Justified 6x13

Justified 6x13

Der Neowestern Justified findet mit The Promise ein strukturell überraschendes, zutiefst befriedigendes Ende. Die Serie schafft es, ihren Helden und Antihelden einen würdigen Abschied zu bereiten und lässt keinen Zweifel daran, was wir bald vermissen werden.

Das letzte Duell von Raylan Givens (Timothy Olyphant) in Harlan / (c) FX
Das letzte Duell von Raylan Givens (Timothy Olyphant) in Harlan / (c) FX
© (c) FX

We dug coal together.“ - Boyd Crowder

Was für ein sentimentales, was für ein bewegendes, was für ein würdiges Ende! Im Finale von Justified besinnen sich Serienschöpfer Graham Yost und die langjährigen Autoren Fred Golan, Dave Andron und Benjamin Cavell auf das, was die Serie so unendlich unterhaltsam macht. Sie stellen nicht etwa den Plot der hervorragenden sechsten Staffel in den Mittelpunkt, sondern gönnen sich und den Zuschauern einen langen Epilog, in dem das Schicksal der Hauptfiguren Raylan Givens (Timothy Olyphant), Boyd Crowder (Walton Goggins) und Ava Crowder (Joelle Carter) betrachtet wird.

Told you I'd get you

Getreu Elmore Leonard, des im Jahre 2013 verstorbenen geistigen Vaters der Serie, stirbt am Ende der Held nicht. Überraschend ist hingegen, dass von den zentralen Figuren niemand stirbt. Wie viel war zuvor spekuliert worden, wen es wohl erwischen werde. Und es gab in diesem Finale nicht wenige Gelegenheiten, bei denen das hätte passieren können. Aber Yost und Konsorten entschlossen sich dafür, kein dramatisches Finale zu präsentieren, sondern ein bewegendes - eines, das die gemeinsame Vergangenheit der Hauptfiguren und ihre Gefühle füreinander herausarbeitet.

Dabei gelingt es ihnen zum einen, zahlreiche Referenzen an den Anfang der Serie unterzubringen (eine möglicherweise vollständige Liste findet sich in dem Review von Alan Sepinwall) und zum anderen, den meisten wichtigen Nebenfiguren ebenfalls einen gebührenden Abschied zu ermöglichen. Und trotz des langen Epilogs kommt auch die von vielen Zuschauern herbeigesehnte Action nicht zu kurz. Der Westernshowdown, den Regisseur Adam Arkin genau als solchen filmt, passiert dann aber nicht zwischen Raylan und Boyd, sondern zwischen Raylan und Boon (Jonathan Tucker), dem letzten noch lebenden Handlanger von Avery Markham (Sam Elliott).

Die eigentliche Geschichte der starken und bis an den Rand mit großartigen Gastdarstellern bestückten sechsten Staffel gerät jedoch bald zur Nebensache. Boyd gelingt es irgendwie, sich aus der Umzingelung der Marshals zu lösen und sich zu Avery Markhams Versteck im Marihuanaschuppen der in der zweiten Staffel verstorbenen Mags Bennett vorzuschlagen. Markham hält dort Ava gefangen und verlangt von ihr Aufklärung, wo sie seine zehn Millionen Dollar versteckt habe. Bei der Flucht vor seinen Jägern darf Boyd indes noch einmal mit Dynamitstangen um sich werfen - eine wunderbare Hommage an seine größte Expertise.

Markham und seine Schergen sind überraschend schnell erledigt, was Boyd und Ava alleine in der Scheune zurücklässt. Er will auch sie erschießen, doch das Magazin ist leer. In dem Moment kommt Raylan dazu, was Boyd zu einem seiner typischen lakonischen Kommentare veranlasst: „God damn, Raylan. Your timing sucks!“ („Verdammt, Raylan. Dein Timing ist beschissen!“) Raylan will es zum Duell kommen lassen, er schiebt Boyd sogar eine geladene Pistole zu - natürlich, damit es „justified“ ist, wenn er ihn erschießt. In diesem Moment will er nichts lieber als das. Er will mit Boyd endgültig abschließen - mit dem Mann, der der Grund dafür ist, dass er einst von Art Mullen (Nick Searcy) nach Harlan geholt wurde.

Something feels somehow incomplete

Boyd tut ihm den Gefallen aber nicht. Er erkennt, dass es seine einzige Überlebensmöglichkeit ist, nicht zu schießen. Man könnte nun meinen, dass Justified uns hier einen ersten Höhepunkt verweigert. Die gesamte Szene platzt jedoch auch ohne endgültige, höchstwahrscheinlich tödliche Konfrontation vor Spannung. Diese beiden Widersacher sind eben doch nicht die Todfeinde, für die sie sich stellenweise selbst gehalten haben. In diesem Moment (und natürlich später im Epilog) sehen wir noch einmal die große gegenseitige Zuneigung, die Boyd und Raylan füreinander spüren - eben, weil sie einst zusammen nach Kohle gegraben haben.

Deswegen konnte Raylan Boyd im Auftakt der Serie nicht umbringen und deswegen kann er es jetzt nicht. Die Verhaftung von Boyd und Ava verläuft denn auch so unspektakulär, wie man sich das nur vorstellen kann. Während Boyd von den Marshals abgeführt wird, kümmert sich Raylan um den Transport von Ava. Sie will von ihm wissen, warum er Boyd nicht einfach erschossen habe: „What's it prove, letting him live?“ („Was beweist es, dass du ihn am Leben lässt?“) Raylan hat darauf keine passende Antwort: „Maybe nothing.“ („Vielleicht gar nichts.“) Er weiß, dass Ava nicht verstehen würde, was ihn wirklich dazu bewogen hat. Vielleicht weiß er es da aber auch selbst noch nicht.

