Justified 6x02

Justified 6x02

In Cash Game wird noch deutlicher als in der Auftaktepisode, dass Justified immer dann am besten ist, wenn sich die Serie auf ihre Kernkompetenzen konzentriert. Herausragende Schauspieler treffen hier auf ein außergewöhnlich gutes Drehbuch. Diese Staffel könnte grandios werden.

Ty Walker (Garret Dillahunt) kommt nach Harlan und sorgt für Ärger. / (c) FX
Ty Walker (Garret Dillahunt) kommt nach Harlan und sorgt für Ärger. / (c) FX
© (c) FX

Es sind einfache Geschichten, die seit nunmehr fünf Jahren im FX-Neowestern Justified erzählt werden - doch gerade diese dramaturgische Reduktion ist es, die eine große Faszination an der Serie ausmacht. Es müssen nicht immer hochkomplizierte Mordkomplotts oder Agentendramen aufgespannt werden, um auf höchstem Niveau zu unterhalten. Justified schafft das schon mit seinen interessanten Figuren, seinen großartigen Darstellern und seiner bestechenden Dialogarbeit.

Only the truth will set you free

Die neue Episode - es ist erst die zweite der abschließenden sechsten Staffel - enthält nun all diese Ingredienzen im Übermaß. Hinzu kommt, was im frühen Teil von Justified-Staffeln immer hinzu kommt: Ein mehr oder minder kompliziertes Arrangement an Figuren, das einen Plot andeutet, der am Ende der Staffel zu einem Showdown zwischen Boyd Crowder (Walton Goggins) und Raylan Givens (Timothy Olyphant) führen könnte. Zwischen den beiden steht die bemitleidenswerte Ava (Joelle Carter) - und eine ganze Reihe brillant besetzter Nebenfiguren.

Das Castingteam von Justified bewies stets ein glückliches Händchen beim Auswählen diverser Nebendarsteller (am besten ist das bisher in der zweiten Staffel zu begutachten). In dieser neuen Staffel hat es sich aber noch einmal besonders ins Zeug gelegt. Bei jedem neuen Gesicht denkt man sich als Zuschauer, warum dieser Schauspieler nicht schon längst zum festen Ensemble der Serie gehört.

Am prominentesten tritt derzeit Garret Dillahunt als finsterer Immobilienjäger Ty Walker auf. Nachdem er sich in der Auftaktepisode schon an Raylan die Zähne ausgebissen hatte, versucht er es jetzt in der Nachbarschaft. Doch auch dort erweisen sich die alteingesessenen Einwohner Harlans als zähe Verhandlungspartner. Zum ersten Mal zeigt Walker dabei sein wahres Gesicht, bei dieser ersten, verhüllt ausgesprochenen Drohung wird es wohl sicherlich nicht bleiben.

Katherine Hale (Mary Steenburgen) kehrt in die Handlung zurück. © FX
Katherine Hale (Mary Steenburgen) kehrt in die Handlung zurück. © FX

Sein Hauptquartier hat er in einem Pizzarestaurant aufgeschlagen, das früher einmal eine Bank war, wie wir am Ende von Raylan erfahren. Diese Nachricht erfreut von allen Akteuren bisher Boyd am meisten - als er von Ava davon erfährt, ist er so entzückt, dass er seine (Noch-)Verlobte überschwänglich küsst und ihr sogleich einen Drink zum Anstoßen anbietet. Die Absichten all jener bisher erwähnten Akteure - mit Ausnahme Raylans - bleiben bis hierher aber noch undurchsichtig.

Feels like maybe I'm chatting with the devil himself

Das ändert sich auch nicht, wenn man weitere Handlungsbögen in die dramaturgische Gesamtrechnung aufnimmt. Dabei kristallisiert sich nur eines heraus: Alles scheint irgendwie miteinander zusammenzuhängen. Ty Walker steckt mit dem bekannten Immobilienmakler Calhoun aus Harlan unter einer Decke, gespielt von Brad Leland aus Friday Night Lights - ein weiterer Schauspieler, der sich nahtlos ins Justified-Universum einfügt. Dieser Calhoun ist ebenjener, dessen Bankschließfach Boyd im Auftrag von Katherine Hale (Mary Steenburgen) und Wynn Duffy (Jere Burns) ausgeraubt hat.

