Justified 5x12

Wie kaum eine andere Serie schafft es Justified in seinen besten Momenten, tiefdunkle Augenblicke mit schwarzem Humor aufzulockern. Starvation ist dafür ein Paradebeispiel. Die Episode findet die richtige Mischung aus Schadenfreude und Drama und zum Ende präsentiert sie eine dramatische Zuspitzung, auf die wir bis zu diesem späten Zeitpunkt in der fünften Staffel gewartet haben.
Your savior has arrived
Schon lange gab es keinen ähnlich angespannten Moment zwischen Raylan Givens (Timothy Olyphant) und Boyd Crowder (Walton Goggins) mehr wie den stand-off am Ende dieser Episode. Goggins und Olyphant haben eine fantastische Chemie, man könnte die beiden wahrscheinlich in einen leeren Raum sperren - sie würden aus dem Stegreif ein fesselndes Kammerspiel aufführen. Schon lange frage ich mich, warum den beiden nicht mehr gemeinsame Spielzeit zugestanden wird. Diese Episode war die erste in der nächste Woche endenden Staffel, in der sie sich bei einer direkten Konfrontation aneinander abarbeiten konnten.
Ich vermute, dass sich Showrunner Graham Yost diese bestmögliche Auseinandersetzung für die abschließende sechste Staffel aufsparen wird. Hier wurde dafür ein erster Grundstein gelegt, der die sonst von merkwürdiger gegenseitiger Zuneigung gezeichnete Beziehung der beiden merklich unterkühlt. Raylan macht dabei seine Drohung wahr, die aus allen Nähten platzende Akte, die die Marshals seit Jahren über Boyd angesammelt haben, zu Strafverfolgungszwecken zu nutzen.
Er unterbreitet Boyd in aller Deutlichkeit seine Meinung: „Trail of human wreckage you've left rotting in jail cells, cold graves throughout the state. And why? Because they had the poor judgement to believe your lies and follow your tune. Well, it's high time that tune reach a shuttering crescendo.“ Zu Raylans Überraschung hat Boyd jedoch einen Konter parat: Er droht mit der Enthüllung seines Wissens über die Verwicklung Raylans in den Mord an Nicky Augustine (vom Ende der letzten Staffel).

Zwar führen Rachel Brooks (Erica Tazel) und Tim Gutterson (Jacob Pitts) dagegen sofort ins Feld, dass der Mord dank der Mithilfe eines FBI-Informanten lückenlos aufgeklärt worden sei. Ein winziges Korn des Zweifels hat Boyd mit seiner versteckten Anschuldigung aber trotzdem gesät. In der Beziehung zwischen Boyd und Raylan wurde damit eine Grenze überschritten, was die beiden wohl nicht wieder rückgängig machen können.
That is a silver tongue
Raylan hätte Boyd bisher mehrmals schon wegen Kleinigkeiten überführen können - er wartet jedoch auf einen Moment, nach dem er Boyd entweder eines Kapitalverbrechens überführen oder ihn als hochwertigen Informanten einsetzen kann. In dieser Episode wäre es beinahe so weit gewesen - zumindest erklärt sich Boyd bereit, im Tausch für eine weiße Weste dabei zu helfen, Daryl Crowe (Michael Rapaport) zu überführen. Freilich hat er zuvor mit Wynn Duffy (Jere Burns) einen Plan ausgeheckt, wie sich die beiden gleichzeitig sowohl der hartnäckigen Crowe-Sippe als auch den auf Rache sinnenden mexikanischen Drogengangstern entledigen können.
Beide Pläne gehen nach hinten los - einmal in höchst komödiantischer, einmal in sehr dramatischer Form. Boyd unternimmt nichts dagegen, dass Daryl Crowe sich seiner Drogenlieferung ermächtigen will, er lockt vielmehr die Kartell-Entsandten zum Versteck, um dort beide von Raylan und Konsorten verhaften zu lassen. Dabei hat er Daryls Schläue jedoch unterschätzt. Der hat wohl sehr aufmerksam The Wire geschaut und weiß, dass sich der Chef eines kriminellen Clans niemals selbst am Ort eines Verbrechens erwischen lassen sollte.
Also schickt er seine gutgläubige Schwester Wendy (Alicia Witt) zum Drogenversteck - und zwar mit dem Versprechen, mit dem Verkaufserlös die besten Anwälte anzuheuern, um ihren Sohn Kendal (Jacob Lofland) aus der Untersuchungshaft zu holen. Der sitzt dort, weil er die Schuld für den Angriff auf Art Mullen (Nick Searcy) auf sich genommen hat. Raylan ist derweil davon überzeugt, dass Daryl aus Rache für den Tod seines Bruders Danny den Marshalchef angeschossen hat (wenngleich wir Zuschauer immer noch nicht wirklich wissen, ob Daryl es war). Er stimmt sich deshalb mit Staatsanwalt Vasquez (Rick Gomez) und Richter Reardon (Stephen Root) ab und zieht eine Option, von der es laut Reardon kein Zurück mehr gibt.
Gemeinsam beschließen sie, eine Drohkulisse gegen die Crowes aufzubauen, indem sie Kendal für den versuchten Mord an Art Mullen nicht als Jugendlichen anklagen wollen, sondern als Erwachsenen. Die Höchststrafe dafür läge bei 40 Jahren Gefängnis - im Vergleich dazu erscheint eine maximale Jugendstrafe von drei Jahren wie eine Kaffeefahrt nach Detroit. Darin sehen sie die einzige Möglichkeit, Daryl Crowe zur Aufgabe zu zwingen.