Wenn diese unblutige Konfrontation nicht schon Überraschung genug ist, so setzt nun - bereits nach der Hälfte der Episode - der bekannte Song „You'll never leave Harlan alive“ von Darrell Scott ein, der bisher stets für das Ende einer jeden Staffel reserviert war. In der Folge kommt es auf offener Straße zum Duell zwischen Raylan und Boon, auf das letztgenannter seit seinem ersten Auftritt so unbedingt hingefiebert hat.

Zunächst sieht es so aus, als hätten sich beide gegenseitig einen tödlichen Schuss verpasst. Bevor Boon aber wirklich zum letzten Schuss ansetzen kann, nimmt ihm seine Geisel Loretta McCready (Kaitlyn Dever) die Waffe ab. Er stirbt an Ort und Stelle, weil er seinem eigenen Credo folgte und versuchte, Raylan per Kopfschuss zu erledigen. Ein Fehler, wie sich kurz darauf herausstellt, entdeckt Loretta doch, dass Raylan lediglich einen Streifschuss erlitten hat. Als Trophäe schnappt sich der Überlebende den Hut seines jüngsten Opfers. Loretta sehen wir danach nicht mehr - sie ist die letzte Überlebende in Harlan, durch deren Adern kriminelles Blut fließt.

Die Konfrontation mit Boon gibt Ava die Chance, die Flucht zu ergreifen. Wir erfahren erst nach dem Zeitsprung von vier Jahren, wohin es sie verschlagen hat. Zuvor gibt Raylan noch seine Abschiedstour im Marshal-Büro. Mit Art trinkt er einen Abschiedswhisky, bevor der sich zurück in den Alltag stürzt und Raylan lediglich mit einem kurzen Nicken verabschiedet. Für seinen Kollegen Tim (Jacob Pitts), mit dem ihn ebenfalls eine Liebe-und-Hass-Beziehung verbindet, hat Raylan ein besonderes Geschenk: Ihm vermacht er das Buch „The Friends of Eddie Coyle“ von George Higgins, das nach Meinung von Elmore Leonard der beste Kriminalroman war, der jemals geschrieben wurde.

Sometimes I think the only way to get out of our town alive is to have never been born there

Auch Rachel bekommt noch einmal eine besondere Würdigung. Sie ist die letzte seiner ehemaligen Kollegen, die Raylan sieht, bevor er das Büro für immer verlässt. Der kurze Dialog zwischen ihnen ist eine ziemlich genaue Wiedergabe eines Dialoges, den die beiden schon einmal zu Beginn der ersten Staffel geführt hatten. Dann springt die Handlung vier Jahre in die Zukunft, Raylan passt in Florida auf seine Tochter Willa auf und flachst auf gewohnte Weise mit Winona (Natalie Zea), mit der er jedoch nicht zusammen ist.

Im Marshal-Büro von Miami, wo die Geschichte begann, bevor Raylan in seine Heimat abgeordnet wurde, wartet Post von Rachel auf ihn. Dem Brief liegt ein Zeitungsausschnitt bei, auf dessen Bild Ava beim Besuch einer Kürbisfarm zu sehen ist. Raylan hat nun also einen Anhaltspunkt, wo er nach ihr suchen könnte: Kalifornien. Dort angekommen beichtet ihm Ava, dass sie ein Kind bekommen und dieses nach ihrem Onkel Zachariah benannt habe: „Only man in my life never wanted anything from me.“ („Der einzige Mann in meinem Leben, der nie etwas von mir verlangte.“) Der Vater des Kindes sei Boyd.

Ava befürchtet kurz, dass Raylan sie verhaften werde, aber diese Befürchtung schlägt er schnell aus. Ihm ist es viel wichtiger, sie davor zu bewahren, jemals wieder Boyd begegnen zu müssen. Deshalb richtet er ihm die Nachricht aus, dass Ava bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Es ist die letzte Szene von Justified und was sie für uns bereithält, hat es wahrlich in sich. Nach der für ihn schockierenden Nachricht (er gibt zu, dass Ava der einzige Mensch gewesen ist, den er jemals wirklich geliebt hat) will Boyd wissen, wieso sich Raylan persönlich auf den Weg nach Harlan gemacht habe, um ihm davon zu erzählen.

Beide Männer haben zu diesem Zeitpunkt schon Tränen in den Augen und Raylan hält sich jetzt nicht mehr zurück. Er überlegt laut: „There is one thing I wander back to.“ („Es gibt eine Sache, die mich immer wieder beschäftigt.“) Boyd weiß, was er meint: „We dug coal together.“ („Wir haben zusammen nach Kohle gegraben.“) Raylan bestätigt: „That's right.“ („Das stimmt.“) Das Bild wird schwarz, es folgen Tribute an die Einwohner von Harlan, die US Marshals und natürlich Elmore Leonard.

Dann ist Justified für immer zu Ende. Es ist ein perfekter Abschluss.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 15. April 2015
Episode
Staffel 6, Episode 13
(Justified 6x13)
Deutscher Titel der Episode
Das Versprechen
Titel der Episode im Original
The Promise
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 14. April 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 30. Juli 2015
Autoren
Graham Yost, Fred Golan, Dave Andron, Benjamin Cavell
Regisseur
Adam Arkin

Schauspieler in der Episode Justified 6x13

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