Dort fanden der begnadete Bankräuber und seine Komplizen aber nichts als zunächst wertlos erscheinende Immobiliendokumente. Auch seine Auftraggeber hatten eher eine große Summe Bargeld erwartet und sind sichtlich verärgert ob der vordergründig wertlosen Beute. Sie werfen Boyd sogleich vor, das Geld unterschlagen zu haben und sich damit nach Mexiko absetzen zu wollen und verdächtigen Ava der Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden - mit letzterem liegen sie glänzend richtig.

Katherines anschließendes Tête-à-Tête führt einen weiteren neuen Player in die Handlung ein. Sam Elliott spielt Avery Markham, ihren ehemaligen und neuen Liebhaber, der einem sanften High alles andere als abgeneigt ist und ebenso wenig vor eindeutigen Ratschlägen zurückschreckt. Dieser Handlungsbogen begnügt sich aber zunächst mit solchen angedeuteten Drohungen - und mit der überraschenden Offenbarung, dass Sam Elliott auch ohne mächtigem Schnauzbart spielen darf.

Noch hat Raylan Givens (Timothy Olyphant) gut lachen. © FX
Noch hat Raylan Givens (Timothy Olyphant) gut lachen. © FX

Boyd versucht also, aus den erbeuteten Dokumenten doch noch irgendeinen Profit zu schlagen, indem er den Besitzer der Dokumente, Immobilienmakler Calhoun, erpresst. Ihm zuvor kommt jedoch Ava, die die Dokumente findet und diese zu Raylan bringt. Der glaubt, dass es sich dabei um ein Ablenkungsmanöver handeln könnte und schickt Ava mit den Unterlagen wieder nach Hause. Dort wartet Boyd jedoch schon ungeduldig auf sie, was sie zu einer gelungenen Improvisation nötigt, die Boyd ihr anstandslos abkauft. Auch optisch ist diese Szene von Regisseur Dean Parisot wunderbar eingefangen.

They say it changes a man

Mit neuen Informationen ausgestattet - und nach einem Besuch von Tim (Jacob Pitts) bei Walkers Helfershelfern „Choochoo“ (Duke Davis Roberts) und „Seabass“ (Scott Grimes) - weiß Raylan den Erpressungsversuch von Boyd frühzeitig zu verhindern. Die Konfrontation der beiden im Büro des Immobilienmaklers war für mich der Höhepunkt der Episode - wie es überhaupt oft der Höhepunkt einer jeden Episode ist, wenn sich diese beiden Wortakrobaten aneinander abarbeiten: „You see, Raylan, I've learned to think without arguing with myself.“ („Siehst du, Raylan, ich habe gelernt, zu denken, ohne mich mit mir selbst zu streiten.“)

Aber nicht nur Raylan ist hinter Boyd her, auch Walker bekommt bei einem nächtlichen Besuch bei der Chefin der ausgeraubten Bank einen starken Hinweis darauf, wer dahinter gesteckt haben könnte. Was der nun mit dieser Information anfangen kann, warum Boyd in Verzückung gerät, weil Ava ihm geflüstert hat, wem das Pizzarestaurant gehört, und welchen Plan Ava verfolgt, indem sie sich an Boyd ranschmeißt - das alles wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber ist es wirklich wichtig, das jetzt schon zu wissen? Oder kann man sich einfach an dem einzigartigen world building dieser Serie und ihren ausgefeilten Dialogen ergötzen?

Die Antwort ist: Ja, man kann. Meine Notizen zu einer Justified-Episode sind meist viel länger und ausführlicher als bei anderen Serien - ganz einfach, weil ich mir so viele direkte Zitate notiere, die mir besonders gut gefallen haben. All diese faszinierenden Figuren wären nur halb so interessant, wenn sie weniger exquisite Dialoge vorgesetzt bekämen. Hinzu kommt, dass die sozioökonomische Realität dieses amerikanischen Landstrichs und seiner Bewohner zwar nur selten in den Vordergrund gestellt, dafür aber in vielen kleinen Nebensätzen ausgearbeitet wird. Kriminelle und Strafverfolger verbindet oftmals eine gemeinsame Zeit beim Militär, weswegen nicht immer gleich klar ist, wer nun für welche Seite operiert.

Diese ersten beiden Episoden lassen jedenfalls beinahe keine Zweifel daran, dass unser aller liebster Neowestern eine würdige Abschlussstaffel erhalten wird.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 28. Januar 2015
Episode
Staffel 6, Episode 2
(Justified 6x02)
Deutscher Titel der Episode
Die Suche nach dem Geld
Titel der Episode im Original
Cash Game
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 27. Januar 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 7. Mai 2015
Autoren
Dave Andron, VJ Boyd
Regisseur
Dean Parisot

Schauspieler in der Episode Justified 6x02

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