Zuvor war ein weiterer Überführungsversuch von Dorftrottel Dewey Crowe (Damon Herriman) vereitelt worden. Boyd hatte zugestimmt, sich ein Abhörgerät umschnallen zu lassen und Daryl Crowe ein Geständnis über den Mordversuch an Art zu entlocken. Der nach Harlan zurückgekehrte - und für die meisten humorvollen Einlagen zuständige - Dewey kommt jedoch dazwischen, als er Boyd entdeckt und kurzfristig beschließt, ihn und Daryl zu überfallen und das Heroin an sich zu reißen.
Prison's made you hard
Statt eines Geständnisses Daryls bekommen die Marshals also nur ein Geständnis von Dewey, der gegenüber Boyd vollmundig erklärt, er habe Wade Messer ermordet und werde sich nun mit dem Heroin ein neues Leben aufbauen. Natürlich weiß er nicht, dass Boyd ein Abhörgerät trägt. Nun wandert er wohl endgültig und für lange Zeit ins Gefängnis - ich hoffe jedoch inständig, dass dies nicht sein letzter Auftritt gewesen sein wird. Viel zu oft hat er in dieser Staffel - und vor allem in dieser Episode - für eine kurzweilige Auflockerung der sonst so düsteren Seriendramaturgie gesorgt.
Es würde wahrlich den Rahmen sprengen, all seine Bonmots allein aus dieser Episode aufzuzählen - eines jedoch will ich Euch jedoch nicht vorenthalten, dafür ist es einfach zu köstlich. Nach seiner Verhaftung fragt er Raylan, ob der keine letzten Worte für ihn übrig habe. Raylan antwortet trocken: „Stop talking about yourself in the third person.“ Dewey glaubt, er meine mit third person den Polizist, der ihn gerade abgeführt hat und stammelt: „Third person? What, this guy? Man, I don't understand you.“ Einfach unbezahlbar!
Nachdem Boyd am Ende endlich sein Telefon wiederbekommt, meldet er sich sofort bei seinem Helfershelfer Jimmy (Jesse Luken) und warnt ihn: „Storm clouds are gathering, son. And I think this flood is going to be epic.“ Dabei weiß er noch gar nicht, dass sich Jimmy längst in Gefangenschaft der Mexikaner befindet. Ähnliche Gewitterwolken ziehen unterdessen auch für Ava (Joelle Carter) auf, die es teuer zu stehen kommt, dass sie sich von Boyd getrennt hat. Im Gefängnis ist ein offener Krieg zwischen ihren Anhängerinnen und Feinden ausgebrochen, der mit Penny (Danielle Panabaker) bereits ein erstes Opfer gefordert hat. Raylan reagiert eiskalt, als sie ihn um Hilfe bittet - freilich erst, nachdem sie ihn zuvor hat abblitzen lassen. Plötzlich steuern sämtliche zentralen Charaktere unaufhaltsam auf gewaltsame Konfrontationen zu. Justified liefert wieder dramatisches Fernsehen allererster Güte ab.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 2. April 2014(Justified 5x12)
Schauspieler in der Episode Justified 5x12
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