende Hauptcast für diese Staffel mit ebenso herausragenden Gastdarstellern ergänzt wurde, bekommen wir überdies beinahe ausschließlich Szenen, die vor Esprit, Witz und Wortgewalt überzulaufen drohen. Wie kaum ein anderes Format schafft es Justified, amüsante und todernste Handlungsbögen alternierend nebeneinander herlaufen zu lassen. So ist das Gefühl des Unbehagens beim Zuschauer umso größer, wenn kurz nach einem comic relief-Moment schon gleich wieder Todesdrohungen ausgesprochen werden.
Zusammen ergibt das Ganze ein unheimlich eng geschnürtes Unterhaltungspaket, dessen Schauwert in dieser Staffel vielleicht nie höher war als im cold open dieser Episode. Da wird die lange Trinknacht der beiden Immernochverlobten Ava (Joelle Carter) und Boyd (Walton Goggins) abrupt von US Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) unterbrochen, für den Ava ihren vermeintlich Zukünftigen aushorchen soll. Sie taucht völlig betrunken am vereinbarten Treffpunkt auf, nur um festzustellen, dass Raylan auch seine beiden Befehlsgeber Rachel Brooks (Erica Tazel) und David Vasquez (Rick Gomez) zur Party eingeladen hat: „If you'll excuse me, I have to throw up“ („Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich muss mich übergeben“).

Während sich Ava also gehörigem Druck ausgesetzt sieht, weil sie keine tiefgreifenden Erkenntnisse über Boyds Operationen liefern kann beziehungsweise will, besteigt Boyd gerade erst das Boot, das ihn auf eine lange Reise über den shit river mitnehmen soll. Ty Walker (Garret Dillahunt) kommt in seine Bar, beweist, dass er ebenso gerne in verschwurbelten Metaphern spricht wie Boyd selbst, und spricht eine eindeutige Warnung aus, die Boyd nur deshalb nicht beachtet, weil er noch nicht weiß, wer Walkers Auftraggeber ist.
Damn son, you like to talk as much as I do
Rachel und Raylan gehen derweil den dürftigen Spuren nach, die ihnen aufgrund Avas Verschwiegenheit geblieben sind. Diese führen sie zur alten Mine, wo Raylan einst mit Boyd nach Kohle gegraben hat. Der Sprengstoffverwalter Luther Kent (Brent Briscoe) weiß darüber einige Geschichten zu erzählen, was uns Zuschauern einen selten gewordenen Einblick in Raylans eng mit dieser regionalen Ökonomie verbundenen Vergangenheit ermöglicht. Kent ist aber nicht viel mehr als ein Trittbrett auf der Suche nach den größeren Fischen, wenngleich er Raylan noch eine unerwartete Lektion in Sachen Vaterschaft erteilen darf.
Noblesse Oblige ist indes keine Episode, die sich ausschweifend den Abenteuern ihrer rechtschaffenen Protagonisten widmen würde. Hier werden vielmehr die Verstrickungen der einzelnen Kriminellen und ihre Rangordnung untereinander ausdifferenziert. Überhaupt macht die Serie in diesen ersten Episoden der sechsten Staffel den Eindruck, als sei sie vielmehr am eingehenden Porträt ihrer Bösewichte interessiert als an der Etablierung einer packenden Katz-und-Maus-Geschichte. Ich bin mir sicher, dass eine solche im Verlaufe der Staffel noch in prominenteres Licht gerückt wird, fürs Erste bleiben wir aber bei der Vorstellung der Finsterlinge.
Weil die Bande um Ty Walker schnell herausfindet, dass Boyd seine Recherchen um die Pizzeria-Slash-Tresorraum nicht eingestellt hat, sondern ganz im Gegenteil nun sogar Ava rekrutiert, um für ihn zu spionieren, schaltet sie in den nächsthärteren Gang. Choo-Choo (Duke Davis Roberts) und Seabass (Scott Grimes) entführen den Gangleader kurzerhand und sprechen eine Warnung aus, die auch das Schicksal seiner Verlobten miteinbezieht.

Um diesen Warnungen aber noch mehr Nachdruck zu verleihen, wagt sich der big bad dieser Staffel erstmals aus der Deckung. Gemeinsam mit seinem Handlanger Ty Walker stattet Avery Markham (Sam Elliott) Ava in ihrem Zuhause einen Besuch ab. Was sich zunächst wie eine ernstgemeinte, aber wenig präzise geäußerte Warnung ausnimmt, wächst sich nach Boyds Ankunft zu einer regelrechten Kriegserklärung aus: „Come to it, I guess you ain't all that big now. Grown, but still just playing pretend.“ („Wenn es darauf ankommt, bist du jetzt wohl nicht so groß. Du bist zwar erwachsen, ja, aber du tust immer noch so, als ob.“)
I hope you know what you're doing
Überraschend daran ist nicht unbedingt Markhams eindeutige Morddrohung, es ist vielmehr die Reaktion Boyds auf seine bloße Anwesenheit. Sobald er realisiert, wer ihm da gegenüber sitzt, spielt er den reuigen Duckmäuser und hofft, sich mit einer bloßen, wenn auch genuinen Entschuldigung aus der Affäre ziehen zu können. So handzahm sich Boyd aber bei diesem unerwarteten Treffen gibt, so kämpferisch tritt er hernach gegenüber seinen ursprünglichen Auftraggebern Katherine Hale (Mary Steenburgen) und Wynn „Sonnenstudio“ Duffy (Jere Burns) auf.
Half die Episode bis zu diesem Zeitpunkt noch beim Verständnis der unterschiedlichen Verstrickungen, so wirft diese letzte Auseinandersetzung erneut Fragen auf. Hale gibt zwar freimütig zu, dass sie ein Liebesverhältnis zu Markham pflegt und ihn gleichzeitig ausrauben lassen will, lässt sich aber nicht in die Karten blicken, wen sie nun gerade gegen wen ausspielt. Boyd scheint das wenig auszumachen, er antwortet auf Wynns Frage, ob er nun aussteigen wolle, mit einer eigenen Kriegserklärung: „I ain't backin' down. I'm'a rob him. And then I will stick a bullett in your boyfriend's head.“ („Ich weiche nicht zurück. Ich werde ihn ausrauben. Und dann werde ich eine Kugel in seinen Kopf jagen.“)
Die Rede ist natürlich von Avery Markham, was Hale wiederum zu folgendem, nicht ganz ernstzunehmenden Ausspruch veranlasst: „From the moment I met you I just knew you were the man of my dreams.“ („Vom ersten Moment unseres Kennenlernens wusste ich, dass du der Mann meiner Träume bist.“) Der Mann ihrer Träume mag Boyd für Ava nicht sein, jedoch hat es am Ende den Anschein, als würde sie ihre Zukunft doch eher an seiner Seite denn in sicherer Unterbringung der Marshals verbringen wollen. Ganz sicher können wir uns darüber jedoch nicht sein.
Eines scheint zu diesem Zeitpunkt indes überaus sicher: Die letzte Staffel von Justified wird eine sehr gute sein.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 4. Februar 2015(Justified 6x03)
Schauspieler in der Episode Justified 6x03
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